humanismus aktuell

Hier wer­den Sie wei­ter gelei­tet zu „Huma­nis­mus aktu­ell, Zeit­schrift für Kul­tur und Welt­an­schau­ung, Online-Aus­ga­be“, Her­aus­ge­ge­ben von der „Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin“ in Ver­bin­dung mit der „Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Deutsch­land“, Kurz­ti­tel „Huma­nis­mus aktu­ell (Inter­net)“: ISSN 2191–060X.

Die­se Publi­ka­ti­ons­form setzt die 1997 begrün­de­te Zeit­schrift huma­nis­mus aktu­ell (ab 2005 Buch­rei­he; 25 Aus­ga­ben; 2009 ein­ge­stellt) der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Ber­lin (HAB) fort und ergänzt die Schrif­ten­rei­hen der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Bay­ern (bereits ab 2007), Ber­lin (2009) und Deutsch­land (2010) beim Ali­bri Ver­lag in Aschaffenburg.

Die Her­aus­ge­ber­schaft der Schrif­ten­rei­hen und die Ver­ant­wor­tung als Redak­teur durch Horst Gro­schopp ende­ten im Mai 2014.

Humanismus aktuell

Cover MIZ 4_NEW_600px.jpgHorst Gro­schopp: Huma­nis­mus aktu­ell. Zur Debat­te um das Ver­hält­nis von Säku­la­ris­mus, Huma­nis­mus und Athe­is­mus. Fünf The­sen. In: MIZ. Poli­ti­sches Maga­zin für Kon­fes­si­ons­lo­se und Athe­is­tIN­NEN. Aschaf­fen­burg 2016, 46. Jg., H. 4,  S. 26–29.

2016 erschie­nen zwei wich­ti­ge Bücher, das von Hubert Can­cik, Horst Gro­schopp und Frie­der Otto Wolf her­aus­ge­ge­be­ne Hand­buch „Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe“ (Berlin/Boston) und die Stu­die von Horst Gro­schopp „Pro Huma­nis­mus“ (Aschaf­fen­burg). Das Hand­buch stellt wis­sen­schaft­li­che Befun­de zu den Grund­ka­te­go­rien des Huma­nis­mus zusam­men. „Huma­nis­mus“ wird umfas­send bestimmt, als eine kul­tu­rel­le Bewe­gung, ein Bil­dungs­pro­gramm, eine Epo­che (Renais­sance), eine Tra­di­ti­on („klas­si­sches Erbe“), eine Welt­an­schau­ung, eine Form von prak­ti­scher Phi­lo­so­phie, eine poli­ti­sche Grund­hal­tung, wel­che für die Durch­set­zung der Men­schen­rech­te, und als ein Kon­zept von Barm­her­zig­keit, das für huma­ni­tä­re Pra­xis eintritt.

Rele­vanz für Akteu­re in der „Sze­ne“ gewinnt der Band dadurch, dass Grund­kon­zep­te rund um den Huma­nis­mus­be­griff für reli­gi­ons­frei erklärt und damit die im wis­sen­schaft­li­chen und öffent­li­chen Dis­kurs häu­fig als selbst­ver­ständ­lich ange­nom­men „Erb­an­sprü­che“ sowohl reli­giö­ser wie nicht­re­li­giö­ser Akteu­re auf die­se Kon­zep­te mas­siv in Fra­ge gestellt wer­den. Über die Fol­gen ist unbe­dingt zu dis­ku­tie­ren, etwas, dass „Huma­nis­mus“ zu sei­ner Begrün­dung der Säku­la­ri­sie­rungs­the­se nicht bedarf.

Gro­schopp behan­delt in sei­nem Buch die Fra­ge, wie der Huma­nis­mus in Deutsch­land zu den Frei­den­kern (in einem wei­ten Sin­ne) kam und was dar­aus wur­de, wie etwa der Huma­nis­ti­sche Ver­band damit umging. Die Mono­gra­phie ist die ers­te umfäng­li­che Kul­tur­stu­die zum Huma­nis­mus in der „säku­la­ren Sze­ne über­haupt. Mit zum Teil pro­vo­kan­ten Posi­tio­nen wer­den die Dis­kus­sio­nen des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts am Bei­spiel eini­ger Streit­fra­gen wie Säku­la­ri­sie­rung, Welt­an­schau­ung, Bekennt­nis, Frei­den­ker­tra­di­ti­on, Ethik, „Kon­fes­sio­na­li­tät“, Demo­kra­tie, Pazi­fis­mus und Ver­bands­po­li­tik vor­ge­stellt. Der Band ent­hält zudem eine umfäng­li­che Dokumentation.

Wir baten Anfang 2017 Horst Gro­schopp um fünf The­sen zur „Lage“ unter Beach­tung der athe­is­ti­schen Leser­schaft der MIZ.

1. Inzwi­schen bezie­hen sich alle „säku­la­ren Ver­bän­de“ irgend­wie auf Huma­nis­mus. Das war in der ers­ten Hälf­te der 1990er Jah­re noch ganz anders. Da stan­den der HVD und die HU ziem­lich allein da. Es gibt der­zeit aber lei­der kei­ne rich­ti­ge Debat­te dar­über, was das nun bedeu­tet. Eini­ge neh­men an, das mit dem Huma­nis­mus sei doch iden­tisch mit der Auf­klä­rung und das habe man schon immer ver­tre­ten. Eine gro­ße Grup­pe bringt Huma­nis­mus in direk­te Ver­bin­dun­gen mit der Evo­lu­ti­on. Dabei ist genau die­se Schnitt­stel­le zwi­schen den natur­wis­sen­schaft­li­chen und den kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Erklä­run­gen der Welt die weit­ge­hend uner­forsch­tes­te. Man kann auch sagen, hier haben Spe­ku­la­tio­nen den meis­ten Raum. Wohl des­halb tum­meln sich hier trans­hu­ma­nis­ti­sche Ausdenkungen.

Dar­aus die The­se 1: Es ist inner­halb wie beson­ders außer­halb der „Sze­ne“ nicht nach­voll­zieh­bar, wer hier war­um für wel­chen Huma­nis­mus ein­tritt und wie sich die­ser eige­ne Huma­nis­mus zu dem in der Gesell­schaft verhält.

2. Noch pro­ble­ma­ti­scher wird die Beschäf­ti­gung mit Huma­nis­mus, wenn wir das Feld der Gesell­schafts­po­li­tik betre­ten. Da den­ken vie­le in der Sze­ne noch immer, sie sei­en wie Kevin, näm­lich allein zu Hau­se. Die Welt ist aber anders.

Ein beson­ders deut­li­ches Signal dafür war die Erklä­rung, die die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel aus Anlass der Wahl von Donald Trump zum US-Prä­si­den­ten abgab. Die in der DDR sozia­li­sier­te evan­ge­li­sche Pfar­rers­toch­ter und gläu­bi­ge Chris­tin sand­te eine durch und durch huma­nis­ti­sche Bot­schaft: Deutsch­land und die USA sei­en durch gemein­sa­me Wer­te ver­bun­den. Sie nann­te Demo­kra­tie, Frei­heit, den Respekt vor dem Recht und der Wür­de des Men­schen unab­hän­gig von Her­kunft, Haut­far­be, Reli­gi­on, Geschlecht, sexu­el­ler Ori­en­tie­rung oder poli­ti­scher Einstellung.

Wer die Theo­lo­gie­ge­schich­te und die His­to­rie der bei­den ehe­ma­li­gen „Volks­kir­chen“ der letz­ten hun­dert Jah­re ver­folgt, kann ermes­sen, was es bedeu­tet, dass eine füh­ren­de Reprä­sen­tan­tin Deutsch­lands sich so dezi­diert zu den Men­schen­rech­ten bekennt. Ohne dass der Begriff „Huma­nis­mus“ im öffent­li­chen oder gar wis­sen­schaft­li­chen Leben eine gro­ße Rol­le spielt, hat er sich – vor allem im Ver­ständ­nis von „Huma­ni­tät“ – kul­tu­rell eta­bliert und „wirkt“.

Dar­aus die The­se 2: Die Akteu­re in der „Sze­ne“ brau­chen drin­gend ein rea­lis­ti­sches Bild vom Huma­nis­mus in der Gesell­schaft, vom „Volks-“ bis zum „Eli­ten­hu­ma­nis­mus“, gera­de weil das Wort unüb­lich, aber sein Inhalt geläu­fig ist.

3. Die­se Abschot­tung ist selbst­ge­macht und zum gro­ßen Teil ein Relikt der uralten, ste­reo­ty­pen For­de­rung, end­lich die Staat-Kir­che-Tren­nung zu voll­zie­hen. Letzt­lich geht es bei „säku­lar“ immer irgend­wie dar­um, etwas aus dem Besitz der Kir­chen zu neh­men. Wohin aber wird es gegeben?

Jede lai­zis­ti­sche Mini-Regung an irgend­ei­nem Rand in irgend­ei­ner Par­tei, jede Kir­chen­schlie­ßung, jeder Aus­tritt ver­lei­tet zu Eupho­rie, seit über hun­dert Jah­ren. Dabei wird nicht ein­mal begrün­det, war­um dies für wel­chen Huma­nis­mus gut sein soll. Neue Mit­glie­der bringt das auch nicht die Mas­se. Wir sind in Etwa genau so vie­le wie wir 1914 waren. Das stimmt doch aber nur, wenn wir unse­re eige­nen Mit­glie­der zählen.

Das gan­ze Miss­ver­ständ­nis, mit dem wir es hier zu tun haben, fängt schon bei der Bezeich­nung „säku­la­res Spek­trum“ an. Was ist für unser­eins nicht säku­lar? Die Kir­chen sind es doch auch. Gött­li­che Wei­hen sind kul­tu­rel­le Zuschrei­bun­gen. Ich beschrei­be in mei­nem Buch, wann und war­um die­ser selt­sa­me Name (nach mei­nem Archiv vom Unita­ri­er Hel­mut Kra­mer 2000) erfun­den und ein­ge­führt wur­de. Seit­dem geis­tert er um uns herum.

Es wer­den Plät­ze für „Säku­la­re“ in die­sen oder jenen Gre­mi­en gefor­dert, als ob Gewerk­schaf­ten, Par­tei­en usw. nicht „säku­lar“ wären. „Säku­la­re“ (manch­mal in der 1920er Form „welt­li­che“) Diens­te sol­len Trau­er­fei­ern aus­rich­ten, Kran­ken­häu­ser und Kin­der­ein­rich­tun­gen betrei­ben usw. Ich kann hier vor Ort als Kun­de nicht grund­sätz­li­che Unter­schie­de in der Huma­ni­tät zwi­schen „Dia­ko­nie“ und „Volks­so­li­da­ri­tät“ erkennen.

Dar­aus die The­se 3: Selbst, wenn alles „säku­lar“ gemacht wor­den wäre, täte sich doch wei­ter­hin das wirk­li­che Pro­blem auf, die Fra­ge nach den Inhal­ten. Dann wird frei­lich die Sache mit den Reli­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen rele­vant, näm­lich, wor­aus die prak­ti­sche Huma­ni­tät begrün­det wird und was dar­aus jeweils kon­kret folgt. Eine säku­la­re Kita ist doch nicht per se humanistisch.

4. Athe­is­mus ist kei­ne Welt­an­schau­ung, son­dern eine phi­lo­so­phi­sche Posi­ti­on gegen The­is­men und ihre Theo­lo­gien. Auf die­ser Basis der Ver­nei­nung einer Über­per­son oder eines Über-Prin­zips sind meh­re­re Welt­an­schau­un­gen mög­lich mit diver­sen poli­ti­schen und prak­ti­schen Fol­ge­run­gen zwi­schen ultra­links bis bis ganz rechts. Es ergibt sich hier ein ähn­li­ches Pro­blem wie bei „säku­lar“. Es kon­ser­va­ti­ve, kom­mu­nis­ti­sche, völ­ki­sche und vie­le and­re Atheismen.

In einer ver­gan­ge­nen Zeit, als Thron und Altar noch engs­tens ver­bun­den waren und Staats­po­li­tik eine gött­li­che Begrün­dung hat­te, war jeder Athe­is­mus zugleich ein radi­ka­ler Angriff auf die kon­kre­te Herr­schafts­form; und als es noch üblich war, Reli­gi­on und Wis­sen­schaft gegen­über­zu­stel­len (bis sie sich in den letz­ten hun­dert Jah­ren end­gül­tig trenn­ten und sich nicht mehr viel zu sagen haben), war Athe­is­mus Teil jeder wis­sen­schaft­li­chen Wahr­heit. Noch gibt es eini­ge Über­bleib­sel, aber im Gro­ßen und Gan­zen ist die his­to­ri­sche Rol­le des Athe­is­mus – sagen wir es freund­lich – arg zurück­ge­gan­gen, zumin­dest hier­zu­lan­de (aber hier lebe ich).

Ter­ro­ris­mus (z.B.) kann zwar the­is­tisch begrün­det, aber nicht athe­is­tisch erklärt wer­den. Sol­che Sachen sind viel zu komplex.

Damit zur The­se 4: Es gibt eine fort­wir­ken­de, zu über­win­den­de, auf­zu­klä­ren­de, intel­lek­tu­el­le Absti­nenz und grund­sätz­li­che Distanz der­je­ni­gen, die sich als Athe­is­ten orga­ni­sie­ren, gegen­über dem Huma­nis­mus, dem orga­ni­sier­ten beson­ders. Sol­cher­art Urtei­le ste­hen in direk­ter Kon­ti­nui­tät zu Fritz Mauth­ner, dem wir die groß­ar­ti­ge vier­bän­di­ge Geschich­te des Athe­is­mus im Abend­land ver­dan­ken. Von sei­nem Urteil soll­te man sich tren­nen, wonach die Huma­nis­ten „einen sehr schlech­ten Ruf“ haben. Sie „gal­ten für eitel, eigen­sin­nig, bestech­lich, unor­dent­lich, unzüch­tig, ket­ze­risch“, „aller Schimpf und aller Klatsch wur­de gegen sie verwertet“.

5. „Post­fak­tisch“ ist das Wort des Jah­res 2016 und „Volks­ver­rä­ter“ das Unwort. Bei­de hän­gen unmit­tel­bar zusam­men und sind eben­so Aus­druck des Zeit­geis­tes wie die „gefühl­te Wahr­heit“, für deren Berech­ti­gung gestrit­ten wird. Es ist leicht, aber wenig ergie­big, sich intel­lek­tu­ell über die angeb­li­chen Rea­li­täts­ver­äch­ter zu erhe­ben. Denn was ist die Rea­li­tät? Sie Gegen­stand unse­rer Interpretation.

Tat­sa­che ist jeden­falls, Trumps Wahl­sieg ist dafür ein direk­ter Beleg, eine neue Zeit der Welt­an­schau­un­gen bricht an. Bringt dies auch eine neue Zeit für Frei­den­ker, deren unmit­tel­ba­re Erfin­dung das Den­ken in Welt­an­schau­un­gen im 19. Jahr­hun­dert war? Mauth­ner mein­te zu sei­ner Zeit, es wäre der ein armer Tropf, der nicht sei­ne eige­ne Welt­an­schau­ung habe. Ador­no ergänz­te spä­ter, das Pro­blem von Welt­an­schau­un­gen sei die zum Sys­tem erho­be­ne Mei­nung, die das Ver­spre­chen kol­por­tie­re, „die geis­ti­ge Welt und schließ­lich auch die rea­le eben doch aus dem Bewußt­sein einzurichten“.

Gegen „Poe­ten­phi­lo­so­phien“ (ein schö­ner Begriff des Frei­den­kers Kalt­hoff) hel­fen kei­ne phi­lo­so­phi­schen Trak­ta­te. Wer liest schon so etwas im „Volk“, wenn er oder sie Angst hat vor dem oder jenem, vor allem vor dem mög­li­chen sozia­len Abstieg, vor Über­schich­tung und gefak­ten Twit­ter­bot­schaf­ten. Wenn der Satz von Max Weber gilt, dass „‘Welt­an­schau­un­gen‘ nie­mals Pro­dukt fort­schrei­ten­den Erfah­rungs­wis­sens sein kön­nen, und daß also die höchs­ten Idea­le, die uns am mäch­tigs­ten bewe­gen, für alle Zeit nur im Kampf mit ande­ren Idea­len sich aus­wir­ken, die ande­ren eben­so hei­lig sind, wie uns die unse­ren“ – dann hat nur eine ordent­li­che Welt­an­schau­ung mög­li­cher­wei­se Erfolg. Da ste­hen nicht so vie­le zur Ver­fü­gung. Anti­kirch­li­cher oder gegen­re­li­giö­ser Affront hilft hier wenig. Das bin­det nicht in Zei­ten der Kon­fes­si­ons­frei­heit und trennt von den Gleich­ge­sinn­ten, etwa den Anti­völ­ki­schen oder den Sozi­al­re­for­mern im reli­giö­sen Lager.

Damit zur The­se 5: Wie wäre es denn mit Huma­nis­mus? Die Wahr­heit aus­zu­spre­chen bedeu­tet, sich zu beken­nen. Und Barm­her­zig­keit ist das ers­te und obers­te huma­nis­ti­sche Gebot. Sie bedeu­tet Anteil­nah­me, Gna­de, Mil­de, Mit­ge­fühl, Nach­sicht und Wohl­tä­tig­keit. Erst huma­ni­tä­res Han­deln über­setzt Sor­ge in kon­kre­te Leis­tun­gen, in denen sich Soli­da­ri­tät beweist und Huma­ni­ta­ris­mus aus­drückt. Ohne prak­ti­zier­te Huma­ni­tät ist Huma­nis­mus nicht mög­lich, redu­zie­ren sich sei­ne Zie­le hin­sicht­lich der Men­schen­rech­te, der Men­schen­wür­de, der Men­schen­gleich­heit, von Gerech­tig­keit, Lie­be, Freund­schaft und Glück auf blo­ße Behauptungen.