Das “säkulare Spektrum” Vorwort zu HP 3 Fincke “Mit Gott fertig?”

Das „säku­la­re Spek­trum“

cover HP3 titel_gott Fincke.jpgDer Begriff “säkulares Spektrum”

Andre­as Fincke legt mit sei­nem Buch Mit Gott fer­tig? die ers­te kul­tur­so­zio­lo­gi­sche Gesamt­be­trach­tung der „säku­la­ren Sze­ne“ in Deutsch­land vor. Er beschreibt die dort han­deln­den athe­is­ti­schen, frei­geis­ti­gen und huma­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen und deren Struk­tu­ren, Zie­le und Pro­gram­me. Sei­ne Stu­die geht von der zuneh­men­den Zahl von Kon­fes­si­ons­frei­en in der Bevöl­ke­rung aus. Die Ana­ly­se erfolgt aus kir­chen­na­her Sicht. Zugleich kri­ti­siert Fincke die oft­mals beschö­ni­gen­de Bin­nen­per­spek­ti­ve der Kir­chen und appel­liert an die Ver­ant­wort­li­chen in Kir­che und Poli­tik, die Zei­chen der Ver­än­de­rung erns­ter zu neh­men. Der Autor schließt sein Werk mit acht The­sen in Rich­tung auf die Pro­gram­ma­tik und Real­po­li­tik der Kir­chen. Das sind Fol­ge­run­gen aus sei­ner Sicht auf die Kon­fes­si­ons­frei­en und dort täti­ge betont „säku­la­re Ver­bän­de“.

Die­se Ablei­tun­gen sind für die betref­fen­den Ver­bän­de nicht ein­fach von Inter­es­se, wie man so dahin­sagt. Sie spie­geln viel­mehr wie durch ein Brenn­glas, was ein seit Jah­ren auf­merk­sa­mer Beob­ach­ter der Kon­fes­si­ons­frei­en­ver­ei­ne sieht und wie er urteilt – und dies kom­pakt. Die Lek­tü­re ist umso gewinn­brin­gen­der, weil sol­che Unter­su­chun­gen aus der „Sze­ne“ selbst her­aus nicht vor­lie­gen. Der Grün­de dafür gibt es sich eini­ge, vor allem, das ent­spre­chen­de „Ana­lys­ten“ feh­len. Aber die Ursa­chen lie­gen tie­fer: Wer wür­de es schon auf sich neh­men, etwa als bekann­tes Mit­glied im Huma­nis­ti­schen Ver­band Deutsch­lands (HVD), eine Tie­fen­stu­die der Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung (gbs) oder des Inter­na­tio­na­len Bun­des der Kon­fes­si­ons­lo­sen und Athe­is­ten (IBKA) öffent­lich vor­zu­le­gen – oder umge­kehrt? Die Geschich­te des nie zustan­de­ge­kom­me­nen Pro­jek­tes vom Früh­jahr 2000, ein gemein­sa­mes „Hand­buch“ der betref­fen­den Orga­ni­sa­tio­nen her­aus­zu­ge­ben, ist der Beleg dafür,[1] obwohl der his­to­ri­sche Vor­läu­fer ein gutes Bei­spiel hät­te sein kön­nen.[2]

Die Pro­ble­me einer sol­chen Dar­stel­lung begin­nen schon mit der Benen­nung. Fincke nennt in sei­nem Unter­ti­tel The­men Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit, Athe­is­mus und säku­la­rer Huma­nis­mus in Deutsch­land, zählt aber dann im Text in ver­schie­de­nen Kom­bi­na­tio­nen auf: lai­zis­ti­sche, kir­chen­kri­ti­sche, frei­geis­ti­ge, frei­den­ke­ri­sche, huma­nis­ti­sche, athe­is­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen. Mit der Bezeich­nung „säku­la­res Spek­trum“ (etwa Fuß­no­te 126) ist er sehr spar­sam, benutzt eher die Kom­bi­na­ti­on „säku­la­re Sze­ne“, um die welt­an­schau­li­che, poli­ti­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Viel­ge­stal­tig­keit zu beto­nen.

Säku­la­res Spek­trum“ ist der älte­re Begriff, eine fest­ste­hen­de, aller­dings sehr prag­ma­ti­sche Bezeich­nung, eine Wort­bil­dung von den­je­ni­gen, die selbst zur „säku­la­ren Sze­ne“ gehö­ren und des­we­gen wis­sen, wer das ist. Ande­re, außer­halb davon, sind immer wie­der über die Namens­ge­bung ver­wun­dert, beson­ders über die Eng­füh­rung von „säku­lar“.[3]

Der Vor­sit­zen­de des Koor­di­nie­rungs­ra­tes säku­la­rer Orga­ni­sa­tio­nen (KORSO), Hel­mut Fink, defi­niert: „Unter ‘säku­la­ren Orga­ni­sa­tio­nen’ wer­den … sol­che ver­stan­den, die ein distan­zier­tes oder ableh­nen­des Ver­hält­nis zu reli­giö­sen Wahr­heits­an­sprü­chen oder kirch­li­chen Son­der­rech­ten als bewuss­ten Teil ihrer Iden­ti­tät auf­wei­sen.“ Es han­de­le sich hier­bei „um die ‘säku­la­re Sze­ne’ im enge­ren Sinn …, um den orga­ni­sa­to­ri­schen Aus­druck nicht­re­li­giö­ser Welt­bil­der und gott­lo­ser Kul­tur­be­stre­bun­gen, um die Inter­es­sen kon­fes­si­ons­frei­er Men­schen und die Tren­nung von Kir­che und Staat.“[4]

Säku­la­res Spek­trum“ bzw. „säku­la­re Sze­ne“ sind letzt­lich Selbst- und Sam­mel­be­zeich­nun­gen für sich als ver­wandt betrach­ten­de „Kör­per­schaf­ten“, bei der nur in Betracht gezo­gen wird, was sich „orga­ni­siert“ zeigt und sich selbst mit sozi­al­kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Berüh­rungs­punk­ten aus­stat­tet und gegen­sei­tig erkennt und wozu auch diver­se Fach­ver­bän­de, Stif­tun­gen und Initia­ti­ven gehö­ren, die in die­sem Buch eben­falls vor­ge­stellt wer­den.

Bei­de Bezeich­nun­gen, zuerst das Wort vom „Spek­trum“, etwas spä­ter das von der „Sze­ne“ wur­den ab 2000 als poli­tisch-prag­ma­ti­scher Not­be­hel­fe vom Ham­bur­ger Unita­ri­er Hel­mut Kra­mer vor­ge­schla­gen, um das Ver­bin­den­de der in der „Sich­tungs­kom­mis­si­on“ der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin sich ver­sam­meln­den Orga­ni­sa­tio­nen aus­zu­drü­cken und sie wie­der mit­ein­an­der in Kom­mu­ni­ka­ti­on zu brin­gen. Und obwohl sich die Huma­nis­ti­sche Uni­on von Beginn an nicht an die­sen Orga­ni­sa­ti­ons­be­mü­gun­gen betei­lig­te, wie zunächst auch nicht die Jugend­wei­he­ver­ei­ne, zähl­ten sie zu den „Säku­la­ren“ im Sin­ne der bei­den Begrif­fe – nicht aber sol­che ein­deu­tig säku­la­ren Ein­rich­tun­gen wie Gewerk­schaf­ten, Par­tei­en und vie­le Dienst­leis­ter.

Auf eine tabel­la­ri­sche Dar­stel­lung die­ser „säku­la­ren Sze­ne“ und damit des Gegen­stan­des des Buches von Fincke wur­de in die­sem Band ver­zich­tet, zum einen, weil der Band 1 die­ser Rei­he Pro Huma­nis­mus in Doku­ment 1 die­se Tabel­len mit Erklä­run­gen ent­hält;[5] zum ande­ren, weil die­se Lis­te (leicht ergänzt) bei der For­schungs­grup­pe Welt­an­schau­un­gen in Deutsch­land (fowid) seit Ende März 2017 öffent­lich zugäng­lich ist.[6]

Vor­läu­fer die­ser Tabel­len waren die im Jahr 2000 gesam­mel­ten Pro­jekt­da­ten, die lau­fend prä­zi­siert wur­den und dann Fincke mit mei­nem Ein­ver­ständ­nis in einer EZW-Bro­schü­re publi­zier­te.[7] Danach wur­de die Lis­te 2007 für eine eige­ne Publi­ka­ti­on stark ergänzt und über­ar­bei­tet.[8]

Eine wei­te­re umfäng­li­che Lis­te, erstellt nach ande­ren Kri­te­ri­en und auch reli­giö­se Orga­ni­sa­tio­nen auf­füh­rend, ist im Buch von Chris­ti­ne Mer­tes­dorf auf­zu­fin­den.[9] Sie fragt nach der jewei­li­gen Eigen­schaft „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft“ nach Arti­kel 137, Absatz 7 der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung, inkor­po­riert ins Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit Arti­kel 140.

Alle bis­her Die vor­lie­gen­den Tabel­len gestat­ten kei­ne Schlüs­se auf mög­li­che Mit­glie­der­zah­len. Fincke unter­nimmt in sei­ner nun vor­lie­gen­den Stu­die nach eige­nen Recher­chen und kri­ti­scher Beru­fung auf neu­es­te Daten des Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­chen Medi­en- und Infor­ma­ti­ons­diens­tes (REMID) den Ver­such einer zah­len­mä­ßi­gen Bestand­auf­nah­me.[10] Der Her­aus­ge­ber wie­der­um bleibt bis zur Vor­la­ge einer veri­fi­zier­ba­ren Daten­ba­sis bei sei­ner auf jah­re­lan­ger teil­neh­men­der Beob­ach­tung fußen­den Anga­be, das orga­ni­sier­te „säku­la­re Spek­trum“ habe gegen­wär­tig die glei­che Mit­glie­der­stär­ke wie 1914 – etwa 25.000–30.000 Per­so­nen.

Ein Dialogangebot

Die Publi­ka­ti­on der Ana­ly­se in einem Ver­lag wie Ali­bri, der durch sei­ne kir­chen- und reli­gi­ons­kri­ti­schen Publi­ka­tio­nen, dar­un­ter das von Fincke umfäng­lich ange­führ­te „Fer­kel­buch“ von Micha­el Schmidt-Salo­mon, über die Gren­zen der „säku­la­ren Sze­ne“ hin­aus sich bekannt gemacht hat, ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Das wird sicher Kri­tik aus­lö­sen – von kirch­li­cher Sei­te wie von den im Buch por­trä­tier­ten Ver­bän­den. Das kann heil­sam sein. Aber wie anders soll Dia­log aus­se­hen: Wer aus­teilt, muss auch ein­ste­cken kön­nen – aber wie­so in der Rei­he Huma­nis­mus­per­spek­ti­ven?

Die „säku­la­re Sze­ne“ legt gro­ßen Wert auf ihre Wert­schät­zung von Wis­sen­schaft. Fincke legt einen kul­tur­so­zio­lo­gi­schen Text vor, kei­nen theo­lo­gi­schen, obwohl dies sein Beruf ist. Er unter­brei­tet Argu­men­te und nennt Grün­de für sei­ne Urtei­le. Ein sol­ches Her­an­ge­hen ist in mei­nen Augen nahe am Huma­nis­mus.[11] Vor allem pflegt Fincke den Zwei­fel, nicht an sei­nem Glau­ben (der ist, wie mei­ne Welt­an­schau­ung, nicht ver­han­del­bar, weil nicht ver­gleich­bar), son­dern anhand empi­ri­scher, über­prüf­ba­rer Fest­stel­lun­gen.

Atheismus/Theismus

Das ein Theo­lo­ge, ein The­ist, der die „säku­la­re Sze­ne“ unter­sucht, vor allem am Athe­is­mus dort inter­es­siert ist, ver­steht sich von selbst. Das ist ein ande­rer Schwer­punkt als z.B. ein mög­li­ches Fra­gen nach dem Huma­nis­mus dort. Finckes Stu­die führt nun vor Augen, dass im „säku­la­ren Spek­trum“ selbst das Inter­es­se am Athe­is­mus abnimmt, ande­re Aspek­te in den Vor­der­grund rücken, etwa Fra­gen des Huma­nis­mus oder der Kir­chen­po­li­tik oder der eige­nen Sozi­al­ar­beit usw.

Die­se abneh­men­de Wiss­be­gier­de hängt eng, wie Fincke zeigt, mit der Zunah­me der Zahl der Kon­fes­si­ons­frei­en, ver­bun­den mit dem gro­ßen Dis­in­ter­es­se der Kir­chen­obe­ren dar­an, der Öff­nung der Kir­chen zu mehr Plu­ra­li­tät und dem Nach­las­sen eines direk­ten Mis­si­ons­be­düf­nis­nis­ses, in dem eine Bekeh­rung zum christ­li­chen Glau­ben offen mit „Gott“ argu­men­tiert. Alle Reli­gio­nen, so weit sie öffent­lich auf­tre­ten, zei­gen Distanz zu Fun­da­men­ta­lis­men in ihren Rei­hen. Es sind aber gera­de die­se, bei denen die Got­tes­fra­ge den Kern aus­macht. Dage­gen wer­den immer mehr Fra­gen der Moral, des ethi­schen Ent­schei­dens in den Mit­tel­punkt gestellt. Bele­ge dafür fin­den sich der Pra­xis des Reli­gi­ons­un­ter­richts.[12]

In einer sol­chen Situa­ti­on geht par­al­lel zu einem „Chris­ten­tum light“ auf der ande­ren Sei­te das Inter­es­se am Athe­is­mus zurück, zumal die­ser das Pro­blem hat, kei­ne Welt­an­schau­ung, son­dern eine phi­lo­so­phi­sche Posi­ti­on gegen The­is­men und ihre Theo­lo­gi­en zu sein. Auf die­ser Basis der Ver­nei­nung einer Über­per­son oder eines Über-Prin­zips sind meh­re­re Welt­an­schau­un­gen mög­lich mit diver­sen poli­ti­schen und prak­ti­schen Fol­ge­run­gen zwi­schen ultra­links bis bis ganz rechts. Es ergibt sich hier ein ähn­li­ches Pro­blem wie bei „säku­lar“. Es gibt kon­ser­va­ti­ve, kom­mu­nis­ti­sche, völ­ki­sche und vie­le and­re Athe­is­men.

In einer ver­gan­ge­nen Zeit, als Thron und Altar noch engs­tens ver­bun­den waren und Staats­po­li­tik eine gött­li­che Begrün­dung hat­te, war jeder Athe­is­mus zugleich ein radi­ka­ler Angriff auf die kon­kre­te Herr­schafts­form; und als es noch üblich war, Reli­gi­on und Wis­sen­schaft gegen­über­zu­stel­len (bis sie sich in den letz­ten hun­dert Jah­ren end­gül­tig trenn­ten und sich nicht mehr viel zu sagen haben), war Athe­is­mus Teil jeder wis­sen­schaft­li­chen Wahr­heit. Noch gibt es eini­ge Über­bleib­sel, aber im Gro­ßen und Gan­zen ist die his­to­ri­sche Rol­le des Athe­is­mus rück­läu­fig, zumin­dest hier­zu­lan­de.

Ter­ro­ris­mus (z.B.) kann zwar the­is­tisch begrün­det, aber nicht athe­is­tisch erklärt wer­den. Sol­che Sachen sind viel zu kom­plex. Das bedeu­tet, dass es eine fort­wir­ken­de, zu über­win­den­de, auf­zu­klä­ren­de, intel­lek­tu­el­le Absti­nenz und grund­sätz­li­che Distanz der­je­ni­gen, die sich als Athe­is­ten orga­ni­sie­ren, zu Welt­an­schau­un­gen gibt, beson­ders dem Huma­nis­mus. Das wie­der­um, Fincke zeigt es, führt bei orga­ni­sier­ten Huma­nis­ten, etwa im HVD, zu einem Des­in­ter­es­se am Athe­is­mus.

Im aus­führ­li­chen Inter­view der bei­den Haupt­ver­fas­ser des HVD-Selbst­ver­ständ­nis­ses von 2015,[13] Alex­an­der Bisch­kopf und Ralf Schöpp­ner im Febru­ar 2016 wird das Feh­len die­ser Kate­go­rie in einen ganz ande­ren Kon­text gestellt. Eine Fra­ge sei gewe­sen: „Soll das Selbst­ver­ständ­nis dem­entspre­chend ein dezi­diert ‘athe­is­ti­sches Bekennt­nis’ for­mu­lie­ren (auch wenn ‘Athe­is­mus’ als Wort nicht mehr expli­zit genannt wird)“.[14]

Noch bei der Grün­dung des HVD 1993 rief der Ver­band noch „alle Kon­fes­si­ons­lo­sen, Athe­is­tin­nen und Athe­is­ten, Agnos­ti­ke­rin­nen und Agnos­ti­ker, Frei­den­ke­rin­nen und Frei­den­ker sowie frei­geis­ti­gen Men­schen“ zur Gemein­sam­keit auf. Er wol­le die Inter­es­sen der „Kon­fes­si­ons­lo­sen“ ver­tre­ten, „egal ob sie sich als Frei­den­ker, Huma­nis­ten oder Athe­is­ten bezeich­nen“. Er bot ihnen sein „Bekennt­nis zu einer welt­lich huma­nis­ti­schen Lebens­auf­fas­sung“ an.

Was ist Kirche?

Fincke stellt uns im Buch sei­ne Kir­che und die katho­li­sche vor­wie­gend als Heils­ge­mein­schaft vor und sowohl Cari­tas, Dia­ko­nie und ande­re unmit­tel­ba­re Ein­rich­tun­gen als auch die „säku­la­re Sze­ne“ dazu in Bezie­hung. Aber die zuneh­men­den Pro­ble­me im Staat-Kir­che-Ver­hält­nis, die in der Gesell­schaft arti­ku­liert wer­den besit­zen viel grö­ße­re Dimen­sio­nen, denn die Kir­chen sind nicht nur Heils­ge­mein­schaf­ten, son­dern auch Inter­es­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen, Steu­er­ver­bän­de, Arbeit­ge­ber, Groß­grund­be­sit­zer und Kul­tur­be­trie­be. Sie haben Ver­la­ge, Braue­rei­en, Bau­ern­hö­fe, Stif­tun­gen, Kran­ken­häu­ser, Kin­der­gär­ten, Hos­pi­ze und Senio­ren­re­si­den­zen. Die Kir­chen sind auch ganz nor­ma­le Wirt­schafts­un­ter­neh­men, die ent­spre­chend kom­mer­zi­ell und säku­lar han­deln und sich aus eige­nen Ban­ken, pri­va­ten und öffent­li­chen Mit­teln, aber auch diver­sen Kas­sen finan­zie­ren, dar­un­ter jene der Kran­ken­ver­si­che­rung.

Es ist ihnen mit Hil­fe des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gelun­gen, einen Groß­teil ihrer ent­spre­chen­den Tätig­kei­ten als „ver­kün­di­gungs­nah“ zu ver­tei­di­gen. Dies aber dient nicht nur der Durch­set­zung spe­zi­el­ler Moral­vor­stel­lun­gen in die­sen Tätig­keits­fel­dern, son­dern auch der Anwen­dung eines beson­de­ren Kün­di­gungs­rechts, das etwa die Ent­las­sung Wie­der­ver­hei­ra­te­ter wegen des Bruchs des Sakra­ments der Ehe in katho­li­schen Ein­rich­tun­gen erlaubt. Wer Lum­pen sam­melt oder Bier braut, muss Steu­ern zah­len; wer dies als Kir­chen­be­trieb macht, genießt Pri­vi­le­gi­en.[15]

Dabei ist die Her­lei­tung kirch­li­cher Son­der­rech­te neue­ren Datums – und damit gera­de kei­ne rei­ne Fort­schrei­bung alter Vor­rech­te des 19. Jahr­hun­derts.[16] Viel­mehr ist sie das Ergeb­nis kirch­li­cher Lob­by­ar­beit und in christ­li­cher Sor­ge befan­ge­ner Rich­ter in Zei­ten fort­ge­setz­ter Säku­la­ri­sie­run­gen der gesell­schaft­li­chen Rechts­ver­hält­nis­se. Ins­be­son­de­re die Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter haben Neu­schöp­fun­gen ein­ge­führt, die das Grund­ge­setz nicht vor­sieht. Dass die­se ein­sei­ti­gen Unter­stüt­zun­gen der christ­li­chen Reli­gio­nen selbst­re­dend künf­tig auch der Islam in Anspruch neh­men kann, macht kom­men­de reli­gi­ons­po­li­ti­sche Kon­flik­te inter­es­sant und ver­pflich­tet zu beson­de­rer Auf­merk­sam­keit.[17]

Eini­ge wei­te­re Poli­tik­fel­der im Staat-Kir­chen-Welt­an­schau­ungs- und Reli­gi­ons­be­reich dürf­ten künf­tig eben­falls span­nend wer­den. Zwei sol­len abschlie­ßend her­aus­ge­ho­ben wer­den, eben weil sie Fincke in sei­nem Buch behan­delt: die vom Grund­ge­setz gefor­der­te Ablö­sung der Staats­leis­tun­gen an die Kir­chen einer­seits, das Pro­blem des Reli­gi­ons­un­ter­richts ande­rer­seits.

Ein ein­fa­cher und doch kom­pli­zier­ter Fall sind die abzu­lö­sen­den „Staats­leis­tun­gen“ der Län­der an die Kir­chen.[18] Nach über­ein­stim­men­den Ansich­ten wer­den mit die­sem Begriff im enge­ren Sin­ne die nach dem Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluß von 1803 als Ent­schä­di­gun­gen für Ent­eig­nun­gen wäh­rend der napo­leo­ni­schen Krie­ge gewähr­ten und in der Geschich­te seit­her ange­wach­se­nen Zah­lun­gen bezeich­net.[19]

Die­se umfas­sen über 500 Mil­lio­nen Euro, sie machen aber nur einen Teil der aktu­el­len Staats­leis­tun­gen ins­ge­samt aus,[20] rech­net man hier­un­ter das kom­plet­te Sys­tem öffent­li­cher För­de­run­gen und Sub­ven­tio­nen. Diver­se staat­li­che Geset­ze regeln heu­te die Leis­tun­gen, die Kir­chen und ande­re freie Trä­ger aus diver­sen öffent­li­chen Kas­sen erhal­ten. Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten bewe­gen sich nicht nur inner­halb eines „Kul­tur­mark­tes“, in dem Sinn­an­ge­bo­te und Ritua­le käuf­lich erwerb­bar sind, son­dern in einem kom­ple­xen Geflecht öffent­li­cher Zuwen­dun­gen, in dem die Kir­chen auf ihrem „Pri­vi­le­gi­en­bün­del“ behar­ren.

Wie in die­ser Gemenge­la­ge eine „Ablö­sung“ erfol­gen soll, die dem Grund­ge­setz, den Inten­tio­nen von 1919, aber auch der heu­ti­gen öko­no­mi­schen und sozia­len Wirk­lich­keit ent­spricht, und ob die „Ablö­sung“ gewis­ser­ma­ßen mit Ablö­sun­gen zu hono­rie­ren wäre – das sind offe­ne Pro­ble­me, in denen Rechts­fra­gen eher abge­lei­te­te als struk­tu­rie­ren­de Kom­po­nen­ten sind.

Für die Kir­chen vor­teil­haft ist ers­tens, dass sich in kei­ner poli­ti­schen Par­tei für die­se Ablö­sun­gen ein­fluss­rei­che poli­ti­sche Kräf­te for­mie­ren; man hält zu die­sen Mil­lio­nen­aus­ga­ben stil­le Distanz. Zwei­tens sind die­je­ni­gen, die sich für eine Ablö­sung stark machen, kon­zep­tio­nell über die ein­zu­schla­gen­de „Auf­bau- und Abbau­stra­te­gie“, bezie­hungs­wei­se, anders aus­ge­drückt: die Gleich­be­hand­lung Aller oder den Lai­zis­mus zer­strit­ten.[21]

Glei­ches gilt beim The­ma Reli­gi­ons­un­ter­richt: Kri­ti­ker sehen die­ses Schul­an­ge­bot in ers­ter Linie als beson­de­res Kir­chen­pri­vi­leg, die christ­li­che Reli­gi­on auch in Zei­ten der Säku­la­ri­sie­rung in der Gesell­schaft durch­zu­set­zen. Ein his­to­ri­scher Irr­tum. Schließ­lich war es der Staat, der mit dem staat­li­chen Reli­gi­ons­un­ter­richt den Kir­chen, statt ihnen ein Pri­vi­leg ein­zu­räu­men, den Auf­trag gab, die erfor­der­lich gehal­te­ne, all­ge­mei­ne mora­li­sche Erzie­hung der Staats­bür­ger zu garan­tie­ren.

Wenn der heu­ti­ge Staat der neu­en plu­ra­len Situa­ti­on gerecht wer­den will, dann hat er für das Ende des christ­lich-kirch­li­chen Mono­pols zu sor­gen, denn die Kir­chen sind aktu­ell kei­nes­falls mehr in der Lage, eine all­ge­mei­ne Moral zu garan­tie­ren.

Fazit

Sieht man die Welt von den Kon­fes­si­ons­frei­en aus, kann man zuge­spitzt sagen, Kir­che und Reli­gi­on sind der­art belang­los, dass sich kaum jemand dage­gen posi­tio­nie­ren möch­te. Aber ande­rer­seits sind sie enorm erfolg­reich und haben dort ein hohes Anse­hen, wo sie – man könn­te sagen ver­kün­di­gungs­fern – „Dienst­leis­tun­gen“ anbie­ten, sei­en es Dia­ko­nie oder Cari­tas, aber auch durch Schu­len und Kunst­dar­bie­tun­gen in Kir­chen.

Genau dar­in liegt ein Kern­pro­blem der „säku­la­ren Sze­ne“: Was sol­len Kon­fes­si­ons­freie dage­gen haben, wo sie doch als Kun­den ernst genom­men und in der Regel gut bedient wer­den? So akzep­tie­ren sie neben­bei, weil es dazu­ge­hört, auch das, was den Gläu­bi­gen „Heils­ge­mein­schaft” ist. Wo soll da ein Ver­band der „säku­la­ren Sze­ne“, etwa der HVD, in die­ser Situa­ti­on anset­zen – zumal die Kir­che sich selbst durch ihre ent­spre­chen­den Ange­bo­te immer wei­ter säku­la­ri­siert.

Fincke meint, bezo­gen auf die erfolg­lo­se Kam­pa­gne der Kir­chen in Ber­lin „Pro Reli“ 2009: „Die Kir­chen könn­ten aus die­ser Nie­der­la­ge ler­nen, dass sie sich über ihren Rück­halt im Volk Illu­sio­nen machen.“ Ich wür­de das ver­all­ge­mei­nern, auf die „säku­la­re Sze­ne“ aus­deh­nen und sagen, dass sie sich über ihren Rück­halt bei den Kon­fes­si­ons­frei­en kei­ne Illu­sio­nen machen soll­te. Viel­leicht ver­hilft das vor­lie­gen­de Buch zu Erkennt­nis­fort­schrit­ten über die eige­ne Lage.

Zum Schluss eine Anmer­kung: Andre­as Fincke und ich ken­nen uns seit vie­len Jah­ren und haben aus vie­len Anläs­sen her­aus und an ver­schie­de­nen Orten, wenn auch meist in Ost­deutsch­land, auf ver­schie­de­nen Podi­en, Kir­chen­ta­gen und Kon­fe­ren­zen und jeweils in ver­schie­de­nen Funk­tio­nen öffent­lich Dia­log geführt. Erst­mals fand das Unter­neh­men unter dem Titel „Gibt es eine huma­nis­ti­sche Kon­fes­si­on?“ auf einem Podi­um in der Markt­kir­che Halle/Saale am 31. Okto­ber 2002 zum Refor­ma­ti­ons­tag nach einem Got­tes­dienst statt.[22] Mehr­fach lau­te­te spä­ter das The­ma: „Wor­an glaubt, wer nicht glaubt?“ Ohne die­se regel­mä­ßi­gen Streit­ge­sprä­che hät­te es nicht diver­se Lern­pro­zes­se gege­ben, wäre nicht das Ver­trau­en ent­stan­den, das nun vor­lie­gen­de Buch zu pro­du­zie­ren.

Fuß­no­ten

  1. Vgl. Hand­buch der frei­geis­ti­gen Orga­ni­sa­tio­nen und Per­so­nen in Deutsch­land. Ein Pro­jekt der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie. Her­aus­ge­ber: Rena­te Bau­er, Dr. Horst Gro­schopp (Koor­di­na­ti­on), Man­fred Ise­mey­er, Dr. Vol­ker Muel­ler, Nor­bert Pech unter Mit­ar­beit von Dani­el Küchen­meis­ter und Dr. Eck­hard Mül­ler (Kul­tur­his­to­ri­sches Archiv). In: huma­nis­mus aktu­ell, H. 6, 2000, S. 102–107.
  2. Vgl. Max Hen­ning im Auf­tra­ge des Wei­ma­rer Kar­tells (Hrsg.): Hand­buch der frei­geis­ti­gen Bewe­gung Deutsch­lands, Öster­reichs und der Schweiz. Jahr­buch des Wei­ma­rer Kar­tells 1914. Mit einer Über­sichts­kar­te. Frank­furt a.M. 1914.
  3. Zum frei­den­ke­ri­schen Säku­la­ri­sie­rungs­be­griff und zu den Adjek­ti­ven „säku­lar“ bzw. „welt­lich“ in der betref­fen­den „Sze­ne“ vgl. Horst Gro­schopp: Pro Huma­nis­mus. Eine zeit­ge­schicht­li­che Kul­tur­stu­die. Mit einer Doku­men­ta­ti­on. Aschaf­fen­burg 2016, S. 53–59, 97–109.
  4. Hel­mut Fink: Säku­la­re Orga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land. Tra­di­tio­nen, Posi­tio­nen, Per­spek­ti­ven. In: Auf­klä­rung und Kri­tik. H. 43, Nürn­berg, Juli 2012, S. 27–47, hier S. 27. – Fink hat dies neu­lich erneut auf die­se Wei­se begrün­det und dadurch eini­ge kri­ti­sche Kom­men­ta­re her­aus­ge­for­dert. Vgl. Eve­lin Frerk: Säku­la­re sind sicht­ba­rer gewor­den. Inter­view mit Hel­mut Fink, https://hpd.de/artikel/saekulare-sind-sichtbarer-geworden-14191 (abge­ru­fen am 18.3.2017).
  5. Vgl. Gro­schopp: Pro Huma­nis­mus, Doku­ment 1, S. 171–182. – Die­ses Vor­wort greift eini­ge Pas­sa­gen aus die­sem Text auf.
  6. Vgl. https://fowid.de/meldung/saekulares-spektrum-deutschland-2017 (abge­ru­fen am 23.3.2017).
  7. Vgl. Andre­as Fincke: Frei­den­ker-Frei­geis­ter-Frei­re­li­giö­se. Kir­chen­kri­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land seit 1989. Ber­lin 2000, S. 53 ff. (EZW-Text Nr. 162).
  8. Vgl. Horst Gro­schopp: Säku­la­re und frei­geis­ti­ge Orga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land 2007. In: huma­nis­mus aktu­ell, H. 20, 2007, S.123–127.
  9. Vgl. Chris­ti­ne Mer­tes­dorf: Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten. Eine ver­fas­sungs­recht­li­che Betrach­tung mit Dar­stel­lung ein­zel­ner Gemein­schaf­ten. Frank­furt a.M. 2008.
  10. Vgl. http://remid.de/neue-datenblaetter-organisierte-konfessionsfreie-und-yeziden-als-eigene-kategorienhttp://remid.de/info_zahlen/konfessionsfreie (bei­de abge­ru­fen am 18.3.2017).
  11. Vgl. die ent­spre­chen­den Lem­ma­ta in: Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf: Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe. Berlin/Boston 2016.
  12. Eine gute Bekann­te, die beken­nen­des Kir­chen­mit­glied ist, teil­te mir neu­lich erfreut mit, im Reli­gi­ons­un­ter­richt ihres Soh­nes in der 8. Klas­se gehe es der­zeit um Huma­nis­mus und ob ich da nicht etwas ver­ständ­li­che Lite­ra­tur hät­te, denn schließ­lich gehe es um Auf­klä­rung. Man kön­ne ja nicht immer die glei­che Jesus­ge­schich­te erzäh­len, dass wür­de die Kin­der lang­wei­len.
  13. HVD (Hrsg.): Huma­nis­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis 2015. Beschluss des Prä­si­di­ums des Bun­des­ver­ban­des vom 19. Sep­tem­ber 2015. vgl. http://www.humanismus.de/sites/humanismus.de/files/Humanistisches_Selbstverstaendnis_2015-web.pdf (abge­ru­fen am 1.3.2016).
  14. Was uns ver­bin­det. Inter­view [mit Alex­an­der Bisch­kopf und Ralf Schöpp­ner, den Haupt­ver­fas­sern des HSV 2015]. Home­page des HVD-Bun­des­ver­ban­des, 25. Febru­ar 2016, vgl. http://www.humanismus.de/aktuelles/was-uns-verbindet (abge­ru­fen am 26.2.2016).
  15. Vgl. dazu umfäng­lich den Band 2 in die­ser Rei­he von Tho­mas Hein­richs: Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung im Recht. Pro­blem­fäl­le am Ende der Kir­chen­do­mi­nanz. Aschaf­fen­burg 2017.
  16. Noch mit einer weit­ge­hen­den Kon­ti­nui­tät argu­men­tiert Johan­nes Neu­mann: Für eine – neue – huma­nis­ti­sche Sozi­al­po­li­tik. In: huma­nis­mus aktu­ell, H. 3, 1998, S. 20–28.
  17. Das Fol­gen­de ist einem Text von mir ent­nom­men, der in der Zeit­schrift INDES erscheint: Ver­kün­der einer all­ge­mei­nen Moral? Über den Bedeu­tutngs­ver­lust der Kir­chen und sei­ne gesell­schaft­li­chen sowie recht­li­chen Fol­gen.
  18. Nach Art. 140 GG i.V.m. Art. 138, Satz 1 WRV per Gesetz des Reichs­ta­ges. „Die auf Gesetz, Ver­trag oder beson­de­ren Rechts­ti­teln beru­hen­den Staats­leis­tun­gen an die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wer­den durch die Lan­des­ge­setz­ge­bung abge­löst. Die Grund­sät­ze hier­für stellt das Reich auf.“
  19. Zum Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss vgl. huma­nis­mus aktu­ell, H. 10, 2002 und H. 12, 2003.
  20. Vgl. Cars­ten Frerk, Finan­zen und Ver­mö­gen der Kir­chen in Deutsch­land. Aschaf­fen­burg 2002.
  21. Vgl. Horst Gro­schopp (Hrsg.): Huma­nis­mus – Lai­zis­mus – Geschichts­kul­tur. Aschaf­fen­burg 2013.
  22. Mei­nen dama­li­gen Rede­text habe ich doku­men­tiert, vgl. http://www.horst-groschopp.de/content/woran-glaubt-glaubt (abge­ru­fen am 30.3.2017).

Quel­le: Horst Gro­schopp: Das “säku­la­re Spek­trum”. Vor­wort des Her­aus­ge­bers. In: Andre­as Fincke: Mit Gott fer­tig? Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit, Athe­is­mus und säku­la­rer Huma­nis­mus in Deutsch­land. Eine Bestands­auf­nah­me aus kir­chen­na­her Sicht. Hrsg. von Horst Gro­schopp. Aschaf­fen­burg: Ali­bri Ver­lag 2017, S. 7–16 (Huma­nis­mus­per­spek­ti­ven, Bd. 3)