Rettungsanker Humanismus

Vor dem „Pro Huma­nis­mus“, dem Votum für Huma­nis­mus, gab es in der deut­schen „säku­la­ren Sze­ne“ eine Zeit des „Pro­hu­ma­nis­mus“, eine His­to­rie vor die­ser Ent­schei­dung. Par­al­lel dazu ent­fal­te­ten sich Kon­zep­te eines „An-Stel­le-von-Huma­nis­mus“, aber auch – auf Sei­ten derer, die sich „pro“ ent­schie­den – gera­de­zu einen „Vor­wärts­hu­ma­nis­mus“. Was heißt „Pro Huma­nis­mus“ heu­te? Ist die Fra­ge über­haupt noch aktu­ell? Wel­che Grün­de und Moti­ve gibt es bei den „Säku­la­ren“, für Huma­nis­mus zu sein? Wel­che Facet­ten zei­gen sich dabei? Vor allem: Was mein­te bzw. meint jeweils „Huma­nis­mus“?

Das vor­lie­gen­de Buch ist in die­ser ana­ly­ti­schen Absicht geschrie­ben. Es ist das Resul­tat teil­neh­men­der Beob­ach­tung und kri­ti­scher Refle­xi­on huma­nis­ti­scher Orga­ni­sa­ti­on­ge­schich­te des ver­gan­ge­nen Vier­tel­jahr­hun­derts und der eige­nen Ver­wick­lun­gen dar­in. Die Sicht auf die jüngs­te Ver­gan­gen­heit wird ver­bun­den mit einer kri­ti­schen Revue von Über­le­gun­gen, die ich seit 1994 zu den Kon­fes­si­ons­frei­en, zum orga­ni­sier­ten Huma­nis­mus und spe­zi­ell zu den Per­spek­ti­ven des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des Deutsch­lands ange­stellt, publi­ziert und zu ande­ren Ansät­zen in Bezie­hung gesetzt habe.[1] Der vor­lie­gen­de Text bestä­tigt dabei im Gro­ßen und Gan­zen die Ver­mu­tun­gen des Theo­lo­gen Bodo Sei­del über den Grund­kon­flikt zwi­schen „säku­la­rem“ und „ethi­schem“ Huma­nis­mus im „säku­la­ren Spek­trum“.[2]

Die Unter­su­chung erfolgt in ers­ter Linie zu dem Zweck, einen Bei­trag zur Stra­te­gie­fin­dung der „säku­la­ren Sze­ne“ in Deutsch­land zu leis­ten (eine Über­sicht der Orga­ni­sa­tio­nen sie­he Doku­ment 1). Die „Sze­ne“ befin­det sich in einer Kri­se sowohl in struk­tu­rel­ler als auch in kon­zep­tio­nel­ler Hin­sicht. Schon der Begriff „säku­la­res Spek­trum“ – auf des­sen prag­ma­ti­sches Zustan­de­kom­men wird noch ein­ge­gan­gen – ist jung, haus­ge­macht und anspruchs­voll. Die Beru­fung auf „Huma­nis­mus“ und die Beschäf­ti­gung mit ihm ist seit Anfang der 1990er Jah­re das eigent­li­che Novum in der Geschich­te der Kon­fes­si­ons­frei­en in Deutsch­land. Die in den 1970ern und beschleu­nigt in den 1980er unter­ge­hen­de tra­di­tio­nel­le Frei­den­ker­be­we­gung griff Ende 1989/Anfang der 1990er Jah­re nach dem viel­deu­ti­gen Begriff „Huma­nis­mus“ wie Ertrin­ken­de nach einem Ret­tungs­ring.

Die erst sehr spä­te Ent­de­ckung der „Leit­idee Huma­nis­mus“ durch Frei­den­ker ist deren enger Gebun­den­heit an die Arbei­ter­be­we­gung geschul­det. Karl Marx (1818–1883), auf den sie sich berief, über­trug als jun­ger phi­lo­so­phie­ren­der Rechts­an­walt, als er mit sei­nem Freund Fried­rich Engels (1820–1895) den Kom­mu­nis­mus ent­deck­te, die­sem die Erb­fol­ge des Huma­nis­mus. Die „Leh­re des rea­len Huma­nis­mus“ sei „die logi­sche Basis des Kom­mu­nis­mus.“[3] Huma­nis­mus erschien seit­dem in der Arbei­ter- wie Frei­den­ker­be­we­gung als eine Art Vor­form oder Begleit­erschei­nung des Sozialismus/Kommunismus, das umso mehr, als der rea­le Huma­nis­mus um 1900 eine meist eli­tä­re und kon­ser­va­ti­ve Erschei­nung zeig­te. „Huma­nis­mus“ war seit die­ser Zeit auch als Wort in der sozi­al­de­mo­kra­ti­schen wie dann der kom­mu­nis­ti­schen Bewe­gung weit­ge­hend „erle­digt“ und nega­tiv besetzt. So sah etwa der Arbei­ter­füh­rer August Bebel (1840–1913) dar­in eine vom Klas­sen­kampf ablen­ken­de „Huma­ni­täts­du­se­lei“, wört­lich in sei­ner Kri­tik am huma­ni­tä­ren Kon­zept der fran­zö­si­schen Fou­rieris­ten.[4]

Erst in der anti­fa­schis­ti­schen Volks­front 1935/1939 und unmit­tel­bar nach 1945 kam es zu Annä­he­run­gen der poli­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung an bestimm­te Les­ar­ten des Huma­nis­mus, indem die­ser als erwei­ter­te Huma­ni­tät und Soli­da­ri­tät im Wider­stands­kampf gegen das Hit­ler-Regime inter­pre­tiert wur­de. Als der Real­so­zia­lis­mus (in vie­len Augen „der Kom­mu­nis­mus“) als Gesell­schafts­ord­nung 1989 schei­ter­te, und mit ihm der kurz vor Tores­schluss aus dem Boden gestampf­te Ver­band der Frei­den­ker der DDR (VdF),[5] öff­ne­ten sich eini­ge füh­ren­de West-Frei­den­ker, die schon seit Mit­te der 1980er Jah­re nach neu­en Wegen aus ihrer Mise­re such­ten, dem Huma­nis­mus und ver­ban­den sich 1990/1991 mit reform­ori­en­tier­ten Res­ten des VdF, mit Ost-Frei­den­kern, denen Huma­nis­mus als Pro­gramm und Pra­xis geläu­fi­ger war. Gemein­sam form­ten sie dar­aus ihr Kon­zept „Pro Huma­nis­mus“. Es ent­stand als „Über­gangs­form“ – sozu­sa­gen als „Pro­hu­ma­nis­mus“ – ein „säku­la­rer Huma­nis­mus“, wie er in die­sem Buch noch umfäng­lich vor­ge­stellt wird.

Huma­nis­mus als post­frei­den­ke­ri­sche Pro­gram­ma­tik ist also erst eine Genera­ti­on im kon­zep­tio­nel­len Gebrauch der „säku­la­ren Sze­ne“. Nie­mand kann sagen, ob der hel­le Schein wie­der ver­blasst oder nach sei­ner aktu­el­len Kri­se, die vor allem eine der ent­spre­chen­den Ver­bän­de ist, neu erblüht. Für das letz­te Vier­tel­jahr­hun­dert kann aller­dings eine Kon­junk­tur des Huma­nis­mus-Begriffs, teil­wei­se sogar ein infla­tio­nä­rer Gebrauch kon­sta­tiert wer­den. Den Höhe­punkt die­ses Booms stell­te zwei­fel­los die Aus­ru­fung einer „Leit­kul­tur Huma­nis­mus“ dar. Sie erfolg­te durch einen his­to­risch neu­en frei­den­ke­ri­schen Akteur – die Gior­da­no Bru­no-Stif­tung (errich­tet im März 2004 durch Her­bert Stef­fen; Jg. 1934).[6] In teil­wei­ser Koope­ra­ti­on mit und immer mal wie­der in mehr oder min­der schar­fer Kon­kur­renz zum im Janu­ar 1993 gegrün­de­ten HVD ver­än­der­te sich die „Sze­ne“. Die huma­nis­ti­schen Debat­ten kamen in ande­re Umstän­de.

In den letz­ten andert­halb Jahr­zehn­ten, also in unmit­tel­bars­ter Ver­gan­gen­heit, wur­den vie­le sozi­al­kul­tu­rel­le Phä­no­me­ne und geis­ti­ge Aus­den­kun­gen mit dem Adjek­tiv „huma­nis­tisch“ belegt. Auch ich habe mich dar­an flei­ßig betei­ligt, um – gemein­sam mit den auf die­sen Fel­dern prak­tisch Täti­gen – den „prak­ti­schen Huma­nis­mus“ des HVD zu beför­dern, aber auch, um die Pro­jek­te auf ihre Inno­va­tio­nen hin zu unter­su­chen, sie in eine Ver­bin­dung zum Huma­nis­mus zu brin­gen. Vor allem zwei Publi­ka­tio­nen soll­ten die­ses Her­an­ge­hen beför­dern: das Huma­nis­ti­sche Sozi­al­wort und die Huma­nis­ti­sche Bestat­tungs­kul­tur.[7] Eines der Ergeb­nis­se – die im vor­lie­gen­den Buch eine Rol­le spie­len wer­den – bil­de­te die Erkennt­nis, dass sich Huma­nis­mus nicht in „prak­ti­schem Huma­nis­mus“ erschöpft, und dass die­ser den „säku­la­ren Huma­nis­mus“ zu über­win­den hat, was aber bis­her nur halb­her­zig geschieht.

Im Nach­hin­ein zeigt sich, dass mit die­ser Hin­wen­dung zum Huma­nis­mus die eigent­li­che Arbeit an einer ihn erklä­ren­den Theo­rie – die ja nur eine inter­na­tio­na­le, kol­lek­ti­ve, kon­tro­ver­se und in gro­ßen Stü­cken aka­de­mi­sche sein kann – begann. Die­se Arbeit kann aber nicht von der „Sze­ne“ allein geleis­tet wer­den, domi­niert doch dort noch weit­ge­hend ein „Behaup­tungs­hu­ma­nis­mus“, der in sei­ner ein­fachs­ten Form lau­tet: Wenn wir als huma­nis­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen etwas anbie­ten, dann ist dies huma­nis­tisch, weil wir huma­nis­ti­sche Ver­ei­ne sind.

Die­ser Man­gel wird nur bewusst, wenn man erkennt, wie breit und tief die Spann­wei­te ist, in der man sich beim Reden über Huma­nis­mus his­to­risch wie gegen­wär­tig bewegt. Mir selbst kam die­se nahe­zu über­wäl­ti­gen­de Mehr­di­men­sio­na­li­tät kla­rer vor Augen bei der Erstel­lung der (sehr unvoll­stän­di­gen) Lis­te von adjek­ti­vi­schen Kon­kre­tio­nen des Huma­nis­mus.[8] Ein umfäng­li­cher huma­nis­ti­scher Dis­kurs außer­halb von HVD und gbs kam sche­men­haft in den Blick. Die­ser Kata­log ent­stand, als sich der HVD 2010 anschick­te, ein neu­es Huma­nis­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis zu erstel­len.[9] Der Geschich­te die­ser Selbst­ver­ständ­nis­se wird im Fol­gen­den nach­ge­gan­gen, weil die Debat­ten und Papie­re die jewei­li­ge Sicht auf Huma­nis­mus zei­gen. Ins­ge­samt ver­weist die unbe­frie­di­gen­de kon­zep­tio­nel­le Klar­heit in der „Sze­ne“ auf das Feh­len einer wis­sen­schaft­li­chen Huma­nis­tik.[10]

Stand der HVD bis Mit­te der 1990er Jah­re mit sei­nen Äuße­run­gen zum Huma­nis­mus in der „säku­la­ren Sze­ne“ noch ziem­lich allein, ist heu­te sogar ein gewis­ser Wett­be­werb um den bes­se­ren Huma­nis­mus erkenn­bar. Zugleich gibt es Wei­te­run­gen sowohl bis zurück ins Tier­reich („evo­lu­tio­nä­rer Huma­nis­mus“) als auch über das als begrenzt emp­fun­de­ne natür­li­che Mensch­sein hin­aus ins Reich der Tech­nik („Trans­hu­ma­nis­mus“). Zugleich ist eine gewis­se aka­de­mi­sche und auch theo­lo­gi­sche Beschäf­ti­gung sowohl mit Huma­nis­mus als auch mit dem HVD und der gbs fest­stell­bar.

Huma­nis­mus, wie er dis­ku­tiert wird, zeigt sich immer mehr als ein „offe­nes Sys­tem.“[11] Die Ent­gren­zun­gen haben zwei Fol­gen, die in die­sem Buch erör­tert wer­den. Zum ers­ten hat sich die Kon­zep­ti­ons­bil­dung im „säku­la­ren Spek­trum“ in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend und wie selbst­ver­ständ­lich immer mehr um „Huma­nis­mus“ gedreht, so dass sich nahe­zu alle Ver­bän­de irgend­wie auf ihn bezie­hen. Aller­dings fehlt bis­lang ein aus­rei­chen­der Aus­weis, was den Han­deln­den nun jeweils „Huma­nis­mus“ heißt. Das betrifft zual­ler­erst den HVD selbst, obwohl er die meis­te Mühe zur Klä­rung auf­ge­wen­det hat. Das fällt ihm auch des­halb schwer, weil er sich orga­ni­sa­to­risch sehr dis­pa­rat prä­sen­tiert als Mittelstands‑, Gemein­de- und Pri­vat­be­trieb, als Bun­des­ver­ein und Mini­grup­pe, als Aka­de­mie und als Fami­li­en­in­itia­ti­ve. Was heißt hier „Pro Huma­nis­mus“ als eini­gen­des Band?

Die zwei­te Fol­ge ist gra­vie­ren­der. Die „säku­la­re Sze­ne“ ist erfreu­lich offe­ner gewor­den.[12] Sie hat sich hin­sicht­lich der als eige­ne Kli­en­tel defi­nier­ten „Kon­fes­si­ons­frei­en“ hin zur Gesell­schaft geöff­net. Das aber zeigt nun gera­de ihre orga­ni­sa­to­ri­sche Begrenz­heit auf gera­de­zu tra­gi­sche Wei­se. In dem Maße, wie die Zahl der Kon­fes­si­ons­frei­en steigt, wächst die „Sze­ne“ kei­nes­wegs, weder abso­lut noch pro­zen­tu­al.

Dar­aus fol­gen eini­ge stra­te­gi­schen Fra­gen: Was muss sich an den eige­nen Selbst­ver­ständ­nis­sen der Akteu­re ändern, um auf die Höhe der Zeit zu kom­men, um über­haupt ver­stan­den zu wer­den? Wer sind wir, woher kom­men wir, wohin wol­len wir – und wie kön­nen wir das über­haupt? Ist ein Huma­nis­ti­sches Selbst­ver­ständ­nis, etwa des HVD, über­haupt mög­lich zu for­mu­lie­ren, ohne grö­ße­re Kennt­nis über in der Gesell­schaft vor­find­li­che huma­nis­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis­se, also ohne ein halb­wegs stim­mi­ges Bild z.B. vom „Volks­hu­ma­nis­mus“? Wel­che Anzie­hungs- und Bin­de­kraft ver­mö­gen Tex­te aus­zu­üben, wenn hand­fes­te Inter­es­sen­un­ter­schie­de in der „Sze­ne“ und im HVD zen­tri­fu­ga­le Ener­gi­en aus­lö­sen?

Dabei ist die Unkennt­nis, wel­cher Huma­nis­mus for­mu­liert wer­den soll und an wen er sich rich­tet, nicht in ers­ter Linie selbst­ver­schul­det, son­dern Pro­dukt, wenn man so will, der Kir­chen­aus­tritts­ge­schich­te. Kir­chen­funk­tio­nä­re wie Frei­den­ker inter­es­sier­ten sich die letz­ten 150 Jah­re glei­cher­ma­ßen, man kann sagen, seit es ent­spre­chen­de Stu­di­en gibt, vor allem hin­sicht­lich der Moti­ve, war­um Men­schen die Kir­chen ver­las­sen. Bei den Frei­den­kern weck­te die­se Abwen­dung immer wie­der neue Hoff­nun­gen auf Zuwen­dung zu ihnen. Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit galt ihnen immer als Her­aus­for­de­rung. Doch galt für die Orga­ni­sa­tio­nen der Kon­fes­si­ons­frei­en jemals „Fremd­heit berei­chert die Gemein­de“?[13]

Heu­te, da Kon­fes­si­ons­freie ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung aus­ma­chen, stel­len „säku­la­re“ wie kirch­li­che Amts­trä­ger fest, dass alle nicht viel über die „Welt­an­schau­un­gen“ derer wis­sen, die die „Heils­ge­mein­schaft“ schon lan­ge ver­las­sen haben oder noch nie Kon­takt dazu hat­ten: „Wäh­rend wir über die Men­ta­li­tä­ten die­ser Men­schen, also der ‘Kon­fes­si­ons­lo­sen der ers­ten Genera­ti­on’, die alle noch getauft wur­den, eini­ges wis­sen, ver­fü­gen wir für die Grup­pe der ‘schon immer Kon­fes­si­ons­lo­sen’ kaum über Kennt­nis­se. Zu die­ser Grup­pe gehö­ren bis­lang – vor­ran­gig im Wes­ten – Söh­ne und Töch­ter von Men­schen, die aus der Kir­che aus­ge­tre­ten sind, im Osten Men­schen, die bereits über Genera­tio­nen in die­sen Zustand der Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit hin­ein­ge­bo­ren wur­den. Die Zuge­hö­rig­keit zu die­ser Grup­pe unter­schei­det sich fun­da­men­tal in den alten und neu­en Bun­des­län­dern.“[14]

Die Unkennt­nis hin­sicht­lich der rea­len „Kon­fes­si­ons­frei­en­kul­tu­ren“ ist für die Ver­bän­de der „Sze­ne“ viel gra­vie­ren­der als für die Kir­chen.[15] Zum einen ist es ihre poten­zi­el­le Kli­en­tel. Zum ande­ren stellt sich näm­lich beim Blick auf die Bio­gra­phi­en des Füh­rungs­per­so­nals und deren kon­zep­tio­nel­le Vor­stel­lun­gen her­aus, dass die­je­ni­gen, die in den letz­ten zwan­zig Jah­ren, so weit sie im Wes­ten auf­wuch­sen und in der „Sze­ne“ prä­gen­de Figu­ren waren, reli­gi­ös sozia­li­siert wur­den, Minis­tran­ten waren oder Kon­fir­ma­ti­on hat­ten, sich schließ­lich abwand­ten und wuss­ten, was Frei­den­ke­rei gera­de für sie per­sön­lich bedeu­tet – eine Befrei­ung.[16] Huma­nis­mus bezie­hen sie in ers­ter Linie auf die­sen Akt der erwor­be­nen Reli­gi­ons­ab­sti­nenz. Sie unter­schei­den sich hier von ihrer ost­deut­schen Kol­le­gen­schaft. Bei­de tun aber in der Regel so, als sei­en die Ost-West-Unter­schie­de mar­gi­nal, als gäbe es einen deut­schen Ein­heits­kul­tur­zu­stand bezo­gen auf Erfah­run­gen mit der „Säku­la­ri­tät“.

Die Funk­tio­nä­re Ost haben – je ver­schie­den – einen Staat, eine Gesell­schaft, eine Arbeit, eine Par­tei, ihre Orga­ni­sa­tio­nen, Ver­si­che­run­gen usw. ver­lo­ren, auch eine Welt­an­schau­ung. Egal, wie man dazu stand, sie war Bezugs­punkt. Wäh­rend Gläu­bi­ge nach wie vor ihre Kir­chen hat­ten, such­ten Kon­fes­si­ons­freie nach neu­em Halt, einer Auf­ga­be, einem Aus­kom­men. Kirch­li­ches war ihrem Leben fremd, hat­te kei­ne Rol­le gespielt. Vom Huma­nis­mus hat­ten sie Diver­ses gehört, schon in der Schu­le. In allen Orga­ni­sa­ti­ons­zu­sam­men­hän­gen kam irgend­wie „Huma­nis­mus“ vor. Wäh­rend die Funk­tio­nä­re West in der „ers­te Genera­ti­on“ etwas ver­las­sen hat­ten und es sie dräng­te, dies zu ver­ar­bei­ten, zu begrün­den, ande­re für die­sen Weg zu gewin­nen – sie freu­en sich bis heu­te über jeden Kir­chen­aus­tritt –, sahen die Funk­tio­nä­re Ost im Huma­nis­mus vor allem einen welt­an­schau­li­chen Ersatz, ein prak­ti­sches Lebens­hil­fe­an­ge­bot und eine prag­ma­ti­sche Orga­ni­sa­ti­ons­form.

Meist domi­niert bei den Funk­tio­nä­ren West Kir­chen- und Reli­gi­ons­kri­tik, ein frei­den­ke­ri­sches Ver­hal­ten. Sie kön­nen die Bedürf­nis­se vie­ler gar nicht ver­ste­hen, die zur zwei­ten oder schon vier­ten „Genera­ti­on“ der Kon­fes­si­ons­frei­en gehö­ren, die nie in der Kir­che waren, die gar kein „per­sön­li­ches“ Pro­blem mit die­ser Orga­ni­sa­ti­on haben, denen Frei­den­ke­rei unbe­kannt ist und die sie nicht benö­ti­gen. Wenn sol­che unter­schied­lich Sozia­li­sier­ten dann „säku­la­re Orga­ni­sa­tio­nen“ lei­ten, erge­ben sich zwangs­läu­fig Miss­ver­ständ­nis­se und unter­schied­li­che Stra­te­gi­en – wobei Ost­funk­tio­nä­re aus ihren Bio­gra­phi­en her und im Eini­gungs­pro­zess in die­se Rich­tung erzo­gen, dazu nei­gen, sol­che Fra­gen und Unter­schie­de weni­ger grund­sätz­lich zu neh­men. Viel­leicht las­sen sich die Dif­fe­ren­zen zwi­schen „Auf­bau- und Abbau­stra­te­gie“,[17] wor­auf noch ein­ge­gan­gen wird (Doku­ment 21), auf die­se Wei­se erklä­ren, inklu­si­ve die (dann doch wie­der unter­schied­lich begrün­de­te wie wir­ken­de) Distanz im Osten und im Wes­ten gegen­über dem als Welt­an­schau­ung orga­ni­sier­ten Huma­nis­mus, der in bei­der Augen im Auf­tre­ten den Kir­chen zu ähn­lich ist.

Solan­ge HVD und Huma­nis­ti­sche Uni­on die ein­zi­gen Ver­bän­de waren, die im Namen des Huma­nis­mus agier­ten, war eine Zuord­nung nicht zwei­fel­haft. Doch hat die Zahl huma­nis­ti­scher Ver­ei­ne (auch ohne dies im Namen aus­zu­wei­sen) und huma­nis­ti­scher Über­zeu­gun­gen in der Bevöl­ke­rung (auch wenn dies nicht unter „Huma­nis­mus“ fir­miert) zuge­nom­men.

Es gibt zwei mög­li­che extre­me Bewer­tun­gen die­ser Situa­ti­on: Zum einen zu fol­gern, sol­che Huma­ni­sie­run­gen sei­en gar nicht ein­ge­tre­ten, was die Lage zu schwarz malen wür­de; zum ande­ren, die erfolg­ten Huma­ni­sie­run­gen sei­en auf das Wir­ken des HVD und ande­rer Huma­nis­ten­ver­ei­ne zurück­zu­füh­ren, was sehr aben­teu­er­lich ist. Da sozio­lo­gi­sche Befun­de zur „Glau­bens­welt“ der Huma­nis­ten unter den Kon­fes­si­ons­frei­en eben­so feh­len wie stra­pa­zier­ba­re Bele­ge zum Ver­hält­nis Reli­gi­on und „Volks­hu­ma­nis­mus“, bie­tet sich zur Annä­he­rung an das The­ma an, his­to­ri­sche Vor­gän­ge und theo­re­ti­sche Debat­ten in der „Sze­ne“ zu befra­gen.

Des­halb kon­zen­triert sich im Fol­gen­den der Stoff auf Ver­ständ­nis­se von Huma­nis­mus in ver­schie­de­nen Äuße­rungs­for­men. Dabei geht es beson­ders um gedank­li­che Ver­bin­dun­gen zwi­schen Huma­nis­mus, orga­ni­sier­tem Huma­nis­mus, HVD und ande­ren huma­nis­ti­schen und huma­ni­tä­ren Ver­ei­nen, ers­tens in his­to­ri­sie­ren­der Ziel­set­zung; zwei­tens in Abgren­zung zum „säku­la­ren Huma­nis­mus“; drit­tens in der gebo­te­nen Kür­ze, was Ver­ein­fa­chun­gen und Zuspit­zun­gen zur Fol­ge hat und viel­leicht den Dis­kurs beför­dert; vier­tens aus dem Grund der reflek­tie­ren­den Selbst­ver­ge­wis­se­rung; und fünf­tens, weil mir die­ses The­ma Spaß macht, obwohl ande­re Gegen­stän­de mit zuneh­men­dem Alter wich­ti­ger wer­den.

Fuß­no­ten

  1. Vgl. Horst Gro­schopp: Von den Dis­si­den­ten zu den Reli­gi­ons­frei­en. Zur Kon­zep­ti­on einer Kon­fes­si­ons­frei­en­po­li­tik in Deutsch­land. In: „Lie­ber einen Knick in der Bio­gra­phie als einen im Rück­grat“. Fest­schrift zum 70. Geburts­tag von Horst Herr­mann. Hrsg. von Yvon­ne Boen­ke. Müns­ter 2010, S. 395–412. – Ders.: Kon­fes­si­ons­freie und Welt­an­schau­ungs­pfle­ge. In: HAD 3, S. 143–168.
  2. Bodo Sei­del: Die Huma­nis­ten. Ein Ver­such, sie zu ver­ste­hen. In: Dia­log und Aus­ein­an­der­set­zung mit Athe­is­ten und Huma­nis­ten. Hrsg. von Rein­hard Hem­pel­mann. Ber­lin 2011, S. 45–62, hier S. 51, Fn 26 (EZW-Tex­te, 216).
  3. Fried­rich Engels/Karl Marx: Die hei­li­ge Fami­lie oder Kri­tik der kri­ti­schen Kri­tik. Gegen Bru­no Bau­er & Con­sor­ten. Vor­re­de (Sep­tem­ber 1844). In: MEW, Bd. 2, Ber­lin 1958, S. 139.
  4. Vgl. Mit­tei­lun­gen der Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur. Neue Fol­ge. Ber­lin 1896, H. 8, S. 311 f. – August Bebel: Charles Fou­rier. Sein Leben und sei­ne Theo­ri­en (1907). Leip­zig 1978, S. 232.
  5. Vgl. HABB 8.
  6. Vgl. Micha­el Schmidt-Salo­mon: Mani­fest des evo­lu­tio­nä­ren Huma­nis­mus. Plä­doy­er für eine zeit­ge­mä­ße Leit­kul­tur. Aschaf­fen­burg 2005.
  7. Vgl. HAB 1 und HAD 2.
  8. Vgl. Horst Gro­schopp: Dif­fe­ren­zie­run­gen im Huma­nis­mus. Alpha­be­ti­sche Samm­lung zum Wort­ge­brauch von „Huma­nis­mus“ in deutsch­spra­chi­gen Tex­ten. In: Hao 2011, Text 27.
  9. Die Frei­en Huma­nis­ten Nie­der­sach­sen hat­ten bis 2011 ein eige­nes HSV, das jeweils von Jür­gen Ger­des unter Benut­zung des jewei­li­gen HSV des Bun­des-HVD erstellt wur­de. Auf Ver­glei­che mit die­sen Aus­ga­ben wird hier ver­zich­tet. Vgl. zu den Haupt­in­hal­ten Jür­gen Ger­des: Huma­nis­mus und Chris­ten­tum. In: dies­seits 1999, H. 49, S. 6–8.
  10. Vgl. Huma­nis­tik. Huma­nis­mus als Stu­di­en­fach (2004). 
  11. Vgl. HAD 5.
  12. Vgl. Ulf Ples­sent­hin: Zwi­schen Glo­bal­kri­tik am Staats­kir­chen­recht und „Drit­ter Kon­fes­si­on“. Orga­ni­si­sier­te Huma­nis­ten und Athe­is­ten in Deutsch­land. In: Reli­gi­on – Staat – Gesell­schaft. Zeit­schrift für Glau­bens­for­men und Welt­an­schau­un­gen. Ber­lin 2012, H. 1, S. 133–169.
  13. Vgl. Micha­el Doms­gen: Fremd­heit berei­chert die Gemein­de. Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit als Her­aus­for­de­rung. In: Deut­sches Pfarr­er­blatt. Die Zeit­schrift Evan­ge­li­scher Pfarrein­nen und Pfar­rer. Kas­sel 2016, H. 1, S. 16–19.
  14. Udo Schmälz­le: Was fehlt den Kon­fes­si­ons­lo­sen? In: Her­der Kor­re­spon­denz. Monats­schrift für Gesell­schaft und Reli­gi­on. Ber­lin Janu­ar 2016, 70. Jg., H. 1, S. 32–35, hier S. 33.
  15. Sie ver­su­chen, das Phä­no­men „Kon­fes­si­ons­freie“ auf ihre Art zu deu­ten. Vgl. „Reli­giö­se Athe­is­ten“ – Ein neu­er Trend? Tagung der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie Hof­geis­mar in Koope­ra­ti­on mit dem Lehr­stuhl für Kir­chen­ge­schich­te der Ernst-Moritz-Arndt-Uni­ver­si­tät Greifs­wald. In: Evan­ge­li­scher Pres­se­dienst. Doku­men­ta­ti­on Nr. 46. Frank­furt a.M. 10. Novem­ber 2015. – Petra-Ange­la Ahrens: Kon­fes­si­ons­lo­se in einer säku­la­ren Mehr­heits­ge­sell­schaft. Wert­hal­tung und Lebens­ori­en­tie­run­gen. In: EZW-Mate­ri­al­dienst. Ber­lin 2015, H. 9, S.323–332. – Arbeits­stel­le „Kir­che im Dia­log“: Ohne Gott? Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit. Ein Über­blick. Ros­tock [2015].
  16. Vgl. Rita Kuc­zyn­ski: Wor­an glaubst du eigent­lich? Welt­sicht ohne Reli­gi­on. Ber­lin 2013.
  17. Die­se grund­sätz­li­che Unter­schei­dung zwei­er Strategien/Prioritäten ist inzwi­schen von kirch­li­cher Sei­te in Urtei­len über die „säku­la­re Sze­ne“ über­nom­men wor­den. Vgl. Hand­buch Welt­an­schau­un­gen, Reli­giö­se Gemein­schaf­ten, Frei­kir­chen. Hrsg. im Auf­trag der Kir­chen­lei­tung der VELKD von Chris­ti­ne Jahn/Matthias Pöhl­mann. Güters­loh 2015, S. 1035.

Quel­le: Horst Gro­schopp: Pro Huma­nis­mus. Eine zeit­ge­schicht­li­che Kul­tur­stu­die. Mit einer Doku­men­ta­ti­on. Aschaf­fen­burg 2016, 287 S., hier S. 7–14. (Huma­nis­mus­per­spek­ti­ven, Bd. 1).