Meine Heimat, das sind die Städte und Dörfer

Beobachtungen

HeimatWir Sach­sen hat­ten am 21. Novem­ber 2018 unse­ren „Bett-Tag“. Wir sind die ein­zi­gen Deut­schen, die sich Jahr für Jahr für durch­schnitt­lich acht­zig Euro­nen pro Steu­er­zah­ler einen Fei­er­tag kau­fen. Den hat der Bie­den­kopf aus­ge­han­delt gegen mehr Ein­zah­lun­gen von jedem von uns in die Pfle­ge­kas­se, pro­zen­tu­al nach Ein­kom­men vor Steu­ern. Wir fei­ern und zah­len lie­ber. Wir wol­len an einem Tag, immer einem Mitt­woch, also mit­ten in der Woche, nicht arbei­ten, wo alle and­ren es müs­sen. Wir leis­ten uns in einem kir­chen­fer­nen Land einen Buß- und Bet­tag nach dem Volks­trau­er­tag, an dem wir in der Hei­mat die Toten der Krie­ge in der Frem­de bekla­gen, und dem Toten­sonn­tag, wo wir in der Hei­mat der Toten von Daheim geden­ken – was für ein Zei­chen in die Welt.

Der ursprüng­lich evan­ge­li­sche Fei­er­tag geht auf Not­zei­ten zurück, in denen durch Glau­bens­be­sin­nung und Reue auf Umkehr gehofft wur­de. Die Zei­ten, wo wir ver­zich­ten muss­ten, sind seit dem Anschluss vor­bei – und wir sind frei, so unge­bun­den, dass wir uns den Frei-Tag geben konn­ten, obwohl er zu den „belas­te­ten“ Fei­er­ta­gen gehört. Er wur­de Anfang 1934 als gesetz­li­cher Fei­er­tag im Deut­schen-Nazi­reich ein­ge­führt. In Deutsch­lands Osten war er die gan­ze Zeit weg, aber 1990 wie­der ein­ge­führt, um dann 1995 bun­des­weit abge­schafft zu wer­den, der Pfle­ge­ver­si­che­rung wegen – aber wir Sach­sen haben ihn 1995 behal­ten. Er wur­de wahr­lich zum „Sachsen­tag“.

Wir Sach­sen haben mal frei, machen blau und kön­nen in Ruhe in Bran­den­burg oder Thü­rin­gen für Weih­nach­ten ein­kau­fen oder zu den „Viet­schies“ nach Johann­stadt fah­ren, auf „Tsche­chen­markt“ hin­über­wan­deln oder in ande­re böh­mi­sche oder schle­si­sche Orte. Dort kön­nen wir dann zoll­frei Ziga­ret­ten kau­fen oder and­re Sachen, die woan­ders Mar­ken­wa­ren sind. Das schmie­det uns zusam­men, trägt zur Gemein­schafts­bil­dung der Sach­sen bei, erzeugt Hei­mat­be­wusst­sein. Das ist ein schö­ner Anlass, über Hei­mat nach­zu­den­ken.

Bevor wir das tun, wol­len wir uns auf den gro­ßen Beför­de­rer alles Säch­sisch-Hei­mat­li­chen besin­nen, der seit Beginn des Ers­ten Welt­krie­ges bis in die DDR hin­ein, also über vier Sys­te­me hin­weg, ein tat­kräf­ti­ger und des tref­fen­den Wor­tes mäch­ti­ger Hei­mat­schutz­bünd­ler war, der Hei­mat­kunst und Hei­mat­ge­fühl nicht ein­fach nur bestärk­te, son­dern viel davon erfand. Er hat sogar bewie­sen, dass es ein „Säch­si­sches Lachen“ (1926) gibt.

Es han­delt sich um den Sän­ger des vogt­län­disch-säch­si­schen „Mut­ter­lan­des“ von 1914, dass es zu ver­tei­di­gen galt, den Samm­ler von Weih­nachts­ge­schich­ten, des Erzäh­lers über Stülp­ner Karl, den „Sohn der Wäl­der“, den Robert Schu­mann und Bach und Hän­del und Seu­me, alles berühm­te Sach­sen, wie wir nun wis­sen, über die er gut gän­gi­ge Roman-Bio­gra­phi­en schrieb.

In der Geschich­te des His­to­ri­en­ro­mans hat er sei­nen fes­ten Platz, aber auch als NS-Autor eines anti-tsche­chi­schen Volks­stü­ckes im Vor­feld der Heim­ho­lung der Sude­ten ins Reich, ab 1935 ein paar Jah­re lang auf­ge­führt vor der Kir­che in Schnee­berg. Das „Spiel vom getreu­en Hor­le­mann“ galt offi­zi­ell als thea­tra­li­sche Umset­zung des NSDAP-Par­tei­ta­ges der „Treue“ von 1934 in einem Hei­mat­stück. Dies und sei­ne Ver­diens­te um die Hei­mat waren wohl auch die Ursa­che, dass sein Kopf in Kup­fer gegos­sen und in Mün­chen auf der Gro­ßen Deut­schen Kunst­schau 1944 als Objekt 1033 aus­ge­stellt wur­de. Von dort kam der „Nischel“ nach Baut­zen und harrt dort im Archiv, auf dass er bald als Gro­ßer Sach­se in eine Gale­rie kommt.

Hier ist unbe­dingt ein­zu­fü­gen, dass sich der NS-Gau­lei­ter Mar­tin Mutsch­mann und sei­ne Par­tei zwölf Jah­re lang sehr ver­dient gemacht haben bei der Pfle­ge des säch­si­schen Hei­mat­ge­fühls und der schöp­fe­ri­schen Wei­ter­ent­wick­lung des hie­si­gen Brauch­tums, nicht zurück­schre­ckend vor neu­en Weis­hei­ten über die Theo­rie des Tan­nen­baums und Les­ar­ten des Klöp­pelns, Schnit­zens und der Berg­pa­ra­den, die in der DDR gern, neu erklärt, über­nom­men wur­den, eben wegen des Hei­mat­ge­dan­kens in uran­schwe­rer Zeit, aber auch wegen der nicht­christ­li­chen Sym­bo­lik.

Der, um den es hier geht, dem wir ver­dan­ken zu wis­sen, was unse­re Hei­mat ist, war Bal­la­den­dich­ter, Dra­ma­ti­ker, Hei­mat­fach­buch­re­dak­teur (der Zeit­schrift „Säch­si­sche Hei­mat“), Her­aus­ge­ber, Samm­ler von Volks­kunst (in Dres­den 1945 durch Bom­ben zer­stört), Schrift­stel­ler und Radio-Pio­nier erst beim Hei­mat­funk des Neben­sen­ders Dres­den und dann in der Schul­funk­ab­tei­lung des Mit­tel­deut­schen Rund­funks. Aber trotz NSDAP-Mit­glied­schaft ent­lie­ßen ihn die Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933, wes­halb er 1945 als nicht belas­tet galt, rasch ent­na­zi­fi­ziert wur­de, dann auch in der DDR viel publi­zier­te und sich im Kul­tur­bund der Hei­mat wid­me­te.

Die­ser Kurt Arnold Find­ei­sen (Pseud­onym: Wen­de­lin Dudel­sack) wur­de 1883 im glei­chen Zim­mer im glei­chen Haus wie ich dann spä­ter 1949 gebo­ren. Er starb 1963 in Dres­den. Es hängt eine Tafel an sei­nem (und mei­nem) Geburts­haus, die ihn als „Dich­ter des Sach­sen­lan­des“ wür­digt. Sein Leit­spruch war: „Die Hei­mat ist das Herz der Welt“. Von wem kann man schon sagen, er habe sich sein Leben lang der Hei­mat gewid­met? Es war immer die­sel­be. Wenn ich in der Park­stra­ße 3 auch ein­mal eine Tafel will, muss ich wohl oder übel der Hei­mat die­nen; viel­leicht: Im Huma­nis­mus war der Horst daheim.

Wenn ich zu die­sen Behu­fen auf die lan­ge Publi­ka­ti­ons­lis­te über „Sach­sen als Hei­mat“ einen Blick wer­fe und ich mich umschaue in aktu­el­len Äuße­run­gen von „Kul­tur­auf­fas­sung“, dann ist Hei­mat vor allem eine Sehn­sucht. Danach hat man „Heim­weh“, wie Find­ei­sen 1925 schrieb („Hei­mat und Heim­weh“). Und wie jede Begier­de, gleich dem Alko­hol oder dem Mor­phi­um, braucht sie zur Befrie­di­gung einen bestimm­ten Stoff, der in uns che­mi­sche Pro­zes­se aus­löst, die das psy­chi­sche Erleb­nis von Glück her­bei­füh­ren hel­fen. Glück selbst ist ein sel­te­nes Gut, was die Begier­de danach stei­gert.

Das hat nicht sehr viel mit Behei­ma­tung zu tun. Ich war 45 Jah­re in Ber­lin gut behei­ma­tet, mei­ne Hei­mat blieb Zwi­ckau: die Her­kunft mit ihren Klän­gen, Spei­sen und Gerü­chen und den früh­kind­li­chen und jugend­li­chen Prä­gun­gen. Doch seit ich wie­der hier bin, füh­le ich mich hei­mat­los, denn die Welt ist eine ande­re gewor­den. Bestimm­te Gerü­che sind ein­fach weg, beson­ders der Koks­qualm vom „VEB August Bebel“, auf des­sen Grund und Boden, dem „Glück­auf-Gelän­de“, heu­te „Por­ta“ und „OBI“ ste­hen sowie der „Glo­bus-Ein­kaufs­markt“, wo es am Ein­gang nach Rost­brat­wurst riecht, der guten aus Thü­rin­gen.

Viel Hei­mat ist also ver­schwun­den. Es wird aber hei­mat­lich, wenn „Tra­ban­ten“ vor­bei­fah­ren, kein Wun­der, dass hier mehr als anders­wo her­um­rat­tern, die wur­den hier gebaut. Auch die Sim­son-Suhl-Moped­fans tref­fen sich hier Jahr um Jahr, was für ein Lärm und was für Mas­sen an Men­schen.

Fremd vor­kom­men mir die Leu­te, ihre Sen­sa­tio­nen des All­tags, von denen sie immer­fort erzäh­len, beson­ders die­je­ni­gen, die hier nie her­aus­ge­kom­men sind. Das fällt bei den all­jähr­li­chen Klas­sen­tref­fen auf: Sie sind herz­lich und ganz selbst­ver­ständ­lich behei­ma­tet; das Tra­dier­te, die Spra­che, die Wit­ze und die Art, sie zu erzäh­len, erin­nern an frü­her. Sie waren meist mal auf Tene­rif­fa oder diver­sen Rei­sen weit in die Frem­de. Davon erzäh­len sie gern. Es bestä­tigt ihre Hei­mat­ge­füh­le, beson­ders wenn es dort im Hotel mal Grü­ne Klö­ße („Grie­ne Klies“) gab: „Daheeme is daheeme“, „dr G‘schmagg daheeme is enfach annersch, beson­ners dr Gafee“.

Mei­ne Genera­ti­on ist zu einem tie­fen Hei­mat­ge­fühl erzo­gen wor­den, denn wir kamen ja nicht groß her­aus. Also waren der Renn­steig, die ande­ren Wan­der­we­ge und die Lie­der dar­über Hei­mat-Erzie­hungs­stof­fe. Das gan­ze West-Erz­ge­bir­ge, erin­ne­re ich mich, wur­de schu­lisch erschlos­sen und durch Schu­le besucht. Alle eines Jahr­gangs waren mal in Mylau unter der Göltzsch­tal­brü­cke, in der Prin­zen­höh­le … Genera­ti­on über Genera­ti­on lern­te im „Johan­nis­bad“ schwim­men. Das Ost-Erz­ge­bir­ge war weit weg, kam auch in „Hei­mat­kun­de“ nicht so gründ­lich vor. Hei­mat wur­de erzeugt.

Hei­mat“ war eine gemein­sam erleb­te Gegend, Städ­te, Dör­fer und Land­schaf­ten, zugleich ein stets hoch auf­ge­la­de­nes Gefühl. Wir lern­ten und san­gen das Spa­ni­en­lied in der Schu­le, in dem die Hei­mat mit ihren Ster­nen immer auf uns her­ab­schien: „Die Hei­mat ist weit, doch wir sind bereit.“ Wenn nun täg­lich im Radio „Bel­la Ciao“ erklingt, was wir in der Schu­le auf Ita­lie­nisch lern­ten und abends in jedem Feri­en­la­ger san­gen (wie auch das Spa­ni­en­lied), sahen wir die Blu­me des Par­ti­sa­nen als Blaue Blu­me der Hei­mat. Das war ein star­ker Sin­nes­reiz, auch dann noch und dann beson­ders, wenn der Kom­pa­nie­chef, an der Sei­te mar­schie­rend, befahl: „Ein Lied!“ Was soll­te uns Sol­da­ten im Grund­wehr­dienst da ein­fal­len; also rief irgend­ei­ner „Spa­ni­ens Him­mel!“ – und wir sahen in dem Stumpf­trott den Him­mel Hei­mat, was mein­te, ab nach Hau­se, eine Sehn­sucht.

Wie­der nach Hau­se“, das ist der Wunsch, der heu­te Hei­mat kämp­fe­risch wer­den lässt, denn wäh­rend die „Jung­schen“, wie wir hier sagen, im „Aus­land“ (im Wes­ten) ihr Geld ver­die­nen und „behei­ma­tet“ wur­den, war­tet der in der DDR Dank Wis­mut, „Sach­sen­ring“, Tex­til­in­dus­trie und und und in Häu­sern und Gär­ten mani­fes­tier­te Leis­tungs­be­leg ver­geb­lich auf sei­ne Erben. Ein star­ker Druck wirkt auf alle Sei­ten, beson­ders auf die in der Hei­mat Ver­blie­be­nen. Er zeigt sich als „Per­spek­ti­ven­ver­lust“. Die Kin­der und inzwi­schen die Kin­der der hier ver­blie­be­nen Kin­der von Vie­len sind „abge­hau­en“, bau­en selbst, aber nicht in der Hei­mat, son­dern in Bay­ern oder wo sie jetzt woh­nen. Sie suchen ihr Glück fern der Hei­mat, was das The­ma emo­tio­na­li­siert: Was soll wer­den, wenn wir mal alt sind? Nie­mand wird Haus und Hof kau­fen, der schö­ne Gar­ten ver­kommt, wenn ich nicht mehr kann.

Weih­nach­ten fal­len die Aus­rei­ser in Scha­ren in die alte Hei­mat ein, die voll ist von „Lich­teln“, „Män­neln“, Kur­ren­desän­gern, Nuss­kna­ckern, Engel- und Berg­manns­ka­pel­len, Schwib­bö­gen und was es alles gibt, was auf Hei­mat ver­weist, das hier anders wirkt, als das teu­re Zeug, das man mit­ge­nom­men hat in die fer­ne Gegend als Sou­ve­nirs der Hei­mat. Hier kommt noch der Weih­nachts­mann, nicht das Christ­kind, und er kommt durch die Tür, nicht durch den Schorn­stein … was für eine Saue­rei.

Die Hei­mat­be­su­cher sto­ßen, zu Besuch in der Hei­mat, auf das Erbe, dass sie nie antre­ten wer­den, auf die Tra­di­tio­nen, die sich in der Frem­de nur schwer fort­füh­ren las­sen, so sehr man sich auch Mühe gibt. Sie wür­den ja zurück­kom­men, aber wovon sol­len sie hier leben? Schei­ße das alles. Sie sto­ßen auf ihre zurück­ge­blie­be­nen Kum­pels und Kum­pelinen, die auch nicht schlecht leben, aber deut­lich weni­ger haben; wenn sie denn nicht einer toten Gegend woh­nen, von denen es vie­le gibt: Hei­mat ohne etwas dazu.

Das alles poli­ti­siert das Reden über Hei­mat. Man ist fern, wäh­rend die Frem­den die Hei­mat beset­zen und einem das Wich­tigs­te rau­ben, die Grund­la­ge der Sehn­sucht. Gemeint ist nicht der Ita­lie­ner, der das gute Eis schon in der DDR ver­kauft hat und jetzt zumacht, weil die Innen­stadt kauf­män­nisch gese­hen aus­trock­net. Wer etwas will, fährt in die Pas­sa­gen gleich dane­ben, in die Kel­ler des ehe­ma­li­gen Wis­mut-Kauf­hau­ses mit sei­nen hun­dert Läden – und meh­re­ren Eis­ge­schäf­ten.

Wenn über Hei­mat und die Frem­den gere­det wird, immer und an jedem Ort, beim Ein­kau­fen, in der Schwimm­hal­le, im Lokal … und dies seit drei Jah­ren immer lau­ter, öffent­lich und unge­niert, dann geht es um die neu­en Aus­län­der. Man schau­kelt sich hoch, macht sich ver­rückt.

Das waren zunächst die Wes­sis, die „uns bis heu­te nicht ver­ste­hen“, dann kamen die „Flücht­lin­ge“ hin­zu, eigent­lich gering an Zahl laut Sta­tis­tik. Es war die Zeit, als „Prak­ti­ker“ und „Bahr“ plei­te­gin­gen, kürz­lich erst, und „Bahr“ zum Auf­nah­me­la­ger wur­de, bis ganz kürz­lich „Poc­co-Domä­ne“ ein­zog. Wenn die zuge­wan­der­ten jun­gen Män­ner abends im Trupp spa­zie­ren gin­gen, schlos­sen sich die Omis ein und erzähl­ten am nächs­ten Tag beim „Lidl“ ihre Angst­ge­schich­ten. Da waren die Frem­den noch alle auf einem Hau­fen, man hat­te den Über­blick, doch dann wur­den sie auf­ge­teilt.

Aber wenn man sie in eine ansons­ten tote Gegend schickt, wo vom Schick­sal gebeu­tel­te Sach­sen bis­her unter sich waren, weil die and­ren weg­ge­zo­gen sind und öffent­li­che Gebäu­de leer stan­den, dann ist es eine Belei­di­gung der Hei­mat, die ganz tief emp­fun­den wird. Wer zeigt schon gern, dass er selbst Pro­ble­me hat, ande­re zwar, aber Pro­ble­me. Hei­mat ist das Geheim­nis der Hier­ge­blie­be­nen. Sie schau­en aus dem Fens­ter oder ste­hen vor dem Gar­ten­tor und sehen dun­kel­häu­ti­ge Män­ner und eben­sol­che Frau­en mit Kopf­tü­chern und Kin­der­wa­gen, soweit die­se sich tags­über auf die Stra­ße wagen. Es sind meist nur weni­ge je Ort, sie bil­den aber den Anlass, den Ver­lust von Hei­mat vor Augen zu haben, der hier erlit­ten wird: Unse­re „Jung­schen“ sind weg und die lau­fen hier ein­fach so her­um, zei­gen ihre Kin­der, so alt wie unse­re abwe­sen­den Enkel, wie um uns zu pro­vo­zie­ren.

Die Aus­län­der sind alle in der glei­chen Grup­pe. Dar­in bil­den die Euro-Zonen-Aus­län­der zwar eine beson­ders zahl­rei­che und auf­fäl­li­ge Abtei­lung ohne Zuzugs­be­schrän­kung – aber es gibt nur die­sen einen Topf, die Aus­län­der, die „Tür­ken“ und „Neger“, alle­samt „Mes­ser­trä­ger“. Die Rumä­nen-Sin­ti und Tsche­chen-Roma sind Euro­pä­er, haben Rech­te wie wir und bekom­men Geld wie wir in Hartz IV. Sie alle sind das glei­che „Gesoggs“, „Schma­rot­zer“. Die Syrer, so sagt man, wol­len arbei­ten, dür­fen aber nicht. Euro­pa­feind­schaft liegt weni­ger an Brüs­sel, son­dern an Buka­rest und Prag. Und pein­lich genau wer­den die Sozi­al­leis­tun­gen auf­ge­rech­net. Schuld sind Ber­lin und die Mer­kel. Nur See­ho­fer und die AfD sagen die Wahr­heit. Die Nazis über­trei­ben, kämp­fen aber für die Hei­mat, sonst hören die oben ja nicht zu.

Ver­stö­ren­des geschieht: In mein Schwimm­bad, ich kom­me noch dar­auf, rückt die Poli­zei ein. Der Groß­fa­mi­lie G., Bür­ger Tsche­chi­ens, Roma, jetzt hier orts­an­säs­sig und hil­fe­be­rech­tigt in einem sonst leer­ge­zo­ge­nen Haus gleich um die Ecke woh­nend, ist es wie­der ein­mal gelun­gen, geschickt den Ein­gang an der Kas­se zu über­win­den und badet – in gewöhn­li­cher Stra­ßen­klei­dung. Volks­zorn und gro­ßes Geschrei und Gegen­ge­schrei, „ihr Schwei­ne, mein Kind ist da im Was­ser“ steht gegen „ihr Ras­sis­ten, wir haben Rech­te“. Per­so­nal und Gäs­te wer­den sich in halb­öf­fent­li­cher Debat­te einig, die krie­gen Haus­ver­bot und ein Schild muss an die Pfor­te. Ruhe tritt ein, das The­ma hält wochen­lang. Doch soll auf dem Schild „Zigeu­ner müs­sen drau­ßen blei­ben!“ ste­hen? Oder „Bestimm­te EU-Bür­ger, auf die­sem Bild zu sehen, dür­fen hier nicht rein, es sei denn, sie zei­gen vor­her ihre Bade­sa­chen!“

Da darf man nicht lachen, denn „Freund der Frem­den“ ist kein Ehren­ti­tel und Humor kein Ele­ment erns­ter Hei­mat­dis­kur­se. Hier geht es um die Ehre und das ist das, wie Fer­di­nand Tön­nies sagt, was den Herrn vom Knecht unter­schei­det. Wem gehört das Land? Uns, dem deut­schen Volk.

Ich habe mich gefragt, war­um ist das mit der Hei­mat so poli­tisch und so erfolg­reich rechts gewor­den, gera­de hier in Sach­sen. Hei­mat, wur­de oben gesagt, sei eine Sehn­sucht. Sie erreicht eine höhe­re Dimen­si­on, wenn gemeint wird, sie gehe ver­lo­ren. Es geht ums und ans Ein­ge­mach­te.

Neh­men wir Zwi­ckau. Die Stadt, aktu­ell rot-rot regiert, hat seit der Wen­de über ein Drit­tel sei­ner Bevöl­ke­rung ver­lo­ren. Wir sind hier nicht mehr 137.000 wie 1990, son­dern nur um die 90.000 (etwa 50.000 sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäf­tigt; 6.000 Arbeits­lo­se), obwohl wir Mosel, wo der VW her­ge­stellt wird, und ande­re Orte ein­ge­mein­det haben. In den Klein­städ­ten rings­um, man sieht es, gibt man sich Mühe, gibt man sich nicht auf, aber immer mehr ist ein­fach weg. Wo die Arbeit weg­ging, kei­ne nen­nens­wer­te neue kam, sehen die Orte schlimm aus, obwohl sie mal „Zen­tren“ waren wie Wer­dau, 15 km von hier.

Wer­dau (wie wir Sach­sen sagen „Wer­de“) heißt wie ande­re Städ­te rein ver­wal­tungs­mä­ßig „Gro­ße Kreis­stadt“. Das steht zur Ver­wir­rung am Orts­ein­gangs­schild. Aber Wer­dau, einst Last­wa­gen- und Tex­til-Stadt, seit hun­dert Jah­ren ziem­lich kon­stant 20.000 Ein­woh­ner, kann das 2002 eröff­ne­te Schwimm­bad, sie­he oben, einst ein Vor­zei­ge­pro­jekt, nicht mehr bezah­len, wohl­ge­merkt die Zin­sen; die roten Zah­len sol­len bei etwa 20 Mio. Euro­nen lie­gen. Sie haben das Bad gera­de durch Anhe­ben der Grund­steu­ern wie­der ein­mal geret­tet. Nicht sehr inves­ti­ti­ons­för­dernd. Und der Witz ist (wir haben da unse­re Sau­na), man trifft nur Grei­zer (Thü­rin­gen!) und Zwi­ckau­er. Ich dan­ke den Wer­dau­ern.

Wie gesagt, die an Zwi­ckau gren­zen­den Städ­te magern ab, Stück für Stück. Jeder Besuch zeigt Hei­mat­ver­lust. Es ist, neben dem Ver­lust der gro­ßen Sehn­sucht, dann doch zuerst das Sicht­ba­re, was fehlt, Hei­mat als leben­de Städ­te und Dör­fer. Mit­ten­drin ste­hen leer­ge­zo­ge­ne Häu­ser in gro­ßen Men­gen, dane­ben nach der „Wen­de“ sanier­te, nur teil­wei­se bewohnt, neue Geschäfts­häu­ser, geschlos­sen, aber an den Hän­gen in guter Lage die Vil­len derer, die es geschafft haben, oft irgend­wie tätig in der von VW abhän­gi­gen Zulie­fer­indus­trie. Klein­in­dus­trie domi­niert.

Den Hand­wer­kern geht es gut, wenn sie fern der Hei­mat gute Auf­trä­ge bekom­men oder hier von VW-Arbei­tern, den Ange­hö­ri­gen der neu­en Wis­mut, auch, was die Löh­ne betrifft, meist auf West­ni­veau. Hand­wer­ker sind knapp, wenn sie was gelernt haben, geht es ihnen gut, doch in der Woche sind sie oft aus­wärts, Hei­mat­ver­lust. Immer die­se Rei­ser­ei, da kann ich auch gleich in Fran­ken blei­ben, Fol­ge: Hand­wer­ker­man­gel.

In Zwi­ckau beträgt die Zahl der Ein­pend­ler werk­täg­lich etwa 30.000 aus einem Umkreis von 50 km und die Zahl der Aus­pend­ler liegt bei 13.000, davon zehn Pro­zent in den Wes­ten, raus aus der Hei­mat, abends zurück oder am Frei­tag, Ver­lus­ter­fah­rung gan­zer Fami­li­en. Von den Wes­sis ist man in den Orten abhän­gig, man gibt es nicht zu, lässt sie in Ruhe, redet hin­ter ihrem Rücken. Sie gehö­ren noch nicht zur Hei­mat, denn ihre Kin­der sind sehr wes­si­haft in Klei­dung, Spra­che und Auf­tre­ten – und Reli­gi­on. Wer im öffent­li­chen Dienst arbei­tet, lebt eben­falls gut. Leh­rer wer­den? Klar … und dann ab nach Schwein­furth. So wich­tig ist, wenn es um Per­sön­li­ches geht, die Hei­mat auch wie­der nicht.

Wie oben gesagt, mei­ne Genera­ti­on ist zur Hei­mat­lie­be erzo­gen wor­den, egal wie wer die DDR fand. 1951 ent­stand zu die­sem päd­ago­gi­schen Zweck das viel­ge­sun­ge­ne Pio­nier­lied „Unse­re Hei­mat“, das uns regel­recht ver­folg­te. Dar­in wur­de Hei­mat defi­niert. Wir wis­sen also im Osten, was Hei­mat ist. Es gehö­ren „nicht nur die Städ­te und Dör­fer“ dazu, son­dern „die Bäu­me im Wald“, „das Gras auf der Wie­se“, „das Korn auf dem Feld“, „die Vögel in der Luft“, „die Tie­re der Erde“ und „die Fische im Fluss sind die Hei­mat“, die wir lie­ben und schüt­zen … und jetzt kommt der Kern: „weil sie unse­rem Vol­ke gehört“ – nicht ande­ren Völ­kern, auch wenn sie hier­her­kom­men.

Da haben wir es, das Pro­blem mit der Hei­mat, die Sehn­sucht nach dem Eige­nen, nach dem Fleck­chen, wo wir Sach­sen Sach­sen sein kön­nen. Das Volk sind die, die hier sind. Ich höre die intel­lek­tu­el­le Über­heb­lich­keit gegen­über die­sem Anspruch, das phi­lo­so­phi­sche Kopf­sau­sen.

Hei­mat“ ist ein­fach da und wird doch nie zu erfül­len sein. Der Kom­merz wird sie auch dies­mal erobern, wie er sie in Sach­sen in den 1920ern bis in die 1990er immer wie­der erober­te nach je ande­rem poli­ti­schem Gewirr, wie Manu­el Schramm in sei­ner pro­fun­den Dis­ser­ta­ti­on „Kon­sum und regio­na­le Iden­ti­tät in Sach­sen 1880–2000“ (2001) nach­ge­wie­sen hat. Das Ver­lan­gen nach Hei­mat war immer da, wird immer blei­ben und sich neue Nah­rung suchen. Hei­mat hat Kon­stan­ten und Varia­blen. Hei­mat ist die Sehn­sucht und der Ver­lust, also ein ernst­haf­tes The­ma. Und Hei­mat ist so real, dass sie den Stoff her­ge­ben kann, der sich ver­mark­ten lässt, wenn man so will: Hei­mat in der Tüte. Oder es kommt anders, man weiß es ja nie. Es blei­ben Städ­te und Dör­fer und ihre Bewoh­ner.

Der Text erschien zuerst bei „kul­tu­ra­ti­on“:
http://www.kulturation.de/ki_1_report.php?id=210

Das Titel­fo­to zeigt eini­ge Bücher von Kurt Arnold Find­ei­sen, die sich im Pri­vat­ar­chiv des Autors befin­den, das Weih­nachts­fest-Buch ist aller­dings von Inge­borg Weber-Kel­ler­mann.