Lotte Rayß

Lot­te Strub-Rayß (1912–2008) hin­ter­ließ ihrem Sohn Kon­rad Rayß ihre Memoi­ren. Er hat sie 2018 im Ber­li­ner Tra­fo-Ver­lag mit einem umfäng­li­chen Vor­wort mir ver­öf­fent­licht unter dem Titel „Ver­dammt und ent­rech­tet. Stutt­gart – Basel – Mos­kau … 16 Jah­re Gulag und Ver­ban­nung“.

Es ist die Geschich­te einer jun­gen Frau, die nach dem Ers­ten Welt­krieg in einer schwä­bi­schen bür­ger­li­chen Fami­lie auf­wuchs. Sie stu­dier­te Kunst an der Stutt­gar­ter Kunst­ge­wer­be­schu­le, ver­lieb­te sich in den bekann­ten Arzt und Dra­ma­ti­ker Fried­rich Wolf und erleb­te die ganz gro­ße Lie­be. Früh wand­te sie sich der lin­ken Bewe­gung zu und leis­te­te Wider­stand gegen das erstar­ken­de NS-Regime. 1933 muss­te sie Deutsch­land ver­las­sen. Sie floh nach Mos­kau. In Engels stu­dier­te sie Päd­ago­gik, hei­ra­te­te den Jour­na­lis­ten Lorenz Lochtho­fen. 1938 wur­de sie Opfer des Sta­lin­ter­rors.

Die­se Auto­bio­gra­phie ist ein Bei­trag zur Doku­men­ta­ti­on der End-Zeit-Wei­ma­rer Repu­blik, eine Auf­klä­rungs­schrift zur Gulag- und Ver­ban­nungs­ge­schich­te der Sowjet­uni­on und zum Schick­sal deut­scher Poli­temi­gran­ten.

Edi­to­ri­sche Notiz zum hier publi­zier­ten Text: Er folgt mei­nem Auf­satz „Und wie ein Vieh und unter Vieh zu woh­nen“ (Wolf­gang Duncker). Aus der Arbei­ter­be­we­gung in den Gulag. Das Leben von Lot­te Rayß (1912–2008). In: BzG. Bei­trä­ge zur Geschich­te der Arbei­ter­be­we­gung. Ber­lin 2017. 59. Jahr­gang. Heft 4, S. 35–94. Dies ist eine erwei­ter­te Fas­sung des zuvor publi­zier­ten Tex­tes: Die Suche nach Glück und die Kunst des Über­le­bens. Ein kul­tur­wis­sen­schaft­li­ches Nach­wort. In: Lot­te Strub-Rayß: Ver­dammt und ent­rech­tet. Stutt­gart – Basel – Mos­kau… 16 Jah­re Gulag und Ver­ban­nung. Aus dem Nach­lass her­aus­ge­ge­ben von Kon­rad Rayß. Ber­lin: Tra­fo Ver­lag 2018, S. 529–587.

Die Fuß­no­ten befin­den sich am Ende des Tex­tes. Sie sind im Text in ecki­ge Klam­mern gesetzt [Fn + Zahl]. Zita­te, die sich auf die Sei­ten­zah­len in den Memoi­ren bezie­hen, ste­hen eben­falls in ecki­gen Klam­mern [Sei­ten­zahl].

 

Und wie ein Vieh und unter Vieh zu wohnen“ (Wolfgang Duncker)

Aus der Arbeiterbewegung in den Gulag. Das Leben von Lotte Rayß (1912–2008)

 

Über den Titel dieses Aufsatzes

Lot­te Rayß wohn­te um 1944 im Kar­Lag in einer Erd­hüt­te wie ein Vieh unter Vieh: „Wir fuh­ren hin­aus in die Step­pe. … Aus einem zum Wohn­wa­gen umfunk­tio­nier­ten Plat­ten­wa­gen klet­ter­te ein Mann her­aus. Pawel Ser­ge­je­witsch, Lei­ter der Schaf­farm, ein Frei­er. Ich soll­te die Buch­füh­rung für ihn machen.

Klei­ne Hügel, wie Beu­len auf der Step­pe, waren rings um den Wohn­wa­gen ver­teilt. In die Erde gegra­be­ne win­zi­ge Unter­künf­te, die mit Mat­ten als Dach und mit etwas Heu bedeckt waren. Die Unter­künf­te der Hir­ten.

Als ers­tes soll­te ich mir mei­ne Unter­kunft gra­ben. … Nach kur­zem Suchen fand ich einen Spa­ten, fing an zu gra­ben. Ein Rei­ter kam. Er sei der Bewa­cher, erklär­te er mir, nach­dem er abge­stie­gen war. Er … nahm mir den Spa­ten aus der Hand…, warf Schol­le um Schol­le weg. …

Er ließ eine brei­te Erd­bank ste­hen: ‘Dei­ne Lie­ge.’ Dane­ben ließ er in Form eines Nacht­ti­sches einen höhe­ren Block ste­hen: ‘Dein Arbeits­tisch.’ Es blieb nur ein schma­ler Gang ent­lang der Lie­ge aus fes­tem, leh­mi­gem Boden. Drei Erd­stu­fen führ­ten in das Erd­loch, das nur um weni­ges grö­ßer als ein Grab war. ‘Ich muss wei­ter, sonst gibt’s Ärger.’“ [403 f.]

Zur Entstehung dieses Textes

Der vor­lie­gen­de Auf­satz ent­stand im Früh­jahr 2017, nach mei­ner Beschäf­ti­gung mit dem Schick­sal von Max Hoelz, im Zusam­men­hang mit der Neu­aus­ga­be von des­sen Erin­ne­run­gen Vom „Wei­ßen Kreuz“ zur „Roten Fah­ne“ von 1929 in einem ita­lie­ni­schen Ver­lag in deut­scher Spra­che. [Fn 1] Bereits die Hoelz-Stu­die führ­te hin zum Umgang mit deut­schen Poli­temi­gran­ten in der Sowjet­uni­on. In frü­he­ren Arbei­ten, etwa zur pro­le­ta­ri­schen Reiseliteratur,[Fn 2] die auch auf Erin­ne­run­gen deut­scher Arbei­ter an ihren Auf­ent­halt in der Sowjet­uni­on ein­ging, etwa der geschön­te Bericht vom Auf­bau des Mos­kau­er Elektrizitätswerkes,[Fn 3] hat­te ich zwar kri­tisch, aber noch sehr naiv geur­teilt.

Die nun fol­gen­de Arbeit basiert im Wesent­li­chen auf spä­te­ren Lek­tü­ren, kon­kret auf mei­nem Nach­wort zu den im Früh­jahr 2018 ver­öf­fent­lich­ten Memoi­ren von Lise­lot­te Strub-Rayß.[Fn 4] Der dor­ti­ge Text wur­de für die Bedürf­nis­se die­ser Zeit­schrift durch zahl­rei­che Zita­te aus dem Buch ergänzt und auch sonst leicht über­ar­bei­tet.

Über die Memoi­ren

Lise­lot­te Strub-Rayß leb­te vom 17. Febru­ar 1912 bis zum 6. Janu­ar 2008. Sie hin­ter­ließ ein huma­nis­ti­sches Buch. Es ist ein gro­ßer Appell an die Barm­her­zig­keit, den Kern­be­stand des Humanismus.[Fn 5] Die Autorin zeigt, was mit Men­schen geschieht, Opfern und Tätern, wenn Huma­ni­tät ver­lo­ren geht, sie nicht das Han­deln lei­tet, son­dern das Gegen­teil und dies dann noch mit dem heh­ren Anspruch, das die­ne einem höhe­ren Zweck, in die­sem Fall dem Kom­mu­nis­mus. Wir ler­nen bei der Ver­fas­se­rin aber auch, wie Men­schen­wür­de und Mensch­lich­keit Bestand haben kön­nen unter men­schen­ver­ach­ten­den Umstän­den.

Ende März 2018 ver­öf­fent­lich­te der Ber­li­ner Tra­fo-Ver­lag die hin­ter­las­se­nen Erin­ne­run­gen von Lot­te Rayß, die seit 1959 Lise­lot­te Strub hieß, unter dem Titel Ver­dammt und ent­rech­tet. Das Buch soll­te ursprüng­lich „Per­so­na non gra­ta“ hei­ßen. So wur­de das Manu­skript hin­ter­las­sen, das Leben resü­mie­rend. Dann erhielt das Kon­vo­lut den Namen „So war es, mein Lie­ber“, weil dies ein oft wie­der­hol­ter Aus­spruch der vie­le Jah­re bett­lä­ge­ri­gen Autorin gegen­über dem Adres­sa­ten des Berichts war, ihrem 1946 im Kara­gan­di­ner Gulag gebo­re­nen Sohn Kon­rad Rayß, wor­auf noch ein­ge­gan­gen wird. Lot­te Rayß war zwei­mal ver­hei­ret, ein­mal mit Lorenz Lochtho­fen im sowje­ti­schen Exil, dann mit Richard Stub, dem Sohn des Schwei­zers Wal­ter Strub, der noch vor­ge­stellt wird. Die Memoi­ren umfas­sen die ers­ten 42 Jah­re ihres Lebens. Die Autorin zitiert dar­in den Dich­ter Fried­rich Wolf (1888–1953), der zu ihr sagt: „Ich brau­che dich, du bist mei­ne Muse.“ [184] [Fn 6]

Wir wer­den sehen, wie tref­fend die­se Aus­sa­ge für etwa sie­ben Jah­re ist – und wie lan­ge die­se Lie­be in der Frau nach­wirkt. Es wird dabei deut­lich, dass es der his­to­ri­schen wie lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Beschäf­ti­gung mit dem Leben und Werk von Fried­rich Wolf gescha­det hat, die­ser Bezie­hung nicht genau­er nach­ge­gan­gen zu sein. Viel­leicht nah­men die damit befass­ten For­sche­rin­nen und For­scher an, in die­sem Urteil wohl mit Nach­druck bestärkt durch die ein­fluss­rei­che Fami­lie, bei der hohen Pro­mis­kui­tät Wolfs sei dies eine Lieb­schaft wie vie­le ande­re gewe­sen.

Doch sie war sie­ben­fach anders: Ers­tens dau­er­te die­se Bezie­hung län­ger als ande­re. Zwei­tens nutz­te der Künst­ler sei­ne Gelieb­te Lot­te Rayß spä­tes­tens ab 1932 als Sekre­tä­rin, Redak­teu­rin und Rat­ge­be­rin bei eini­gen sei­ner Pro­duk­tio­nen sowie mit­un­ter als „Statt­hal­te­rin“ bei sei­ner häu­fi­gen Abwe­sen­heit von Stutt­gart. Drit­tens beglei­te­te ihn die­se Muse auf der Flucht vor den Nazis durch halb Euro­pa. Vier­tens brach­te sie sei­ne Söh­ne aus Stutt­gart in Sicher­heit. Fünf­tens ret­te­te sie unter Lebens­ge­fahr sein Archiv und schmug­gel­te es in die Schweiz. Sechs­tens hat­ten sie ein gemein­sa­mes Kind mit dem Namen Lena. Sie­ben­tens hol­te er sie zu sich in die Sowjet­uni­on, wo sie Anfang 1938 ein Opfer des­sen wur­de, was die Zeit­ge­nos­sen und vie­le Spä­te­re ver­harm­lo­send und auf eine Per­son redu­ziert „Sta­li­nis­mus“ nann­ten.

Spä­tes­tens seit der Lenin-Bio­gra­phie von Wolf­gang Ruge ist belegt, dass eine direk­te poli­ti­sche Kon­ti­nui­tät zwi­schen Wla­di­mir Iljitsch Lenin (1870–1924) und sei­nem Nach­fol­ger Josef Wis­sa­ri­o­no­witsch Sta­lin (1879–1953) besteht,[7] dass Letz­te­rer aber das Sys­tem der Grau­sam­kei­ten aus­bau­te, sys­te­ma­ti­sier­te und cha­rak­ter­lich gese­hen dar­an auch einen gewis­sen Gefal­len fand.[Fn 8] Die Maschi­ne­rie ent­fal­te­te einen Selbst­lauf, in des­sen Räder­werk auch Lot­te Rayß geriet. Es wird dar­auf noch aus­führ­lich ein­ge­gan­gen, auch auf das gesell­schafts­po­li­ti­sche Kon­zept, dass dem „Auf­bau des Kom­mu­nis­mus“ zugrun­de­lag.

Die­ses Pro­gramm war eine radi­ka­le, im Kern ultra­lin­ke Abkehr von den Vor­stel­lun­gen und Tra­di­tio­nen der euro­päi­schen Arbei­ter­be­we­gun­gen, dies beson­ders hin­sicht­lich des Plat­zes, der den Arbei­tern und ihrer Arbeit zuge­dacht war. Es gab nach dem Sieg der „bol­sche­wis­ti­schen Revo­lu­ti­on“ kei­ne rea­lis­ti­schen, schon gar nicht sozi­al­öko­no­misch veri­fi­zier­ba­ren Vor­stel­lun­gen von der „Arbeiterklasse“.[Fn 9] Das betraf auch die Ansich­ten über ihre Bedürf­nis­se, Inter­es­sen und Orga­ni­sa­tio­nen.

Die bür­ger­li­che und mit­tel- wie groß­bäu­er­li­che Bevöl­ke­rung, im Ver­gleich zu West- und Mit­tel­eu­ro­pa spät ent­wi­ckelt und zwei wenig kul­ti­vier­te „Klas­sen“, wur­de zu Kapi­ta­lis­ten und Fein­den der neu­en Gesell­schaft erklärt und per­sön­lich bekämpft bis zur phy­si­schen Ver­nich­tung. Die Ana­ly­sen und das Ide­en­ge­bäu­de von Karl Marx, wenn über­haupt im Ori­gi­nal rezi­piert, wur­den stark ver­ein­facht und zu einer nahe­zu ersatz­re­li­giö­sen Pro­phe­tie einer „his­to­ri­schen Mis­si­on“ ver­klärt, die sich in ihren ver­kürz­ten The­sen bereits bei dem viel­ge­le­se­nen Her­man Gor­ter findet.[Fn 10]

Aus der Idee der „Ver­ge­sell­schaf­tung der Pro­duk­ti­ons­mit­tel“, eines höchst kom­ple­xen Vor­gangs, wur­de deren „Ver­staat­li­chung“ unter Feder­füh­rung, wie wir noch sehen wer­den, der Staats­si­cher­heit, die in der „Par­tei neu­en Typs“ und über sie herrsch­te. Der „Mar­xis­mus“ galt nun als blo­ße Vor­stu­fe des „Leni­nis­mus“, der die­sen als für die Epo­che des Impe­ria­lis­mus gül­tig defi­nier­te in Form einer kano­ni­schen Lehr­schrift über die neue Welt­an­schau­ung in der Les­art Sta­lins, letzt­lich des „Stalinismus“.[Fn 11]

Deren Haupt­kom­po­nen­ten waren die „Aus­nut­zung der Macht des Pro­le­ta­ri­ats zur Nie­der­hal­tung der Aus­beu­ter …, zur end­gül­ti­gen Los­tren­nung … von der Bour­geoi­sie …, zur Orga­ni­sie­rung des Sozia­lis­mus“, wobei die „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats eigent­lich die ‘Dik­ta­tur’ sei­ner Avan­te­gar­de, die ‘Dik­ta­tur’ sei­ner Par­tei“ dar­stellt. Die so defi­nier­te Mehr­heit (der Arbei­ter und der werk­tä­ti­gen „Mas­sen“) hat das Recht, „die Min­der­heit zur Unter­wer­fung zu zwin­gen“ und den Grund­feh­ler jeder Oppo­si­ti­on zu besei­ti­gen: Das ist „der Unglau­be an den Sieg des sozia­lis­ti­schen Auf­baus“, das „Feh­len der Zuversicht“.[Fn 12] Wer dem befoh­le­nen Opti­mis­mus nicht folg­te, konn­te ermit­telt und durf­te bestraft wer­den. Lot­te Rayß geriet in die­ses Miss­trau­en.

Die vor­lie­gen­de Auto­bio­gra­phie zeich­net sich dadurch aus, dass sie sowohl Bei­trä­ge zu einer Doku­men­ta­ti­on der End-Zeit-Wei­ma­rer Repu­blik bereit­stellt als auch eine Auf­klä­rungs­schrift zur Gulag- und Ver­ban­nungs­ge­schich­te der Sowjet­uni­on und des Schick­sals der dort­hin gereis­ten Poli­temi­gran­ten ist. Sie gibt Ein­blick in zeit­his­to­ri­sche Men­ta­li­tä­ten. Wir könn­ten dabei die ers­te Hälf­te des Buches, die Zeit bis Ende 1937, durch­aus als zwei „Lie­bes­ro­ma­ne“ lesen, zumal der Text oft in Ges­tus und Spra­che an die­ses Gen­re anschließt. Die zwei­te Hälf­te könn­te davon getrennt mit den Über­schrif­ten „Lei­dens­be­richt“ und „Ankla­ge­schrift“ ver­se­hen wer­den. Doch das Leben ist nicht teil­bar, es wird in einem Zug gelebt.

Die Glie­de­rung der Auto­bio­gra­phie von Lise­lot­te Strub-Rayß folgt der epi­sodi­schen Erzähl­lo­gik der Autorin, wie die „Edi­to­ri­sche Notiz des Her­aus­ge­bers“ erläu­tert. [vgl. S. 625 ff.] Die Erin­ne­run­gen begin­nen mit einem Gedicht, der Anru­fung einer der drei Horen der grie­chi­schen Mytho­lo­gie – Dike. Das gibt den Auf­zeich­nun­gen sym­bo­lisch Rich­tung und Zweck, denn die Eltern der Dike sind die Göt­ter Zeus, die mäch­tigs­te, obers­te Gottheit,[Fn 13] und The­mis, die für Gerech­tig­keit steht. Schwes­tern der Dike sind Euno­mia, ein Sym­bol für „gute Ord­nung“, und Eire­ne, die „Frie­den“ bedeu­tet. Vor allem aber ist Dike die Mut­ter der Hesychia, der Per­so­ni­fi­ka­ti­on von Ruhe und Frie­den, die die Autorin durch das Schrei­ben zu fin­den hoff­te.

Das Gedicht ist ter­mi­niert auf den 2. Dezem­ber 1999. Da ist die Ver­fas­se­rin 87 Jah­re alt und mit­ten­drin im Dik­tier­vor­gang ihrer Memoi­ren. Die drei Ver­se bemü­hen die heid­ni­sche Anti­ke. Dike soll der „Ver­fem­ten“ Gerech­tig­keit wider­fah­ren las­sen, als Göt­tin des Som­mers ihr frie­ren­des Herz erwär­men. Sie möge auch denen Wär­me spen­den, die kal­ten Her­zens den Ver­damm­ten weh taten. Die Ver­fas­se­rin ver­gibt den Tätern nicht in der Art und Wei­se des christ­li­chen Cre­dos („Vater unser“), dass sie ihren Schul­di­gern ver­zeiht. Das wür­de die Geschich­te, Ursa­che und Wir­kung ver­dre­hen. Sie legt das Urteil über die Schul­di­gen in die irdi­sche Welt, in die Gericht­spre­chung der Leser­schaft. Sie selbst ist völ­lig schuld­los in das Infer­no gera­ten – wenn man nicht das Leben selbst als sünd­haft ansieht, eine Lebens­vor­stel­lung ihrer Kind­heit, von der sie sich eman­zi­piert hat.

Die Erin­ne­run­gen von Lot­te Strub, wie sie von ihr geschrie­ben wur­den, waren ursprüng­lich in vier Bücher geord­net. Die Memoi­ren sind im Wesent­li­chen die Wie­der­ga­be der ers­ten drei:

Das schwie­ri­ge Erwach­sen­wer­den der Lot­te Rayß, per­sön­li­ches Glück und eine frü­he künst­le­ri­sche Lern­pha­se bil­den die Leit­the­men des ers­ten Buches. Dar­in schil­dert die Ver­fas­se­rin ihre Kind­heit (bei ihr: „Kind­zeit“) und Jugend in einer bür­ger­li­chen Fami­lie, in der älte­re Damen domi­nie­ren und die durch die Infla­ti­on ihr Ver­mö­gen ver­lor, nicht aber ihren Dün­kel. Die Autorin beschreibt ihr Erwa­chen als Frau und Künst­le­rin sowie den Beginn ihrer gro­ßen Lie­be zu Fried­rich Wolf. Sein Spruch „Nen­ne mich Wolf“ [73] wird mit aller Mehr­deu­tig­keit, die in die­ser Auf­for­de­rung liegt, für ihr gan­zes Leben bedeut­sam. Ihre Erzäh­lun­gen sind ein­ge­bun­den in die Beschrei­bung einer ab 1933 vom Natio­nal­so­zia­lis­mus zer­stör­ten lin­ken, weit­ge­hend kom­mu­nis­ti­schen Kul­tur­be­we­gung der spä­ten Wei­ma­rer Repu­blik im schwä­bi­schen Stutt­gart und sei­ner nähe­ren Umge­bung.

Im zwei­ten Buch erzählt Lot­te Rayß von der Flucht vor dem Natio­nal­so­zia­lis­mus aus Deutsch­land mit Wolf, vom Exil in Öster­reich, Frank­reich, der Schweiz, Prag und Mos­kau, von ihrem Kind Lena,[Fn 14] ihrer Über­sied­lung ins wol­ga­deut­sche Engels im Juli/August 1934 auf direk­ten und per­sön­li­chen Befehl der stell­ver­tre­ten­den Volks­bil­dungs­kom­mis­sa­rin Nadesch­da Krups­ka­ja (1869–1939), der Wit­we von Lenin, und schließ­lich der end­gül­ti­gen Tren­nung von Fried­rich Wolf 1935, die aber kein Ende der per­sön­li­chen Kon­tak­te ist. Die­ser Teil berich­tet über die deutsch­spra­chi­ge Kunst­sze­ne in der wol­ga­deut­schen Haupt­stadt, die erfolg­rei­che und ein­träg­li­che Arbeit von Lot­te Rayß als Lek­to­rin und Illus­tra­to­rin, die Hei­rat mit dem deut­schen Emi­gran­ten Lorenz Lochtho­fen (1907–1989) am 10. Novem­ber 1935 und ihrem gemein­sa­men Kind Laris­sa.

Unter „nor­ma­len“ Umstän­den hät­te Lot­te Rayß gar kein Asyl in der Sowjet­uni­on erhal­ten, denn sie war nicht „orga­ni­siert“, weder im „Kom­mu­nis­ti­schen Jugend­ver­band Deutsch­lands“ (KJVD), schon gar nicht in der „Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands“ (KPD). Sie war in der gan­zen Zeit, die in der Auto­bio­gra­phie beschrie­ben wird, par­tei­los.

Eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung für die Sowjet­uni­on erhielt sie nur durch Für­spra­che von Wolf, einen im Land bekann­ten und ver­ehr­ten Dich­ter und Poli­ti­ker. Damit nahm aber die schon durch ihre Lie­be zu ihm vor­han­de­ne per­sön­li­che Abhän­gig­keit zu. Als sie sich ab Spät­som­mer 1935 tren­nen und er dann Ende 1937 aus der Sowjet­uni­on aus­reist (er ist unmit­tel­bar vor­her, im Dezem­ber, noch ein­mal in Engels), geht mit ihm auch ein mög­li­cher Schutz vor den um sich grei­fen­den Ver­fol­gun­gen ver­lo­ren. Aber sicher konn­te sich nie­mand sein in die­ser Zeit, so dass dies kein Urteil über die neue Situa­ti­on ist.

Das drit­te Buch beginnt mit ihrer Ver­haf­tung Anfang 1938. Es legt Zeug­nis ab vom Leben in der all­täg­li­chen Höl­le der sowje­ti­schen Straf­ver­fol­gung unschul­di­ger Men­schen. Lot­te Rayß beschreibt zuvor die Zei­chen einer gesell­schafts­po­li­ti­schen Wen­de – und dann den per­sön­li­chen Absturz, die Ver­hö­re und Fol­te­run­gen, den Tod des Kin­des Laris­sa, die Ver­ur­tei­lung und schließ­lich die Lager­haft mit anschlie­ßen­der Ver­ban­nung „auf ewig“.

Für die­ses Sys­tem steht das Akro­nym „Gulag“ (eigent­lich: GULag) – es wird noch dar­auf ein­ge­gan­gen. Es steht für „Haupt­ver­wal­tung der Bes­se­rungs­ar­beits­la­ger und -kolonien“.[Fn 15] Seit dem Buch „Arti­kel 58“ (1967) von War­lam Scha­l­a­mow (1907–1982) und, bekann­ter, weil nahe­zu mit Mil­lio­nen­auf­la­ge gedruckt, Alex­an­der Sol­sche­ni­zyns (1918–2008) „Der Archi­pel Gulag“ (1974), steht der Begriff „Gulag“ für die gesam­te Ord­nung der Zwangs­ar­beits­la­ger und des Aus­beu­tungs­re­gimes der Verbannung.[Fn 16] Um aber den­noch die zwar gerin­gen, aber doch lebens­wich­ti­gen „Ver­bes­se­run­gen“ nach der Frei­las­sung aus dem Gulag in die Ver­ban­nung auf­zu­zei­gen, sind sie im Titel des Buches getrennt wor­den. Im Rück­blick der Autorin han­delt es sich um 16 ver­bun­de­ne Jah­re.

Beginnende Rezeption einer sperrigen Biographie

Lot­te Rayß pass­te nicht in die in der DDR glatt gebü­gel­te, von ihm nicht infra­ge gestell­te Hel­den­bio­gra­phie von Fried­rich Wolf. Der ers­te öffent­li­che Hin­weis auf die Exis­tenz einer Freun­din und Bekann­ten der Fami­lie Wolf in der Sowjet­uni­on (noch nicht bezo­gen auf die Zeit vor 1933) fin­det sich in dem glän­zend (zumal wenn man die dama­li­ge Quel­len­la­ge kennt) recher­chier­ten Buch aus dem Jahr 1981 von David Pike (Jg. 1950) über „Deut­sche Schrift­stel­ler im sowje­ti­schen Exil“. Da das Werk in der DDR und in der Sowjet­uni­on gän­gi­ge Legen­den angriff und tat­säch­li­che Vor­gän­ge offen­leg­te, war die Rezep­ti­on in der öst­li­chen Lite­ra­tur- und erst recht in der Geschichts­wis­sen­schaft ent­spre­chend igno­rie­rend bis ableh­nend. Aber die aus­ge­brei­te­ten Fak­ten waren nun in der Welt.

Der Ger­ma­nist Pike (Jahr­gang 1950), bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung Pro­fes­sor in North Caro­li­na, konn­te 1976 ein Jahr lang in Mos­kau und 1979 bei einem halb­jäh­ri­gen For­schungs­auf­ent­halt in der DDR Archiv­be­stän­de der deut­schen lite­ra­ri­schen Emi­gra­ti­on stu­die­ren, also Bestän­de etwa der Exil­samm­lung an der Deut­schen Büche­rei Leip­zig und der Aka­de­mie der Küns­te, die auch ein­hei­mi­schen Lite­ra­tur­his­to­ri­kern seit dem sys­te­ma­ti­schen Auf­bau die­ses Archivs ab 1960 in den 1970er Jah­ren zur Ver­fü­gung standen.[Fn 17] Die­se Samm­lung ging letzt­lich auf Ver­fü­gun­gen des Reichs­mi­nis­te­ri­ums für Volks­auf­klä­rung und Pro­pa­gan­da zurück, die zur geson­der­ten Anzei­ge „uner­wünsch­ter Lite­ra­tur“ führ­ten, die von 1939 bis 1944 als „Lis­te der in der Deut­schen Büche­rei unter Ver­schluss gestell­ten Druck­schrif­ten” intern erschien und auch aus­län­di­sche Titel ent­hielt.

Eher neben­bei erwähnt wer­den in dem Buch von Pike acht in der Lehnit­zer Außen­stel­le des Fried­rich-Wolf-Archivs der Aka­de­mie der Küns­te der DDR von ihm gefun­de­ne Brie­fe, die in einem Zeit­raum von 14 Mona­ten geschrie­ben wur­den (6. Janu­ar 1937 bis 10. Dezem­ber 1938) und in denen Fried­rich Wolf, „über eine enge Freun­din, Lot­te Raiss [sic] in Engels“ berich­tet. Fünf davon waren an die Fami­lie Strub in der Schweiz gerich­tet.

Die Post ver­deut­licht, dass Wolf sehr gut infor­miert war über das Schick­sal von Lot­te Rayß und ihrer bei­den Kin­der, wovon das­je­ni­ge, wo er der Vater war, die Lena, von sei­ner Frau Else Wolf nach Mos­kau geholt wur­de, als die Mut­ter bereits ver­haf­tet war. Doch davon schreibt sie der Mut­ter in ihren halb­jähr­lich erlaub­ten Brie­fen drei Jah­re lang nichts ins Lager. Schließ­lich wird das der Mut­ter ent­frem­de­te, puber­tie­ren­de Kind in die Armut von Lot­te Rayß in die Ver­ban­nung nach Karan­da regel­recht abge­scho­ben. „Läs­tig war sie den Wolfs gewor­den.“ [483] Dies bringt wei­te­res Gift in die sowie­so von Beginn an schwie­ri­gen Bezie­hun­gen der bei­den Frau­en.

Als Lot­te Rayß ver­haf­tet wird, darf sie nur ein Kind mit­neh­men. Es geschah weni­ge Tage nach ihrer Ent­las­sung aus der ers­ten Haft, „es war die Nacht zum 5. Febru­ar 1938, trom­mel­ten Fäus­te gegen den Fens­ter­la­den mei­nes Hau­ses. Es war schon nach Mit­ter­nacht. ‘Auf­ma­chen!’ Zwei bewaff­ne­te Mili­zio­nä­re kamen ins Haus.“ [229] Nach Durch­su­chung der Habe, ver­bun­den mit der Plün­de­rung bei einer Aus­län­de­rin, machen die unge­be­te­nen Besu­cher kur­zen Pro­zess: „Die Mili­zio­nä­re herrsch­ten mich an: ‘Machen sie sich fer­tig!’ Ich sag­te: ‘Ich muss erst die Kin­der wecken, sie anzie­hen.’ Bekam die höh­ni­sche Ant­wort: ‘Von wegen Kin­der. Nur eins ist erlaubt!’“ [230] Sie ent­schei­det sich in den weni­gen Minu­ten, die ihr von der Poli­zei gege­ben wer­den, für das Baby.

Weder sie noch alle and­ren Ver­haf­te­ten konn­ten ahnen, in wel­che Höl­le sie kom­men, wel­cher Hades die Arre­tier­ten erwar­tet. Das Baby kommt im Staats­si­cher­heits­ge­fäng­nis unter unge­klär­ten Umstän­den ums Leben. Wolf erfährt zeit­nah von die­sem Schick­sal: „Laris­sa, Lot­tes Kind von Lorenz, ist gestor­ben. Was mag L. alles aus­ge­hal­ten haben!“[Fn 18]

In der DDR exis­tier­te Lot­te Rayß nicht als Per­son, die Fried­rich Wolf fast ein Jahr­zehnt lang sehr nahe­stand, mit dem sie künst­le­risch zusam­men­ar­bei­te­te, dem sie vor allem die zwei Söh­ne an einen siche­ren Ort brach­te, wobei sie sich durch­aus der Gefahr einer Ver­haf­tung durch die Gesta­po aussetzte.[Fn 19]

Lot­te Rayß geriet 1933, ille­gal in Stutt­gart in eine Per­so­nen­kon­trol­le. Es ret­tet sie ihr Bru­der Wolf­gang, der inzwi­schen zur SS gehört. „Nach die­sem Gesche­hen – da habe ich … all die­se Erin­ne­run­gen an Wolf­gang aus mei­ner unglück­li­chen Kind­heit, an sei­ne Faust­hie­be, an sei­ne Trit­te, an die vie­len Peit­schen­hie­be, an den Ver­rat, als er vor mei­ner Fami­lie aus mei­nem geraub­ten Tage­buch zitiert hat­te, um mich zu ver­let­zen. Es zähl­te nicht mehr. Denn soeben hat­te Wolf­gang mir das Leben geret­tet. Und das Archiv von Wolf auch.“ [141] Sie sprach mit Fried­rich Wolf nie über die­se Ret­tung, „unter wel­chen Gefah­ren ich sein Archiv geret­tet hat­te. Und Wolf – er hat kein ein­zi­ges Wort über mei­ne Ret­tung sei­nes Archivs ver­lo­ren, als wir uns wie­der­sa­hen.“ [144] Es ver­steht sich, dass auch das Lehnit­zer Wolf-Archiv nicht über die­se Geschich­te berich­te­te.

Als 1988 eini­ge Fotos aus ihrem Besitz ohne ihre Geneh­mi­gung und mit fast durch­weg irre­füh­ren­den Bild­un­ter­schrif­ten in der DDR gedruckt wurden,[Fn 20] muss­te sie von einer Kla­ge gegen den „Hen­schel­ver­lag“ abse­hen – zu sehr waren diver­se Aktio­nen ein­fluss­rei­cher Leu­te erkenn­bar, Lot­te Rayß in der offi­zi­el­len Bio­gra­phie von Fried­rich Wolf bis zum Ende der DDR nicht vor­kom­men zu las­sen. Dar­auf wird zurück­zu­kom­men sein.

Dabei hat­te sie dem Dich­ter nicht ein­fach nahe­ge­stan­den. Nach­dem ihre gemein­sa­me Toch­ter Lena gebo­ren und er aus den USA in die Sowjet­uni­on zurück­ge­kehrt war, stell­te er ihr sogar eine Ehe in Aus­sicht. Sei­ne Frau Else bit­tet Lot­te Rayß, ihre Fami­lie nicht zu zer­stö­ren. Sie „frag­te mich in die­sem Brief, ob ich denn bedacht hät­te, was für Fol­gen das hät­te, wenn Wolf sei­ne Fami­lie in Mos­kau ver­las­sen wür­de, um mit mir eine neue Fami­lie zu grün­den. Mar­kus und Kon­rad brau­chen … den Vater… Und du willst ihnen nun den Vater weg­neh­men? Hast du dir Gedan­ken gemacht, was Wolf in die­sem Pro­vinz­nest Engels mit einem ein­zi­gen, kläg­li­chen Thea­ter soll? Er braucht Welt­thea­ter, Kon­takt mit Schau­spie­lern, den Gedan­ken­aus­tausch mit Regis­seu­ren und mit Schrift­stel­lern.“ Er wür­de „dahin flüch­ten, wo er das für sei­ne Arbeit fin­det, was er am meis­ten braucht.“ [193]

Die Lie­ben­den trenn­ten sich, aber man muss auch sehen, dass Wolf in Engels zeit­wei­se einen Flucht­ort aus Mos­kau sah, beson­ders, als er aus dem Wes­ten in die bedrü­cken­de sowje­ti­sche Wirk­lich­keit zurück­kehr­te. Wolf meh­re­re Vari­an­ten des per­sön­li­chen Über­le­bens. Er betrieb par­al­lel sehr inten­siv sei­ne Aus­rei­se aus der Sowjet­uni­on – ver­ständ­lich, denn auch ihn konn­te es töd­lich tref­fen.

Wahr­schein­lich liegt Ser­gej Lochtho­fen, der Sohn ihres Man­nes in Engels, gebo­ren 1953 in Worku­ta, rich­tig mit sei­ner lapi­da­ren Ant­wort: Wolf „brauch­te Muse und Ehefrau“.[Fn 21] Die Fami­lie hat­te auch im Exil für die täg­li­chen Geschäf­te eine Haus­häl­te­rin. Wer gibt so etwas auf?

Geheim­nis­se der Lilo Herr­mann-Legen­de

Auf dem beruf­li­chen Weg von einer Mathe­ma­ti­ke­rin und pro­mo­vier­ten Päd­ago­gin an der 1990 auf­ge­lös­ten „Päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le ‘Lise­lot­te Herr­mann’“ in Güs­trow zur frei­en Jour­na­lis­tin und Schrift­stel­le­rin begab sich Dit­te Cle­mens (Jg. 1952) von 1987 bis 1992 auf die Suche nach der wah­ren Bio­gra­phie der Namens­ge­be­rin ihrer dama­li­gen Arbeits­stät­te, die 1972 die­sen Titel von der DDR-Füh­rung ver­lie­hen bekam.

Die gebo­re­ne Ber­li­ne­rin Lise­lot­te Herr­mann (1909–1938) gehör­te seit den 1950ern in der DDR zur Grün­dungs­le­gen­de des Staats­we­sens. Sie wur­de zu einer Tra­di­ti­ons­i­ko­ne sti­li­siert. Sie ging als Stutt­gar­ter Stu­den­tin in die Erin­ne­rungs­kul­tur ein, weil sie hier 1929 bis 1931 stu­dier­te, ab Sep­tem­ber 1933 dort im Betrieb ihres Vaters arbei­te­te, beson­ders aber, weil dies der Ort ihres letz­ten Wider­stan­des war, nach­dem sie als Kom­mu­nis­tin im Juli 1933 von der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät ver­wie­sen wur­de, wo sie seit Win­ter­se­mes­ter 1931/1932 Bio­lo­gie stu­dier­te. Eben­falls in Stutt­gart wur­de sie im Juni 1937 zum Tode ver­ur­teilt. Ein Jahr spä­ter, am 20. Juni 1938, starb die jun­ge Mut­ter in Ber­lin-Plöt­zen­see unter dem Fall­beil (Geburt des Soh­nes Wal­ter Herr­mann am 15. Mai 1934; er starb 2013).

Lilo Herr­mann war, folgt man der „Lis­te von im Deut­schen Reich hin­ge­rich­te­ten Per­so­nen“ auf „Wiki­pe­dia“, die ers­te von ins­ge­samt etwa 250 in Ber­lin-Plöt­zen­see zwi­schen 1933 und 1945 hin­ge­rich­te­ten Frau­en, bei der ein klar poli­tisch defi­nier­tes Todes­ur­teil gegen eine Wider­stands­kämp­fe­rin vor­lag. Vor ihr star­ben zwar bereits eini­ge Frau­en auf dem Schaf­fott, aber wegen Mor­des bzw. Spio­na­ge.

Die Auf­klä­rung ihrer geheim­nis­um­wit­ter­ten Lebens­ge­schich­te gleicht einer kri­mi­na­lis­ti­schen Analyse.[Fn 22] Von den Akten der kom­mu­nis­ti­schen Wider­stands­kämp­fe­rin waren zu die­ser Zeit, als Dit­te Cle­mens ihre Stu­di­en begann, nur die­je­ni­gen zugäng­lich, die das offi­zi­el­le Geschichts­bild bestätigten.[Fn 23] Eine Aus­nah­me bil­de­te die 1970 erschie­ne­ne Stu­die des Ros­to­cker His­to­ri­kers Karl Heinz Jahn­ke (1934–2009),[Fn ]24 der sich auf den anti­fa­schis­ti­schen Jugend­wi­der­stand spe­zia­li­siert hat­te und in den 1970ern auch in Stutt­gart for­schen konn­te. Lilo Herr­manns Brie­fe aus dem Gefäng­nis fand Dit­te Cle­mens 1988 durch Zufall. Auch ihr Sohn Wal­ter sowie die Enke­lin Bir­git Herr­mann (1970–1999) lasen die­se erst danach.[Fn 25]

Für die­sen Umgang mit Lise­lot­te Herr­mann gab es ver­schie­de­ne Grün­de. So war sie im Dezem­ber 1935 als Mit­ar­bei­te­rin des ille­ga­len Abwehr­ap­pa­ra­tes der KPD ver­haf­tet wor­den. Die­ser Sicher­heits­dienst war bis zum Ende der DDR in Dun­kel­heit gehüllt, auch des­halb, weil fast der gesam­te „Kip­pen­ber­ger-Appa­rat“ („M[ilitärischer]-Apparat“), benannt nach sei­nem Orga­ni­sa­tor Hans Kip­pen­ber­ger (1898–1937),[Fn 26] in der Sowjet­uni­on liqui­diert wur­de.

Ein wei­te­rer Grund war, dass die Bio­gra­phie- und Wider­stands­for­schung in der Bun­des­re­pu­blik Lise­lot­te Herr­mann in den 1970ern sowohl als Gegen­stand einer alter­na­ti­ven Geschichts­for­schung behan­del­te, wie der kom­mu­nis­ti­sche Jour­na­list Wil­li Bohn (1900–1985) es tat, als auch das gera­de Gegen­teil geschah. So spiel­te der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche His­to­ri­ker Eber­hard Jäckel (geb. 1929) ihre Bedeu­tung her­un­ter und ver­hin­der­te eine offi­zi­el­le Ehrung durch die Uni­ver­si­tät, weil sie als Kom­mu­nis­tin kei­nen demo­kra­ti­schen Staat ange­strebt habe.[Fn 27]

Der Mär­ty­rer­kult um Lise­lot­te Herr­mann begann in der DDR 1951 mit dem Arti­kel über sie in dem Sam­mel­band von Ste­phan Hermlin (1915–1997) „Die ers­te Rei­he“. Im glei­chen Jahr erschien ein Poem. Es stamm­te aus der Feder von Fried­rich Wolf, [Fn 28] den der Stoff seit 1942 beschäftigte.[Fn 29] Das dort über sie Gedich­te­te galt als gelun­ge­ne ästhe­ti­sche Umset­zung der his­to­ri­schen Wahr­heit über ihre Per­son.

Bei dem Hel­den­ge­dicht han­del­te sich um ein Auf­trags­werk der SED-Par­tei­füh­rung. Wolf schrieb über Lise­lot­te Herr­mann, als habe er sie in Stutt­gart per­sön­lich gekannt, als sei sie eine Pio­nier­lei­te­rin in sei­nem Umfeld und er ein ihr bekann­ter Kampf­ge­nos­se gewe­sen. Wolf ver­misch­te ein­gangs per­sön­li­che Erin­ne­run­gen an Lot­te Rayß, die klar erkenn­bar sind, mit ech­tem bio­gra­phi­schem Mate­ri­al, soweit es offen lag, und mit rei­nen Erfin­dun­gen. Dies wäre der dich­te­ri­schen Frei­heit erlaubt, wenn er nicht glau­ben mach­te, er doku­men­tie­re die Rea­li­tät:

Im der­ben Lei­nen­kleid ein
stäm­mig blon­des Mädel.
So kann­ten wir Dich, Lilo,
wenn Du als Chef mit Dei­nen Pio­nie­ren
am Sonn­tag­mor­gen ins Neckar­tal hin­aus­zogst;
Lie­der lehr­test Du sie, Schwim­men, Zel­ten
und lehr­test sie auch Mut, Hilfs­be­reit­schaft, Soli­da­ri­tät –
Denn Du wuß­test um unse­re Sache.
Den Blei­stift überm Text­buch,
eine Holz­bank als Souf­flier­pult,
halfst Du den Spiel­trupps uns­rer Jugend
bei den Pro­ben
der poli­ti­schen Revu­en …“.[30]

Die erzeug­te Fama der Pio­nier­lei­te­rin hat­te zur Fol­ge, dass das Kin­der­fe­ri­en­la­ger am Schar­müt­zel­see bei Bad Saa­row-Pies­kow 1956 ihren Namen erhielt und fort­an „Zen­tra­les Pio­nier­la­ger ‘Lilo Herr­mann’“ hieß, bis dahin benannt nach dem 1956 abge­setz­ten unga­ri­schen Par­tei­füh­rer Mat­yas Rako­si (1892–1971).

Dit­te Cle­mens fand über­dies her­aus, dass die Legen­den über Lilo Herr­mann deren tap­fe­ren und tra­gi­schen Wider­stand der­art über­la­ger­ten, dass dar­aus eine Geschichts­klit­te­rung wuchs, deren Ent­de­ckung mit allen Fines­sen behin­dert wur­de. Im Rah­men ihrer Nach­for­schun­gen stieß sie auf Lise­lot­te Strub und führ­te im Früh­som­mer 1989 vie­le Stun­den Gesprä­che mit ihr. Sie erfuhr auf die­se Wei­se von nahe­zu allen in die­sen Memoi­ren vor­kom­men­den Haupt­er­eig­nis­sen. Zunächst bestand Ein­ver­neh­men, im Lilo-Herr­mann-Buch auch von Lot­te Rayß zu berich­ten. Doch dann ist Cle­mens gezwun­gen, sie in ihrem Buch ledig­lich kurz zu erwäh­nen. Sie nennt sie nur „Lot­te“, weil ihr die vol­le Namens­nen­nung tele­fo­nisch ver­bo­ten wurde.[Fn 31]

Dit­te Cle­mens war die ers­te Wis­sen­schaft­le­rin, die Lise­lot­te Strub in Ber­lin aus­führ­lich als Zeit­zeu­gin befrag­te. Sta­lins Lager sind in der Zeit ihrer Inter­views noch ein Tabu. „Das weiß Lot­te, und sie hält sich mit eiser­ner Dis­zi­plin dar­an, die ich nicht begrei­fen kann. Ich respek­tie­re das von ihr aus­ge­spro­che­ne Schreib­ver­bot … und strei­che ein Kapitel“.[Fn 32] „Sie sag­te mir, dass sie bis­her mit nie­man­dem so aus­führ­lich und offen über all die Din­ge gespro­chen hät­te. Nicht ein­mal mit ihrem Sohn. Sie bat mich nicht nur, dass ich das alles für mich behal­ten soll, son­dern sag­te, dass sie mir unter­sagt, über ihr Leben zu schrei­ben und ich sol­le die Sache mit Wolf ruhen las­sen, weil es [das Poem, HG] ein Kunst­werk von ihm ist, dass ich nicht zer­stö­ren dürfe.“[Fn 33]

Es gelang Dit­te Cle­mens im Rah­men ihrer Ermitt­lun­gen sogar im Som­mer 1989, auf nahe­zu aben­teu­er­li­che Wei­se, Mar­kus Wolf zu spre­chen. Er ver­si­cher­te, Lilo Herr­mann nicht gekannt zu haben, und rät der Autorin, gedul­di­ger zu recher­chie­ren und mit der Publi­ka­ti­on abzuwarten.[Fn 34] Sie befrag­te ihn auch zu Lot­te Rayß und woll­te wis­sen, war­um sein Vater sie im Stich gelas­sen habe. „Er sag­te mir, dass in gro­ßen bedeu­ten­den Zei­ten auch schlim­me Din­ge gesche­hen, die man nicht über­be­wer­ten darf.“ Die­se Ant­wort ist bezeich­nend und ent­lar­vend zugleich, denn sie kol­por­tiert die Wer­tung der „Sie­ger der Geschichte“,[Fn 35] dass „höhe­re Zwe­cke“ Men­schen­op­fer recht­fer­ti­gen.

Dit­te Cle­mens wird kur­ze Zeit nach die­sen Inter­views eine Stu­di­en­rei­se nach Stutt­gart erlaubt, wo sie den His­to­ri­ker Lothar Let­sche (Jg. 1946) trifft, der seit Jah­ren der Wider­stands­ge­schich­te im Stutt­gar­ter Raum nach­geht und über Lise­lot­te Herr­mann forscht. Bei­de haben nun Gewiss­heit hin­sicht­lich der mög­li­chen „Ver­wechs­lung“, denn Dit­te Cle­mens hat inzwi­schen mit ört­li­cher Hil­fe ein noch leben­des Mit­glied der Pio­nier­grup­pe von Lot­te Rayß aus­fin­dig gemacht, die die­se erkannte.[Fn 36] In den spä­te­ren 1990er Jah­ren ver­mit­telt Let­sche eine lang­jäh­ri­ge „Brief­freund­schaft“ von Lise­lot­te Strub mit Gre­tel Weber, gebo­re­ne Kaupp, die ihrer Pio­nier­grup­pe angehörte.[Fn 37] Let­sche fand noch ande­re „Gewähr­s­per­so­nen dafür, dass die ‘Pio­nier­lei­te­rin Lilo Herr­mann’ eine Legen­de war.“[Fn 38]

Lother Let­sche inter­view­te dann ab 1992 Lise­lot­te Strub und erhielt von ihr Brie­fe. Sie beleg­te ihn aber, wie zuvor auch Dit­te Cle­mens, mit einem „Schweigegebot“.[Fn 39] Let­sches „Auf­zeich­nun­gen von Gesprä­chen mit Lot­te Rayss“ wur­den bis­her nicht ver­öf­fent­licht. Sie dien­ten ihm jedoch zum Beleg, dass Wolf bei der Abfas­sung sei­nes Poems über Lise­lot­te Herr­mann stark an Lot­te Rayß gedacht haben muss­te. Die­se Iden­ti­tät, eigent­lich das Unter­schie­ben einer Bio­gra­phie in die einer ande­ren his­to­ri­schen Per­son durch Wolf, zeigt den igno­rie­ren­den Umgang mit Lot­te Rayß, die – zur Erin­ne­rung – 1951/1952 noch in der Ver­ban­nung zu über­le­ben ver­such­te.

Die „Ver­mi­schung“ wird noch zehn Jah­re spä­ter so inter­pre­tiert, dass es Wolf wegen der poli­ti­schen Lage in der DDR und wegen sei­ner soeben been­de­ten Tätig­keit als Bot­schaf­ter in Polen (1949–1951) nicht oppor­tun erschien, das Geheim­nis um Lot­te Rayß zu lüften.[Fn 40] Es wur­de aber vor allem Lilo Herr­mann Unrecht getan, deren Sohn Wal­ter, in Stutt­gart bei den Groß­el­tern auf­wach­send, also im Wes­ten lebend, erst mit 57 Jah­ren den Namen sei­nes leib­li­chen Vaters Fritz Rau (geb. 1904) erfuhr,[Fn 41] den die Gesta­po im Sep­tem­ber 1933 in Haft tot­ge­prü­gelt hat­te.

Der Durchbruch

Erst nach dem Ende der DDR und der Sowjet­uni­on ent­stand für Lise­lot­te Strub eine neue Situa­ti­on. Es setz­te, zunächst eher zag­haft, ein gewis­ses Inter­es­se an ihrer außer­ge­wöhn­li­chen Bio­gra­phie ein. Rein­hard Mül­ler (Jg. 1944) griff als einer der ers­ten Lite­ra­tur­his­to­ri­ker die bei Pike genann­te Quel­le teil­wei­se auf. Er zitier­te aus zwei Brie­fen Fried­rich Wolfs, bei­de vom Okto­ber 1937, die Wolf an sei­ne Frau Else schreibt. „Lot­tes Jugend ist auch zum Teu­fel.“ Sie leh­ne sei­ne Mit­schuld an ihrem Schick­sal ab: „Aber das ist so ein betäu­ben­der Heroismus.“[Fn 42]

Lothar Let­sche hielt nach den Inter­views eini­ge Vor­trä­ge und ver­öf­fent­lich­te klei­ne­re Auf­sät­ze zu Fried­rich Wolf und Lilo Herr­mann. Dort hin­ein flos­sen Infor­ma­tio­nen über das Leben von Lot­te Rayß. Spä­te­re Autoren grif­fen in aller Regel dar­auf zurück, so dass Let­sches Tex­te selbst zu Quel­len wur­den. So hielt er am 6. Okto­ber 2000 einen Vor­trag über „Fried­rich Wolf – die Jah­re in Stutt­gart“. Dazu erstell­te er eine umfäng­li­che Aus­ar­bei­tung, die hier vor­liegt. Es ist ihm zu ver­dan­ken, dass von nun an das Inter­es­se an Lot­te Rayß zunahm, bis dann, eine posi­ti­ve Fol­ge des For­schungs­pro­jekts von Mein­hard Stark (Jg. 1955) zu den Gulag-Kindern,[Fn 43] 2013 ein Arti­kel im „Frei­tag“ Lot­te und Kon­rad Rayß umfäng­li­cher vorstellte.[Fn 44]

Manuskriptgeschichte

Par­al­lel zu die­sen Abläu­fen inten­si­vier­te Lise­lot­te Strub 1998 ihre eige­ne Erin­ne­rungs­ar­beit. Ihr in Kara­gan­da in der Ver­ban­nung am 28. April 1946 gebo­re­ner Sohn Kon­rad Rayß ist heu­te der Her­aus­ge­ber ihrer Memoi­ren. In die Auto­bio­gra­phie wird er mit sei­nem ursprüng­li­chen rus­si­schen Namen Niko­lai ein­ge­führt. Namens­ge­bung wie -ände­rung geben Auf­schluss über das prag­ma­ti­sche Den­ken unse­rer Autorin.

Wäh­rend ein deut­scher Name in Russ­land nach­tei­lig war, zumal im Gulag, galt Ähn­li­ches für den in den 1950er Jah­ren – zumal in der DDR – rus­sisch klin­gen­den Namen Niko­lai. Schon in ihrem Rück­keh­rer-Fra­ge­bo­gen (dazu spä­ter) nann­te Lot­te Rayß ihr Kind anders als in der Sowjet­uni­on, näm­lich Niko­laus. Als die Mut­ter es im Okto­ber 1954, etwa zwei Wochen nach Ankunft in Ber­lin, als Kon­rad Rayß in der Schu­le anmel­det, wur­de dies umstands­los akzep­tiert. Amt­lich erfolg­te die Namens­än­de­rung erst, als Lot­te Rayß fünf Jah­re spä­ter Richard Strub hei­ra­te­te. Für die Rei­se in die Schweiz brauch­te sie Papie­re für das Kind. Erst da stell­te man fest, dass das Kind nicht Kon­rad hieß. Also bean­trag­te die Mut­ter eine Namens­än­de­rung, die dann beur­kun­det wur­de.

Kon­rad Rayß erleb­te bereits in sei­ner Jugend „eine kon­ti­nu­ier­li­che Erzähl­pra­xis sei­ner Mut­ter … Anläss­lich ihres 90. Geburts­ta­ges im Jah­re 2002 begann [sie] … ihren Lebens- und Lager­be­richt zu schrei­ben. Das … Doku­ment wur­de zu einer scho­nungs­lo­sen Offen­ba­rung, ohne jede Aus­las­sung und Schön­fär­be­rei. Kon­rad … gab die hand­schrift­li­chen Sei­ten, sobald die Mut­ter sie abge­schlos­sen hat­te, in den Com­pu­ter ein und wur­de so erst­mals mit allen grau­sa­men Details bekannt.“[Fn 45]

Lie­se­lot­te Strub ver­such­te, Dank einer Kon­takt­ver­mitt­lung Let­sches, nach der Nie­der­schrift mit Hil­fe des Fried­rich-Wolf-For­schers Hen­ning Mül­ler (Jg. 1943) eine Publi­ka­ti­on zu errei­chen. Mül­ler war Anfang der 1990er Jah­re, wahr­schein­lich auf dem soeben beschrie­be­nen Weg, auf den Namen Lot­te Rayß gesto­ßen, ging aber zunächst, obwohl Pike das Gegen­teil schon 1981 ver­öf­fent­licht hat­te, davon aus, dass der Dich­ter nichts vom wei­te­ren Schick­sal der Lot­te wusste.[Fn 46]

Er führ­te in der Fol­ge eine Rei­he von Gesprä­chen mit Lise­lot­te Strub und erhielt etwa 2005 noch von ihr selbst eine Kopie ihrer Erin­ne­run­gen. Er kün­dig­te dann ein Jahr nach dem Tod der Autorin in sei­ner letz­ten bekannt­ge­wor­de­nen Publi­ka­ti­on 2009 die Ver­öf­fent­li­chung zwei­er Bücher an.[Fn 47] Es han­del­te sich hier um bear­bei­te­te Stü­cke aus sei­ner am 5. Okto­ber 1989, zwei Tage vor dem „Repu­blik­ge­burts­tag“ und vier Wochen vor der Mau­er­öff­nung, an der „Aka­de­mie für Gesell­schafts­wis­sen­schaf­ten beim ZK der SED“ ver­tei­dig­ten Dis­ser­ta­ti­on B (Habilitationsschrift).[Fn 48] Mül­ler plan­te zudem ein drit­tes Buch. Er hat­te die Absicht, die DDR-Erin­ne­run­gen von Lot­te Strub herauszugeben.[Fn 49] Doch schei­ter­ten in der Fol­ge die­se Pro­jek­te aus bis­her unbe­kann­ten Grün­den. Mül­ler ver­ließ auch die „Fried­rich-Wolf-Gesell­schaft“. Lei­der sind auf den ver­schlun­ge­nen Wegen, mit ihren Erin­ne­run­gen umzu­ge­hen, auch zahl­rei­che Fotos aus dem Leben von Lot­te Rayß und Abbil­dun­gen eini­ger ihrer Kunst­wer­ke ver­lo­ren gegan­gen, die sie ihrem Nach­lass anvertraute.[Fn 50]

Im Jahr 2015 erschien die bis­her ein­zi­ge, reich bebil­der­te, acht­zigsei­ti­ge Publi­ka­ti­on über Lot­te Rayß von Hans-Joa­chim Sei­del (Jg. 1941), Pro­fes­sor für Arbeits­me­di­zin in Ulm. Die Schrift ist das Ergeb­nis von Recher­chen und Gesprä­chen über den Teil der vor­lie­gen­den Memoi­ren, der sich mit ihrer geheim­nis­um­wit­ter­ten Jugend­ar­beit bei den „Bün­di­schen“ befasst, bei denen Lot­te ver­such­te, sie auf kom­mu­nis­ti­sche Sei­te zu zie­hen, wohl im Auf­trag der KPD, ver­mit­telt über Fried­rich Wolf. Der Text leg­te erst­mals wei­te­re Details aus ihrem Leben offen.[Fn 51] Der Autor geht den Lebens­spu­ren sei­nes Vaters Hans Sei­del (gest. 1969) nach, die auf Lot­te Rayß ver­wei­sen. Hans Sei­del war damals Medi­zin­stu­dent. Er konn­te 1933, nach einer KZ-Haft, sein Stu­di­um been­den und wur­de Arzt.

Kindheit und Jugend

Der Vater von Lot­te war Mar­tin Rayß (1874–1921), ein Archi­tekt und Dozent für Bau­kunst. Er ver­starb früh nach lan­ger Krank­heit an einem Gehirn­tu­mor, nach­dem er die letz­ten sechs Jah­re in einer Ner­ven­heil­an­stalt ver­brach­te. Über ihn kur­sier­ten im Fami­li­en­kreis aben­teu­er­li­che Geschich­ten, etwa über eine Rei­se ins revo­lu­tio­nä­re Russ­land 1905, aber all dies ist nicht mehr veri­fi­zier­bar. Bei sei­nem Tod war Lot­te Rayß neun Jah­re alt, der Bru­der etwas älter, die Schwes­ter etwas jün­ger. Die Kin­der wuch­sen ab 1915, Lot­tes drit­tem Lebens­jahr, in Stutt­gart auf. Sie wohn­ten mit ihrer Mut­ter Lau­ra (gestor­ben 1963) in deren schwä­bi­scher Fami­lie bei einer Tan­te. Sie bekam Kla­vier­un­ter­richt, lern­te gut zeich­nen.

Jeden Abend saß ich auf dem Fuß­sche­mel in der Küche, um für alle die Schu­he zu put­zen. Ange­tan war ich mit einer Quä­ker­schür­ze, die mir – viel zu groß – bis auf die Schu­he hing. Die Fami­lie saß inzwi­schen gemüt­lich im Wohn­zim­mer um den Tisch.“ [40] Gewöhn­lich kam ihr Onkel Wil­helm in die Küche, kri­ti­sier­te ihre Arbeit, um sich an ihr sexu­ell zu ver­ge­hen. „Er riss mich vom Sche­mel hoch, streif­te die Schür­ze ab, schob mein Kleid hoch und zog mir die Hös­chen hin­un­ter. Mein Gesicht drück­te er gegen sei­nen aus­ge­beul­ten, har­ten Hosen­schlitz, dann fuhr er mit der Hand ganz sanft von unten nach oben über mei­nen Po – und dann schlug er hart und fest drauf. Dies wie­der­hol­te er noch und noch, dann stieß er mich zurück und lief davon.“ [40 f.]

Das Mäd­chen erfuhr in ihrem Stutt­gar­ter Zuhau­se nicht nur sol­che Wider­wär­tig­kei­ten, son­dern gene­rell wenig Zuwen­dung. Beson­ders war sie der tyran­ni­schen Groß­mutter und deren reli­gi­ös moti­vier­ter Herr­schaft nahe­zu hilf­los aus­ge­lie­fert, eben­so spä­ter ihrem Bru­der. Sie ist in deren Augen das „Aschen­put­tel“, eine Außen­sei­te­rin, Ket­ze­rin, ein Objekt ihrer Gewalt- und Sexualphantasien.[Fn 52] Sie bekommt wie­der und wie­der die „Leder­k­nu­te mit den sie­ben Rie­men zu spü­ren“. [45]

Ihr Bedürf­nis nach Selbst­be­stim­mung erscheint als Trotz. Sie erdul­det zunächst alles, so auch ein künf­ti­ges Ver­hal­tens­mus­ter, um dann nahe­zu explo­si­ons­ar­tig nach Lösun­gen zu suchen. Lot­te fragt sich durch zum Vor­mund­schafts­amt. „Die Män­ner grins­ten. Das gehö­re doch zur Erzie­hung, sonst wer­de aus uns Kin­dern nicht Geschei­tes.“ [48] „Da pack­te mich die Wut, ich riss mei­ne Blu­se von der Schul­ter, zeig­te ihnen die blu­ti­gen Strie­men der Knu­te.“ [49] So erhält sie dann doch einen Vor­mund.

Doch wei­ter­hin wird von der Fami­lie ver­sucht, ihr jeden Wider­stand durch tota­li­tä­re fami­liä­re Auto­ri­tät aus­zu­trei­ben. Das beför­dert ihren Wunsch, aus­zu­bre­chen, und ihre Hin­wen­dung zur Kunst als einem Hilfs­mit­tel zur Ich-Iden­ti­tät, zur inne­ren Sta­bi­li­tät und zu einer eige­nen Art der Lebens­ge­stal­tung zu fin­den.

Die­ses frei­den­ke­ri­sche Bewusst­sein eige­ner Wür­de wird spä­ter mit Hil­fe von Fried­rich Wolf aus­ge­baut und durch ihre Pio­nier­lei­ter­tä­tig­keit befes­tigt, so dass sie rück­bli­ckend schreibt: „Ich gehör­te ihm. Es war eine schö­ne Zeit. Und ich tat alles, um was er mich bat, war dabei bemüht, es in sei­nem Sin­ne bes­tens aus­zu­füh­ren. Jetzt soll­te ich nach sei­nem Wunsch ‘Pio­nier­lei­te­rin’ wer­den, Kin­der der zur ‘Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­hil­fe’ gehö­ren­den Orga­ni­sa­ti­on betreu­en.“ [83]

Die­se zuneh­mend selb­stän­di­ge Hal­tung, bei aller unkri­ti­schen Nähe zu Wolf, bekommt Bestand und lässt Lot­te Rayß spä­ter die fins­te­re rus­si­sche Nacht über­ste­hen, wo sie – wie ihre Mit­häft­lin­ge – ent­per­so­na­li­siert wer­den soll. Das gelingt jedoch ihren Pei­ni­gern nicht. Der schwe­re Weg zur Per­so­na­li­tät wie zu ihrer Selbst­sor­ge wird in der Auto­bio­gra­phie nach­voll­zieh­bar beschrie­ben.

Doch vor die­ser Befrei­ung der jun­gen Frau und vor der Bekannt­schaft mit Wolf wird das Fräu­lein Rayß 1927 von einem Kunst­ma­ler, dem zehn Jah­re jün­ge­ren Freund der Tan­te, ver­ge­wal­tigt. Die Mut­ter nimmt das Kind von der Schu­le und steckt es in eine Fabrik. Die Metall­fa­brik ‘Knecht’ lag direkt gegen­über der hin­te­ren Sei­te der Wil­hel­ma. Der Ein­gang in den Park war nicht ver­schlos­sen, und auf einer nahen Bank aß ich in der Mit­tags­pau­se stets mein mit­ge­brach­tes Brot.“ [57]

Lot­te Rayß wird sie vom Fir­men­chef als Pro­dukt­ge­stal­te­rin ent­deckt und geför­dert. „‘Haben Sie Zeich­nun­gen zu Hau­se? Mit­brin­gen!’ … Die Fol­ge war, dass der künst­le­ri­sche Lei­ter, ein Fami­li­en­va­ter, ent­las­sen wur­de. Nun arbei­te­te ich an den Ent­wür­fen und an den Kata­lo­gen allein da oben unterm Dach. Da war ich sech­zehn Jah­re alt.“ [58]

Doch dann ging es der Fir­ma schlech­ter. Man schrieb das Jahr 1928, Beginn der gro­ßen Welt­wirt­schafts­kri­se. Sie muss als Löte­rin in die Fabrik­hal­le, dann als Metall­ma­le­rin, Frä­se­rin … bis der Betrieb in Kon­kurs geht. „Alle Arbei­ter stan­den vor dem Ein­gang. Man ließ uns nicht hin­ein. Auf den Stu­fen davor stand die Ange­stell­te vom Lohn­bü­ro: ‘Die Fir­ma ist bank­rott, es gibt kei­ne Arbeit.’“ [59] Ihren letz­ten Lohn kas­siert die Fami­lie.

Lot­te Rayß beschreibt die Macht­lo­sig­keit des Arbeits­am­tes. „Die Beam­tin … eröff­ne­te mir nach meh­re­ren ver­geb­li­chen Besu­chen: ‘Ich habe da etwas. Eine Stel­le als Geschirr­spü­le­rin im Fein­kost­ge­schäft >Böhm<. Alle Mäd­chen und jun­gen Frau­en haben die­se Arbeit bis­her abge­lehnt.’ ‘Ich neh­me die Stel­le’, sag­te ich ent­schlos­sen.“ [60] Es war eine schwe­re und auch unap­pe­tit­li­che Arbeit in einer feuch­ten Küche, die im Kel­ler lag. lie­ge. Auch hier steigt sie nach einer län­ge­ren Lei­dens­zeit auf: „Als der Juni­or­chef mei­ne krea­ti­ven Fähig­kei­ten ent­deck­te, hol­te er mich aus dem Kel­ler hin­auf: Ich soll­te jetzt die Schau­fens­ter deko­rie­ren und Geschenk­kör­be arran­gie­ren.“ [62]

Bei den Fir­men „Knecht“ und „Böhm“ ver­rich­tet Lot­te Rayß zahl­rei­che schwe­re, unge­lern­te und schlecht bezahl­te Lohn­ar­beit. Sie zeigt ihre rasche Auf­fas­sungs­ga­be und die Fähig­keit, als Arbei­te­rin zu funk­tio­nie­ren, sich schnell und klag­los an neue tech­ni­sche Anfor­de­run­gen anzu­pas­sen. Auch ihre künst­le­ri­sche Bega­bung fällt auf und wird genutzt. Die­se Eigen­schaf­ten wer­den ihr spä­ter im Gulag mehr­mals das Leben ret­ten.

Neben­bei malt sie der Künst­ler wei­ter als Akt – und miss­braucht sie regel­mä­ßig. Das Gan­ze ent­puppt sich schließ­lich als Intri­ge von Mut­ter und Groß­mutter, Lot­te Rayß zwangs­zu­ver­lo­ben, um die unge­lieb­te Esse­rin aus dem Haus zu bekom­men. Auf die­ses damals übli­che Frau­en­schick­sal muss sie sich ein­las­sen, darf aber im Gegen­zug auf die Kunst­aka­de­mie und bekommt ein klei­nes Sti­pen­di­um. Doch ihr Ver­lob­ter ist ein Sadist. Letzt­lich schei­tert der Coup am Wil­len der Betrof­fe­nen, die ihre eige­nen Wege geht.

An einer Schnei­de­ma­schi­ne im Fein­kost­ge­schäft „Böhm“ ver­letzt sich Lot­te am lin­ken Zei­ge­fin­ger, die Wun­de heilt nicht, der Kas­sen­arzt will ampu­tie­ren. „Da fiel mir ein Arzt ein, der gegen chir­ur­gi­sche Ein­grif­fe war. In Stutt­gart wur­de viel von ihm gespro­chen. In Schau­fens­tern hat­te ich Bro­schü­ren gese­hen, die die­ser Arzt ver­fasst hat­te. Unüb­lich schon der wei­ße Ein­band, die Schrift blau oder auch rot. Die­se Bro­schü­ren wirk­ten auf mich so rein und jung – und unge­wohnt modern. Ein Titel war ‘Der schwa­che Punkt der Frau’ und ein ande­rer Titel, den ich wit­zig fand, ‘dein Magen – kein Ver­gnü­gungs­lo­kal’.“ [63] Lot­te Rayß sucht 1928 den Arzt Fried­rich Wolf auf.

Die „schöne Zeit“

Fried­rich Wolf, Spross einer jüdi­schen Kauf­manns­fa­mi­lie, ein gebo­re­ner Rhein­län­der und inzwi­schen „Wahl­schwa­be“, huma­nis­tisch gebil­det, Vege­ta­ri­er, Nicht­rau­cher und Abstinenzler,[Fn 53] Homöo­path und Kör­per­kult­pfle­ger, seit 1913 „Dissident“,[Fn 54] war damals vier­zig Jah­re alt und bereits ein bekann­ter lin­ker Dra­ma­ti­ker. Er leb­te das Motto: „Licht an den Kör­per und in die Köp­fe“. Vie­le sei­ner Natur­heil­schrif­ten waren sehr popu­lär und die The­men sind heu­te im Rah­men einer „Alter­na­tiv­me­di­zin“ wie­der gefragt. Mit eini­gen sei­ner Schrif­ten käme er aller­dings heu­te, mil­de for­mu­liert, in Kon­flikt zur „Schulmedizin“.[Fn 55]

Wolf voll­zog, beschleu­nigt durch sei­ne Erleb­nis­se als Schiffs- und dann als Trup­pen­arzt im Krieg, eine tota­le Kehrt­wen­de vom bür­ger­li­chen Medi­zi­ner zum kom­mu­nis­ti­schen Dich­ter. Man kann Wolf – er war ein „Wan­der­vo­gel“ und als sol­cher Teil­neh­mer der gro­ßen Jugend­kund­ge­bung 1913 auf dem Hohen Meißner[Fn 56] –, zum einen als einen Erben der „Lebens­re­form­be­we­gung“ des begin­nen­den 20. Jahr­hun­derts sehen.[Fn 57]

Zum ande­ren ähnelt sei­ne per­sön­li­che Wen­de in vie­lem der des Schrift­stel­lers, Poli­temi­gran­ten in Mos­kau und spä­te­ren SED-Kul­tur­funk­tio­närs Alfred Kurel­la (1895–1975).[Fn 58] An die­sem Typus woll­te der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Max Weber (1864–1920) nie begrei­fen, dass sie „jugend­be­wegt mit dem Zupf­gei­gen­hansl aus dem Indus­trie­zeit­al­ter her­aus­mar­schie­ren und sich zugleich noch zum mar­xis­ti­schen Flü­gel der Sozi­al­de­mo­kra­tie zäh­len konnten.“[Fn 59] Ihnen gemein­sam wur­de ein Glau­be an die Idea­le des Kom­mu­nis­mus und die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Russ­land.

Kürsch­ners Deut­scher Lite­ra­tur-Kalen­der“ von 1932 lis­te­te für Stutt­gart 121 Schrift­stel­ler auf,[Fn 60] neben Fried­rich Wolf zwei wei­te­re, die bekann­ter­ma­ßen der KPD ange­hör­ten: Max Barth (1896–1970; genannt „Buf­ti“ bzw. „Muf­ti“) und Gre­gor Gog (1891–1945; Grün­der der „Bru­der­schaft der Vaga­bun­den“), der 1945 in Tasch­kent an den Fol­gen sei­ner lang­jäh­ri­gen Wir­bel­säu­len­tu­ber­ku­lo­se starb. Gog soll­te als Nach­fol­ger von Johan­nes R. Becher in Mos­kau die Zeit­schrift „Inter­na­tio­na­le Lite­ra­tur“ über­neh­men. Sei­ne Frau war bis 1934 Anni Gei­ger-Gog (1897–1995; „Han­ne Men­ken“). Sie und er waren unmit­tel­bar nach dem Reichs­tags­brand Ende Febru­ar 1933 ver­haf­tet, gefol­tert und in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gesperrt wor­den, sie frei­ge­las­sen, er floh.

Gog und Gei­ger-Gog zähl­ten in Stutt­gart zum Freun­des­kreis der Wolfs. In die­ser Kul­tur­sze­ne besaß Wolf einen her­aus­ra­gen­den Status.[Fn 61] Die­sen hat er aber auch als Medi­zi­ner bei den gelang­weil­ten, zah­lungs­kräf­ti­gen Groß­bür­ger­frau­en, mit denen sich sei­ne Gat­tin regel­mä­ßig im Stutt­gar­ter Schloß­gar­ten zu Kaf­fee und Kuchen traf, mit denen sie Gesell­schaf­ten pfleg­te.

Als Lot­te Rayß dem Dich­ter Fried­rich Wolf 1928 in des­sen Pra­xis als „Arzt für Natur­heil­kun­de & Homöo­pa­thie“ begeg­ne­te, war er gera­de nach Stutt­gart umge­zo­gen, des Publi­kums, der Kund­schaft, der Thea­ter, der Biblio­the­ken, der Par­tei und wei­te­rer Grün­de wegen, dar­un­ter, dass sei­ne Frau sich nicht lang­weilt. Die Wolfs waren und wur­den nie arme Leu­te.

Nach meh­re­ren Kran­ken­be­su­chen in der kurz zuvor eröff­ne­ten Pra­xis wur­de die 16-jäh­ri­ge Kunst­stu­den­tin Lot­te Rayß sei­ne Gelieb­te: „Er hat­te die Lie­be zu mei­nem Vater wäh­rend mei­ner gan­zen Kind­heit abge­löst.“ [105] Fried­rich Wolf war zu die­ser Zeit bereits sechs Jah­re mit der Kin­der­gärt­ne­rin Else Wolf (1898–1973; gebo­re­ne Dreib­holz) in zwei­ter Ehe ver­hei­ra­tet. Die­se Ehe hielt ein Leben lang und Else Wolf die Kern­fa­mi­lie zusam­men, was immer auch in sei­nen zahl­rei­chen offe­nen Lie­bes­ver­hält­nis­sen und poli­ti­schen Affä­ren geschah. Sei­ne Frau wuss­te, „dass Du das brauchst“. Wolf besaß für sexu­el­le Aben­teu­er von ihr eine Art „Freibrief“.[Fn 62] Sie selbst hat­te Lot­te Rayß 1928 pro­phe­zeit: „Heu­te sind’s Sie, mor­gen ein ande­res klei­nes Mäd­chen.“

Auch in die­sem soeben ange­führ­ten Bil­lett vom 16. Juli 1932 ging es um Lot­te Rayß, weil Else Wolf fest­stell­te, dass hier wohl mehr gegen­sei­ti­ge Anzie­hung im Spiel war als sonst, vor allem, dass sich eine inten­si­ve Arbeits­be­zie­hung anbahn­te, wie etwa bei den gemein­sa­men Recher­chen zum Stück „Bau­er Baetz“, für das sie zu zweit weit reis­ten. Sie tipp­te das gan­ze Stück in die Schreib­ma­schi­ne, die zu schrei­ben sie extra für ihn erlern­te. „So wur­de ich auch mit dem gesam­ten Text des ‘Bau­ern Baetz’ bekannt. Das Werk war voll­endet. Eine Arbei­ter­lai­en­grup­pe in Rohr­acker, unweit von Stutt­gart, soll­te es auf­füh­ren.“ [96] Wegen die­ser Arbeit tra­fen sie sich täg­lich.

In dem oben genann­ten Brief leg­te Else Wolf bei aller Tole­ranz fest, dass es für sie nie eine „Freund­schaft zu dritt“ geben kön­ne – was dann nach 1933 in Mos­kau trotz­dem ein­trat und viel erklärt im kom­pli­zier­ten Ver­hält­nis der bei­den Frau­en.

Um die dama­li­gen Auf­fas­sun­gen der Wolfs und vie­ler lin­ker Gleich­ge­sinn­ter bes­ser zu ver­ste­hen, ist die Gleich­zei­tig­keit von sich aus­schlie­ßen­den Fami­li­en­bil­dern in der Gesell­schaft zu sehen, zum einen die vor­herr­schen­den kon­ser­va­ti­ven Vor­stel­lun­gen von Ehe, Moral und Sexua­li­tät, wie sie auch Lot­te Rayß zu Hau­se vor­fand; und zum ande­ren die alter­na­ti­ven, sehr frei­zü­gi­gen, lebens­re­for­me­ri­schen Ver­hal­tens­wei­sen, die in eini­gen kom­mu­nis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len­krei­sen gelebt und pro­pa­giert wur­den, von der „sexu­el­len Frei­heit“ über die „Auf­lö­sung der Fami­lie“ und der „Gemein­schafts­er­zie­hung“ der Kin­der bis zur „Ver­ge­sell­schaf­tung der Frau“.

In einer sol­chen „Gemein­de“, der Sied­lung Bar­ken­hoff in Worps­we­de bei Hein­rich Voge­l­er (1872–1942), hat­te Wolf sei­ne spä­te­re Frau Else 1921 ken­nen­ge­lernt und ihr bei­gebracht, dass Kom­mu­nis­ten vor­ur­teils­frei und groß­zü­gig leben, aber dann auch gelernt, dass ein „Kom­mu­nis­mus zu zwei­en“ weni­ger nervt als das Leben in einer Großkommune.[Fn 63] „Sie der Hafen, er der Umge­trie­be­ne, der stets hin­aus­segelt zu ande­ren Ufern – so wird es blei­ben bis zu sei­nem Tod (1953), vor dem er ein hal­bes Jahr vor­her wie­der Vater gewor­den ist – wie im Fall L. und man­ches Mal dazwischen.“[Fn 64]

Gemeint ist Lot­te Rayß. Vor­her zitiert die Autorin aus einem Brief an Else vom 15. April 1932: „Daß ich L. lieb­ge­won­nen habe, hängt zum Teil damit zusam­men …daß ich Dich sehr lieb­ha­be“. Die Autorin Ursu­la Schmidt-Goertz durf­te zu DDR-Zei­ten im Fried­rich-Wolf-Archiv an den Quel­len for­schen. Das Ergeb­nis ist ein im Per­sön­li­chen sehr erhel­len­der, wenn auch etwas zu stark glo­ri­fi­zie­ren­der Auf­satz in einem Hei­mat­ka­len­der über Else Wolf, der aller­dings die poli­ti­schen Dimen­sio­nen ent­we­der nicht erkennt oder nicht dar­legt.

Wolf Jahr 1928 im Zuge sei­ner Über­sied­lung nach Stutt­gart, weni­ge Zeit, bevor er Lot­te Rayß ken­nen­lern­te, der KPD bei­getre­ten und wur­de ein vor­zeig­ba­rer Kom­mu­nist, ein gutes Aus­hän­ge­schild für die Par­tei vor Ort und deutsch­land­weit. Das hat ihm auch geschmei­chelt. Er wur­de par­al­lel dazu Mit­glied des „Bun­des pro­le­ta­risch-revo­lu­tio­nä­rer Schrift­stel­ler“ (BPRS) und ver­fass­te die Streit­schrift „Kunst ist Waffe“.[Fn 65] Die Losung war – ent­ge­gen der Wir­kung des Buches – eher umge­kehrt gedacht: Wolf ver­such­te, den ästhe­tisch wenig geschul­ten Funk­tio­nä­ren der KPD zu erklä­ren, dass Kunst nicht nur eine beson­de­re, son­dern über­haupt eine Waf­fe sein kön­ne. Auch das sehr erfolg­rei­che natur­heil­kund­li­che Volks­buch mit dem Titel „Die Natur als Arzt und Hel­fer“ erschien erst­mals 1928.[Fn 66] Wolf grün­de­te außer­dem die Sek­ti­on Stutt­gart des „Volks-Film­ver­ban­des“.

Zu den poli­ti­schen Ver­wick­lun­gen Wolfs zählt beson­ders sein öffent­li­ches Ein­tre­ten für die Abschaf­fung des Para­gra­phen 218, der Abtrei­bun­gen unter stren­ge Stra­fe stell­te und Ärz­te mit Berufs­ver­bot bedroh­te. Else Kien­le (1900–1970), die eben­falls in Stutt­gart prak­ti­zier­te, wur­de wegen ihres Enga­ge­ments als Sozi­al­me­di­zi­ne­rin und wegen ihres Ein­tre­tens gegen das Abtrei­bungs­ver­bot bekannt.

Am 19. Febru­ar 1931 erging ein Haft­be­fehl gegen sie und Fried­rich Wolf, von dem es inzwi­schen das Stück „Cyan­ka­li. § 218“ und seit Mai 1930 den gleich­na­mi­gen Spiel­film gab. In ihrer Auto­bio­gra­phie berich­tet sie: „Der Zufall woll­te es, dass ich aus­ge­rech­net an die­sem Abend in einem Frei­den­ker­ver­band einen Vor­trag über den § 218 hal­ten muss­te. Ich war gra­de im Begriff, zu die­sem Vor­trag zu gehen, als ich beim Ver­las­sen der Haus­tü­re vom Gar­ten aus die Kri­mi­nal­be­am­ten die Trep­pe her­ab­kom­men sah“.[Fn 67]

Wolf wur­de kurz­zei­tig ver­haf­tet und der gewerbs­mä­ßi­gen Abtrei­bung beschul­digt. Nach Pro­tes­ten kam er frei und sprach im April 1931 im Ber­li­ner Sport­pa­last auf einer Groß­kund­ge­bung. Im Mai des glei­chen Jah­res reis­ten Wolf und Kien­le auf Ein­la­dung sowohl des Ärz­te- als auch des Schrift­stel­ler­ver­ban­des mehr­wö­chig in die Sowjet­uni­on. Es war sei­ne ers­te Fahrt dorthin,[Fn 68] die zwei­te erfolg­te im Oktober/November 1932, unter ande­rem zur Auf­füh­rung von „Matro­sen“ und zum Ple­num des „Inter­na­tio­na­len Arbei­ter-Thea­ter-Bun­des“.

Der­weil ver­trat Lot­te Rayß in Stutt­gart und Umge­bung eini­ge sei­ner künst­le­ri­schen Inter­es­sen. Sie lei­te­te zudem eine Pio­nier­grup­pe der KPD-nahen „Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­hil­fe“ und küm­mer­te sich inten­siv um Wolfs Söh­ne Mar­kus (in der Sowjet­uni­on: „Mischa“) Wolf (1923–2006), den spä­te­ren Chef der DDR-Aus­lands­spio­na­ge, und Kon­rad Wolf (1925–1982), den berühm­ten Film­re­gis­seur und Prä­si­den­ten der Aka­de­mie der Küns­te der DDR von 1965 bis zu sei­nem Tod. „Die bei­den Buben kamen oft zu mir. Wir nah­men dann die Matrat­ze aus mei­nem Bett her­aus, zogen eine Schnur quer durch mein Zim­mer, leg­ten mei­ne Decke dar­über und spiel­ten Cam­ping. Min­des­tens zwei­mal in der Woche ging ich mit Mar­kus und Kon­rad ins Mine­ral­bad ‘Neu­ner’“. [83]

Auch Wolf schick­te sei­ne Kin­der zu den ‘Pio­nier­nach­mit­ta­gen’.“ [84] In der Pio­nier­grup­pe ließ ich „mei­ne Schütz­lin­ge zeich­nen, malen und bas­teln. Wir mach­ten Spie­le, die ich sel­ber meist in Kin­der­fe­ri­en­hei­men ken­nen­ge­lernt hat­te, san­gen Volks­lie­der, die man auch in der Schu­le singt. Pro­le­ta­ri­sche Lie­der kann­te ich nicht. Ich ver­such­te auch, mit den Kin­dern zu musi­zie­ren.“ [84] Eine Instruk­ti­on, was sie tun soll­te, gab es nicht. Lot­te Rayß setz­te ihre Tätig­keit als Pio­nier­lei­te­rin in Bot­nang auch nach dem Ver­bot kom­mu­nis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen nach dem Reichs­tags­brand 1933 fort. Doch wur­den sowohl die Kin­der- wie die Jugend­grup­pen nach und nach durch Aus­schal­tung des Füh­rungs­per­so­nals und durch Ver­rat, Druck und Ver­lo­ckun­gen von den Nazis über­nom­men und in die „Hit­ler-Jugend“ (HJ) über­führt.

Lot­te Rayß war im Zusam­men­hang mit ihrer Pio­nier­lei­ter­tä­tig­keit der „Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­hil­fe“ (IAH) bei­getre­ten. Dort lei­te­te sie nicht nur die Bot­nan­ger Pio­nier­grup­pe, son­dern gehör­te auch einer „Kom­mis­si­on zur Prü­fung der Wohn­ver­hält­nis­se der Arbei­ter“ an. 1931 trat sie dem „Roten Front­kämp­fer­bund“ (RFB) bei, der 1932 reichs­weit ver­bo­ten wurde.[Fn 69]

Vor allem unter­stütz­te sie Fried­rich Wolf in der Direk­ti­on der Thea­ter­grup­pe „Spiel­trupp Süd­west“ bis zu deren Ver­bot 1933. „‘Agit­prop’ … war ein Kunst­wort aus den Wör­tern Agi­ta­ti­on und Pro­pa­gan­da und bezeich­ne­te einen zen­tra­len Begriff der kom­mu­nis­ti­schen poli­ti­schen Wer­bung. … Vom ers­ten bis zum letz­ten Tag des Bestehens der Grup­pe war ich bei jeder Pro­be dabei. … Die Stü­cke, die zur Auf­füh­rung kamen, schrieb Wolf natür­lich selbst: ‘Wie stehn die Fron­ten?’ und ‘Tai Yang erwacht’. Er gab mir für „Tai Yang erwacht“ auch den Auf­trag, die chi­ne­si­schen Mas­ken für die Spie­ler anzu­fer­ti­gen. Ich ent­warf die beschei­de­nen Kos­tü­me, sofern sie für ein Stück nötig waren. Ich lern­te Trom­meln, denn bei den Sprech­chö­ren woll­te Wolf eine rhyth­mi­sche Beglei­tung. Ein Kriegs­ve­te­ran gab mir im Wald Unter­richt.“ [87]

Lot­te Rayß schrieb nun auch ers­te eige­ne Tex­te und Sze­nen und führ­te, so auch bei „Bau­er Baetz“ (Urauf­füh­rung in Rohr­acker am 3. Dezem­ber 1932 durch den Spiel­trupp „Rot Sport“ des dor­ti­gen Tur­ner­bun­des), teil­wei­se Regie. In ihrer Auto­bio­gra­phie gibt sie umfas­send Aus­kunft – immer aus der Sicht einer Fried­rich Wolf lie­ben­den Frau und Muse, die ihm alles abnimmt, was die­sen rast­lo­sen Men­schen beim Arbei­ten stö­ren könnte.[Fn 70]

Nach sei­ner Rück­kehr von der zwei­ten Sowjet­uni­on­rei­se über­schlu­gen sich die Ereig­nis­se. Zum einen wur­den die künst­le­ri­schen Auf­füh­run­gen bedroht, unter­sagt, nur unter Auf­la­gen zuge­las­sen, durch Nazis und Kle­ri­ka­le gestört; und zum ande­ren wur­den die Inhal­te und Dar­stel­lun­gen im Rah­men der radi­ka­len „Ein­heits­front­po­li­tik“ der KPD immer agi­ta­to­ri­scher. Sie folg­ten der Linie der KPD-Füh­rung mit ihrer Front gegen den „Sozi­al­fa­schis­mus“, also die SPD.

Auf dem Weg dahin ver­bün­de­te sich die KPD mit allen, die dem Kapi­ta­lis­mus und dem Bür­ger­tum scha­den könn­ten, weil sie Leid­tra­gen­de der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se sind. Auch Wolf ist hier eins mit sei­ner Par­tei. Schon im Juni 1923 hat­te das IX. Ple­num des „Exe­ku­tiv­ko­mi­tees der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le“ (EKKI) in Sachen „Ein­heits­front­po­li­tik“ vor­ge­ge­ben, die Haupt­auf­ga­be der Kom­mu­nis­ten sei die „Orga­ni­sie­rung der Unorganisierten“.[Fn 71]

1924 spra­chen Sino­wjew und dann wenig spä­ter Sta­lin erst­mals davon, Sozi­al­de­mo­kra­tie und Faschis­mus sei­en „Zwil­lings­brü­der“. In der Aus­for­mung die­ser Poli­tik hin zu einer wei­te­ren Links­wen­dung ab 1928 wuchs aus die­ser The­se, struk­tu­rell bedingt, weil die meis­ten Arbei­ter in sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Gewerk­schaf­ten, Ver­bän­den und Kul­tur­ver­ei­nen orga­ni­siert waren, die Sozi­al­fa­schis­mus­theo­rie. Im Juni 1929, auf dem 12. Par­tei­tag der KPD, und dann im Juli 1929, auf dem 10. Ple­num des EKKI, war dar­aus bereits die kom­mu­nis­ti­sche Grund­wahr­heit gewor­den, in der SPD eine sozi­al­fa­schis­ti­sche Par­tei zu sehen, die gefähr­li­cher sei als die Natio­nal­so­zia­lis­ten.

Die­se Linie trans­por­tier­te auch der. So lau­te­te der Titel sei­nes Auf­tritts­lie­des bezeich­nen­der­wei­se „Klas­se gegen Klas­se“. In der letz­ten Stro­phe hieß es:

Hart ran, Pro­let!
Die Opfer von Noske bis Seve­ring mah­nen:
Her zu uns unter Lenins Fah­nen!
Brecht durch den fau­len Nebel eine Gas­se!
Her zu uns, her zu uns, zur Front der Arbeiterklasse!“[Fn 72]

Sol­chen Ana­ly­sen der Tex­te und ihre Ein­ord­nung in eine Par­tei­po­li­tik stand Lot­te Rayß fern. Für die jun­ge, lie­ben­de Frau war ihr Enga­ge­ment in der Pio­nier­ar­beit und im „Spiel­trupp Süd­west“ wich­tig, „weil ich so in sei­ner Nähe sein, ihn anschau­en konn­te.“ [87] Um umge­kehrt die Anzie­hungs­kraft zu ver­ste­hen, die Lot­te Rayß auf den Mann und Schön­heits­fa­na­ti­ker Fried­rich Wolf aus­üb­te, genü­gen Bli­cke auf dama­li­ge Foto­gra­phi­en von ihr, beson­ders das Por­trät­fo­to, das ihr Gesicht in Licht taucht, dadurch das Pro­fil her­vor­hebt, das auf Wolfs beson­de­ren Wunsch im Juni 1933 her­ge­stellt wur­de und das nun auf dem Cover ihrer Memoi­ren abge­bil­det ist. Da war sie bereits von ihm schwan­ger.

Lot­te Rayß berich­tet in ihren Erin­ne­run­gen vom Ent­ste­hen des Fotos. Das alles spiel­te sich in einem Foto­ate­lier in Stutt­gart ab. Der Foto­graph war Jude. Er flüch­te­te im Herbst 1934. Sein Geschäft wur­de von der SA ver­wüs­tet und von den Nazis aus­ge­raubt. Dabei fiel ihnen wohl das Bild in die Hand. Es wur­de dann Ende 1934 im anti­jü­di­schen Hetz­blatt von Juli­us Strei­cher ver­öf­fent­licht, als Bei­spiel für eine schö­ne deut­sche Frau, ohne Namens­nen­nung. Nicht aus­zu­den­ken, wenn die­ses „Stürmer“-Bild dem NKWD oder spä­ter der Staats­si­cher­heit in die Hän­de gefal­len wäre.

Nach dem Reichs­tags­brand beglei­te­te Lot­te Rayß Fried­rich Wolf am 29. Febru­ar 1933 mit der Eisen­bahn ins Exil. Sie mach­ten zunächst auf einer Berg­hüt­te in Schruns (Vor­arl­berg) Sta­ti­on. „Wolf hat­te im Ruck­sack sei­ne Schreib­ma­schi­ne mit ins Exil genom­men. Er saß in der Ski­hüt­te, schrieb täg­lich an einer Abhand­lung, sei­ne Ein­schät­zung zum Reichs­tags­brand: ‘Der Reichs­tag brennt!’ [Fn 73] Ich war beein­druckt von Wolfs Arbeit, von sei­ner Ein­schät­zung, wozu der Reichs­tags­brand insze­niert wor­den war.“ [105]

Kurz dar­auf kam Else zu uns in die Hüt­te. Wir haus­ten dort nun zu dritt. Ich koch­te für uns. Zum Schla­fen drück­te ich mich ganz hin­ten an die Wand.“ [106] Nach einem bösen Streit mit sei­ner Frau [vgl. S. 106], erklär­te sich Lot­te Rayß zur Ret­tung der Kin­der bereit. Dann reis­te er nach Paris, die Frau zu ihren Eltern und sie zurück nach Stutt­gart, um die Söh­ne Mar­kus und Kon­rad in Sicher­heit zu Bau­ern aufs Land zu brin­gen und sie dort zu betreu­en.

Sie hört von einer dra­ma­ti­schen Geschich­te über einen jüdi­schen Arzt in Deutsch­land und beginnt selbst, an einem Thea­ter­stück zu schrei­ben. „Da war der jüdi­sche Arzt; da war sei­ne ‘ari­sche’ Frau, die ich genau das­sel­be sagen ließ, was Else auf der Schrun­zer Hüt­te zu ihrem Mann gesagt hat­te: ‘Das war mein größ­ter Feh­ler: einen Juden zu hei­ra­ten!’“ [119] Schließ­lich fuhr Fried­rich Wolf mit Lot­te Rayß nach Rap­pers­wil (Zürich­see). Dort eröff­ne­te sie ihm: „‘Wolf ! Ich habe ein Geschenk für dich, eine Über­ra­schung.’ Ich hol­te mein Manu­skript her­vor, gab es ihm. Er las, las noch ein­mal. Inter­es­siert ließ er sich von mir die gan­ze Geschich­te berich­ten, die Geschich­te von die­sem trau­ri­gen Mann und sei­nem bes­ten Freund, dem jüdi­schen Arzt.“ [120]

Sie arbei­te­ten nun gemein­sam an sei­nem Dra­ma „Pro­fes­sor Mam­lock“, das er dann in Frank­reich fer­tig­stell­te, da sein Gast­auf­ent­halts­recht in der Schweiz abge­lau­fen war. Ein dau­ern­des Gast­recht hat­te Wolf mit einer schar­fen Rede für Abtrei­bungs­er­laub­nis­se auch in der Schweiz ver­wirkt.

Lot­te Rayß kehr­te kurz nach Stutt­gart zurück (wo die­ses oben erwähn­te Foto ent­stand) und folg­te ihm dann nach Frank­reich, von wo sie aber von ihm wegen ent­stan­de­ner Pro­ble­me mit Else Wolf abge­scho­ben wird und über Paris und Stutt­gart Auf­nah­me in der Schweiz in der Fami­lie von Wal­ter Strub fin­det, der vie­len deut­schen Emi­gran­ten bei ihrer Flucht vor dem Nazi­re­gime half.

Davor war sie in Stutt­gart vor einer Ver­haf­tung gewarnt wor­den und muss­te nun selbst ins Exil, so dass es sinn­voll ist, den Beginn ihres Exils auf den Juli 1933 fest­zu­le­gen. Dafür spre­chen auch eini­ge Hin­wei­se der Autorin in ihren Memoi­ren.

Auch der akti­ve Bei­trag von Lot­te Rayß im begin­nen­den Wider­stands­kampf gegen die Nazis ist weit­ge­hend uner­forscht und infol­ge­des­sen unge­wür­digt. Im RFB, den sie in den Memoi­ren nicht erwähnt, gab es gewöhn­lich eine Ein­füh­rung in die Unter­grund­ar­beit. Sie nahm im Janu­ar 1933 an einer ille­ga­len Pio­nier­lei­ter­schu­lung im Bock­n­an­ger Wald teil. Lot­te Rayß agier­te nach­weis­lich ihres Rück­keh­rer-Fra­ge­bo­gens mehr­fach im Auf­trag des im Unter­grund täti­gen KPD-Funk­tio­närs Anton Acker­mann (1905–1973; eigent­lich Eugen Hanisch), dem spä­te­ren füh­ren­den SED-Poli­ti­ker (Stich­wor­te: „Grup­pe Acker­mann“ im Mai 1945, „deut­scher Weg zum Sozia­lis­mus“). Sie schmug­gel­te auf gefähr­li­chen Wegen an der deutsch-schwei­ze­ri­schen Gren­ze Geld, Flug­blät­ter und Zei­tun­gen („Süd­deut­sche Arbei­ter­zei­tung“).

Wenn man dies berück­sich­tigt, wird die in den Memoi­ren geschil­der­te, gut vor­be­rei­te­te Akti­on ihrer „Jungs“ als einer anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­grup­pe von Jung­kom­mu­nis­ten, auf dem Schorn­stein der Cann­stadter „Kod­ak-Wer­ke“ eine rote Fah­ne zu his­sen, nach­voll­zieh­bar [vgl. 109 f.]. Von Erfah­run­gen in der Kon­spi­ra­ti­on zeugt vor allem, wie letzt­lich rou­ti­niert sie das ver­teil­te und ver­pack­te Wolf-Archiv in Stutt­gart ein­sam­mel­te und in die Schweiz ver­brach­te.

Das alles wird von der poli­ti­schen Poli­zei nicht unent­deckt geg­lie­ben sein. Belegt wird dies durch die ver­such­te, ansons­ten unüb­li­che direk­te Über­ga­be von Lot­te Rayß und ihrem Neu­ge­bo­re­nen an die Gesta­po durch die Schwei­zer Behör­den in deren Dienst­räu­men, die nur durch ihre Geis­tes­ge­gen­wart schei­tert. „Was ich sah, erfass­te ich sofort: Ein SS-Offi­zier war im Zim­mer! Ent­setzt ergriff ich die Flucht … Vor dem Poli­zei­re­vier stand eine schwar­ze Mer­ce­des-Limou­si­ne. An ihrem Steu­er saß ein zwei­ter SS-Mann, der eine Zei­tung las.“ [156] Von hier an war klar, sie konn­te nicht in der Schweiz bei den Strubs blei­ben.

Wal­ter Strub, ihr Ver­trau­ter in der Schweiz, wur­de 1882 in einer Leh­r­er­fa­mi­lie gebo­ren und starb im Som­mer 1938.[Fn 74] Er ist der Vater von Lot­te Rayß‘ spä­te­rem Ehe­mann Richard Strub. Ein wei­te­rer Sohn, Hei­ri Strub, war ein poli­tisch akti­ver Base­ler Künst­ler, der 2014 im Alter von 97 Jah­ren starb. 1908 hei­ra­te­te der Jurist Wal­ter Strub Mar­grit Saxer, eine Meteo­ro­lo­gin, die 1909 pro­mo­vier­te. Ab 1910 war er kan­to­na­ler Gewer­be­in­spek­tor von Basel-Stadt. In die­ser Funk­ti­on ver­bes­ser­te er die Schwei­zer Arbei­ter­schutz­ge­setz­ge­bung und setz­te sich für die Regle­men­tie­rung der Lehr­lings­aus­bil­dung ein. Von 1910 bis 1919 arbei­te­te er als Zivil­rich­ter, war 1914 bis 1923 und 1938 Base­ler Gross­rat. 1933 wur­de Wal­ter Strub von Regie­rungs­rat Carl Lud­wig offi­zi­ell ver­warnt, weil sei­ne Fami­lie deut­sche Kom­mu­nis­ten beher­berg­te.

Früh war Strub Sozi­al­de­mo­krat gewor­den und hat­te 1921 die „Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei der Schweiz“ mit­ge­grün­det, wor­aus sich für ihn zahl­rei­che beruf­li­che Schwie­rig­kei­ten erga­ben. Weit­ge­hend ihm zuzu­schrei­ben ist das ers­te kan­to­na­le Feri­en­ge­setz von 1931. Im Zusam­men­schluss mit den Gewerk­schaf­ten ver­such­te er, die 48-Stun­den­wo­che mit allen Ver­ord­nun­gen ein­zu­füh­ren. Für die Unter­neh­men war er oft­mals ein „rotes Tuch“, beson­ders weil er eine Fär­be­rei zum Ein­bau teu­rer Ent­lüf­tungs­an­lan­gen zum Schutz der Arbei­ter zwang, nach­dem er per­sön­lich das Raum­kli­ma in den Fabrik­räu­men gemes­sen hat­te.

Die Hil­fe für Fried­rich Wolf und Lot­te Rayß ent­sprang sei­nen poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen und ästhe­ti­schen Nei­gun­gen. So brach­te er in den spä­te­ren 1920er Jah­ren den jun­gen sowje­ti­schen Film nach Basel und bewarb und ver­trieb die Bücher des kom­mu­nis­ti­schen „Malik-Ver­la­ges“ (1916–1947) von John Heart­field (1891–1968). Ein wei­te­res Feld sei­ner Akti­vi­tä­ten war die Ver­brei­tung der Psy­cho­ana­ly­se und ihre Anwen­dung in der Arbei­ter­be­we­gung, wozu er auch publi­zier­te. Die­ses Inter­es­se stell­te bei den Kom­mu­nis­ten eine abso­lu­te Aus­nah­me dar.[Fn 75]

Exil in der Sowjetunion

Am 21. Febru­ar 1934 wur­de in Zürich die mit Fried­rich Wolf gemein­sa­me Toch­ter Lena gebo­ren. Wolf leb­te da schon im sowje­ti­schen Exil. Lot­te Rayß folg­te dem Vater ihres Kin­des am 2. Mai 1934 nach Mos­kau, wur­de im Zug aus­ge­raubt und haus­te mit Lena vier Mona­te lang in den beeng­ten Ver­hält­nis­sen der Zwei­zim­mer­woh­nung der vier­köp­fi­gen Fami­lie Wolf, also mit des­sen Ehe­frau unter einem Dach. Danach ging sie zum Leh­rer­stu­di­um nach Engels – und zwar auf direk­ten Befehl der Krups­ka­ja.

Fremd­ge­hen wur­de in der Par­tei zwar gedul­det, wenn es dis­kret ablief, die Fami­li­en­ver­hält­nis­se als für „in Ord­nung“ und „sau­ber“ ange­se­hen wur­den, vor allem nicht zu erwar­ten war, dass die Ehe­frau sich an die Par­tei wen­det, damit die­se ihre Pro­ble­me löst. Aber jedes Durch­ein­an­der ließ das Anse­hen des „Übel­tä­ters“ rapi­de sin­ken, bot, wie es dann hieß, dem Klas­sen­feind Angriffs­flä­chen, öff­ne­te auch sonst Tür und Tor für Ver­leum­dun­gen.

Das Lie­bes­paar Wolf-Rayß hat­te wohl Angst und bei­de berech­tig­te Sor­gen, dass der bekann­te Dich­ter sein brei­tes Anse­hen in der Sowjet­uni­on ver­lie­ren und sich und sei­ne Freun­de in Gefahr brin­gen könn­te. So hat im kon­kre­ten Fall von Lot­te Rayß wohl die Par­tei- und Staats­macht „vor­sorg­lich“ in Gestalt von Lenins Wit­we ein­ge­grif­fen und den Weg­zug aus Mos­kau ver­an­lasst.

Engels, bis 1931 Pokrowsk, eine ehe­ma­li­ge Kosa­ken­stadt an der Wol­ga, 850 Kilo­me­ter süd­lich von Mos­kau gegen­über Sara­tow im euro­päi­schen Teil Russ­lands gele­gen, war von 1924 bis 1941 die Haupt­stadt der „Auto­no­men Sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­blik der Wol­ga­deut­schen“ (ASSRdWD). Es gab dort das „Deut­sche Staats­thea­ter“ mit 800 Plät­zen, in dem zu die­ser Zeit unter ande­rem Erwin Pis­ca­tor (1893–1966), Bern­hard Reich (1892 [1894?]-1972), Curt Trep­te (1902–1990) und Maxim Val­len­tin (1904–1987) insze­nier­ten und auf­tra­ten. Das Thea­ter wur­de vor allem von deut­schen Lai­en­spiel­zir­keln mit wech­seln­dem Per­so­nal bespielt. Stü­cke von Wolf kamen zur Auf­füh­rung und er öfters nach Engels.

Vor und nach ihrer Tren­nung von Fried­rich Wolf unter­stütz­te Lot­te Rayß die künst­le­ri­sche Arbeit am Thea­ter in Engels. Sie arbei­te­te in einem Ver­lag als Lek­to­rin, wur­de gut bezahlt, konn­te frei­be­ruf­lich hin­zu­ver­die­nen, kauf­te sich ein klei­nes Haus, eher eine Hüt­te nach hie­si­gen Maß­stä­ben. Als Lot­te Rayß in Engels ein­traf, besaß die Stadt ein blü­hen­des Kul­tur­le­ben, das durch die Emi­gran­ten zu einer hohen Blü­te gebracht wur­de.

Im Okto­ber 1935 wur­de in Wol­hy­ni­en (heu­te Ukrai­ne) der gesam­te deut­sche Bezirk Pulin auf­ge­löst. Par­al­lel zur Zwangs­um­sied­lung der Ein­woh­ner 1936 setz­te in der Wol­ga­re­pu­blik ein Rück­gang des Anteils der Deut­schen in den Ver­wal­tun­gen bis auf drei­ßig Pro­zent ein. Im Zusam­men­hang mit dem ers­ten Mos­kau­er Schau­pro­zess im August 1936 setz­ten 1937 auch in Wol­ga­deutsch­land Ter­ror­ak­tio­nen ein.

Im Sep­tem­ber 1937 wur­den die deut­schen Thea­ter­pro­jek­te gestoppt,[Fn 76] und zwar per Ver­wal­tungs­akt, indem „die Ver­trä­ge aller Emi­gran­ten plötz­lich ange­sichts öffent­li­cher Denun­zie­run­gen der Exi­lier­ten als Faschis­ten gelöst wurden“.[Fn 77] Das Kul­tur­le­ben erstarb mehr und mehr. Das wur­de beglei­tet von Ver­leum­dun­gen der deut­schen Emi­gran­ten, sie sei­en ein­ge­reis­te „bour­geoi­se Natio­na­lis­ten“. Wolf kommt im Dezem­ber 1937 unter dem Vor­wand der Abwick­lung von Thea­ter­pro­jek­ten noch ein­mal nach Engels.

In Engels hat­te Lot­te Rayß Ende 1935 den Jour­na­lis­ten Lorenz Lochtho­fen geheiratet,[Fn 78] der für die „Deut­sche Zen­tral­zei­tung“ arbei­te­te. Die Zei­tung erschien von 1927–1939 und war das deut­sche Sprach­rohr der sowje­ti­schen Par­tei- und Staats­füh­rung, brach­te aber auch Arti­kel über das Leben in der Wol­ga­re­pu­blik, wor­aus dann die Repres­sio­nen begrün­det wur­den. Einer der Redak­teu­re war Her­bert Weh­ner unter sei­nem Par­tei­na­men Kurt Funk.

Lot­te Rayß beschreibt die Kul­tur­lo­sig­keit der Ehe­schlie­ßung. Das Ver­fah­ren, auch die Schei­dung, war in der Sowjet­uni­on zu die­ser Zeit eine ein­fa­che Regis­tra­tur. Es gab kein Steu­er­sys­tem, das einen Cen­sus erfor­dert hät­te. Die Frei­heit, eine Ehe zu schlie­ßen oder sich zu tren­nen, hat­te auch sonst kei­ne gro­ße Bedeu­tung, denn es gab kein Sozi­al­sys­tem, das nach Bedürf­tig­keit zu ent­schei­den gehabt hät­te. Wohl­fahrt galt als bür­ger­lich. Die Fami­li­en waren zer­ris­sen. Gefei­ert wur­de nicht, auch nicht im Fall der neu­en Ehe­leu­te Lochtho­ven.

Wer hät­te eine Ritua­li­sie­rung bewerk­stel­li­gen kön­nen oder sol­len, etwa der Staat oder die gar die Par­tei? Die Kir­che war abge­schafft, ohne neue Zere­mo­ni­en ein­zu­füh­ren; die Gebäu­de wur­den zer­stört oder in einen Klub der Werk­tä­ti­gen oder, wie in Mos­kau, in einen Klub der Inva­li­den umge­wan­delt. Die Vil­len der ent­eig­ne­ten und ver­trie­ben Fabri­kan­ten ver­ka­men oder wur­den zu Kul­tur­häu­sern. Frei­den­ker, wie in der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung, gab es nicht. Die ent­spre­chen­de Orga­ni­sa­ti­on in der Sowjet­uni­on hieß „Bund der kämp­fen­den Gottlosen“.[Fn 79]

Spon­ta­ne, pri­va­te Fei­ern stan­den immer unter dem Ver­dacht einer kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Ver­ab­re­dung, regio­na­le Bräu­che unter dem Vor­wurf des Aber­glau­bens oder des anti­so­wje­ti­schen Natio­na­lis­mus. So wur­de auch kein neu­er Erden­bü­ger fei­er­lich begrüßt oder ein Gestor­be­ner in Gemein­schaft ver­ab­schie­det – schon gar nicht in den Lagern.

Für den Hoch­zeits­tag lie­ßen wir uns von unse­ren Arbeits­stel­len eine Stun­de frü­her frei­ge­ben. … Wir tra­fen uns …, um gemein­sam zum Amt zu gehen, das Ehen regis­trier­te. Fan­den auch das ent­spre­chen­de Hin­weis­schild, klopf­ten an die Tür. Eine in der Tür befind­li­che Klap­pe wur­de nach innen her­ab­ge­las­sen. Im Zim­mer war eine Beam­tin zu sehen, die unse­re Bit­te ent­ge­gen­nahm. Wir reich­ten der Beam­tin unse­re Päs­se. Kur­ze Zeit dar­auf erhiel­ten wir unse­re Hei­rats­ur­kun­de. Die Klap­pe wur­de wie­der geschlos­sen. Wir waren ver­hei­ra­tet. … Ehe­rin­ge gab es nicht. Sogar den obli­ga­to­ri­schen Kuss ver­gaß Lorenz. Denn er war in Eile, war Mit­glied der KPdSU, muss­te zu einer Par­tei­ver­samm­lung.“ [203]

Die Ehe mit Lochtho­fen war lei­den­schaft­lich, die Memoi­ren zeu­gen davon. Sie lei­det aber schnell an den schwie­ri­gen Umstän­den. „Inzwi­schen war jedoch eine Zeit ange­bro­chen, die uns ängs­tig­te. Wir hör­ten von Ver­haf­tun­gen, hör­ten dabei Namen von Emi­gran­ten, die wir aller­dings nicht näher kann­ten. Wir frag­ten uns, war­um sie sich schul­dig gemacht hat­ten und was sie getan hat­ten. Dann hör­ten wir etwas Unge­heu­er­li­ches: Der Deutsch­ame­ri­ka­ner, der all sein Eigen­tum in den USA ver­kauft hat­te und der aus Idea­lis­mus mit sei­nen Freun­den hier­her­ge­kom­men war, um den Sozia­lis­mus mit auf­zu­bau­en, war ver­haf­tet wor­den.“ [209]

Der Kreis schloss sich und die Schlin­ge um die klei­ne Fami­lie zog sich immer enger zusam­men. „Dann hör­ten wir von ‘Sip­pen­haft’ bei den Ver­haf­tun­gen. Das beun­ru­hig­te uns noch mehr. Wir über­leg­ten gemein­sam, dach­ten uns eine Mög­lich­keit aus, wie wir der Ver­haf­tungs­ge­fahr aus dem Weg gehen könn­ten. Lorenz und ich beschlos­sen, uns schei­den zu las­sen. Nur pro For­ma und haupt­säch­lich, damit bei Ver­haf­tun­gen die Gefahr der „Sip­pen­haft“ an den bei­den Kin­dern vor­bei­geht“. [209]

Lorenz Lochtho­fen und Lot­te Rayß lie­ßen sich im Früh­jahr 1937 schei­den, „ein Trick“, der sich als Irr­tum erweist, da auch geschie­de­ne Ehe­leu­te von der Sip­pen­haft betrof­fen sind. Am 19. Juli 1937 war dem geschie­de­nen Paar Laris­sa gebo­ren wor­den, die zwei­te Toch­ter von Lot­te Rayß.

Die „Sip­pen­haft“ war kein Geheim­nis, son­dern auf allen Ebe­nen des Ter­rors gegen­wär­tig. Das Polit­bü­ro hat­te ihre Anwen­dung am 5. Juli 1937 beschlos­sen. Danach soll­ten alle Ehe­frau­en über­führ­ter Vater­lands­ver­rä­ter und trotz­kis­ti­scher Spio­ne in einem Lager für die Dau­er von min­des­tens fünf bis acht Jah­ren inhaf­tiert wer­den. Deren Kin­der waren in Kin­der­hei­men und geschlos­se­nen Inter­na­ten unter­zu­brin­gen.
Sta­lin beton­te im engs­ten Füh­rungs­zir­kel von Par­tei und Kom­in­tern die kon­se­quen­te Anwen­dung die­ses Vor­ge­hens in einem Trink­spruch beim Emp­fang am 7. Novem­ber 1937 anläss­lich des 20. Jah­res­ta­ges der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on:

Und wir wer­den jeden die­ser Fein­de ver­nich­ten, sei er auch ein alter Bol­sche­wik, wir wer­den sei­ne Sip­pe, sei­ne Fami­lie kom­plett ver­nich­ten.

Jeden, der mit sei­nen Taten und in Gedan­ken einen Anschlag auf die Ein­heit des sozia­lis­ti­schen Staa­tes unter­nimmt, wer­den wir erbar­mungs­los ver­nich­ten.

Auf die Ver­nich­tung aller Fein­de, ihrer selbst, ihrer Sip­pe – bis zum Ende!

(Zustim­men­de Aus­ru­fe: Auf den gro­ßen Stalin!)“[Fn 80]

Opfer des „Großen Terrors“

Ich kam als Gast in euer Land gereist
Und sah des Schaf­fens Glück in eue­ren Zonen.
Ich sah die fro­he Arbeit von Mil­lio­nen
Geführt von Sta­lins Kraft und Lenins Geist.
Ich kam als Gast in euer Land gereist.
Dann mach­te mich ein Richt­spruch zum Spio­nen
Und Frau und Kind ver­wit­wet und ver­waist.
Vie­le Jah­re schon das man mich Häft­ling heißt.
Und grau­sam zwingt wie ein Vieh zu fro­nen
Und wie ein Vieh und unter Vieh zu woh­nen“.

Die Ver­se, eine Zei­le gibt dem vor­lie­gen­den Auf­satz den Titel, stam­men aus einem Gedicht des Poli­temi­gran­ten Wolf­gang Duncker (1909–1942). Es ent­stand zwi­schen 1938 und 1940 im Gulag Lok­tschim­lag (Pes­mog, Komi ASSR), den er nicht über­leb­te. Sei­ne Mut­ter war die kom­mu­nis­ti­sche Bil­dungs­ex­per­tin Käte Duncker (1871–1953), damals in der „West­emi­gra­ti­on“, wie es spä­ter in der DDR hieß, durch­aus von den „Mos­ko­wi­tern“ ver­ächt­lich gemeint.

Die Dich­tung wur­de im März 1956 von dem im Lager mit­ge­fan­ge­nen Öster­rei­cher Josef Freund per Brief an den betag­ten Vater Her­mann Duncker (1874–1960) geschickt, einen Mit­be­grün­der der KPD.[Fn 81] Er leb­te zu die­sem Zeit­punkt hoch­be­tagt und wohl­ge­ehrt in der DDR.

Der hier zitier­te Aus­zug des Kla­ge­ge­sangs lei­tet über zu den Memoi­ren von Lot­te Rayß nach der „schö­nen Zeit“. Der ers­te Satz des Gedichts lau­tet: „Das hät­te mei­ne Mut­ter nie gedacht“. Das war kei­ne Fest­stel­lung, son­dern eine Kla­ge, die auch von Lot­te Rayß stam­men könn­te, trotz ihrer mit­leid­erre­gen­den Kind­heit, aber in guter Erin­ne­rung an die not­ge­drun­ge­ne Hil­fe, die ihr bei der Ret­tung des Wolf-Archiv von der Fami­lie Zuteil wur­de.

Lorenz Lochtho­fen, ihr geschie­de­ner Ehe­mann, wur­de am 31. Okto­ber 1937 ver­haf­tet, einen Tag nach sei­nem drei­ßigs­ten Geburts­tag. Fried­rich Wolf ist nach die­sem Ereig­nis gera­de in Engels. Folgt man den Erin­ne­run­gen von Lot­te Rayß, gin­gen ihnen bereits Bekann­te auf der Stra­ße aus dem Weg. Im Dezem­ber kam Wolf, wie schon erwähnt, noch ein­mal kurz nach Engels. Er infor­mier­te Lot­te Rayß über sei­ne bevor­ste­hen­de Aus­rei­se nach Spa­ni­en. [Fn 82]

Lochtho­fen wur­de zu acht Jah­ren Zwangs­ar­beit ver­ur­teilt und nach Worku­ta ver­bracht. Nach der Haft setz­te er sei­ne Arbeit im Lager als Ver­bann­ter fort, aller­dings nun mit all den sowjet­rus­si­schen „Pri­vi­le­gi­en“ eines Chef-Mecha­ni­kers. Im Lager wur­de ihm eine gefälsch­te Urkun­de über den Tod sei­ner ehe­ma­li­gen Ehe­frau über­ge­ben. Er schreibt einen Trau­er­brief an die Wolfs, die weder ihn über die­se Lüge auf­klä­ren, noch Lot­te Rayß infor­mie­ren, dass ihr Lebens­ge­fähr­te lebt und wo er ist, trotz bestehen­den Kon­takts zu bei­den, ent­ge­gen der Ver­ein­ba­rung und trotz Nach­fra­ge.

Lochtho­fen hei­ra­te­te in der Ver­ban­nung eine Rus­sin und hat­te mit ihr zwei Kin­der. 1957, zurück in Ber­lin, unter­hielt er guten Kon­takt zu Lot­te Rayß. Ihm gelang in der DDR ab 1961 als Werk­lei­ter eine Kar­rie­re und schaff­te es bis ins ZK der SED. Die Erin­ne­run­gen schil­dern die beklem­men­de Wie­der­be­geg­nung der bei­den ver­lo­re­nen Men­schen.

Lochtho­fens Sohn Ser­gej frag­te sich vie­le Jah­re spä­ter, war­um der Vater über­leb­te. Die Ant­wort ist erhel­lend und lei­tet in das nächs­te Lebens­ka­pi­tel von Lot­te Rayß über: „Wie jeder Betrieb im Sozia­lis­mus muss­te der Gulag den Plan erfül­len, nicht nur an Toten, auch an Ton­nen Stahl und Koh­le. Wenn der NKWD ver­sag­te, dann waren die Lager­chefs selbst dran. Als Jour­na­list wäre der Vater an den Ent­beh­run­gen wie vie­le ande­re in der Tun­dra kre­piert, als erfah­re­ner Mecha­ni­ker wur­de er in Worku­ta gebraucht.“[Fn 83]

Für Lot­te Rayß ist Glei­ches zu kon­sta­tie­ren. Ihre Anpas­sungs­fä­hig­keit und ihr Geschick wur­den vorn bereits erwähnt. Auch sie kam immer wie­der in Situa­tio­nen, da war sie „ein Vieh und unter Vieh“, wie es im obi­gen Gedicht steht. Sie über­leb­te, oft zufäl­lig, aber vor allem, weil sie gut arbei­te­te, sich füg­te, anpass­te, qua­li­fi­zier­te, nichts her­um­tratsch­te und so in ver­schie­de­nen Beru­fen auf nie­de­re wie „geho­be­ne“ Stel­len kam: Rech­nungs­füh­re­rin, Getrei­de­la­bo­ran­tin, Trak­to­ris­tin, Geburts­hel­fe­rin in der Schaf­zucht (März 1943-März 1945), Gar­ten- und Zie­ge­lei­ar­bei­te­rin (März 1945-Mai 1947), dazwi­schen Buch­hal­te­rin, Töp­fe­rin, letzt­lich sechs Jah­re Ver­wal­tungs- bzw. Wirt­schafts­schwes­ter im Kran­ken­haus und in der letz­te­ren Tätig­keit dort auch als Freie – aber „Ver­bann­te“ – beschäf­tigt (Juni 1948-Sep­tem­ber 1954).

Sie lern­te, dass plötz­li­che Ver­set­zun­gen in ande­re Lag­punk­te zum Sys­tem gehö­ren, um jede Soli­da­ri­tät im Keim zu ersti­cken; dass man jeder­zeit, auch im Lager, wie­der ver­haf­tet wer­den kann (was ihr im Herbst 1941 wäh­rend des Vor­mar­sches der deut­schen Wehr­macht tat­säch­lich wider­fährt); dass Ver­ur­tei­lun­gen zu „nur“ fünf (statt wie üblich zehn) Jah­ren Arbeits­la­ger vor Ort Posi­tio­nen erlau­ben, die sonst nur Kri­mi­nel­len vor­be­hal­ten sind, die zu den „Lager­eli­ten“ gehö­ren.

Die Poli­ti­schen, die „58er“, gel­ten als die schlim­me­ren Ver­bre­cher, die „Zehn­jäh­ri­gen“, zumal Frau­en, bil­den die unters­te Grup­pe der Lager­hier­ar­chie. Tie­fer ste­hen nur die Arbeits­un­fä­hi­gen. Sie vege­tie­ren auf dem nack­ten Fuß­bo­den und bekom­men nur eine Hun­ger­ra­ti­on Essen zuge­teilt. Weil Hoch­schwan­ge­re nicht mehr arbei­ten dür­fen („Frau­en­schutz“ als zyni­sches Prin­zip) geriet auch Lot­te Rayß ins Lager­p­re­ka­ri­at. Durch­gän­gig galt im sowje­ti­schen Sys­tem in und außer­halb der Lager die ver­ball­horn­te Losung der Arbei­ter­be­we­gung: „Wer nicht arbei­tet, soll auch nicht essen.“[Fn 84]

Ich arbei­te­te nicht, also galt das unge­schrie­be­ne Lager­ge­setz, wer nicht arbei­tet, hat kein Recht auf einen Schlaf­platz auf der Prit­sche. Man wies mir unter einer Ein­zel­prit­sche an der Wand zwi­schen zwei Fens­tern mei­nen Schlaf­platz zu. Am Tag durf­te ich auf mei­nem Bün­del an die Wand gelehnt hocken.“ [429]

Die Schwan­ger­schaft selbst war gewollt und der – letzt­lich durch aller­lei Zufäl­le geglück­te – Ver­such, die Lager­haft zu been­den und sich selbst durch die Pfle­ge des Kin­des einen Lebens­sinn zu geben. Denn die Zeit der Lager­haft von Lot­te Rayß hat­te schon lan­ge die ursprüng­lich fünf ver­häng­ten Jah­re über­schrit­ten. In den Kriegs­jah­ren wur­den aber gene­rell kei­ne Deut­schen ent­las­sen, son­dern die Ver­weil­dau­er ein­fach ver­län­gert.

Als sie die Nach­richt erreich­te, dass Fried­rich Wolfs nach Ber­lin abge­reist sei und er – angeb­lich – die gemein­sa­me Toch­ter Lena mit­ge­nom­men habe, brach sie psy­chisch zusam­men. Eine Mit­ge­fan­ge­ne ver­hin­der­te den Sui­zid. Sie mun­ter­te Lot­te auf, indem sie ihr vor­schlug, sich noch ein Kind anzu­schaf­fen. Das war ein schwa­cher Trost, aber eine Hoff­nung auf Ret­tung durch Ver­ant­wor­tung. Der Grund Ent­las­sung aus dem Lager in die Ver­ban­nung 1946 war nicht Men­schen­freund­lich­keit gegen­über einer Mut­ter, ihrem Kind oder gar eine Inter­ven­ti­on von Fried­rich Wolf, son­dern ganz prag­ma­ti­scher Art: Frau­en mit Klein­kin­dern stör­ten das Lager­re­gime und erin­ner­ten die ande­ren Frau­en an ihren mög­li­chen Wunsch, auch ein­mal in Frei­heit zu kom­men und Mut­ter zu wer­den.

Als ich aus dem Kran­ken­haus ent­las­sen war, das Kind auf dem Arm, führ­te man mich zu einem zwei­stö­cki­gen Gebäu­de, um mein Ent­las­sungs­pa­pier und den Geburts­schein mei­nes Kin­des zu erhal­ten. Ich stand mit Kolen­ka vor dem Schreib­tisch. Erst ließ er mich war­ten, ein Mili­tär in stram­mer Uni­form. Schließ­lich nahm er die Papie­re für mich in die Hand, schnauz­te mich an: „Das Kind! Das Kind war ein ganz gro­ßer Feh­ler. Das hät­te nicht pas­sie­ren dür­fen. Wir hät­ten Sie nie mehr frei­ge­las­sen!“ Ich spür­te, ich war kei­ne Gefan­ge­ne mehr. Immer­hin, wenn auch sehr grob, hat­te er mich mit ‘Sie’ ange­re­det. Die Papie­re knall­te er vor mir auf den Tisch. Ich konn­te gehen.“ [436 f.]

Der Gulag

Das Wort „Gulag“ wird in den Erin­ne­run­gen von Lot­te Rayß erst am Ende des Buches von ihr selbst benutzt, als sie, schon in Ber­lin, Besuch von ihrer Mut­ter aus dem Wes­ten und Nach­richt über Lorenz Lochtho­fen erhält. Es gab die­ses Wort in der DDR-Spra­che nie offi­zi­ell. Auch die Rück­keh­rer lern­ten es in der Regel danach. Sie hat­ten in ihren Sta­tio­nen logi­scher­wei­se kei­nen Ein­blick in das Sys­tem. Sie kann­ten nur „Lag­punk­te“, höchs­ten­falls deren Zen­tra­len, z.B. Dolin­ka, wie in die­sen Memoi­ren. Aber sie ahn­ten den über­grei­fen­den Appa­rat.

Der juris­ti­sche Kern des Sys­tems „Gulag“ geht auf Arti­kel 58 des Straf­ge­setz­bu­ches der „Rus­si­schen Sozia­lis­ti­schen Föde­ra­ti­ven Sowjet­re­pu­blik“ zurück. Er wur­de am 25. Febru­ar 1927 erlas­sen und mehr­fach ver­schärft, beson­ders nach dem Atten­tat auf den Lenin­gra­der Par­tei­chef Ser­gej Kirow 1934. Er blieb bis 1959 in Kraft.

Die „58er“ waren schul­dig des Vater­lands­ver­rats und/oder der Spio­na­ge, des bewaff­ne­ten Auf­stands und/oder sei­ner Vor­be­rei­tung, ver­däch­tig, ter­ro­ris­ti­sche Hand­lun­gen zu bege­hen und/oder kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Absich­ten [sic] zu hegen, pro­pa­gan­dis­tisch oder orga­ni­sa­to­risch Sabo­ta­ge aus­ge­übt oder geplant und/oder ent­spre­chen­de Absich­ten, von denen man Kennt­nis erhält (oder Kennt­nis erlangt haben könn­te!), nicht ange­zeigt zu haben. Der „58er“ war ein Gum­mi­pa­ra­graph. Er pass­te letzt­lich immer, wenn der Geheim­dienst es woll­te, ob mit erzwun­ge­nem Geständ­nis oder ohne.

Als poli­ti­sche Repres­si­ons­maß­nah­me besitzt die Ver­ban­nung nach Sibi­ri­en in Ruß­land eine lan­ge Geschich­te schon in der Zaren­zeit. Wäh­rend des Bür­ger­krie­ges in Russ­land (1918–1922) griff Lenin im August 1918 die aus dem Zwei­ten Buren­krieg (1899–1902) stam­men­de Idee der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger auf und for­der­te im Zusam­men­hang mit der Grün­dung der Geheim­po­li­zei „Tsche­ka“ einen „Roten Ter­ror“ gegen feind­li­che Armee­an­ge­hö­ri­ge, Kula­ken, Popen und zwie­lich­ti­ge Elemente.[Fn 85]

Par­al­lel dazu führ­te die Sowjet­uni­on ab 1922 für „Aso­zia­le“ und Kri­mi­nel­le „Bes­se­rungs­la­ger“ ein, in denen die­se durch Inter­nie­rung und bezahl­te [!] Arbeit erzo­gen wer­den soll­ten. Aus der Ver­mi­schung bei­der Maß­mah­men und ihrer ver­wal­tungs­mä­ßi­gen Bün­de­lung ent­stand nach eini­gen regio­na­len Ver­su­chen (Solo­wez­ki-Inseln) vor allem ab 1929 der „Gulag“, die Lager der Zwangs­ar­beit.

Die­sem rasan­ten Wan­del lag die Pra­xis der „Mili­ta­ri­sie­rung der Arbeit“ und der Schaf­fung von „Arbeits­ar­me­en“ zugrun­de. Sie hat­ten sich zwar als inef­fek­tiv erwie­sen, aber eine freie Lohn­ar­beit galt bei den Bol­schew­ki als Kapi­ta­lis­mus. Sie waren gelei­tet von einem Gleich­heits­ide­al, dass sich aber nur auf nied­rigs­tem Niveau bewerk­stel­li­gen ließ. Damit fie­len Anrei­ze zur Mehr­ar­beit, über­haupt zur „Arbei­ter­ar­beit“ weg. Zudem waren durch ihre eige­nen Maß­nah­men, durch Hun­ger in den Städ­ten, durch den Bür­ger­krieg usw. ein über­gro­ßer Anteil der Arbei­ter zu ihren Fami­li­en auf das Land zurück­ge­kehrt. Die spä­te­ren Repres­sio­nen gegen die Bau­ern­schaft brach­ten die Geflo­he­nen, nun Ver­trie­be­ne, auch nicht zurück.

So blieb die Idee viru­lent, auch in der kur­zen Zeit der „Neu­en Öko­no­mi­schen Poli­tik“, die Scha­che­rei und Betrü­ge­rei­en unter den gege­be­nen rus­si­schen Bedin­gun­gen begüns­tig­te. Das Kon­zept geht auf Leo Trotz­ki (1879–1940) zurück.[Fn 86] Die Prin­zi­pi­en der Kriegs­wirt­schaft von 1918 bis 1921 wur­den auf Druck der „Roten Armee“, die bis 1925 unter Trotz­kis Füh­rung stand, wei­ter aus­ge­baut. Sie basier­ten auf der gesetz­li­chen „Arbeits­pflicht“ und der unbe­ding­ten Orts­bin­dung der Arbei­ter.

Eini­ge Ele­men­te der Arbeits­ar­me­en blie­ben damit erhal­ten, aber For­men der Kaser­nie­rung, Uni­for­mie­rung und kol­lek­ti­ven Bekös­ti­gung fie­len weg, auch wenn Letz­te­res in den meis­ten Fabri­ken bei­be­hal­ten wur­de. Die­se Locke­run­gen führ­ten, so selt­sam dies klin­gen mag, zu Ein­spa­run­gen. Um die Flucht der Arbei­ter zurück auf die Dör­fer zu ver­hin­dern, wur­den aber die Päs­se ein­ge­zo­gen und die Eisen­bahn­ver­bin­dun­gen der Ober­auf­sicht der Geheim­po­li­zei unter­wor­fen. Fahr­kar­ten waren sowie­so Rari­tä­ten. Hin­zu kam ein wuchern­des Bestechungs­re­gime.

Ging es zunächst um zeit­wei­li­ge, begrenz­te Repres­sa­li­en gegen die „Fau­len­zer, Lie­der­li­chen und Des­or­ga­ni­sa­to­ren“, erkann­ten Trotz­ki und Sta­lin, da die „Neue Öko­no­mi­sche Poli­tik“ Lenins nicht funk­tio­nier­te, dass das außer­ge­wöhn­li­che Mit­tel der Revo­lu­ti­ons­zeit, der „Kriegs­kom­mu­nis­mus“, all­ge­mein gesetzt und auf Dau­er gestellt wer­den soll­te. Trotz­kis Devi­se, „Repres­sa­li­en zur Errei­chung wirt­schaft­li­cher Zie­le sind ein not­wen­di­ges Werk­zeug der sozia­lis­ti­schen Diktatur“,[Fn 87] wur­de dann nach Aus­schal­tung Trotz­kis 1926 unter Sta­lin zu einem übli­chen Instru­ment – und ab 1927 (Ver­ab­schie­dung Arti­kel 58) ver­stärkt auf poli­ti­sche Delik­te aus­ge­dehnt, die zudem will­kür­lich erfun­den wur­den.

1929, mit dem ers­ten Fünf­jah­res­plan, führ­te die Par­tei­füh­rung um Sta­lin Zwangs­ar­beit im gro­ßen Stil ein. Man begann, eine Mil­lio­nen­ar­mee von Arbeits­skla­ven zu orga­ni­sie­ren und zwar nicht mehr wie in den Anfän­gen unter Trotz­ki durch das Mili­tär, son­dern durch den Geheim­dienst (NKWD), der sich Schritt für Schritt und ab 1934 per Gesetz zu einer all­ge­mei­nen Poli­zei mit Jus­tiz­voll­mach­ten entwickelte.[Fn 88]

Die Zwangs­ar­beit erfass­te alle Berei­che und die Gulags waren in sich geschlos­se­ne Regel­krei­se mit einer wirt­schaft­li­chen Haupt­auf­ga­be. Bei Lot­te Rayß ist es die Land­wirt­schaft. Solan­ge der „Real­so­zia­lis­mus“ exis­tier­te, bis 1990, war nicht nur der „Gro­ße Ter­ror“ 1937/1938 ein gro­ßes Geheim­nis, son­dern die gesam­te öko­no­mi­sche Ord­nung zwi­schen 1927 und 1959.

Lot­te Rayß hät­te auch in ein Berg­werk unter Tage geschickt wer­den kön­nen oder an den nörd­li­chen Polar­kreis – wohin man kam, das war Zufall.[Fn 89] Über­all herrsch­te im Gulag das Prin­zip der Leis­tungs­er­pres­sung: „Der Hun­ger der Gefan­ge­nen … hier die Peit­sche zur höhe­ren Leis­tung.“ [293] Das Ver­fah­ren war zwar kei­ne „Ver­nich­tung durch Arbeit“, aber ein Men­schen­le­ben war nichts wert und der Tod im Lager – auch durch Arbeit – wur­de rück­sichts­los in Kauf genom­men.

A und O im Kar­lag, das war das Brot. Wur­de die Arbeits­norm, will­kür­lich von den Zustän­di­gen fest­ge­legt, erfüllt, so bekam man fünf­hun­dert Gramm Brot, eine Hir­se-Was­ser­sup­pe am Mor­gen, eine Sauer­kohl­sup­pe am Mit­tag plus zwei Ess­löf­fel reich­lich flüs­si­ger Getrei­de­grüt­ze und am Abend noch­mals den hal­ben Liter Hir­se­sup­pe. Das Brot war eigent­lich die ein­zi­ge sät­ti­gen­de Nah­rungs­quel­le. Da die Gefan­ge­nen aus Hun­ger stän­dig bestrebt waren, die Norm über­zu­er­fül­len, was mit einer Brot­zu­la­ge belohnt wur­de, gelang es, mit die­sem hung­ri­gen Magen das Letz­te an Leis­tung her­aus­zu­ho­len.“ [292 f.]

Als ab 1954 lang­sam die Rück­kehr nach Deutsch­land ein­setz­te, blieb das Sys­tem ver­hüllt. Auch Lot­te Rayß erfuhr dann, dass man all­ge­mein annimmt, in der Sowjet­uni­on sei alles mit rech­ten Din­gen zuge­gan­gen nach dem Motto: Etwas wird schon dran gewe­sen sein. Die Remi­gran­ten schrie­ben in ihre Fra­ge­bö­gen ste­reo­typ die zunächst beschö­ni­gen­de, aber im Nach­hin­ein betrach­tet eine die Wahr­heit ent­hül­len­de Bezeich­nung. Sie gaben an, in die­ser Zeit „in der „sowjetischen/sozialistischen“ Wirt­schaft (es folg­te der öko­no­mi­sche Bereich; bei Lot­te Rayß: Land­wirt­schaft, dann Gesund­heits­we­sen) „gear­bei­tet“ zu haben.

Je mehr seit den spä­ten 1970ern For­schun­gen zum Gulag statt­fan­den und inten­si­ve Detail­stu­di­en neue Befun­de her­vor­brach­ten, des­to grö­ßer wur­de die Zahl der nach­weis­lich Inter­nier­ten, Ver­bann­ten und Toten zwi­schen 1929 und Sta­lins Tod 1953, wobei die gro­ße Lager­ver­wal­tung erst im Mai 1956 ende­te.

Ging man in den 1980er Jah­ren noch von etwa 15 Mil­lio­nen Depor­tier­ten aus, so bezif­fert Anne App­le­baum (Jg. 1964) in ihrem Buch „Der Gulag“, dass etwa 18 Mil­lio­nen Men­schen die­ses gewal­ti­ge Sys­tem durch­lau­fen haben.[Fn 90] Man schätzt, dass davon unge­fähr jeder Fünf­te zu Tode kam – und man hat errech­net, dass „min­des­tens drei bis vier Mil­lio­nen Frau­en und Mäd­chen“ im Gulag waren.[Fn 91]

Der Öffent­lich­keit und auch den Kri­ti­kern der Mos­kau­er Pro­zes­se blieb die­ser sozi­al­öko­no­mi­sche Vor­gang der enor­men Umor­ga­ni­sa­ti­on der Gesell­schaft zur Zwangs­ar­beit weit­ge­hend ver­bor­gen, obwohl ihn Karl Kaut­sky bereits 1921 in sei­ner Ent­geg­nung auf Trotz­ki in der dem Pro­zess inne­woh­nen­den Ten­denz aufdeckte.[Fn 92] Den Zeit­ge­nos­sen der Schau­pro­zes­se, mit dem Faschis­mus in Euro­pa kon­fron­tiert, erschie­nen die Gescheh­nis­se in der Sowjet­uni­on ent­we­der als irgend­wie „ehren­vol­le“ Hand­lun­gen unter Revo­lu­tio­nä­ren oder als Abrech­nung Sta­lins mit sei­nen poli­ti­schen Widersachern.[Fn 93] Dabei ging es gar nicht um „Parteirichtungen“.[Fn 94] Das war die Fas­sa­de. Und es ging nur sehr vor­der­grün­dig um die viel beschwo­re­ne Abrech­nung mit den Kampf­ge­fähr­ten Lenins – obwohl sie selbst­ver­ständ­lich radi­kal stat­fand.

Sicher, ers­tens ging es dar­um, dass der „Ter­ror als Mit­tel einer neu­ar­ti­gen Herr­schafts­for­mie­rung fun­gier­te, … einer in den zwan­zi­ger Jah­ren auf­kom­men­den neu­ar­ti­gen, büro­kra­ti­schen Herr­schafts­kas­te.“

Zwei­tens dien­te der Ter­ror gegen „Sün­den­bö­cke“ der neu­en Ver­wal­tungs­eli­te als Erklä­rung und Ven­til der „sozi­al­ge­schicht­li­chen Fol­gen einer als Schock-Stra­te­gie erfah­re­nen Indus­tria­li­sie­rung und Kol­lek­ti­vie­rung … einer ato­mi­sier­ten, ent­mün­dig­ten und phy­sisch bedroh­ten Bevölkerung“.[Fn 95]

Drit­tens hat­te die Gewalt in der Per­son Sta­lin sicher den Haupt­ak­teur, der es zudem ver­stand, den Exzes­sen einen „höhe­ren Zweck“ zu ver­lei­hen, bis das nicht mehr nötig ist: „Die dau­er­haf­te Andro­hung und Aus­übung von Gewalt ver­än­der­te den mora­li­schen Refe­renz­rah­men und gewöhn­te Opfer wie Täter an ein Leben mit der Gewalt. Im Cha­os der kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren Kam­pa­gnen, der Kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft und der Indus­tria­li­sie­rung ließ sich jede Gewalt­tat unter Beru­fung auf höhe­re Zwe­cke und Idea­le recht­fer­ti­gen. Irgend­wann brauch­te aber selbst Sta­lin kei­ne Begrün­dung mehr“.[Fn 96]

Doch was waren die tie­fe­ren Trieb­kräf­te? Die Befun­de der letz­ten Jah­re legen ein grau­sa­me­res, für die Betrof­fe­nen wenig tröst­li­ches Urteil nahe: Es ent­stand ein sich selbst repro­du­zie­ren­des, immer wei­ter vor­wärts­trei­ben­des Sys­tem ohne inne­re Hemm­schwel­len, in dem die han­deln­den Per­so­nen heu­te Täter, mor­gen Opfer sein konn­ten.

Wenn man Mil­lio­nen Men­schen des Vol­kes erschießt, zwangs­um­sie­delt oder ver­hun­gern lässt, um noch mehr Mil­lio­nen Men­schen in die Zwangs­ar­beit zu pres­sen und um wei­te­re Mil­lio­nen „frei­er“ Arbei­ter und „Kol­chos­bau­ern“ zu dis­zi­pli­nie­ren; wenn dies statt­fin­det in letzt­lich irra­tio­na­len, jeden­falls will­kür­li­chen Aus­le­sen, in denen mil­lio­nen­fach vor­ab Ent­schei­dun­gen der regio­na­len „Troi­kas“ (wie die Schnell­ge­rich­te hie­ßen; oder „Dwoi­kas“ oder die „Album­me­tho­de“) oder ande­rer Gerichts­bar­kei­ten oder „Unter­su­chungs­or­ga­ne“ fest­ste­hen, die über Umsied­lun­gen, Ver­ban­nun­gen, Arbeits­la­ger oder Todes­ur­tei­le von Mil­lio­nen Men­schen befin­den im Hand­um­dre­hen – dann kann man die­ses Vor­ge­hen nicht auf die da unten beschrän­ken, son­dern man muss – eben­so unlo­gisch, aber auf dem Hin­ter­grund der Sta­bi­li­tät der Herr­schafts­py­ra­mi­de ange­zeigt – auf jeder Stu­fe von Gesell­schaft, Par­tei und Ver­wal­tung „säu­bern“ – und so auch fes­te Kon­tin­gen­te in den Eli­ten erschie­ßen oder in den Gulag ste­cken. Der ent­spre­chen­de Troi­ka-NKWD-Befehl Nr. 00447 vom Juli 1937 wur­de 1992 bekannt. Es gab eini­ge Befeh­le die­ser Art.

Die „Säu­be­rung“ der Eli­ten, etwa der Künst­ler­schaft, unter­schied sich in den Abläu­fen nicht grund­sätz­lich, weder in den Ver­fah­ren, den Tor­tu­ren, noch den Urtei­len, von denen, die das ein­fa­che Volk tra­fen, bis auf einen für das wei­te­re Schick­sal der Delin­quen­ten letzt­lich unwich­ti­gen Punkt: Die Vor­be­rei­tun­gen und die Begrün­dun­gen waren bei Höher­ge­stell­ten „ideo­lo­gi­scher“. Die Betrof­fe­nen und die Ver­schon­ten such­ten mit­ten­drin und dann noch im Nach­hin­ein, wenn sie es über­stan­den hat­ten, nach einem „Sinn“, einem höhe­ren Zweck, in der Hoff­nung, all das Schreck­li­che gesche­he als Irr­tum oder Ent­glei­sung auf dem Weg zum Kom­mu­nis­mus.

Das Kli­ma der Angst und der gegen­sei­ti­gen Ver­däch­ti­gun­gen hat­te aber kei­ner­lei ratio­nal nach­voll­zieh­ba­re Ver­feh­lun­gen zur Ursa­che, es reich­te eine „Kon­takt­schuld“ (Han­na Arendt: „guil­ty by asso­cia­ti­on“), dass man die­sem oder jenem begeg­net war, man also Kennt­nis von des­sen Ver­feh­lun­gen oder gar Ver­bre­chen erlangt haben könn­te. Das von Rein­hard Mül­ler 1990 gefun­de­ne und ein Jahr spä­ter ver­öf­fent­lich­te Pro­to­koll einer geschlos­se­nen Par­tei­ver­samm­lung der schrift­stel­le­ri­schen Eli­te deut­scher Poli­temi­gran­ten vom 4. bis 9. Sep­tem­ber 1936 in Mos­kau, dar­un­ter auch Fried­rich Wolf, zeigt die­se Gespens­ter­de­bat­ten. [Fn 97]

Mül­ler zitiert Gus­tav Reg­ler (1898–1963), einen Teil­neh­mer der Mam­mut­sit­zung: „Sie waren wie Sol­da­ten in einer bela­ger­ten Burg; die Trom­mel konn­te jeder­zeit gerührt wer­den, und sie hat­ten auf­zu­sprin­gen. Der Ruf konn­te aber auch nur dem Ein­zel­nen gel­ten, und das war dann der Ruf zum Kriegs­ge­richt. Sie hat­ten es auf­ge­ge­ben, über das Gericht nachzudenken.“[Fn 98]

In sei­ner erschre­cken­den „Chro­nik der Mos­kau­er Schau­pro­zes­se“ fügt Wla­dis­law Hede­ler (Jg. 1953) ver­schie­de­ne neue­re For­schungs­er­geb­nis­se zusam­men und errech­net allein für die Zeit zwi­schen August 1937 bis Novem­ber 1938 eine Zahl von 556.360 außer­ge­richt­li­chen Todes­ur­tei­len nach NKWD-Mas­sen­ope­ra­tio­nen: „Anti-Kulaken“-Operation (386.797), „Pol­ni­sche“ Ope­ra­ti­on (111.091), „Deut­sche“ Ope­ra­ti­on (41.898), „Let­ti­sche“ Ope­ra­ti­on (16.573).[Fn 99]

Oleg Chlevnjuk (Jg. 1959), so Hede­ler, habe rich­ti­ger­wei­se drei ungleich gro­ße Opfer­grup­pen fest­ge­stellt: Ers­tens die „Füh­rungs­kräf­te der Par­tei sowie des Staats- und Wirt­schafts­ap­pa­ra­tes (‘Revo­lu­ti­on der Kader’)“, zwei­tens die „‘Fünf­te Kolon­ne’ (Aus­län­der)“ und drit­tens „‘ein­fa­che Bür­ger’“, die weit­aus größ­te Grup­pe.

Ein­fa­che Bür­ger“ gera­ten nach vor­her fest­ge­leg­ten Men­gen in die „Aus­wahl“, in ein Fang­netz, und damit in die NKWD-Maschi­ne­rie, der Pro­duk­ti­ons­stät­te von Arbeits­ar­me­en. Die unters­te Schicht der Hand­lan­ger sind eben­falls „ein­fa­che“ und gehor­sa­me, auf­ge­stie­ge­ne Bau­ern­bur­schen. Deren Bil­dung besteht in Grund­kur­sen des­sen, was man zum „Mar­xis­mus-Leni­nis­mus“ in der Les­art des „Sta­li­nis­mus“ erklärt hat.

So „glaubt“ der bru­ta­le Ver­neh­mer von Lot­te Rayß sicher tat­säch­lich, ihr ita­lie­ni­scher Agen­ten­füh­rer sei Leo­nar­do da Vin­ci. „Wie­der wand­te er sich an mich: ‘Leo­nar­do da Vin­ci. Du kennst ihn?’ ‘Ja.’ – ‘Ita­lie­ner?’ ‘Ja.’ – ‘Alle Ita­lie­ner sind Faschis­ten.’ Leo­nar­do – ein Faschist? Ich war ver­dutzt, kam aber nicht zum Ant­wor­ten. ‘Du bist eine Spio­nin. Sag end­lich: Wel­che Spio­na­ge­auf­trä­ge hat dir die­ser Ita­lie­ner gege­ben, die­ser da Vin­ci?’ Ich schwieg.“ [239] Ihn über den Irr­tum auf­zu­klä­ren, bedeu­tet aber sei­ne Brüs­kie­rung und ihren siche­ren Tod. Es bleibt die – ver­geb­li­che – Hoff­nung, dass der Geheim­dienst sei­nen Irr­tum erkennt, dass er rea­le Ver­feh­lun­gen unter­sucht. Das ist aber gar nicht sein Auf­trag.

Einen regu­lä­ren Pro­zess gibt es nicht, nir­gends, außer bei eini­gen Pro­mi­nen­ten zur „Schau“. Das Urteil fällt geheim, ein auf­klä­ren­des Gericht gibt es nicht. Die Betrof­fe­nen erfah­ren ihr Schick­sal, auch dies ist gesetz­lich bestimmt, wenn sie nicht erschos­sen wer­den, erst nach der Depor­ta­ti­on am Bestim­mungs­ort in Mas­sen­ab­fer­ti­gun­gen.

Weni­ge Tage nach unse­rer Ankunft wur­den wir in ein Ver­wal­tungs­ge­bäu­de beor­dert. Hier stan­den nur Frau­en im Kor­ri­dor, auch aus ande­ren Trans­por­ten. … Wes­halb wir hier war­ten muss­ten, wuss­ten wir nicht. Als die Vor­ders­te her­aus­kam, wur­de es allen klar: Es war unse­re Urteils­ver­kün­dung und die lief so: Name, ver­ur­teilt laut Para­graph so und so und wie viel Jah­re Haft, fast aus­schließ­lich zehn Jah­re. Die Nächs­te: der glei­che Para­graph und die­sel­be Haft­stra­fe. … Ich, mit dem Anfangs­buch­sta­ben R, hat­te lan­ge war­ten müs­sen … Im Raum saß ein hoher uni­for­mier­ter Beam­ter, eine gro­ße Lis­te vor sich, die er mir zuschob; er deu­te­te auf die mich betref­fen­de Zei­le. Und in einer ein­zi­gen Zei­le stand – so wie für alle vor mir: Name, Vor­na­me, Vaters­na­me, Geburts­jahr, Natio­na­li­tät, der Para­graph, für den ich schul­dig befun­den wur­de: KRD [Para­gra­phen 58: Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re Tätig­keit; HG] Frist: fünf Jah­re; Unter­schrift. ‘Unter­schrei­ben!’, befahl er mir, ‘Raus! Die Nächs­te!’“ [280]

Prio­ri­tät besitzt die Schaf­fung von Arbeits­skla­ven, wie Lot­te Rayß an vie­len Beob­ach­tun­gen belegt, und die Erpres­sung unbe­zahl­ter – in der Ver­ban­nung dann gering ent­lohn­ter – Arbeits­leis­tung. Dies bestimmt die sowje­ti­sche Pro­duk­ti­ons­wei­se. Sie nach Sta­lins Tod 1953 und Chrust­schows Rede 1956 nicht radi­kal umzu­stel­len, trug wesent­lich zum Unter­gang des „Real­so­zia­lis­mus“ bei.

Bis zum Ende der DDR ver­schwieg die Par­tei­füh­rung der SED die Opfer der Repres­sio­nen. Ekla­tant war die Reak­ti­on der DDR-Spit­ze auf die ent­spre­chen­den Ver­öf­fent­li­chun­gen der sowje­ti­schen Zeit­schrift „Sput­nik”, ein Digest der sowje­ti­schen Pres­se, über die Zeit des Gro­ßen Ter­rors und das Sys­tems von Arbeits­la­gern. Die Publi­ka­ti­on sprach, basie­rend auf his­to­ri­schen Quel­len, von bis zu zwan­zig Mil­lio­nen Opfern. Die DDR-Regie­rung ver­bot am 18. Novem­ber 1988 die Aus­lie­fe­rung der Zeit­schrift durch den Post­zei­tungs­ver­trieb.

Noch heu­te lau­fen selbst Reform­so­zia­lis­ten wie der letz­te SED-Minis­ter­prä­si­dent Hans Mod­row (Jg. 1928) Sturm gegen die Auf­ar­bei­tung die­ser Zeit und gegen die Wür­di­gung der Opfer. Sie haben ein Leben lang den Sozia­lis­mus, wie sie ihn sahen, gegen Vor­wür­fe des „Sta­li­nis­mus“ von innen wie außen geschützt. Lan­ge Zeit wehr­ten sie sich vehe­ment gegen die Anbrin­gung einer ent­spre­chen­den Gedenk­ta­fel am Ber­li­ner Karl-Lieb­knecht-Haus am 17. Dezem­ber 2013, dem alten Sitz der KPD und dem heu­ti­gen der Par­tei DIE LINKE. Sie mei­nen, man müs­se auch heu­te noch den „guten Sinn“ sehen: „Es gab kon­kre­te Umstän­de, die die Sowjet­füh­rung so zu han­deln zwang, wie sie schließ­lich handelte.“[Fn 100] Die Bio­gra­phie von Lot­te Rayß spricht dage­gen. Die­ser eine Ein­spruch genügt.

Frauenschicksale im Gulag

Für das Opfer war die Zuord­nung in eine der Grup­pen durch die Täter oder spä­te­re His­to­ri­ker letzt­lich gleich­gül­tig. Die Repres­si­on ver­lief nach einem bestimm­ten Sche­ma, des­sen kon­kre­ten Ablauf wir auch in den Erin­ne­run­gen von Lot­te Rayß akri­bisch nach­voll­zie­hen kön­nen: Beob­ach­tung, Ver­haf­tung, Auf­nah­me­pro­ze­dur, Unter­su­chung, sich in den ein­zel­nen Abfol­gen immer mehr ver­schlech­tern­de Haft­be­din­gun­gen, Erklä­rungs­ver­su­che, sich nahe­zu end­los hin­zie­hen­de Ver­hö­re mit Vari­an­ten des Fol­terns.

Es fol­gen dar­auf der „kur­ze Pro­zess“, als sol­cher vom Ver­ur­teil­ten nicht erkenn­bar, das gehei­me Urteil, der Trans­port zu Mas­sen in Wag­gons zu den Lager­punk­ten, meist in den berüch­tig­ten Sto­lypin­ski Wag­gons, seit 1908 in Ruß­land in Betrieb. Doch davon gab es nicht mehr vie­le, zudem waren sie mit der Zeit ver­fal­len. So muss­ten „Nor­mal­zü­ge“ aus­hel­fen, in die wer­den die Gefan­ge­nen hin­ein­ge­pfercht [vgl. 367 ff.].

Im Lager bestim­men das Kli­ma, die Bara­cken, Schlaf­stel­len, Schwerst­ar­beit, Spit­zel­we­sen, Hun­ger, Dreck, Latri­nen, man­gel­haf­te Klei­dung, Krank­heit, Sui­zi­de, ver­geb­lich Flüch­ten­de, Erschie­ßun­gen, Ster­ben rings­um das all­täg­li­che Dasein. Jeder Mensch lei­det anders, immer per­sön­lich, stets ein­ma­lig – und immer ganz nah blei­ben der Geheim­dienst als Poli­zei, Ver­wal­tung und zustän­dig für alle Ange­le­gen­hei­ten.

Frau­en sind Män­nern von ihrer Belast­bar­keit her im Gulag gleich­ge­stellt. Sie hau­sen zusam­men, wenn auch in getrenn­ten Bara­cken, arbei­ten zusam­men. Doch wegen ihres Geschlechts sind Frau­en zusätz­li­chen Demü­ti­gun­gen aus­ge­setzt: Sie men­stru­ie­ren, bekom­men Kin­der und gel­ten als mög­li­che Sexu­al­ob­jek­te. Sol­che Leis­tun­gen wer­den auch von den „Nat­schal­niks“ (russ. начальник heißt Chef, Lei­ter, Vor­ge­setz­ter) erpresst. Bei Ver­wei­ge­rung droht uner­bitt­li­che Bestra­fung.

Berich­te über das Leben von Frau­en in den sowje­ti­schen Arbeits­la­gern dre­hen sich um Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Pro­sti­tu­ti­on, tote Babys und bru­ta­le Ver­hö­re. Doch neben all den Tra­gö­di­en gibt es auch über­ra­schen­de, bei­na­he epi­sche Erzäh­lun­gen und erhel­len­de Epi­so­den über Lie­be und Freund­schaft, Wider­stands­fä­hig­keit und Erfin­dungs­ga­be. Davon zeugt die umfas­sen­de Stu­die von Mein­hard Stark.[Fn 101]

Auch die Auto­bio­gra­phie von Lot­te Rayß berich­tet ein­dring­lich davon: Grau­sam­kei­ten, das Ster­ben ihres Kin­des, sexu­el­le Bedro­hun­gen, kör­per­li­che und geis­ti­ge Erschöp­fung, Hun­ger. Die Memoi­ren von Lot­te Rayß sind reich an Ein­zel­schick­sa­len, die ein Bild der dama­li­gen sowje­ti­schen Sozi­al- und Kul­tur­ver­hält­nis­se geben, beson­ders der Wider­sin­nig­kei­ten, die hoch­ge­bil­de­te poli­ti­sche und unpo­li­ti­sche Men­schen erst in Haft und dann in die Gulags spü­len. Klei­ne Ges­ten der Mensch­lich­keit wech­seln sich immer wie­der ab mit bar­ba­ri­schen Ver­let­zun­gen der Men­schen­rech­te bis hin zum wür­de­lo­sen Umgang mit Toten.

Lot­te Rayß geriet am 5. Febru­ar 1938 kurz vor ihrem 26. Geburts­tag in die grau­si­ge Ver­nich­tungs­müh­le, die im Namen des Kom­mu­nis­mus nach Arti­kel 58 „Volks­fein­de“ pro­du­zier­te, ermor­de­te oder zur Skla­ven­ar­beit zwang. Wegen angeb­lich „kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Tätig­keit“ ver­haf­tet, wird sie in zahl­rei­chen Ver­hö­ren schwer gefol­tert. Ihre Toch­ter Laris­sa stirbt am 21. März 1938 im NKWD-Gefäng­nis in Engels. Das acht­mo­na­ti­ge Baby kommt dort unter mys­te­riö­sen Umstän­den ums Leben. Die­se Pas­sa­gen in den Erin­ne­run­gen gehö­ren zu den schwerst­ver­dau­li­chen des gesam­ten Buches.

Vom 5. Febru­ar 1938 bis zum 17. August 1946 durch­litt Lot­te Rayß als „58er“ ver­schie­de­ne Lager in der Regi­on Kara­gan­da in Kasach­stan (Kar­lag: „Kara­gan­di­ner Bes­se­rungs­ar­beits­la­ger des NKWD“). Laut ihrer Reha­bi­li­tie­rungs­ur­kun­de vom 4. Mai 1963 [!] ist sie am 5. August 1938 ver­ur­teilt wor­den, ver­mut­lich nach der von ihr geschil­der­ten letz­ten Ver­neh­mung. Ihr Urteil erfuhr die Deli­quen­tin, wie oben bereits zitiert, erst am Voll­zugs­ort auf eine men­schen­ver­ach­ten­de Wei­se.

Sie zog sich in Haft, Lager und Ver­ban­nung schwe­re kör­per­li­che Schä­den zu, deren Zustan­de­kom­men und medi­zin­fer­ne Behand­lung sie schil­dert: Brucel­lo­se (hier: Brucel­la meli­ten­sis, die „Schaf­krank­heit“), Mala­ria, Bruch des 5. Len­den­wir­bels, Erfrie­run­gen der Füße und bru­ta­le Ampu­ta­ti­on von zwei Zehen. Die dabei erlit­te­nen see­li­schen Ver­let­zun­gen sind nach­voll­zieh­bar. Nach acht­jäh­ri­ger Haft folg­te auch für Lot­te Rayß die „Ver­ban­nung auf ewig“ in Kara­gan­da, die für sie vom 17. August 1946 bis Okto­ber 1954 dau­ert. Das ist eine nur wenig gelo­cker­te Fort­set­zung der Zwangs­ar­beit.

Sie war vol­ler Hoffung in das „Vater­land aller Werk­tä­ti­gen“ gekom­men, in das „gelob­te Land“.[Fn 102] Sie war eine kunst­be­geis­ter­te Toch­ter aus gutem Hau­se, eine jun­ge Frau und Mut­ter, eine ganz nor­ma­le, gut gebil­de­te, aus Deutsch­land exi­lier­te Frau, lang­jäh­ri­ge Gelieb­te eines bedeu­ten­den Dich­ters, dann kurz ver­hei­ra­tet mit einem Jour­na­lis­ten, der eben­falls aus hei­te­rem Him­mel ver­haf­tet wur­de. Sie geriet in die oben erwähn­te „Deut­sche Ope­ra­ti­on des NKWD“ per Geheim­be­fehl 00439 vom 25. Juli 1937.

Das war, so steht es im Befehl, eine groß­an­ge­leg­te „Ope­ra­ti­on zur Ergrei­fung von Repres­siv­maß­nah­men an deut­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, die der Spio­na­ge gegen die UdSSR ver­däch­tig sind“. Ver­däch­tig sein hieß, bis auf ganz weni­ge Aus­nah­men, von vorn­her­ein schul­dig zu sein. Sieb­zig Pro­zent der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­mit­glie­der, der in die Sowjet­uni­on geflüch­te­ten Poli­temi­gra­ti­on in einer geschätz­ten Zahl von etwa 4.600, wur­de auf die­se Wei­se „repres­siert“.

Bekannt gewor­den sind 261 offi­zi­el­le Erschie­ßun­gen, 126 sons­ti­ge Todes­fäl­le und 192 Aus­lie­fe­run­gen an die deut­sche Gesta­po (Stand 1997),[Fn 103] nicht mit­ge­rech­net die Schick­sa­le der Ange­hö­ri­gen und Kin­der. Für sie wur­den teils Son­der­la­ger ein­ge­rich­tet. Die Kin­der­schick­sa­le obla­gen direkt dem NKWD.

Die beson­de­ren „deut­schen“ Maß­nah­men wur­den nach etwa einem Jahr ein­ge­stellt, aber die Ver­fah­ren nach Arti­kel 58 gin­gen wei­ter. Außer den schon oben genann­ten fast 42.000 Erschie­ßun­gen allein von Deut­schen, dar­un­ter Volks- und Wol­ga­deut­sche, Gast­ar­bei­ter, Emi­gran­ten, Künst­ler… gab es zahl­lo­se Haft­stra­fen zwi­schen fünf und zehn Jah­ren.

Nach dem Hit­ler-Sta­lin-Pakt und beson­ders nach dem Vor­marsch der Roten Armee nach Wes­ten kamen die soge­nann­ten Repa­ra­ti­ons­ver­schlepp­ten hin­zu: Bal­ten­deut­sche, Pom­mern, Ost­preu­ßen, Schle­si­er, Donau­schwa­ben, Sie­ben­bür­ger Sach­sen und vor allem Kriegs­ge­fan­ge­ne.

Die all­ge­mei­nen Maß­nah­men bestan­den fort bis zur Auf­lö­sung des Gulag-Sys­tems. Nach dem Ende des Krie­ges wur­de das beschleu­nig­te „Troika“-Verfahren auf die­je­ni­gen Sol­da­ten der Roten Armee ange­wandt, die in deut­sche Gefan­gen­schaft gera­ten waren und über­lebt hat­ten oder von den ande­ren drei Sie­ger­mäch­ten aus­ge­lie­fert wur­den. Sie teil­ten das Schick­sal mit deut­schen Poli­temi­gran­ten und gefan­ge­nen „Gast­ar­bei­tern“, aber auch tasäch­li­chen oder zu sol­chen erklär­ten „Wer­wöl­fen“, Faschis­ten oder neu­en „Volks­fein­den“ in den sowje­tisch besetz­ten Gebieten.[Fn 104]

Aufklärung der Verbrechen

Ver­ur­tei­lun­gen bedeu­te­ten Zwangs­ar­beit im Gulag und anschlie­ßen­de Ver­ban­nung. Das war, wie gesagt, auch das Schick­sal von Lot­te Rayß. Ihr Erin­ne­rungs­be­richt berei­chert die Auf­klä­rung von Frau­en­schick­sa­len in der Sowjet­uni­on. Ohne die Ver­diens­te Alex­an­der Sol­sche­ni­zyns bei der Auf­de­ckung des Sys­tems Gulag zu schmä­lern, es waren vor allem die Erin­ne­run­gen weib­li­cher Häft­lin­ge, die das Tor auf­stie­ßen, um das gro­ße Geheim­nis der Sowjet­uni­on auf­zu­de­cken.

Zu den ers­ten und wich­tigs­ten Publi­ka­tio­nen von Frau­en über ihr Schick­sal als Poli­temi­gran­tin­nen in der Sowjet­uni­on zähl­ten die 1949 auf Deutsch erschie­ne­nen Auf­zeich­nun­gen von Mar­ga­re­te Buber-Neu­mann (1901–1989),[Fn 105] auch des­halb, weil sie die Frau eines bis 1932 hohen KPD-Funk­tio­närs war (Heinz Neu­mann; 1902–1937), der eben­falls in Mos­kau ermor­det wur­de; weil sie der NKWD an die Gesta­po aus­lie­fer­te und die offi­zi­el­le Geschichts­schrei­bung im sowje­ti­schen Macht­be­reich leug­ne­te, dass es sol­che Aus­lie­fe­run­gen gab.

Eine eben­so gro­ße Bedeu­tung in der Auf­klä­rung kam den 1955 erschie­ne­nen, schon fünf Jah­re vor­her fer­tig geschrie­be­nen Erin­ne­run­gen von Susan­ne Leon­hard (1895–1984) zu,[Fn 106] weil sie ers­tens als nach wie vor über­zeug­te Sozia­lis­tin schrieb; zwei­tens mit gro­ßer Sach­lich­keit den Gesamt­vor­gang Ver­haf­tung im Okto­ber 1936, Ver­hö­re, Gefäng­nis, meh­re­re Gulags, Ver­ban­nung, Rück­füh­rung 1948 offen­leg­te; weil sie drit­tens ihren Denun­zi­an­ten in den NKWD-Ver­hö­ren erkann­te und nun nament­lich nann­te, den Thea­ter­mann Hans Roden­berg (1895–1978), damals Mit­glied des ZK der SED; vier­tens ihr Sohn Wolf­gang Leon­hard (1921–2014) im Mai 1945 mit der „Grup­pe Ulb­richt“ nach Ber­lin gekom­men war und für die SED und die „Sowje­ti­sche Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on Deutsch­land“ (SMAD) arbei­te­te bis zu sei­ner Flucht über Jugo­sla­wi­en in den Wes­ten.

1942 hat­te er mit Mar­kus Wolf in Ufa eine ein­jäh­ri­ge Aus­bil­dung zum Polit­kom­mis­sar absol­viert. Leon­hard wur­de ab 1963 in Lon­don zum Begrün­der einer wis­sen­schaft­li­chen Kom­mu­nis­mus- und Ruß­land­for­schung. Sein Buch über Ver­fol­gun­gen unter Sta­lin erschien 1955 par­al­lel zum Buch sei­ner Mutter.[Fn 107] Es wur­de ein Best­sel­ler.

Jew­ge­ni­ja Gins­burg (1904–1977) muss­te acht­zehn Jah­re im sowje­ti­schen Gefan­ge­nen­la­ger ver­brin­gen. Ihre Memoi­ren „Marsch­rou­te eines Lebens“ (1967) beschrei­ben die all­täg­li­chen Ein­zel­hei­ten und ver­set­zen dem Leser einen Schre­cken nach dem anderen.[Fn 108]

Lot­te Rayß und ihr Sohn Kon­rad haben weit­ge­hend alle im Wes­ten erschie­ne­nen Erin­ne­run­gen an den Gulag zeit­nah gele­sen. Sie hat­ten durch ihre Schwei­zer Ver­wandt­schaft Zugang zu die­ser Lite­ra­tur. Lot­te Strub brach­te die­se Lek­tü­re seit Anfang der 1960er Jah­re regel­mä­ßig heim­lich von ihren Besu­chen aus der Schweiz mit in die DDR, unter ande­rem die Bücher von Buber-Neu­mann, Leon­hard und Gins­burg.

Die Auto­bio­gra­phie „Die Lie­be gab mir Hoff­nung“ (2001) von Tama­ra Pet­ke­witsch (geb. 1920) hat Lot­te Rayß mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nicht mehr lesen können.[Fn 109] Auch deren Erin­ne­run­gen gehen sehr ins Detail. So beschreibt sie einen ehe­ma­li­gen Geheim­dienst­mit­ar­bei­ter, der im Gefäng­nis Dienst schie­ben muss und der mit einer Axt immer mal wie­der Amok läuft, so dass über­all Blut fließt. Tama­ra Pet­ke­witsch, Toch­ter eines 1937 ermor­de­ten hohen Par­tei­funk­tio­närs, wur­de 1943 ver­haf­tet und ver­brach­te sie­ben Jah­re in Arbeits­la­gern im Hohen Nor­den (Sew­schel­dor­Lag).

Leben unter Beobachtung

Nach 16 Jah­ren Haft und Ver­ban­nung kehr­te Lot­te Rayß am 3. Okto­ber 1954 nach Deutsch­land zurück. Die Rück­füh­rung erfolg­te spä­ter als bei eini­gen weni­gen Ver­wand­ten wich­ti­ger KPD-, nun SED-Funk­tio­nä­re per Son­der­ge­neh­mi­gung, etwa Susan­ne Leon­hard, aber zwei bis vier Jah­re frü­her als die ver­blie­be­ne Mehr­heit der Inhaf­tier­ten und Ver­bann­ten.

Die offi­zi­el­le Rück­füh­rung der ver­haf­te­ten und depor­tier­ten deut­schen Emi­gran­ten erfolg­te erst nach dem Ver­trag der Bun­des­re­pu­blik unter Ade­nau­er vom Sep­tem­ber 1955 mit der sowje­ti­schen Regie­rung über die Aus­rei­se der Kriegs­ge­fan­ge­nen. Die Poli­temi­gran­ten kamen letzt­lich in deren Schlepp­tau. Die­se Gleich­stel­lung von Deut­schen, ob sie nun Kriegs­ge­fan­ge­ne waren oder Poli­temi­gran­ten, also ehe­ma­li­ge Kämp­fer gegen oder für die Sowjet­uni­on, wirft noch heu­te auf den gan­zen Vor­gang ein bezeich­nen­des Licht. Die meis­ten der „58er“ kamen in der Regel zwi­schen 1956 bis 1958 in die DDR, nur weni­ge reis­ten wei­ter in die Bun­des­re­pu­blik.

Die Rück­kehr der Ver­bann­ten wur­de ab 1956 – Ade­nau­er-Abkom­men – durch das ZK der SED stabs­mä­ßig orga­ni­siert. Man woll­te die­se Leu­te vor allem nicht auf einem Hau­fen haben. Es stand fest, wo wer zu woh­nen hat­te, bevor sie den Boden der DDR betra­ten. Sie wur­den über die gan­ze Repu­blik ver­teilt.

War­um Lot­te Rayß „vor­zei­tig“ kam oder ob die Ent­las­sung ein Zufall war, bleibt bis­her im Dunk­len. Kon­rad Rayß erin­nert sich: „Mei­ne Mut­ter kam mit mir nach lan­gen Que­re­len mit Hil­fe des Roten Kreu­zes Okto­ber 1954 aus Kara­gan­da auf dem Ost­bahn­hof an,[Fn 110] mit dem Auf­trag, uns im ZK zu mel­den. Dort sah man noch über­all die Sta­lin­bil­der und die berühm­te Tafel mit den vier Köp­fen der revo­lu­tio­nä­ren Väter: Marx, Engels, Lenin, Sta­lin. In Mos­kau war Sta­lin bereits ent­fernt. Sie hing auch in dem kar­gen Raum an der Wand, in dem sich der Genos­se Kaden den ein­stün­di­gen Bericht über unser Schick­sal anhör­te und pro­to­kol­lie­ren ließ. Dann teil­te er mit, der Bericht käme auf ewig in den Pan­zer­schrank, es gäbe ihn fak­tisch nicht. Wir hät­ten zu schwei­gen. Wir dürf­ten den demo­kra­ti­schen Sek­tor Ber­lins nicht ver­las­sen. Es war wie in der Verbannung.“[Fn 111]

Zum Zeit­punkt der „Rück­füh­rung“ von Lot­te Rayß nach Ber­lin (DDR) war Fried­rich Wolf bereits tot. In der Sowjet­uni­on setz­te nach Sta­lins Tod im März 1953 und der Erschie­ßung des seit 1938 als Chef („Kura­tor“) aller sowje­ti­schen Geheim­diens­te wir­ken­den Law­ren­ti Beria (geb. 1899), der auch für die Gulags zustän­dig war, ein poli­ti­sches „Tau­wet­ter“ ein. Wenn auch noch in gerin­ger Zahl wur­den in der Sowjet­uni­on „straf­fäl­lig“ gewor­de­ne Per­so­nen frei­ge­las­sen und nach Deutsch­land zurück­ge­führt – auf eige­ne Kos­ten. Lot­te Rayß berich­tet detail­liert über die Absur­di­tä­ten auch die­ses Vor­gangs für sie im Jahr 1954. Die sowje­ti­sche Bot­schaft in Ber­lin schickt sie ins ZK der SED. Dort muss­te sie den übli­chen Fra­ge­bo­gen aus­fül­len und münd­lich eine „Schwei­ge­ver­pflich­tung“ abgeben.[Fn 112]

An die­se Auf­la­ge haben sich nahe­zu alle Rück­keh­rer gehal­ten, wor­aus heu­te gele­gent­lich der welt­frem­de Vor­wurf abge­lei­tet wird, die Betrof­fe­nen hät­ten selbst zur Ver­schleie­rung der wah­ren His­to­rie bei­getra­gen. Dage­gen spre­chen der unfreund­li­che Emp­fang, ver­bun­den mit Dro­hun­gen, die in der Sowjet­uni­on ein­ge­üb­te Schutz­re­ak­tio­nen wach­rie­fen und ent­spre­chen­des Ver­hal­ten ver­ste­tig­ten. Die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin Inge Münz-Koe­nen (Jg. 1942), selbst Toch­ter von deut­schen Kom­mu­nis­ten und in der Sowjet­uni­on gebo­ren, erklärt die­se nahe­zu ste­reo­ty­pen Reak­tio­nen­wei­sen:

Der SED-Fra­ge­bo­gen war ein zehn­sei­ti­ges Kon­vo­lut, bestehend aus 37 Spal­ten mit je zwei bis zehn Ein­zel­fra­gen, d.h. ins­ge­samt über 100 Anga­ben, die Arbeits- und Wohn­or­te nicht mit­ge­rech­net. Es war ein stan­dar­di­sier­ter Fra­ge­bo­gen, der Par­tei­mit­glied­schaft vor­aus­setz­te, selbst wenn der/die Befrag­te … mit ihrer sowje­ti­schen Staats­bür­ger­schaft der SED gar nicht ange­hö­ren konn­te und kein KPD-Mit­glied gewe­sen war. Wie­der­um eini­ge Tage spä­ter … war der Fra­ge­bo­gen aus­ge­wer­tet… Gera­de­zu reflex­haft fühlt sie sich [in die­sem Fall Doro­thea Les­ser, HG] zur Rechen­schaft selbst dann ver­pflich­tet, wenn die Aus­kunft ihr selbst scha­den könnte.“[Fn 113]

Die in der Sowjet­uni­on erleb­te und in der DDR fort­ge­setz­te „inqui­si­to­ri­sche Fra­ge­pra­xis“ und der „Offen­ba­rungs­zwang“ haben sich tief in die Psy­che der Betrof­fe­nen ein­ge­prägt, hin­zu kam die Schwei­ge­ver­pflich­tung. Die einen rede­ten nicht dar­über aus Über­zeu­gung, ande­re aus Scham, Angst oder aus Furcht, belangt zu wer­den, oder ein­fach des­halb, weil sie nicht ris­kie­ren woll­ten, den VdN-Sta­tus („Ver­folg­ter des Nazi­re­gimes“) und damit die 1950 ein­ge­führ­ten, für DDR-Ver­hält­nis­se hohen Ehren­pen­sio­nen zu ver­lie­ren.

Auch Lot­te Rayß gerät unter die­sen Druck. Sie darf nie­mals über ihre Erleb­nis­se in der Sowjet­uni­on reden. Bis zur Auf­lö­sung der DDR wur­de ihr wie ande­ren ehe­ma­li­gen Gefan­ge­nen und Ver­bann­ten zum einen miss­traut und die Über­wa­chung durch die Staats­si­cher­heit dau­er­te an (jeden­falls hat­ten alle „Ehe­ma­li­gen“ die­sen Ein­druck). Zum ande­ren gab es im regio­na­len Umfeld und auf Arbeit immer wie­der den fal­schen Ein­druck einer beson­de­ren Pri­vi­le­gie­rung als „Ver­folg­te des Nazi­re­gimes“.

Nach anfäng­lich ver­geb­li­cher Arbeits­su­che ließ sich Lot­te Rayß zur Rus­sisch­leh­re­rin aus­bil­den und begann 1955 mit ihrer Leh­rer­tä­tig­keit. Sie traf dann die Söh­ne der Schwei­zer Fami­lie Strub wie­der und hei­ra­te­te im Dezem­ber 1959 Richard Strub, der zu ihr in die DDR über­sie­del­te. Die lan­ge Haft­zeit und Ver­ban­nung hin­ter­lie­ßen außer den gesund­heit­li­chen Fol­gen auch schwe­re trau­ma­ti­sche Stö­run­gen, die sie beson­ders in den letz­ten Lebens­jah­ren immer mehr ver­bit­ter­ten.

Die Gescheh­nis­se, die Lot­te Strub in der „Frei­heit“ wider­fuh­ren, ähneln in Freud und Leid den Schick­sa­len derer, die Mein­hard Stark anhand ande­rer Gulag-Frau­en erzählt, die nach ihrer Rück­kehr über die gesam­te DDR ver­teilt wurden.[Fn 114] Aller­dings gab es bei ihr eine Beson­der­heit. Sie bekam in Ber­lin eine Woh­nung zuge­wie­sen, weil sie nicht nach Stutt­gart zurück­soll­te, son­dern in der Nähe unter Auf­sicht zu blei­ben hat­te. Der sowje­ti­sche Aus­lands­ge­heim­dienst unter­nahm dann den ver­geb­li­chen Ver­such, sie im Wes­ten für sich arbei­ten zu las­sen.

Lot­te Rayß war, auch das eine Aus­nah­me unter den Rück­keh­rern aus der Sowjet­uni­on, nie Mit­glied der KPD gewe­sen. Sie konn­te also nach ihrer Frei­las­sung 1954 auch kei­ne Anstal­ten unter­neh­men, eine Übernahme/Wiederaufnahme in die SED zu errei­chen. Ihr blie­ben damit zahl­rei­che wei­te­re ehr­ab­schnei­den­de Zumu­tun­gen und Recht­fer­ti­gun­gen erspart.

Als dann Lise­lot­te Strub 1961 doch den Antrag um Auf­nah­me in die SED stell­te, um – wie sie wohl irr­tüm­lich mein­te – ihrem Sohn eine bes­se­re Bil­dungs­chan­ce zu schaf­fen, änder­te die Par­tei für sie die Auf­nah­me­re­geln: Statt des vom Sta­tut vor­ge­se­he­nen einen Jah­res Pro­be­zeit („Kan­di­da­ten­jahr“) dau­er­te es bei ihr drei Jah­re. Als sie dann 1964 Mit­glied wur­de, ging sie – frus­triert über den Umgang mit ihr – nie zu einer Ver­samm­lung, mit der Begrün­dung, sie sei bett­lä­ge­rig.

Im glei­chen Jahr 1964 erhielt Lise­lot­te Strub, als eine der Letz­ten, den bereits 1963 erstell­ten Bescheid über ihre Reha­bi­li­tie­rung durch die sowje­ti­schen Behör­den. Das bedeu­te­te für sie – nach zehn Jah­ren in der DDR – das Ende mög­li­cher Ver­däch­ti­gun­gen. Die amt­li­che Frei­spre­chung hob aber das Rede­ver­bot nicht auf.

Par­al­lel zu die­sen Ereig­nis­sen muss Lise­lot­te Strub 1964 krank­heits­be­dingt ihren Leh­rer­be­ruf auf­ge­ben. Sie absol­viert dann eine Zusatz­aus­bil­dung für künst­le­ri­sches Volks­schaf­fen und über­nimmt ehren­amt­lich die Lei­tung eines Klubs im Wohn­ge­biet, in dem sie Mal­kur­se durch­führt, Aus­stel­lun­gen und Kon­zer­te orga­ni­siert.

Lise­lot­te Strub teilt in Ber­lin ihr Schick­sal mit ihrer Freun­din Anna („Anni“) Fran­ken (1900–1980). Sie war die Frau von Fritz Fran­ken (1897–1942), die sie bei­de, wie im Buch beschrie­ben, in Engels ken­nen­lern­te. In Deutsch­land war er Redak­teur in meh­re­ren KPD-Zei­tun­gen gewe­sen und emi­grier­te 1934 mit sei­ner Frau in die Sowjet­uni­on. Die­se war zuvor in der Gesta­po-Haft schwer gefol­tert wor­den.

Lot­te Rayß beschreibt in den Memoi­ren ihre enge Bin­dung an die Fami­lie Fran­ken in Engels. Fritz Fran­ken wur­de im Febru­ar 1938 ver­haf­tet, fünf Tage nach Lot­te Rayß. Drei Jah­re spä­ter kam er im Gulag ums Leben. Kurz nach der Ver­haf­tung ihres Man­nes depor­tier­te der NKWD Anna Fran­ken mit ihrer Toch­ter Maria in den Gulag auf der Tai­my­r­halb­in­sel, den nörd­lichs­ten Teil der Erde. Sie kam erst 1958 zurück, zwan­zig Jah­re spä­ter.

Wie Lise­lot­te Strub am Anfang ihrer Erin­ne­run­gen schreibt, gab es vor die­sen nun hier gedruck­ten Memoi­ren eini­ge in Erzähl­form geschrie­be­ne Berich­te, die sie in Gedan­ken an Anna Fran­ken rich­te­te. Aus Angst vor deren Ent­de­ckung wur­den die „Brie­fe“ aber von ihr ver­nich­tet.

Die von Lise­lot­te Strub eben­falls vor­lie­gen­den, in die­sem Band nicht ver­öf­fent­lich­ten Erin­ne­run­gen ihres vier­ten Buches zei­gen, wie auch die Bio­gra­phi­en der von Mein­hard Stark inter­view­ten Frau­en mit ähn­li­chem Schick­sal: Es blieb bei allen Rück­keh­re­rin­nen eine Grund­angst vor dem KGB, dem sowje­ti­schen Nach­fol­ge­ge­heim­dienst des NKWD, vor der Staats­si­cher­heit der DDR und vor ande­ren Geheim­diens­ten. Die­se nie enden wol­len­de Furcht wur­de bei Lot­te Strub noch ver­stärkt durch die Ahnung, dass der einst von ihr geret­te­te Mar­kus Wolf inzwi­schen im Aus­lands­ge­heim­dienst der DDR irgend­ei­ne grö­ße­re Rol­le spielte.[Fn 115]

Es gibt von unse­rer Autorin nicht nur die vier Bücher Erin­ne­run­gen. Sie hat in diver­sen Rand­no­ti­zen zu Tex­ten ande­rer Per­so­nen und per­sön­li­chen Nie­der­schrif­ten Schlüs­se über Fried­rich Wolf und ihr eige­nes Leben gezo­gen, die sie nicht in ihre Memoi­ren ein­brin­gen woll­te. Sie erklä­ren aber Vie­les. Des­halb abschlie­ßend zwei Zita­te aus die­sen Auf­zeich­nun­gen, eines über den Men­schen Fried­rich Wolf, den sie lieb­te, ja anhim­mel­te, der sie beschütz­te, aber sie auch ihrem Schick­sal in der Sowjet­uni­on über­ließ; und eine wei­te­re Äuße­rung über ihr Schick­sal; bei­de Anmer­kun­gen sind unda­tiert, stam­men aber vom Anfang der 2000er Jah­re:

- „Wolfs zu viel erdach­te Selbst­dar­stel­lung liegt zum Teil auch dar­an, daß er von klein auf vom des­po­ti­schen Vater gequält, beschimpft [Fn ‚] ver­ach­tet wor­den war als Mann, Feig­ling, Duck­mäu­ser, Ver­sa­ger. Und Wolf dach­te sich als Held, als tap­fer, mutig, sieg­reich, was ihn spä­ter zu Ver­fäl­schun­gen sei­ner Bio­gra­phie ver­an­lass­te. Sei­ne erdach­ten Erfol­ge, als Tat­sa­chen der Mut­ter geschrie­ben, wuß­te er, daß sie die­se Brie­fe dem Vater unter die Nase hielt. [Schuld dar­an waren] wohl sei­ne Gene (ver­mut­lich von der eis­kal­ten Mut­ter geerbt) [.] Er lieb­te nur sich, sonst Nie­man­den. Stolz auf sei­ne Schön­heit, war auch sein gelieb­tes Geld nur dazu da, ihm allein zu nut­zen. Else trug aus­schließ­lich vor­ehe­li­che Klei­dung. Sei­ne [ers­te] Frau Käthe, … [eine] Frau mit 2 Kin­dern [,] erhielt nie einen Pfen­nig Unter­halt. … 1936 will er Else und Kin­der ver­las­sen, um für immer zu mir und Lena nach Engels zu zie­hen. Ich habe ein eige­nes Haus, ver­die­ne als Kor­rek­tor und Lek­tor gut. Frei­be­ruf­lich bes­tens bezahlt als Buch­il­lus­tra­tor. Er kann pro­blem­los bei mir leben. Else und Kin­der bekom­men nichts, wie einst Käthe u[nd] 2 Kin­der. Ich durch­schau [das], bre­che die Bezie­hung ganz ab. 1937 reist er aus der SU aus. Geneh­mi­gung [,] weil er an der Span[ischen] Front will kämp­fen. […] Spa­ni­en, nein! Er flieht vor [dem] NKWD, egal daß Else, sei­ne Kin­der zurück­blei­ben. Er ret­tet sein heiß­ge­lieb­tes Ego an die Côte d‘Azur. Geld? Sein Schwei­zer Kon­to dank des Dra­mas ‘Mam­lock’ ist acht­stel­lig…“.

- „Zu oft haben sie mir mei­ne Men­schen­wür­de genom­men. Das kann ich nicht ver­ges­sen. Die Schlä­ge nicht, die Fol­te­run­gen nicht, … [nicht die] Men­schen, bei denen ein Lächeln ihre Augen nicht erreicht – vor denen habe ich Angst. Und sol­chen Men­schen bin ich all­zu oft begeg­net: Men­schen, die über Lei­chen gehen.“

Fußnoten

[1] Vgl. Horst Gro­schopp: Max Hoelz. Ein cha­ris­ma­ti­scher Revo­lu­tio­när. In: Max Hoelz: Vom „Wei­ßen Kreuz“ zur „Roten Fah­ne“ (1929). Mai­land 2017, S. 9–35.
[2] Vgl. Horst Gro­schopp: Nach­wort. In: Fritz Kum­mer. Eines Arbei­ters Welt­rei­se. Leip­zig 1986, S. 398–415, erwei­tert in Ders.: Der „pro­le­ta­ri­sche Welt­bür­ger“ Fritz Kum­mer. Zur deut­schen Arbei­ter­rei­se­li­te­ra­tur bis 1933. In: Wei­ma­rer Bei­trä­ge. Ber­lin 1985. 31. Jahr­gang. Heft 12, S. 2025–2043.
[3] Vgl. F[ritz] Pose/E[rich] Matté/E[rich] Wit­ten­berg: [Was] Ber­li­ner Pro­le­ten vom Mos­kau­er Elek­tro­sa­wod erzäh­len. Mos­kau [Ver­lags­ge­nos­sen­schaft aus­län­di­scher Arbei­ter] 1932; eng­li­sche Aus­ga­be unter dem Titel: Ger­man workers in a Moscow fac­to­ry. Ger­man workers at elek­tro­za­vod tell the sto­ry of their life and work. Moscow/Leningrad. Co-ope­ra­ti­ve Publi­ca­ti­on Socie­ty of For­eign Workers in the USSR 1933. – Sie­he dazu die umfas­sen­de Stu­die von Ser­gej Shu­rawl­jow: „Ich bit­te um Arbeit in der Sowjet­uni­on.“ Das Schick­sal deut­scher Fach­ar­bei­ter im Mos­kau der 30er Jah­re. Aus dem Rus­si­schen von Olga Kouvchinnikova/Ingolf Hopp­mann. Ber­lin 2003.
[4] Vgl. Lot­te Strub-Rayß: Ver­dammt und ent­rech­tet. Stutt­gart – Basel – Mos­kau… 16 Jah­re Gulag und Ver­ban­nung. Aus dem Nach­lass her­aus­ge­ge­ben von Kon­rad Rayß. Mit einem kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Nach­wort von Horst Gro­schopp. Ber­lin: Tra­fo Ver­lag 2018, 666 S. (ISBN 978–3–86465–049–9).
[5] Vgl. Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf (Hrsg.): Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe. Berlin/Boston 2016, S. 12, 19, 23, 225 f.
[6] Bei Zita­ten, die den Memoi­ren ent­nom­men sind, erfolgt der Beleg unmit­tel­bar anschlie­ßend in ecki­ger Klam­mer.
[7] Vgl. Wolf­gang Ruge: Lenin. Vor­gän­ger Sta­lins. Eine poli­ti­sche Bio­gra­fie. Bear­bei­tet und mit einem Vor­wort von Eugen Ruge. Wla­dis­law Hede­ler (Hrsg.): Ber­lin 2010.
[8] Vgl. Simon Sebag Mon­te­fio­re: Der jun­ge Sta­lin. Aus dem Eng­li­schen von Bernd Rull­köt­ter. Frank­furt a.M. 2007. – Ders.: Sta­lin. Am Hof des roten Zaren. Aus dem eng­li­schen von Hans Gün­ter Holl. Frank­furt a.M. 2005.
[9] Vgl. Kapi­tel 7 in: Horst Gro­schopp: Der gan­ze Mensch. Die DDR und der Huma­nis­mus. Ein Bei­trag zur deut­schen Kul­tur­ge­schich­te. Mar­burg 2013, S. 493–514.
[10] Vgl. Der his­to­ri­sche Mate­ria­lis­mus. Für Arbei­ter erklärt von Her­mann Gor­ter. Aus dem Hol­län­di­schen über­setzt von Anna Pan­ne­koek. Mit einem Vor­wort von Karl Kaut­sky. Stutt­gart 1910.
[11] Vgl. J[oseph] Sta­lin: Zu den Fra­gen des Leni­nis­mus (25. Janu­ar 1926; deutsch 1927). Mos­kau 1936 [1934] (Klei­ne Büche­rei des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus, Band 22). – Der Titel schränk­te die erlaub­ten Fra­gen auf das in die­ser Bro­schü­re vor­ge­ge­be­ne Spek­trum ein. Der Stil der Ant­wor­ten erlaub­te kei­nen Wider­spruch. Es herrscht ein infla­tio­nä­rer Gebrauch des Adjek­tivs „rich­tig“ bei den Posi­tio­nen Sta­lins.
[12] Sta­lin: Zu den Fra­gen des Leni­nis­mus, S. 17, 23, 36, 54, 55. – Vgl. J. Sta­lin: Über Lenin. Mos­kau 1946.
[13] Über Zeus (lat. Jup­pi­ter) steht nur das Schick­sal, per­so­ni­fi­ziert in den Moi­ren bzw. der Moi­ra.
[14] Fried­rich Wolf hat­te noch wei­te­re außer­ehe­li­che Kin­der, was hier nicht erör­tert wer­den soll.
[15] Главное управление лагерей (abge­kürzt ГУЛаг).
[16] Vgl. War­lam Scha­l­a­mow: „Arti­kel 58“. Die Auf­zeich­nun­gen des Häft­lings Scha­l­a­mow. Aus dem Rus­si­schen von Gie­se­la Droh­la. Köln 1967; Neu­aus­ga­be unter dem Titel: Koly­ma. Insel im Archi­pel. München/Wien 1975; unter dem Titel: Geschich­ten aus Koly­ma. Frank­furt a.M. 1983; aktu­el­le Aus­ga­ben unter dem Titel: Durch den Schnee. Erzäh­lun­gen aus Koly­ma. – Ders.: Wische­ra. Anti­ro­man. Ber­lin 2016. – Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn: Der Archi­pel GULAG. Aus dem Rus­si­schen über­setzt von Anna Petur­nig. Bern/München 1974.
[17] In der Deut­schen Büche­rei Frank­furt am Main, ab 1947 im Zuge der deut­schen Tei­lung in der spä­te­ren Bun­des­re­pu­blik durch Buch­han­del und Staat geför­dert, begann der Auf­bau einer „Emi­gran­ten­bi­blio­thek“ 1950, als Ver­folg­te Lite­ra­ten ihre Bücher dort­hin sand­ten, weil die­se nicht ange­schafft wor­den waren.
[18] David Pike: Deut­sche Schrift­stel­ler im sowje­ti­schen Exil 1933–1945. Aus dem Ame­ri­ka­ni­schen von Lore Brüg­ge­mann. Frank­furt a.M. 1981, S. 439 f., hier S. 440.
[19] Lot­te Rayß kommt nicht vor bei Walt­her Pol­lat­schek: Fried­rich Wolf. Eine Bio­gra­phie. Ber­lin 1963.
[20] Vgl. Fried­rich Wolf: Bil­der einer deut­schen Bio­gra­phie. Eine Doku­men­ta­ti­on von Lew Hoh­mann. Ber­lin 1988.
[21] Ser­gej Lochtho­fen: Schwar­zes Eis. Der Lebens­ro­man mei­nes Vaters (2012). Rein­bek bei Ham­burg 2014, S. 16.
[22] Vgl. Dit­te Cle­mens: Schwei­gen über Lilo. Die Geschich­te der Lise­lot­te Herr­mann. Ravens­burg 1993, hier zitiert nach der Aus­ga­be Ros­tock 2002.
[23] Vgl. So kann­ten wir dich, Lilo. Lilo Herr­mann, eine deut­sche Frau und Mut­ter. Mit Bei­trä­gen von Max Burg­hardt, Fried­rich Wolf u.a. Ber­lin 1954.
[24] Vgl. Karl Heinz Jahn­ke: Jugend im Wider­stand 1933–1945 (1970). Frank­furt a.M. 1985, S. 32–43. – Die For­schun­gen von Jahn­ke waren in der DDR Teil der Arbeit am offi­zi­el­len Geschichts­bild der Frei­en Deut­schen Jugend, was der Wert­schät­zung sei­ner Ver­öf­fent­li­chun­gen im Wes­ten scha­de­te und sicher dazu bei­trug, ihn 1991 wegen „Bedarfs­man­gel“ zu kün­di­gen. Er erhielt aller­dings dar­auf­hin eine Gast­pro­fes­sur in Düs­sel­dorf. – Vgl. Karl Heinz Jahn­ke: Lise­lot­te Herr­mann. In: Ders.: Ermor­det und aus­ge­löscht. Zwölf deut­sche Anti­fa­schis­ten. Mit einem Geleit­wort von Karl Kiel­horm. Frei­burg im Breis­gau 1995, S. 33–43.
[25] So in einem Brief von Dit­te Cle­mens an mich vom 24. April 2017.
[26] Vgl. Sieg­fried Grund­mann: Der Gehei­map­pa­rat der KPD im Visier der Gesta­po. Ber­lin 2008. – Der Autor erwähnt Lilo Herr­mann nicht.
[27] Vgl. Wil­li Bohn: Stutt­gart geheim. Ein doku­men­ta­ri­scher Bericht. Frank­furt a.M. 1969. – Hei­drun Holz­bach-Lin­sen­mai­er: Eng­stir­ni­ge Magni­fi­zenz. In: Die Zeit von 15. Juli 1988. – Lothar Let­sche: Fried­rich Wolf. Die Jah­re in Stutt­gart 1927–1933. In: Ein­spruch. Mit­tei­lun­gen der Mit­glie­der und Freun­de der Fried­rich Wolf Gesell­schaft. Ber­lin 2000, 8. Jahr­gang, S. 21–31.
[28] Vgl. Fried­rich Wolf: Lilo Herr­mann. Die Stu­den­tin von Stutt­gart. Ein bio­gra­phi­sches Poem. Ber­lin 1951. – Das Werk wur­de anschlie­ßend von Paul Des­sau ver­tont zu einem Melo­dram, das in der DDR in der 9. Klas­se Schul­stoff war.
[29] Zur Ent­ste­hung des Wer­kes vgl. Simo­ne Barck: Antifa-Geschichte(n). Eine lite­ra­ri­sche Spu­ren­su­che in der DDR der 1950er und 1960er Jah­re. Köln/Weimar 2003, S. 28–32.
[30] Vgl. Wolf: Lilo Herr­mann (zitiert nach Cle­mens: Schwei­gen über Lilo, S. 123).
[31] Brief von Dit­te Cle­mens vom 24. April 2017.
[32] Vgl. Cle­mens: Schwei­gen über Lilo, S. 85.
[33] Brief von Dit­te Cle­mens vom 24. April 2017.
[34] Vgl. Cle­mens: Schwei­gen über Lilo, S. 84 f.
[35] Vgl. Peter Bachmann/Manfred Kliem/Kurt Zeisler (Hrsg. im Auf­trag der Abtei­lung Pro­pa­gan­da des ZK der SED): Sie­ger der Geschich­te. 120 Jah­re Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung in Bil­dern und Doku­men­ten. Ber­lin 1963. – Auf dem roten Cover sind rechts die Hel­den der Geschich­te por­trä­tiert: Karl Marx, Fried­rich Engels, August Bebel, Karl Lieb­knecht, Ernst Thäl­mann und Wal­ter Ulb­richt.
[36] Vgl. Cle­mens: Schwei­gen über Lilo, S. 82 ff., 103 ff.
[37] Lothar Let­sche in einem Mail an mich vom 3. Mai 2017.
[38] Lothar Let­sche in einem Mail an mich vom 23. März 2017. – Zwi­schen­zeit­lich wid­me­te sich eine Magis­ter­ar­beit der Bio­gra­phie. Vgl. Karin Algasin­ger: L. Herr­mann. Unter­su­chun­gen zur Lebens­ge­schich­te einer Wider­stands­kämp­fe­rin und zur Rezep­ti­on ihrer Geg­ner­schaft zum Natio­nal­so­zia­lis­mus von ihrer Ver­haf­tung bis heu­te in der Publi­zis­tik und der wis­sen­schaft­li­chen For­schung. Magis­ter­ar­beit (Fach Poli­tik­wis­sen­schaft), Uni­ver­si­tät Pas­sau 1991.
[39] Let­sche, Mail, 23. März 2017.
[40] Vgl. Barck: Antifa-Geschichte(n), S. 30 f.
[41] Vgl. Cle­mens: Schwei­gen über Lilo, S. 108 f.
[42] Vgl. Rein­hard Mül­ler (Hrsg.): Georg Lukács/Johannes R. Becher/Friedrich Wolf u.a.: Die Säu­be­rung. Mos­kau 1936. Ste­no­gramm einer geschlos­se­nen Par­tei­ver­samm­lung. Rein­bek bei Ham­burg 1991, S. 75.
[43] Vgl. Mein­hard Stark: Gulag-Kin­der. Die ver­ges­se­nen Opfer. Ber­lin 2013.
[44] Vgl. Fred Wil­helm: Ver­dammt und ver­bannt durch Sta­lins Hand. In: Frei­tag vom 20. Dezem­ber 2013, S. 3. – Vgl. die „Edi­to­ri­sche Notiz“.
[45] Stark: Gulag-Kin­der, S. 404.
[46] Vgl. Hen­ning Mül­ler: Anti­fa­schis­mus und Sta­li­nis­mus. Zum Bei­spiel Fried­rich Wolf. In: Bei­trä­ge zur Geschich­te der Arbei­ter­be­we­gung. Ber­lin 1991. 33. Jg., S. 165–181, hier S. 169. – Noch ohne jeg­li­che Hin­wei­se auf Lot­te Rayß und teil­wei­se feh­ler­haf­te Anga­ben im Lebens­lauf Wolfs vgl. Hen­ning Mül­ler: Der jüdi­sche Kom­mu­nist Dr. Fried­rich Wolf. Doku­men­te des Ter­rors und der Ver­fol­gung 1931–1944. Ein Memo­ri­al anläß­lich des Jah­res der 50. Wie­der­kehr der „Reichs­po­grom­nacht“ vom 9. Novem­ber 1938. Zum 100. Geburts­tag Fried­rich Wolfs aus Neu­wied im Jah­re 1988. Neu­wied 1988.
[47] Vgl. Hen­ning Mül­ler: Fried­rich Wolf. 1888–1953. Deut­scher Jude, Schrift­stel­ler, Sozia­list. Ber­lin 2009 (Jüdi­sche Minia­tu­ren, Band 78). ––
[48] Vgl. die bei­den ange­kün­dig­ten Bücher in den „Jüdi­schen Minia­tu­ren“, Fuß­no­te 52 (Hen­ning Mül­ler: Der Mann mit der kris­tal­le­nen See­le. Lie­be im Schat­ten des Abgrunds. Fried­rich Wolf und Lot­te Rayß. Aus ihren Lebens­er­in­ne­run­gen erzählt von Lot­te Rayß) und Fuß­no­te 89 (Hen­ning Müller/Konrad Rayß: Lot­te Rayß. Geliebt, ver­bannt und uner­wünscht. 17 Jah­re in Sta­lins GULAG).
[49] Ein ent­spre­chen­des Manu­skript befin­det sich beim Her­aus­ge­ber.
[50] Vgl. Mül­ler: Fried­rich Wolf, Foto auf S. 47 unten, Ori­gi­nal beim Her­aus­ge­ber.
[51] Vgl. Hans-Joa­chim Sei­del, unter Mit­ar­beit von Lothar Let­sche: Lot­te Rayss (1912–2008). Eine Stutt­gar­te­rin im Gefol­ge von Fried­rich Wolf. Opfer von Ver­fol­gung und Unrecht in zwei Regi­men und kur­ze Zeit die Freun­din mei­nes Vaters. Gran­see 2015.
[52] Zur Erin­ne­rung: Der Bru­der wird spä­ter SS-Offi­zier [139].
[53] In sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren brach Wolf mit die­sen Grund­sät­zen, rauch­te Pfei­fe und trank Alko­hol. Vgl. Ursu­la Schmidt-Goertz: Gefähr­tin eines Feu­er­kopfs. Else Wolf. Ein ber­gi­sches Frau­en­schick­sal als Sym­bol einer gan­zen Epo­che. Eine zeit- und kul­tur­ge­schicht­li­che Doku­men­ta­ti­on. In: Rhei­nisch-Ber­gi­scher Kalen­der 1988. Hei­mat­jahr­buch für das Ber­gi­sche Land. Ber­gisch-Glad­bach 1988, S. 182.
[54] Am 26. Mai 1913 trat Wolf in Dres­den aus der isrea­li­ti­schen Reli­gi­ons­ge­mein­schaft aus und wur­de mit der Num­mer 160 ins dor­ti­ge Dis­si­den­ten­re­gis­ter ein­ge­tra­gen. Vgl. Schmidt-Goertz: Gefähr­tin eines Feu­er­kopfs, S. 145. – Zur Geschich­te der „Kon­fes­si­ons­frei­en“ vgl. Horst Gro­schopp: Dis­si­den­ten. Frei­den­ker und Kul­tur in Deutsch­land (1997). Mar­burg 2011.
[55] Vgl. Fried­rich Wolf: Her­un­ter mit dem Blut­druck. Stutt­gart 1929. – Ders.: Schüt­ze Dich vor dem Krebs. Sei­ne wirk­li­che Ver­hü­tung und ope­ra­ti­ons­lo­se Behand­lung. Stutt­gart 1929.
[56] Vgl. Ulrich Herr­mann (Hrsg.): „Mit uns zieht die neue Zeit…“. Der Wan­der­vo­gel in der deut­schen Jugend­be­we­gung. Weinheim/München 2006.
[57] Wolf­gang R. Krab­be: Gesell­schafts­ver­än­de­rung durch Lebens­re­form. Struk­tur­merk­ma­le einer sozi­al­re­for­me­ri­schen Bewe­gung im Deutsch­land der Indus­tria­li­sie­rungs­pe­ri­ode. Göt­tin­gen 1974.
[58] Vgl. Alfred Kurel­la: Mein Beruf. In: Ders.: Wofür haben wir gekämpft? Bei­trä­ge zur Kul­tur und Zeit­ge­schich­te. Berlin/Weimar 1976, S. 9. – Kurel­la über­stand den „Gro­ßen Ter­ror“ im Kau­ka­sus. Er durf­te im Febru­ar 1954 in die DDR aus­rei­sen. – In ihren Memoi­ren trifft Lot­te Rayß auf eine Freun­din von ihm, die blon­de „Wal­kü­re“.
[59] Alfred Weber in der Erin­ne­rung an Max Weber. Vgl. Gan­golf Hübin­ger: „Jour­na­list“ und „Lite­rat“. Vom Bil­dungs­bür­ger zum Intel­lek­tu­el­len. In: Gan­golf Hübinger/Wolfgang J. Momm­sen (Hrsg.): Intel­lek­tu­el­le im Deut­schen Kai­ser­reich. Frank­furt a.M. 1993, S. 103. – Vgl. Alfred Kurel­la: Von der Feder zum Ham­mer. In: Ham­mer und Feder: Deut­sche Schrift­stel­ler aus ihrem Leben und Schaf­fen. Ber­lin 1955, S. 300–304. – Jus­tus H. Ulb­richt: Jugend mit Geor­ge. Alfred Kurel­las Ide­en von 1918. Ver­such einer Kon­tex­tua­li­sie­rung. In: Wolf­gang Braungart/Ute Oel­mann (Hrsg.): Geor­ge-Jahr­buch, Band 9, Ber­lin 2012, S. 219–241.
[60] Vgl. Micha­el Kienzle/Dirk Men­de: Zer­schnit­te­tes Netz. In: Karl­heinz Fuchs (Redak­ti­on): Stutt­gart im Drit­ten Reich. Die Macht­er­grei­fung. Von der repu­bli­ka­ni­schen zur brau­nen Stadt. Eine Aus­stel­lung … Stutt­gart 1983, S. 60–83.
[61] Vgl. Micha­el Kienzle/Dirk Men­de (Hrsg.): Fried­rich Wolf. Die Jah­re in Stutt­gart 1927–1933. Ein Bei­spiel. In: Kul­tur­amt Stutt­gart (Hrsg.): Kata­log der Begleit­aus­stel­lung zu Die Macht­er­grei­fung … Austel­lungs­rei­he Stutt­gart im Drit­ten Reich. Stutt­gart 1983. – Vgl. S. 26–29 den maschi­nen­schrift­li­chen Lebens­lauf von Fried­rich Wolf vom 6. Juli 1951. – Den Hin­weis auf die­se Doku­men­ta­ti­on ver­dan­ke ich Hei­ner Jes­tra­bek.
[62] Else Wolf an Fried­rich Wolf. 16. Juli 1932. Zitiert aus dem Nach­lass von Fried­rich Wolf in Sei­del: Lot­te Rayß, S. 24.
[63] Vgl. Schmidt-Goertz: Gefähr­tin eines Feu­er­kopfs, S. 148 ff.
[64] Schmidt-Goertz: Gefähr­tin eines Feu­er­kopfs, S. 157.
[65] Vgl. Fried­rich Wolf: Kunst ist Waf­fe! Eine Fest­stel­lung. 1928. In: Ders.: Kunst ist Waf­fe. Auf­sät­ze. Leip­zig 1969, S. 5–25.
[66] Vgl. Fried­rich Wolf: Die Natur als Arzt und Hel­fer. Das neue natur­ärzt­li­che Haus­buch. Stutt­gart 1928.
[67] Else Kien­le: Frau­en. Aus dem Tage­buch einer Ärz­tin. Ber­lin 1932. – Die­sen Hin­weis ver­dan­ke ich Hei­ner Jes­tra­bek.
[68] Am 26. Mai 1931 schreibt Wolf nach Hau­se an sei­ne Frau Else: „Arbei­ten ist hier direkt wie Sport, Ehren­sa­che! Die stei­gen­den Zif­fern des Don­bass (Koh­len­ge­biet) sind eine Fami­li­en­an­ge­le­gen­heit des gan­zen Vol­kes.“ Zitiert nach Kienzle/Mende (Hrsg.): Fried­rich Wolf, S. 251. – In die­sem ukrai­nisch-rus­si­schen Koh­le­be­cken arbei­te­ten zu die­sem Zeit­punkt hun­der­te deut­sche Berg­leu­te aus dem Ruhr­ge­biet neben ein­hei­mi­schen und repres­sier­ten Arbei­tern. Wer bis Mit­te der 1930er Jah­re nicht nach Deutsch­land zurück­ge­kehrt war, wur­de in der Regel Opfer des Ter­rors. Vgl. Wil­helm Men­sing: Von der Ruhr in den GULag. Opfer des Sta­lin­schen Mas­sen­ter­rors aus dem Ruhr­ge­biet. Essen 2001.
[69] Vgl. Fra­ge­bo­gen [des ZK der SED für Rück­keh­rer aus der Sowjet­uni­on betref­fend Ray­sz Lise­lot­te] vom 12. Okto­ber 1954. SAP­MO-Bun­des­ar­chiv. Kopie Dank Mein­hard Stark im Besitz des Her­aus­ge­bers.
[70] Kei­ne Erwäh­nung in der Auto­bio­gra­phie fin­det, dass Lot­te Rayß (wahr­schein­lich 1932) in Stutt­gart die „Mar­xis­ti­sche Arbei­ter­schu­le“ (Masch) besuch­te.
[71] Die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le. Aus­wahl von Doku­men­ten der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le von der Grün­dung bis zum VI. Welt­kon­gress 1919–1927. Band 1. Ber­lin 1955, S. 269.
[72] Zitiert nach Kienzle/Mende (Hrsg.): Fried­rich Wolf, S. 268.
[73] Vgl. [Fried­rich Wolf]: Der Reichs­tag brennt! Ein Wort an das deut­sche Volk von Ulrich v. Hut­ten. Zürich 1933 [8 Sei­ten].
[74] Quel­le: His­to­ri­sches Lexi­kon der Schweiz, vgl. http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D28320.php (abge­ru­fen am 20.2.2017).
[75] Vgl. Til­man Klut­tig: Der Bas­ler Gewer­be­in­spek­tor Wal­ter Strub (1882–1938). Leser und Autor der Zeit­schrift für psy­cho­ana­ly­ti­sche Päd­ago­gik. Ein Bei­trag zur Rezep­ti­ons­ge­schich­te der Psy­cho­ana­ly­se. In: Luzi­fer-Amor. Zeit­schrift zur Geschich­te der Psy­cho­ana­ly­se. Frank­furt a.M. 2012, 25. Jg., H. 50, S. 133–150.
[76] Vgl. Peter Die­zel: Thea­ter im sowje­ti­schen Exil. In: Wer­ner Mittenzwei/Henning Rischbieter/Hansjörg Schneider/Frithjof Trapp (Hrsg.): Hand­buch des deutsch­spra­chi­gen Exil­thea­ters. Band 1: Ver­fol­gung und Exil deutsch­spra­chi­ger Thea­ter­künst­ler. Mün­chen 1999, S. 289–318.
[77] Pike: Deut­sche Schrift­stel­ler, S. 203.
[78] Die Beschrei­bung der „Hoch­zeit“ in den Memoi­ren ist ein Höhe­punkt der Schil­de­run­gen sowje­ti­scher Lebens­ver­hält­nis­se.
[79] Vgl. Bund der Kämp­fen­den Gott­lo­sen der USSR [Hrsg.]: Der Bund der Kämp­fen­den Gott­lo­sen und sei­ne Arbeit. Mos­kau 1931.
[80] Bern­hard H. Bay­er­lein (Hrsg.): Geor­gi Dimitroff: Tage­bü­cher 1933–1943. Ber­lin 2000, S. 162, zitiert nach Hede­ler/­Münz-Koe­nen (Hrsg.): „Ich kam als Gast…“, S. 195.
[81] Inge Münz-Koe­nen: Zur Ein­füh­rung. Zer­riss­se­ne Lebens­li­ni­en. Fami­li­en­schick­sa­le in den Jah­ren des Exils. In: Wla­di­mir Hedeler/Inge Münz-Koe­nen (Hrsg.): „Ich kam als Gast in euer Land gereist …“. Deut­sche Hit­ler­geg­ner als Opfer des Sta­lin­ter­rors. Fami­li­en­schick­sa­le 1933–1956. Ber­lin 2013, S. 7–13, hier S. 7, 9. – Das gesam­te Gedicht, ein­ge­bun­den in den Brief des ent­las­se­nen Sträf­lings, ist doku­men­tiert in Hede­ler/­Münz-Koe­nen (Hrsg.): „Ich kam als Gast…“, S. 21.
[82] Vgl. dazu ihr spä­te­res Urteil am Ende die­ses Nach­wor­tes.
[83] Lochtho­fen: Schwar­zes Eis, S. 446.
[84] Vgl. August Bebel: Die Frau und der Sozia­lis­mus (1883). Ber­lin 1964, S. 414: „Der Sozia­lis­mus stimmt mit der Bibel dar­in über­ein, wenn die­se sagt: Wer nicht arbei­tet, soll auch nicht essen.” – Bebel bezieht sich dabei auf den Zwei­ten Brief des Pau­lus an die Thes­sa­lo­ni­cher: „wenn jemand nicht will arbei­ten, der soll auch nicht essen.“ (3, 10) – Er kann die Rela­ti­vie­rung „nicht will arbei­ten“ igno­rie­ren, weil er zuvor in sei­nem Werk ein Pro­gramm befrei­ter Arbeit ent­fal­tet.
[85] Vgl. Anne App­le­baum: Der Gulag. Aus dem Eng­li­schen von Frank Wolf. Ber­lin 2003, S. 47.
[86] Vgl. Hans-Jür­gen Men­de (Hrsg.): Leo Trotz­ki. Ter­ro­ris­mus und Kom­mu­nis­mus (1920)/Karl Kaut­sky. Von der Demo­kra­tie zur Staats­skla­ve­rei (1921). Ber­lin 1990.
[87] Trotz­ki: Ter­ro­ris­mus und Kom­mu­nis­mus, S. 137 f.
[88] Vgl. Ralf Stett­ner: „Archi­pel GULag“. Sta­lins Zwangs­la­ger. Ter­ror­in­stru­ment und Wirt­schafts­gi­gant. Ent­ste­hung, Orga­ni­sa­ti­on und Funk­ti­on des sowje­ti­schen Lager­sys­tems 1928–1956. Pader­born 1996.
[89] Das bedeu­tet nicht, dass ent­spre­chen­de Ein­satz­über­le­gun­gen an der Spit­ze von Par­tei und NKWD fehl­ten. Die­ses Feld liegt noch weit­ge­hend im Dun­keln.
[90] Vgl. App­le­baum: Der Gulag.
[91] Mein­hard Stark: Frau­en im Gulag. All­tag und Über­le­ben. 1936 bis 1956. München/Wien 2003, S. 37.
[92] Vgl. Kaut­sky: Von der Demo­kra­tie zur Staats­skla­ve­rei, S. 245–283.
[93] Einen gro­ßen Ein­fluss auf die­se Inter­pre­ta­ti­on hat­te der zuerst in Lon­don 1946 erschie­ne­ne Erin­ne­rungs­ro­man von Arthur Koest­ler: Son­nen­fins­ter­nis (Darkness at noon).
[94] Vgl. Herr­mann Weber/Ulrich Mäh­lert: Ter­ror. Sta­li­nis­ti­sche Par­tei­säu­be­run­gen 1936–1953. Pader­born 1998.
[95] Chris­toph Jün­ke: Die „Gro­ße Säu­be­rung“ als Schä­del­stät­te des Sozia­lis­mus. In: Ler­nen aus der Geschich­te. Maga­zin [Bun­des­stif­tung Auf­ar­bei­tung] vom 29. März 2017, S. 4–7, hier S. 6.
[96] Jörg Bar­be­row­ski: Ver­brann­te Erde. Sta­lins Herr­schaft der Gewalt. Mün­chen 2012, S. 131.
[97] Vgl. Mül­ler (Hrsg.): Die Säu­be­rung.
[98] Gus­tav Reg­ler: Das Ohr des Mal­chus. Köln 1960, S. 347, zitiert nach Mül­ler (Hrsg.): Die Säu­be­rung, S. 8.
[99] Wla­dis­law Hede­ler: Chro­nik der Mos­kau­er Schau­pro­zes­se 1936, 1937 und 1938. Pla­nung, sze­nie­rung und Wir­kung. Mit einem Essay von Stef­fen Dietzsch. Ber­lin 2003, S. 277.
[100] Hans Mod­row: Nach­wort. In: Andrej Reder: Dienst­rei­se. Leben und Lei­den mei­ner Eltern in der Sowjet­uni­on 1935 bis 1955. Ber­lin 2015, zitiert nach Ders.: Umkämpf­te Erin­ne­rungor­te. In: Jun­ge Welt vom 13. Dezem­ber 2014, S. 12, https://www.jungewelt.de/artikel/253079.umkämpfte-erinnerungsorte.html (abge­ru­fen am 4.4.2017).
[101] Vgl. Stark: Frau­en im Gulag.
[102] Vgl. Eugen Ruge (Hrsg.): Wolf­gang Ruge. Gelob­tes Land. Mei­ne Jah­re in Sta­lins Sowjet­uni­on. Ber­lin 2011.
[103] Vgl. Wil­frie­de Otto: Visio­nen zwi­schen Hoff­nung und Täu­schung. In: Tho­mas Klein/Wilfriede Otto/Peter Grie­der: Visio­nen. Repres­si­on und Oppo­si­ti­on in der SED (1949–1989). Teil I. Frankfurt/Oder 1996, S. 137–336. – Zum Ende der DDR waren 160 Remi­gran­ten nament­lich bekannt.
[104] Vgl. Eva Don­ga-Syl­ves­ter/Gün­ter Czernetzky/Hildegard Toma (Hrsg.): „Ihr ver­reckt hier bei ehr­li­cher Arbeit!“ Deut­sche im GULAG 1936–1956. Antho­lo­gie des Erin­nerns. Graz/Stuttgart 2000.
[105] Vgl. Mar­ga­re­te Buber-Neu­mann: Als Gefan­ge­ne bei Sta­lin und Hit­ler. Zürich 1949. – Zum Aus­lie­fe­rungs­vor­gang vgl. Pike: Deut­sche Schrift­stel­ler, S. 457–459. – Hans Schafranek: Zwi­schen NKWD und Gesta­po. Die Aus­lie­fe­rung deut­scher und öster­rei­chi­scher Anti­fa­schis­ten aus der Sowjet­uni­on an Nazi­deutsch­land 1937–1941. Frank­furt a.M. 1990.
[106] Vgl. Susan­ne Leon­hard: Gestoh­le­nes Leben. Schick­sal einer poli­ti­schen Emi­gran­tin in der Sowjet­uni­on. Frank­furt a.M. 1956. – Die Publi­ka­ti­on hat­te sich wegen ihrer sozia­lis­ti­schen Gesin­nung ver­zö­gert, aber auch wegen ihrer Ableh­nung, nach ihrer Über­sied­lung aus der DDR nach West­ber­lin mit dem US-Geheim­dienst zusam­men­zu­ar­bei­ten, von dem sie eini­ge Mona­te inter­niert wur­de.
[107] Vgl. Wolf­gang Leon­hard: Die Revo­lu­ti­on ent­läßt ihre Kin­der. Köln 1955.
[108] Jew­ge­ni­ja Sem­jo­now­na Gins­burg: Marsch­rou­te eines Lebens. Ins Deut­sche über­tra­gen von Swet­la­na Gei­er. Rein­bek bei Ham­burg 1967.
[109] Tama­ra Pet­ke­witsch: Die Lie­be gab mir Hoff­nung. Erin­ne­run­gen. Aus dem Rus­si­schen von Rena­te Reschke (zuerst rus­sisch 1993). Ber­lin 2001.
[110] Das „Rote Kreuz“ hat­te die „Inter­na­tio­na­le Rote Hil­fe“ (IRH), auch bekannt unter dem rus­si­schen Akro­nym MOPR, im März 1948 abge­löst, die per Defi­ni­ti­on für die „Kämp­fer der Revo­lu­ti­on“ zustän­dig und als Ersatz für das Rote Kreuz 1922 ein­ge­führt wor­den war. Mit dem Ende der MOPR ver­lo­ren Inhaf­tier­te und Ver­bann­te, die auf eine Rück­füh­rung hoff­ten, bis Juni 1948 eine ansprech­ba­re Instanz. Vgl. Susan­ne Leon­hard: Fahrt ins Ver­häng­nis. Als Sozia­lis­tin in Sta­lins Gulag. Frei­burg im Breis­gau 1983, S. 247.
[111] Zitiert nach Gro­schopp: Der gan­ze Mensch, S. 167.
[112] Die Unter­schrift „Wer­ner“ im Fra­ge­bo­gen ist ein Kür­zel für den Lei­ter der Abtei­lung Kader des ZK Kaden. Er war der for­mel­le Gesprächs­füh­rer. Die meis­ten Pro­to­kol­le mit den Rück­keh­rern waren von „Wer­ner“ unter­schrie­ben.
[113] Inge Münz-Koe­nen: „Er woll­te leben, wie die Rus­sen leben“. Ein Bil­der­buch und sei­ne Geschich­te. In: Hede­ler/­Münz-Koe­nen (Hrsg.): „Ich kam als Gast…“, S. 119–129, hier S. 127.
[114] Vgl. Mein­hard Stark: „Ich muss sagen, wie es war“. Deut­sche Frau­en des GULag. Ber­lin 1999, S. 178–250.
[115] Peter Jochen Winters/Nicole Glo­cke: Im gehei­men Krieg der Spio­na­ge. Hans-Georg Wieck (BND) und Mar­kus Wolf (MfS). Zwei bio­gra­fi­sche Por­träts. Hal­le (Saa­le) 2014, S. 242, 252–255, 264, 456, 461.