Ein Desiderat: Humanismus in der DDR

mensch_groschopp_72.jpgDas Begriffs­paar „gan­zer Mensch“ (lat.: totus homo) meint die Ein­heit von Leib und Geist. Es han­delt sich um eine der Zen­tral­ka­te­go­ri­en per­so­na­ler Iden­ti­tät seit der Anti­ke und in die­ser Tra­di­ti­on bis heu­te.[1]

Die Über­zeu­gung, der Mensch bestehe aus Kör­per und See­le führ­te im 18. Jahr­hun­dert zu einer umfas­sen­de­ren Anthro­po­lo­gie, bis hin zu einer neu­en medi­zi­ni­schen Betrach­tung des Men­schen.[2] Das lei­te­te über zu einer Rezep­ti­on die­ses Gedan­ken­guts und des­sen Über­füh­rung in das idea­le Men­schen­bild der klas­si­schen deut­schen Lite­ra­tur.[3] Wie­der­um dar­an anknüp­fend wur­de der „gan­ze Mensch“ zu einem Pro­gramm huma­nis­ti­scher Bil­dung, beson­ders in der päd­ago­gi­schen Kon­zep­ti­on von Fried­rich Imma­nu­el Nietham­mer (1766–1848). Er inno­vier­te 1808 das Wort „Huma­nis­mus“.[4]

Nietham­mer hat­te dabei ent­spre­chen­de Über­set­zun­gen grie­chi­scher Tex­te im Blick, etwa die Epi­kurs, in denen die Ganz­heit­lich­keit des Men­schen eine zen­tra­le Über­le­gung dar­stellt. „Die ‘Beschir­mung Epy­cu­ri’ ist [in Johann Gott­fried: Der gant­ze Mensch, 1490; HG] mora­lis phi­lo­so­phia; anti­ke Tra­di­ti­on (‘unser Epy­cu­rus’) und die Natur (‘natür­li­che Phi­lo­so­phie’) sind Grund­la­ge der Argu­men­ta­ti­on. Der ‘gan­ze Mensch’, die Ein­heit von Leib, See­le, Gemüt ist die zen­tra­le Aus­sa­ge. Das Wort ‘Mensch’ wird defi­niert und empha­tisch gebraucht …“.[5]

Wie selbst­ver­ständ­lich griff der kom­mu­nis­ti­sche Funk­tio­när und Schrift­stel­ler Alfred Kurel­la (1895–1975), im Jahr­zehnt um den Mau­er­bau 1961 der bestim­men­de Kul­tur­theo­re­ti­ker und ‑poli­ti­ker in der Sozia­lis­ti­schen Ein­heits­par­tei Deutsch­land (SED) und der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik (DDR), die anti­ke Wort­ver­bin­dung am Ende sei­ner Kar­rie­re 1969 noch ein­mal demons­tra­tiv in sei­nem Buch Der gan­ze Mensch auf.[6] Er woll­te sei­ne schwin­den­de Anhän­ger­schaft ermah­nen, sie sei­en auf dem fal­schen Weg, wenn sie die­ses heh­re Ziel auf­gä­ben.

Zu die­ser Zeit war die Hoch­kon­junk­tur huma­nis­ti­scher Rhe­to­rik in der DDR bereits vor­bei. Auf die­se Ver­gan­gen­heit trifft der ers­te Satz einer Rezen­si­on zu, die Anfang des Jah­res 2012 in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung (FAZ) stand: „Sein vor­erst letz­tes Hur­ra fei­er­te er in der DDR[7] – gemeint ist der Huma­nis­mus. Der bespro­che­ne Sam­mel­band des renom­mier­ten Alt­phi­lo­lo­gen Hubert Can­cik (geb. 1937) behan­delt Euro­pa – Anti­ke – Huma­nis­mus,[8] sehr his­to­risch, kein Wort dar­in über die DDR.

Woher also die­se Asso­zia­ti­on? Es war wohl eine über­lie­fer­te Erin­ne­rung west­deut­scher Distanz zur DDR. Der Rezen­sent, der Bie­le­fel­der Alt­his­to­ri­ker Uwe Wal­ter (geb. 1962), führt seit 2009 für die FAZ den Blog Anti­ke und Abend­land. Als er 1983 sein Stu­di­um begann, stand zwar noch 1984 in der DDR der Phi­lo­so­phie­kon­gress Sozia­lis­mus und Frie­den – Huma­nis­mus in den Kämp­fen unse­rer Zeit bevor.[9] Doch da war die Huma­nis­museu­pho­rie schon zwan­zig Jah­re vor­bei. Huma­nis­mus war nun fein ein­ge­ord­net in die Schub­la­den des hoch­of­fi­zi­el­len Gebäu­des der mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schen Theo­rie – also ziem­lich tot. Die DDR hat­te da nur noch ein Jahr­fünft zu leben.

Das „gro­ße Hur­ra“ des Huma­nis­mus – die­ses Entern eines bil­dungs­bür­ger­li­chen Refu­gi­ums – scheint bei denen, die die­se Tra­di­tio­nen in der Bun­des­re­pu­blik gegen die DDR demons­tra­tiv hoch hiel­ten – mehr Spu­ren hin­ter­las­sen zu haben als die aktu­el­le wis­sen­schaft­li­che Beschäf­ti­gung mit die­sem Desi­de­rat der sonst höchst umfäng­li­chen DDR-For­schung zeigt, die allein zwi­schen 1989 und 2008 etwa 8.000 Titel kennt – eine immense Samm­lung von Fak­ten und Urtei­len.[10]

Die DDR erschien zwi­schen­zeit­lich sogar als „über­forscht“.[11] Es fan­den sich zwar stets neue The­men, jedoch – das erstaunt ange­sichts der DDR-Real­ge­schich­te – nicht der Huma­nis­mus. Als Ursa­che dafür kann gel­ten, dass die DDR gera­de auf kul­tu­rel­len Fel­dern das „vier­te, ver­ges­se­ne Deutsch­land“ dar­stellt, wie der His­to­ri­ker Fritz Stern 2007 in sei­nen Erin­ne­run­gen schrieb. Liegt dies dar­an, dass die­se Regi­on „wie West­deutsch­land, ein Staat mit sehr begrenz­ter Sou­ve­rä­ni­tät“ war?[12] Es ist aber wohl eher ein Pro­blem der Erin­ne­rungs- und For­schungs­kul­tur,[13] in der „erst jetzt die DDR ent­steht“.[14] Zur Illus­trie­rung die­ser The­se soll ein Urteil von Gün­ter Grass (geb. 1927) ange­führt wer­den. Der Schrift­stel­ler kri­ti­sier­te 1982, dass der „ost­deut­sche Huma­nis­mus“ zu wenig beach­tet wer­de, weil der west­li­che Bil­der­ka­non zu stark domi­nie­re.[15]

Selbst­re­dend wur­de Huma­nis­mus in der DDR in einer spe­zi­el­len Les­art gepflegt und von der SED seit ihrer Grün­dung 1946 poli­tisch ein­ge­setzt. Der Begriff wur­de staats­tra­gend, blieb lan­ge strit­tig. Bis an ihr Ende dien­te ein beson­de­rer „sozia­lis­ti­scher Huma­nis­mus“ der kul­tu­rel­len Legi­ti­ma­ti­on der DDR. Jün­ge­re For­schun­gen wie die von Gun­ther Mai heben aus­drück­lich her­vor: „Aus dem Selbst­ver­ständ­nis als Erbe und Voll­stre­cker, aus dem über­zeit­lich defi­nier­ten Huma­nis­mus-Begriff lei­te­te die SED ihre his­to­ri­sche Legi­ti­mi­tät wie ihre staats­po­li­ti­sche Seins-Räson nach innen und außen ab.“[16]

Huma­nis­mus wur­de dabei zwar eben­so umfas­send wie zugleich kunst­fi­xiert ver­stan­den, aber kei­nes­falls – wie der glei­che Autor ein­schätzt und wie im Fol­gen­den gezeigt wird – „über­zeit­lich“ und schon gar nicht als „Ver­hei­ßung eines ‘tota­len’ Huma­nis­mus“. Dafür war die­ses Huma­nis­mus-Ver­ständ­nis viel zu sehr in den Kanon des Mar­xis­mus-Leni­nis­mus ein­ge­bun­den – jeden­falls so weit es die trot­zi­ge Kate­go­rie über­haupt zuließ.

Drei Ein­stel­lun­gen sind bei den in der DDR han­deln­den Per­so­nen zu kon­sta­tie­ren, die sich tra­dier­ten, zumin­dest in der gesam­ten Ära Wal­ter Ulb­richt (1893–1973) vom 5. Dezem­ber 1943 bis zum 3. Mai 1971, von der Bil­dung einer KPD-Arbeits­grup­pe in Mos­kau für das künf­tig sowje­tisch besetz­te Deutsch­land und sei­nem Rück­tritt von fast allen sei­nen Ämtern in Ber­lin. Die­se kul­tu­rel­len Über­zeu­gun­gen bil­de­ten objek­ti­ve Vor­aus­set­zun­gen, dass die Haupt­ak­teu­re trotz här­tes­ter poli­ti­scher Kämp­fe auch unter­ein­an­der zur Zusam­men­ar­beit (oder auch zu Tren­nun­gen) fan­den:

Bei allen Betei­lig­ten hielt sich ers­tens in irgend­ei­ner Vari­an­te die Erin­ne­rung an den gemein­sa­men Anti­fa­schis­mus, der sich nicht in ers­ter Linie gegen Deutsch­land und Deut­sches rich­te­te, son­dern gegen das – wie es bereits 1942 Johan­nes R. Becher (1891–1958) gegen­über dem Regi­ments­kom­man­deur und spä­te­ren sowje­ti­schen Kul­tur­of­fi­zier Ser­gej Iwa­no­witsch Tjul­panow (1901–1984) aus­drück­te – „vom Faschis­mus ver­sklav­te Deutsch­land“. Das hielt nicht nur fest am Natio­na­len – auch gegen­über den Rus­sen –, son­dern bejah­te in schwe­rer Bedräng­nis die Fra­ge, „ob man auf die demo­kra­ti­schen Tra­di­tio­nen des deut­schen Vol­kes hof­fen kön­ne.“[17]

Eine zwei­te, dem Huma­nis­mus zunei­gen­de Ori­en­tie­rung fin­det sich bei deut­schen „Geis­tes­ar­bei­tern“ – die all­ge­mei­ne Wert­schät­zung des Pro­jek­tes Huma­nis­mus. Es behielt „eine anhal­ten­de Fas­zi­na­ti­on bei vie­len Kul­tur-Intel­lek­tu­el­len …, die selbst ein Sta­lin in den drei­ßi­ger Jah­ren nicht gebro­chen hat­te.“[18] Dazu gehört die fort­ge­setz­te Hoch­schät­zung der Kate­go­rie vom „gan­zen Men­schen“, beson­ders in der unge­bro­che­nen Ver­eh­rung nicht nur der Bil­dungs­kon­zep­ti­on von Wil­helm von Hum­boldt (1767–1835),[19] son­dern beson­ders von des­sen Beto­nung, dass Men­schen in objek­ti­ve Lagen gebracht wer­den müss­ten, „gan­ze Men­schen“ zu wer­den. Hum­boldt hat­te sein Kon­zept wäh­rend der Revo­lu­ti­on in Frank­reich for­mu­liert. In der SBZ wur­de die­se Schrift 1948 in einer popu­lä­ren Aus­ga­be inner­halb von Reclams Uni­ver­sal­bi­blio­thek neu her­aus­ge­ge­ben.[20]

Frei­heit“, bei Hum­boldt der Zen­tral­be­griff, wur­de in der DDR – solan­ge die Bedin­gun­gen der „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ herr­schen müss­ten – als Schaf­fung sozia­ler Vor­aus­set­zun­gen inter­pre­tiert, den „gan­zen Men­schen“ ent­wi­ckeln zu kön­nen. „Der wah­re Zweck des Men­schen“, so Hum­boldt, „ist die höchs­te und pro­por­tio­nir­lichs­te Bil­dung sei­ner Kräf­te zu einem Gan­zen. Zu die­ser Bil­dung ist Frei­heit die ers­te und uner­läss­li­che Bedin­gung. … Auch der frei­es­te und unab­hän­gigs­te Mensch, in ein­för­mi­ge Lagen ver­setzt, bil­det sich min­der aus.“[21]

Dar­aus folg­te bei kom­mu­nis­ti­schen wie sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Lin­ken, wie gezeigt wird, der Begriff des „rea­len Huma­nis­mus“[22] und dann in der DDR die Kon­zen­tra­ti­on auf des­sen sofor­ti­ge Ver­wirk­li­chung. Für „den Aus­bau kon­stan­ter und sys­te­ma­ti­scher Bemü­hun­gen um die Ver­ein­heit­li­chung aller unse­rer Maß­nah­men in bezug auf den ‘gan­zen Men­schen’, der in Gestalt des Arbei­ters vor uns steht“,[23] nutz­te dann der füh­ren­de DDR-Kul­tur­po­li­ti­ker Alfred Kurel­la alle ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­de Macht.

Mit einer drit­ten Über­zeu­gung wird sich die­ses Buch beschäf­ti­gen. Sie fin­det sich bei den „Par­tei­ar­bei­tern“ der SED, gera­de bei der ers­ten Rie­ge um Wal­ter Ulb­richt – die beson­de­re Wert­schät­zung der Klas­sik. Sie „erklärt sich … nicht nur dar­aus, daß ihr ‘Ide­en­ge­halt’ von brei­ten Schich­ten akzep­tiert wur­de. Die kom­mu­nis­ti­sche Funk­tio­när­s­eli­te hat­te selbst die­se Kul­tur­wer­te ver­in­ner­licht.“[24]

Begin­nend 1932 in Ber­lin, fort­ge­setzt 1935 im Pari­ser und dann 1943/44 im Mos­kau­er Exil, schließ­lich for­ciert unmit­tel­bar nach dem Krieg, mit einem ers­ten Höhe­punkt im Goe­the­jahr 1949, das mit der Kon­sti­tu­ie­rung der DDR zusam­men­fiel, wur­de Huma­nis­mus, zunächst vor allem der­je­ni­ge der „Wei­ma­rer Klas­sik“, Teil der Begrün­dungs­le­gi­ti­ma­ti­on des ost­deut­schen Staa­tes.

Den Werk­tä­ti­gen in der DDR wur­de faus­ti­sches Han­deln beschei­nigt. Am Ende der Ära Ulb­richt hieß dies nach des­sen eigen­wil­li­ger Inter­pre­ta­ti­on von Goe­thes Faust, hun­dert Jah­re nach des Dich­ters Tod habe die vom Kapi­ta­lis­mus befrei­te Arbei­ter­klas­se als Teil eines frei­en Vol­kes auf frei­em Grund damit „begon­nen, die­sen drit­ten Teil des ‘Faust’ mit ihrer Arbeit … zu schrei­ben“.[25] Wie­so und wie wird mit Arbeit „geschrie­ben“? Auch die­ser Inter­pre­ta­ti­on wird nach­ge­gan­gen.

Arbei­ter­klas­se, Sozia­lis­mus und Huma­nis­mus zusam­men zu den­ken war in den 1960ern in der DDR kei­ne Sen­sa­ti­on mehr. Ganz anders noch zu Zei­ten der Sowje­ti­schen Besat­zungs­zo­ne (SBZ) 1945–1949. Der Kon­trast zum deut­schen Vor­her und Neben­an, aber auch zur eige­nen Geschich­te des Sozia­lis­mus und Kom­mu­nis­mus konn­te nicht grö­ßer sein. Das fiel den intel­lek­tu­el­len Zeit­ge­nos­sen auf, ver­wun­der­te sie: „Die deut­schen Huma­nis­ten im Diens­te der kom­mu­nis­ti­schen Idee – das stieß noch lan­ge bei Künst­lern und wie bei gro­ßen Tei­len des Publi­kums auf Skep­sis.“[26]

Es ging der Par­tei­füh­rung der SED seit ihrer Grün­dung 1946 dar­um, auch wenn an ein eige­nes Land unmit­tel­bar nach Kriegs­en­de noch nicht zu den­ken war, „die DDR als idea­lisch voll­stre­cken­den Kul­tur­staat nach außen zu prä­sen­tie­ren: Huma­nis­mus als Waf­fe im Klas­sen­kampf“.[27] „Huma­nis­mus“ hat­te dabei ver­schie­de­ne, his­to­risch sich ändern­de Funk­tio­nen. Unmit­tel­bar nach dem Krieg ver­brei­te­te die sowje­ti­sche Besat­zungs­macht, bevor­zugt an Intel­lek­tu­el­le gerich­tet, ein Huma­nis­mus­ver­ständ­nis, das sich als Gegen­be­griff zum Faschis­mus ver­stand. Im fol­gen­den Bericht der SED-Par­tei­zei­tung Neu­es Deutsch­land, 1. Novem­ber 1946, sind künf­ti­ge „Anwen­dun­gen“ der Kate­go­rie „Huma­nis­mus“ ange­deu­tet.

Die Wort­wahl lässt den Schluss zu, mit Huma­nis­mus sei „mensch­li­ches Leben“ über­haupt gemeint. Die­se Sicht belegt, wie unge­übt man im Gebrauch die­ser Kate­go­rie (rus­sisch: Гуманизм) auf sowje­ti­scher Sei­te damals noch war. Die SED-Par­tei­zei­tung zitiert aus einer Rede von Kul­tur­of­fi­zier Major Ilja M. Frad­kin zum The­ma Huma­nis­mus in der Kunst Ende Okto­ber 1946 in Dres­den auf dem Säch­si­schen Künst­ler­kon­greß. Er lei­te­te von 1945 bis 1947 die Thea­ter­ab­tei­lung der Sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on (SMAD).

Huma­nis­mus in der Kunst sei ein wesent­li­cher Bestand­teil im mensch­li­chen Leben. Die öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se der kapi­ta­lis­ti­schen Zeit haben sich auf die huma­nis­ti­sche Ent­wick­lung der­art hem­mend aus­ge­wirkt, daß dadurch eine Kri­se des Huma­nis­mus ent­stan­den sei, die zu dem ego­is­tisch han­deln­den Indi­vi­du­um der neu­en Gesell­schaft geführt habe. Das phi­lo­so­phi­sche Wort: ‘Alles fließt, doch nichts ver­än­dert sich’, das die Unver­än­der­lich­keit der ewi­gen Geset­ze der mensch­li­chen Welt doku­men­tie­ren soll, habe zur Fol­ge gehabt, daß die Men­schen sich viel­fach in einen pas­si­ven Indi­vi­dua­lis­mus ver­kap­selt haben, der dem Faschis­mus den Weg erleich­ter­te. Der sozia­lis­ti­sche Huma­nis­mus in der Sowjet­uni­on ver­bin­de die Inter­es­sen des Pri­va­ten und des All­ge­mei­nen har­mo­nisch mit­ein­an­der.“[28]

Die eigen­wil­li­ge Kon­no­ta­ti­on von „Huma­nis­mus“ wird bei den deut­schen Zuhö­rern eini­ge Ver­wun­de­rung aus­ge­löst haben. Erst später, in den Pha­sen des „Auf­baus des Sozia­lis­mus“, stell­te sich eine grö­ße­re Nähe zur Begriffs­ge­schich­te her, auch in der Sowjet­uni­on. In der DDR wan­del­ten sich die Funk­tio­nen des Huma­nis­mus in dem Maße, wie der Begriff und das Pro­gramm prä­zi­siert und instru­men­ta­li­siert wur­den. So kam dann, dass „Huma­nis­mus“ in der DDR aus der Gedan­ken­welt eini­ger Gelehr­ter und Päd­ago­gen in die Gesell­schaft hin­ein sich aus­brei­te­te. Wohl in kei­nem Land der Erde wur­de dar­über so lan­ge, breit, inten­siv und hoch­po­li­tisch dis­ku­tiert, die Bevöl­ke­rung, die Schu­len, die Betrie­be und die Frei­zeit errei­chend. Der Begriff ging ein in wis­sen­schaft­li­che Fach­dis­zi­pli­nen, gab Dis­ser­ta­tio­nen das The­ma, beschäf­tig­te Phi­lo­so­phen und schließ­lich auch Alt­phi­lo­lo­gen, Künst­ler und Funk­tio­nä­re aller Par­tei­en, die Gewerk­schaf­ten und das Gesund­heits­we­sen.

Wal­ter Ulb­richt war der gro­ße Ver­fech­ter einer Ver­bin­dung von Sozia­lis­mus mit einem Huma­nis­mus, wie er ihn ver­stand und wie er ihn in den Zei­ten der Volks­front vor dem Zwei­ten Welt­krieg in Paris und in beson­de­rem Kon­takt mit Hein­rich Mann (1871–1950) lern­te, wie er von ihm und ande­ren inter­pre­tiert und in die SED ein­ge­führt wur­de – durch­aus zur Über­ra­schung der älte­ren Kom­mu­nis­ten. Johan­nes R. Becher kol­por­tiert in sei­ner Bio­gra­phie Ulb­richts, die­ser habe in den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Bil­dungs­zir­keln vor dem Ers­ten Welt­krieg die klas­si­sche deut­sche huma­nis­ti­sche Lite­ra­tur, beson­ders Faust I, schät­zen gelernt und selbst gern und mit gro­ßer Beto­nung Goe­thes Pro­me­theus-Gedicht vor­ge­tra­gen.[29] Die­ses Kunst­ver­ständ­nis hat ihn dann noch gelei­tet, als er Staats­rats­vor­sit­zen­der war, wie noch vor­zu­ge­füh­ren ist.

Fuß­no­ten

  1. Vgl. Bernd Janow­ski: Der gan­ze Mensch. Zur Anthro­po­lo­gie der Anti­ke und ihrer euro­päi­schen Nach­ge­schich­te. Ber­lin 2012.
  2. Vgl. Gün­ter Gold­bach: Der gan­ze Mensch im Blick­feld. Aus der Geschich­te der psy­cho­so­ma­ti­schen Medi­zin in Deutsch­land. Baden-Baden 2006. – Ralph Köh­nen: Der gan­ze Mensch. Fried­rich Schil­lers medi­zi­ni­sche Kon­zep­te im Hori­zont der zeit­ge­nös­si­schen Anthro­po­lo­gie. In: Gesund­heit im Spie­gel der Dis­zi­pli­nen, Epo­chen, Kul­tu­ren. Hrsg. von Diet­rich H. Grö­ne­mey­er. Tübin­gen 2008, S. 205–230.
  3. Vgl. Der gan­ze Mensch. Anthro­po­lo­gie und Lite­ra­tur im 18. Jahr­hun­dert. Hrsg. von Hans-Jür­gen Schings. Stutt­gart 1994.
  4. Vgl. Fried­rich Imma­nu­el Nietham­mer: Der Streit des Phil­an­thro­pi­nis­mus und des Huma­nis­mus in der Theo­rie des Erzie­hungs-Unter­richts uns­rer Zeit. Jena 1808. – Auf mög­li­chen frü­he­ren Gebrauch wird noch ver­wie­sen.
  5. Vgl. Hubert Can­cik: Anti­kere­zep­ti­on, Huma­nis­mus, huma­ni­tä­re Pra­xis. In: Ders., Euro­pa, Anti­ke, Huma­nis­mus, Huma­nis­ti­sche Ver­su­che und Vor­ar­bei­ten. Hrsg. von Hil­de­gard Can­cik-Lin­de­mai­er. Bie­le­feld 2011, S. 117–134, hier S. 127.
  6. Alfred Kurel­la: Der gan­ze Mensch. Ber­lin 1969.
  7. Uwe Wal­ter: Ohne Welt­an­schau­ung soll­te es schon auch gehen. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung (FAZ), Frank­furt a.M., 14.2.2012.
  8. Vgl. Can­cik: Euro­pa.
  9. Vgl. Sozia­lis­mus und Frie­den. Huma­nis­mus in den Kämp­fen unse­rer Zeit. VI. Phi­lo­so­phie­kon­greß der DDR vom 17. bis 19. Okto­ber 1984 in Ber­lin. Ber­lin 1985.
  10. Vgl. Bilanz und Per­spek­ti­ven der DDR-For­schung. Hrsg. von Rai­ner Eppe­l­mann / Bernd Fau­len­bach / Ulrich Mäh­lert. Pader­born u.a. 2003.
  11. Vgl. Peer Pas­ter­nack: Gelehr­te DDR. Die DDR als Gegen­stand der Leh­re an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten 1990–2000. Unter Mit­ar­beit von Anne Glück / Jens Hütt­mann / Dirk Lewin / Simo­ne Schmid / Kat­ja Schul­ze. Hrsg. vom Insti­tut für Hoch­schul­for­schung an der Mar­tin-Luther-Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg. Wit­ten­berg 2001.
  12. Fritz Stern. Fünf Deutsch­land und ein Leben. Erin­ne­run­gen. 3. Aufl., Mün­chen 2010, S. 386, 387.
  13. Es gibt in Deutsch­land kei­nen aka­de­misch ver­or­te­ten Huma­nis­mus, kei­nen Lehr­stuhl für „Huma­nis­tik“. – Vgl. Huma­nis­tik. Bei­trä­ge zum Huma­nis­mus. Hrsg. von Horst Gro­schopp. Aschaf­fen­burg 2012 (Schrif­ten­rei­he der Huma­nis­ti­schen Aka­de­mie Deutsch­land, Bd. 4).
  14. Micha­el Rutsch­ky: Wie erst jetzt die DDR ent­steht. Ver­misch­te Erzäh­lun­gen. In: Mer­kur, Deut­sche Zeit­schrift für euro­päi­sches Den­ken, Mün­chen 1995, 49. Jg., H. 9/10, S. 851–864.
  15. Vgl. Gün­ter Grass 1982 im Kata­log der Aus­stel­lung „Zeit­ver­gleich“, erneut zitiert in der „Ber­li­ner Zei­tung“ am 8.12.1997 in einer Kri­tik an der ein­sei­ti­gen künst­le­ri­schen Aus­stat­tung des Reichs­ta­ges.
  16. Gun­ther Mai: Staats­grün­dungs­pro­zeß und natio­na­le Fra­ge als kon­sti­tu­ti­ve Ele­men­te der Kul­tur­po­li­tik der SED. In: Wei­ma­rer Klas­sik in der Ära Ulb­richt. Hrsg. von Lothar Ehr­lich / Gun­ther Mai, Köln / Wei­mar / Wien 2000, S. 58.
  17. Vgl. Ser­gej Iwa­no­witsch Tjul­panow: Wie der Tag des Sie­ges vor­be­rei­tet wur­de (1965). In: Ders., Erin­ne­run­gen an deut­sche Freun­de und Genos­sen, Ber­lin 1984, S. 36–42, hier S. 39.
  18. Mai: Staats­grün­dungs­pro­zeß und natio­na­le Fra­ge, S. 59.
  19. Vgl. Wen­de­lin Sro­ka: Die Bil­dungs­kon­zep­ti­on Wil­helm von Hum­boldts in der DDR. Ein Bei­trag zur Rezep­ti­ons­ge­schich­te des Neu­hu­ma­nis­mus. Mün­chen 1984, S. 1.
  20. Vgl. Wil­helm von Hum­boldt: Ide­en zu einem Ver­such, die Gren­zen der Wirk­sam­keit des Staa­tes zu bestim­men. Leip­zig 1948.
  21. Wil­helm von Hum­boldt: Ide­en zu einem Ver­such, die Grän­zen der Wirk­sam­keit des Staa­tes zu bestim­men. Hrsg. von Edu­ard Cau­er. Bres­lau 1851, S. 9 f.
  22. Vgl. Sro­ka: Die Bil­dungs­kon­zep­ti­on Wil­helm von Hum­boldts, S. 7.
  23. Kurel­la: Der gan­ze Mensch, S. 10.
  24. Man­fred Jäger: Lite­ra­tur und Kul­tur­po­li­tik in der Ent­ste­hungs­pha­se der DDR (1945–1952). In: Aus Poli­tik und Zeit­ge­schich­te, Bei­la­ge zur Wochen­zei­tung Das Par­la­ment, Bonn 1985, Nr. 40–41, S. 32–47, hier S. 42 (im Fol­gen­den „Bei­la­ge Par­la­ment“).
  25. Wal­ter Ulb­richt: An alle Bür­ger der Deut­schen demo­kra­ti­schen Repu­blik! An die gan­ze deut­sche Nati­on. Rede auf der 11. Tagung des Natio­nal­ra­tes der Natio­na­len Front des Demo­kra­ti­schen Deutsch­land in Ber­lin. 23. März 1962. In: Ders., Zur Geschich­te der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung, Aus Reden und Auf­sät­zen, Bd. X, 1961–1962, Ber­lin 1966, S. 456.
  26. Natal­ja P. Tim­ofe­je­wa: Ein­lei­tung. Deutsch­land zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Zukunft. In: Die Poli­tik der Sowje­ti­schen Mili­tär­ad­mi­nis­tra­ti­on in Deutsch­land (SMAD). Kul­tur, Wis­sen­schaft und Bil­dung 1945–1949. Ver­ant­wort­li­che Bear­bei­ter: Jan Foit­zik / Natal­ja P. Tim­ofe­jew­na. Mün­chen 2005, S. 19 (Tex­te und Mate­ria­li­en zur Zeit­ge­schich­te, Bd. 15).
  27. Vgl. Lothar Ehr­lich / Gun­ther Mai / Inge­borg Cle­ve: Wei­ma­rer Klas­sik in der Ära Ulb­richt. In: Wei­ma­rer Klas­sik in der Ära Ulb­richt, S. 19.
  28. Kon­greß der Künst­ler in Dres­den. Bericht des „Neu­en Deutsch­land“, Nr. 163, 1.11.1946. In: Doku­men­te zur Kunst‑, Lite­ra­tur- und Kul­tur­po­li­tik der SED. Hrsg. von Eli­mar Schub­be, Stutt­gart 1972, Dok. 5, S. 66 f., hier S. 67 (im Fol­gen­den: Schub­be-Doku­men­te).
  29. Vgl. Johan­nes R. Becher: Wal­ter Ulb­richt. Ber­lin 1958, S. 27.

Quel­le: Horst Gro­schopp: Der gan­ze Mensch. Die DDR und der Huma­nis­mus. Ein Bei­trag zur deut­schen Kul­tur­ge­schich­te. Mar­burg: Tec­tum Ver­lag 2013, 559 S., hier S. 11–19.