Eine ostdeutsche Kulturkunde

Folgt er dem vor­lie­gen­den Buch, so hat der Rezen­sent in drei Kul­tu­ren gelebt, bevor er in eine vier­te (und wei­te­re?) über­ge­ben wur­de, die der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land; folgt er den aktu­el­len Debat­ten, so ist er ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach dem Ende der DDR in die ande­re deut­sche Gesell­schaft nur man­gel­haft inte­griert wor­den (Petra Köp­ping, 2018). Es präg­ten zum einen sei­ne frü­he­re Sozia­li­sa­ti­on in der DDR in Ver­bin­dung mit sei­nem Lebens­gang eben­da und zum ande­ren sei­ne zu erbrin­gen­den Anpas­sungs­leis­tun­gen vor und nach der „Wen­de“ die eigen­ar­ti­ge „Erfah­rung, ost­deutsch zu sein“. Das mach­te ihn womög­lich hei­mat­los, erzeug­te jeden­falls eine gewis­se Unbe­haust­heit sei­nes Daseins (Engler/Hensel, 2018). Schon 2002 hat­te Doro­thee Wier­ling sei­nen Jahr­gang 1949 einer Stu­die unter­zo­gen und ihr Buch „Gebo­ren im Jahr Eins“ genannt. Er gehör­te also zu den Ers­ten.

Auch Gerd Diet­rich behan­delt in sei­nem fast 2.500-Seiten-Kompendium die „Genera­tio­nen­fra­ge“. Er wid­met sich beson­ders den „Hin­ein­ge­bo­re­nen“ (vgl. III, S. 1.699 ff.), den „Kin­dern der DDR“. Sie gel­ten His­to­ri­kern und Sozio­lo­gen als die „eigent­li­chen Pro­blem­jahr­gän­ge“ (III, S. 1.701) in der ost­deut­schen Popu­la­ti­on. Bernd Lind­ner nann­te 2003 die­se Kohor­te eine „inte­grier­te Genera­ti­on“ (III, S. 1.704), die (so füg­te Marc-Diet­rich Ohse im glei­chen Jahr hin­zu; ebd., S. 1705) „‘im per­ma­nen­ten Span­nungs­feld von poli­ti­scher For­mie­rung und pri­va­ter Gestal­tungs­frei­heit’“ gelebt habe. Inte­griert bedeu­tet „sys­tem­nah“ – nur gut, dass ich aus Rent­ner­grün­den Kar­rie­re­zwän­gen ent­ho­ben bin. Sol­ches Urteil gilt da nicht mehr viel, zumal der Autor des Buches in sei­nem Resü­mee beru­hi­gend betont, man habe in der DDR kein unwah­res Leben gelebt, wie es eine nach 1990 gern poli­tisch ein­ge­setz­te The­se Ador­nos nahe­leg­te, es gäbe kein rich­ti­ges Leben im fal­schen (vgl. III, S. 2.332).

Die Rezen­si­on der vor­lie­gen­den „Kul­tur­ge­schich­te“ erfolgt, des­halb der lan­ge Vor­spruch, nicht vor­aus­set­zungs­frei, nicht nur, weil man die han­deln­den und zitier­ten Per­so­nen oft­mals kennt und auch eini­ge der ange­führ­ten Quel­len gele­sen hat. Es ist viel­mehr der einem ewig nach­schlei­chen­de Ver­dacht der Befan­gen­heit durch den geo­gra­phisch-poli­ti­schen Lebens­mit­tel­punkt, der noch immer zur „Erfah­rung, ost­deutsch zu sein“, dazu­ge­hört, gera­de wenn es sich um Urtei­le über die DDR han­delt, auch im wis­sen­schaft­li­chen Umfeld.

Oft geht es dabei – wohl­wol­lend gemeint – um die „Authen­ti­zi­tät“ des Augen­zeu­gen gegen­über einem Beob­ach­ter aus dem Wes­ten. In der Regel geht es aber um mehr, näm­lich um getrüb­ten Blick durch Zeit­zeu­gen­schaft und Erzie­hung. So fühl­te sich auch Han­nes Schwen­ger in sei­ner „Tagesspiegel“-Rezension des vor­lie­gen­den Buches dazu ange­hal­ten, unbe­dingt auf die Berufs­ge­schich­te von Gerd Diet­rich hin­zu­wei­sen und auf das „Insti­tut für Mar­xis­mus-Leni­nis­mus beim ZK der SED“ extra zu beto­nen, weil dem Autor damit „nie­mand vor­wer­fen [kön­ne], die DDR sei ihm fremd geblie­ben“ (4.11.2018, S. 29) – und Schwen­ger fin­det dann auch eine Beleg­stel­le für die beson­de­re Nähe zur DDR, näm­lich die rüh­men­de Hal­tung von Gerd Diet­rich zum „Palast der Repu­blik“ (vgl. II, S. 1479 ff). Die­ses vor eini­gen Jah­ren abge­ris­se­ne Bau­werk, um das Hohen­zol­lern­schloss wie­der zu errich­ten, gilt noch immer als Kampf­sym­bol. Noch immer wer­den Bau­herr, Funk­tio­na­li­tät, Nut­zung, Kos­ten, Asbest­an­teil und wei­te­re Para­me­ter mit dem ICC in West­ber­lin auf­rech­nend ver­gli­chen. Je gründ­li­cher Diet­richs „Kul­tur­ge­schich­te“ gele­sen sein wird, umso mehr sol­che „Geß­ler-Hüte“ wer­den sich fin­den.

Die DDR ist heu­te, um es in der Spra­che der Brief­mar­ken­freun­de zu sagen, ein abge­schlos­se­nes Sam­mel­ge­biet. Sie selbst kann zu ihrer Geschich­te nichts mehr hin­zu­fü­gen. Es gibt auch kei­ne Reprä­sen­tan­ten, die sie in deren Namen inter­pre­tie­ren, so sehr sich auch immer Stim­men auf­schwin­gen, dies zu tun. Micha­el Rutsch­ky pro­vo­zier­te 1999 („Der All­tag“, Band 72), die DDR ent­ste­he erst jetzt. So ist es. Da kommt Diet­richs Werk gera­de rich­tig.

Rutsch­ky mein­te damit, dass das, was die DDR aus­zeich­ne, Pro­dukt sowohl einer Debat­te über sie als auch sich wan­deln­der Zeit­um­stän­de sei. Das Bild der DDR bleibt wei­ter strit­tig. Ver­blüf­fend ist die in die Tau­sen­de gehen­de Zahl der in den letz­ten zwei­ein­halb Jahr­zehn­ten ver­öf­fent­lich­ten sach- und wis­sen­schafts­ori­en­tier­ten Arti­kel und Bücher zum The­ma (vgl. die sehr umfäng­li­che, obwohl spar­sa­me Aus­wahl­bi­blio­gra­phie III, S. 2.365–2.379).

Gerd Diet­richs „Kul­tur­ge­schich­te“ bringt sich in die­sen Rei­gen auf mehr­fa­che Wei­se ein. Sie ist eine Aus­nah­me­erschei­nung, nicht nur vom Umfang her, weil dicker als das „Hand­buch der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten“ von 2004 (Jaeger/Rüsen), son­dern auch, weil es das Werk eines Ein­zel­au­tors ist, was auch zeigt, Com­pu­ter haben zuneh­mend mehr Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten.

Ein­gangs dis­ku­tiert der Autor die gän­gi­gen The­sen über die DDR aus­führ­lich. Er ver­sucht, sie his­to­risch zu ord­nen, inklu­si­ve der am Schluss des Wer­kes (mit iro­ni­schem Unter­ton) ange­füg­ten „Sie­ben Arten Ost­al­gie zu beschrei­ben“. Er möch­te den Streit aus der west­deutsch kon­no­tier­ten, eng­füh­ren­den Opfer­sicht her­aus­lö­sen (vgl. III, S. 2.346–2.355). Das Vor­wort (vgl. I, S. XIXLII) unter­zieht vor­lie­gen­de wis­sen­schaft­li­che Ord­nungs­mus­ter und Para­dig­men der DDR-Geschich­te eben­falls einer wer­ten­den Betrach­tung. Dabei wird der Gegen­stand „DDR“ defi­niert als „Kom­ple­men­tär­be­griff für die ost­deut­sche Gesell­schaft“ von 1945 bis 1990 (vgl. I, XXIX).

Es wer­den kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Metho­den der Geschichts­for­schung und pra­xeo­lo­gi­sche Ansät­ze gegen eine aus­schließ­lich poli­ti­sche Betrach­tung gesetzt, um die DDR „ambi­va­lenz­fä­hig zu machen“ (Lutz Nietham­mer, zitiert I, S. XXVI). Kul­tur­po­li­tik und das Poli­ti­sche über­haupt wer­den bei Diet­rich zu Tei­len „eines kul­tu­rel­len Fel­des“ (I, S. XXVI), wobei „Kul­tur“ sowohl in den sozia­len Lebens­for­men des All­tags (und ihren öko­no­mi­schen Ver­ur­sa­chun­gen) wie in den spe­zia­li­sier­ten Kunst­be­rei­chen (und deren Prä­sen­ta­tio­nen) auf­ge­sucht wird.

Der Autor ent­zieht sich nicht der bis­her domi­nie­ren­den Dik­ta­tur­for­schung, son­dern ist an einer dia­lek­ti­schen Sicht auf die Zusam­men­hän­ge inter­es­siert. Er fragt danach, wie sich die Dik­ta­tur kon­kret in dem äußert, was er als Kul­tur bestimmt; wie die­ses Kul­tu­rel­le auf die For­men und Metho­den zurück­wirkt, in denen sich das Dik­ta­to­ri­sche äußert.

Des­halb folgt sei­ne zeit­li­che Ein­tei­lung auch nicht den übli­chen poli­tisch-staat­li­chen Groß­ereig­nis­sen mit den mar­kan­ten Ein­schnit­ten: Grün­dung der DDR 1949, Mau­er­bau 1961 (den „vie­le Funk­tio­nä­re inof­fi­zi­ell als den heim­li­chen Grün­dungs­akt der DDR begrif­fen“ [II, S. 829]), Unter­gang der DDR 1990 oder Ulb­richt- ver­sus Hon­ecker­zeit. Er unter­teilt viel­mehr in drei Bän­de, um sei­ne Befun­de um die jewei­li­gen typi­schen Wider­sprü­che zwi­schen dem Kul­tu­rel­len und der ange­wand­ten Dik­ta­tur­form in dem jewei­li­gen Zeit­ab­schnitt zu erfas­sen: Über­gangs­ge­sell­schaft und Mobi­li­sie­rungs­dik­ta­tur (1945–1957), Bil­dungs­ge­sell­schaft und Erzie­hungs­dik­ta­tur (1958–1976), Kon­sum­ge­sell­schaft und Für­sor­ge­dik­ta­tur (1977–1990).

Dem­entspre­chend wer­den in allen drei Bän­den die glei­chen Kri­te­ri­en als Urteils­maß­stä­be ange­legt, um die Zie­le und Ergeb­nis­se von Kul­tur­po­li­tik anhand der jewei­li­gen Befun­de des Zeit­ab­schnit­tes zu dis­ku­tie­ren. Sie sind der Kul­tur­so­zio­lo­gie der Bun­des­re­pu­blik ent­nom­men, wie sie Ger­hard Schul­ze 1992 ent­fal­te­te, in einem Buch, das nach dem Ende der DDR und damit auch der alten Bun­des­re­pu­blik erschien und das des­halb nicht die Beach­tung fand, die es bis heu­te ver­dient, denn „Erleb­nis­ge­sell­schaft“ war für die neue Zeit ein­fach ein unpas­sen­der Titel.

Diet­rich for­mu­liert, sich auf Schul­ze stüt­zend, für sein Buch fol­gen­de sie­ben Moti­ve kul­tur­po­li­ti­schen Han­delns und damit zugleich die Gegen­stän­de sei­ner Kul­tur­ana­ly­se (vgl. I, S. XXXIIXXXV), hier in Stich­wor­ten: Umer­zie­hung, Hoch­kul­tur, Demo­kra­tie­rung, Kampf, Pro­duk­ti­vi­tät, Brei­ten­kul­tur, Unter­hal­tung. Die Erör­te­run­gen sind jeweils sehr dicht. Der Autor kommt an kei­ner Stel­le sei­nes Buches in Ver­su­chung, sich der einen oder ande­ren vor­ge­stell­ten Posi­ti­on vor­be­halt­los anzu­schlie­ßen oder durch all­zu flot­te For­mu­lie­run­gen The­men für das Feuil­le­ton zu lie­fern, die dann viel­leicht den Ver­kauf ankur­beln.

Die abwä­gen­de Schreib­wei­se ver­führt aller­dings zum Stil der Bericht­erstat­tung über das Gewe­se­ne und Gele­se­ne und manch­mal ist aus dem Ton auf Moti­va­ti­on der Quel­le zu schlie­ßen, beson­ders wenn man gelernt hat, zwi­schen den Zei­len zu lesen. Doch die Leser­schaft kann an der Mas­se des Stoffs nicht vor­bei, soll sich selbst ein Urteil bil­den, bekommt dafür viel­fäl­tig Mate­ri­al, Ereig­nis­se, Epi­so­den, Ori­gi­nal­quel­len, Zita­te die Men­ge, Stand­punk­te, Mei­nun­gen und ent­spre­chen­de Fuß­no­ten. In jeder „Etap­pe“ wird an Ergeb­nis­se der vor­he­ri­gen erin­nert, so ent­steht, wenn man die­sen oder jenen Bereich her­aus­lö­sen und geson­dert publi­zie­ren wür­de, eine „Lite­ra­tur­ge­schich­te der DDR“ oder eine Geschich­te ihrer Arbeits­auf­fas­sun­gen. In his­to­risch neue Phä­no­me­ne wird ein­ge­führt. Band III bie­tet vier­zig Sei­ten Per­so­nen- und sechs Sei­ten Orts­re­gis­ter. Auf ein Sach­re­gis­ter auf der Home­page des Ver­la­ges wird ver­wie­sen, es ist aber dort nicht auf­find­bar.

Es bringt nicht viel zu sagen, der Autor wen­det einen erwei­ter­ten Kul­tur­be­griff an. Um anzu­deu­ten, was das prak­tisch heißt, sol­len eini­ge The­men auf­ge­zählt wer­den: Arbeits­welt (inklu­si­ve der durch­gän­gi­gen Arbeits­zen­triert­heit der DDR-Kul­tur), Agrar- und Rechts­po­li­tik, Archi­tek­tur und Woh­nungs­bau, Auto­kauf und Klein­gär­ten, Bel­le­tris­tik und Lyrik, „Bit­ter­fel­der Weg“ und künst­le­ri­sches Volks­schaf­fen, Bri­ga­den als „Ersatz­ver­ei­ne“, Ess­ge­wohn­hei­ten und Beklei­dung, Fil­me, Frau­en, ihre Eman­zi­pa­ti­on und dqas Hei­rats­ver­hal­ten, Gesund­heits­we­sen, „jüdi­sche Kul­tur“ (III, S. 2.125 ff.), die Jugend und die Rent­ner, Kaba­rett und Kar­ne­val, Kul­tur­bund, Kunst­aus­stel­lun­gen und Kon­zer­te, Radio und Fern­se­hen, Schall­plat­ten und Musik, Schul­re­for­men und Hoch­schul­we­sen mit Aka­de­mi­en, Sor­ben, Sport als Leis­tung und Frei­zeit, „Sport­na­ti­on“ und Son­der­rol­le Fuß­ball, Stadt und Land, Sta­lin­kult und Ulb­richt-Ehrung, Ver­bands­ar­beit, Ver­la­ge und Pres­se, Ver­gnü­gun­gen, Umwelt­pro­ble­me, Natur­schutz und Stadt­sa­nie­rung, Wohl­fahrt und Lebens­hil­fe usw. bis hin zu begrün­de­ten Ver­mu­tun­gen über die Sexua­li­tät (vgl. III, S. 1958 ff.) und die Wir­kung bestimm­ter Schla­ger und Wit­ze – und immer ein­ge­bet­tet die gro­ßen Intel­lek­tu­el­len­dis­kur­se, etwa über Erbe, Tra­di­ti­on, Moder­ne, For­ma­lis­mus, Funk­tio­na­lis­mus und Rea­lis­mus, „Tau­wet­ter“ und Ent­sta­li­ni­sie­rung oder über die Nati­on, stets mit Aus­flü­gen in die Phi­lo­so­phie und Geschichts­wis­sen­schaft, so weit die Streit­fra­gen dort Kul­tur­auf­fas­sun­gen spie­geln.

Bei die­ser Metho­de wird zwei­fel­los das sub­jek­ti­ve Urteil zurück­ge­stellt. Wo es anhand der Quel­len dann doch durch­dringt, etwa bei der Behand­lung der letzt­lich ein­sa­men Ent­schei­dung Hon­eckers auf Vor­schlag der Staats­si­cher­heit, Wolf Bier­mann aus­zu­bür­gern (vgl. II, S. 1572), was eine Par­tei und eine Bevöl­ke­rung dann aus­ba­den muss­te mit all den kul­tu­rel­len For­men, die das in der DDR annahm, da bie­tet Diet­rich span­nen­de Geschich­ten und Kul­tur­be­schrei­bun­gen, die den mit­un­ter tro­cken­den Stoff ande­rer Abschnit­te aller­dings kennt­li­cher machen.

Hat die Kul­tur der DDR irgend­ei­ne Fort­set­zung gefun­den oder ist sie mit dem Staat zuen­de-, gar unter­ge­gan­gen? Dazu zwei Anmer­kun­gen: Bereits unmit­tel­bar nach Abschluss des Eini­gungs­ver­tra­ges und den dort gefun­de­nen schwer­wie­gen­den (aber nichts­sa­gen­den) Begrif­fen vom gemein­sa­men „Kulturstaat“(was den Inhalt von Kul­tur im Vagen lässt) und der „Sub­stanz“ der DDR-Kul­tur, die es zu erhal­ten gel­te, begann eine Grund­satz­de­bat­te. Auf kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Tagun­gen frag­te Diethart Kerbs pene­trant die anwe­sen­den Ost­deut­schen, was denn die­se Sub­stanz sei, etwa die „Kul­tur­häu­ser“? Letz­te­res kann, auch nach der Lek­tü­re von Diet­richs „Kul­tur­ge­schich­te“, wie schon 1990/91 ver­neint wer­den, denn es gab zu die­sen Ein­rich­tun­gen, bei allen Beson­der­hei­ten und Beto­nun­gen in der DDR, deut­sche Vor- und west­deut­sche Par­al­lel­for­men.

Was also war das Beson­de­re? Es ist die „Sub­stanz“, die sich selbst gene­riert, die im Nach­hin­ein noch immer fest­stell­bar ist, zuvör­derst das Fort­le­ben bestimm­ter Hal­tun­gen, aber auch Debat­ten. Wenn man das Buch liest, dann erstaunt die fort­dau­ern­de, oft über­höh­te „Gesell­schaft­lich­keit“ nahe­zu aller Kul­tur­er­eig­nis­se und Kunst­de­bat­ten, über­all scheint Atem der Geschich­te durch – bei nahe­zu jedem dis­ku­tier­ten Thea­ter­stück oder in der „Kaf­fee­kri­se“ oder bei was auch immer. Nie ging es nur um das Detail, etwa einen FDGB-Feri­en­platz oder einen „Kes­sel Bun­tes“, son­dern um das Gan­ze, die gro­ße Idee, das „Sys­tem“, den neu­en Men­schen­typ. „Dahin­ter ver­barg sich jene tra­di­tio­nel­le und nai­ve Illu­si­on eines uto­pi­schen Huma­nis­mus, die in der … DDR immer wie­der eine Folie für ideo­lo­gi­schen Druck dar­stell­te.“ (I, S. 193)

Wie para­dox: Dik­ta­tur des Huma­nis­mus wegen. Wie unmit­tel­bar aber auch: Huma­nis­mus als Hand­lungs­mo­tiv, bis dann die Oppo­si­ti­on die­sen Anspruch auf­griff, bei Diet­rich vom Ablauf her genau erzählt. In allen drei Bän­den wird über „Huma­nis­ti­sches“ berich­tet. Wahr­schein­lich wird bis heu­te auch des­halb so viel an die DDR erin­nert, gera­de auch wis­sen­schaft­lich, weil das Heu­te dage­gen irgend­wie als Klein­klein erscheint, sich die DDR von der BRD durch ihr ideo­lo­gisch all­ge­gen­wär­ti­ges „Mensch­heits­pro­gramm“ noch immer abhebt.

Diet­rich sieht und beschreibt die Moder­ni­tät der DDR als „Dop­pel­ge­sicht: moder­ne sozia­le For­men in auto­ri­tä­rem poli­ti­schem Gewand“ (II, S. 798). Sei­ne „Kul­tur­ge­schich­te“ dreht sich in all ihren Details letzt­lich um die Fra­ge, was könn­te Zukunft haben nach Weg­fall der dik­ta­to­ri­schen Hemm­nis­se.

In sei­ner Ant­wort ver­weist der Autor zunächst auf die Tra­gik des deut­schen Eini­gungs­pro­zes­ses und zitiert Peter Ben­der („Unse­re Erb­schaft. Was war die DDR – was bleibt?“ 1992, S. 146, hier III, S. 2.345): „Die West­deut­schen brau­chen die Ost­deut­schen nicht“, aber umge­kehrt.

Doch dann, nach Erör­te­rung der „Ost­al­gie“, die in kei­ner Vari­an­te ein Rück­kehr­pro­gramm auf­wei­se, kommt er zwangs­läu­fig zu Wolf­gang Eng­lers The­se von den „Ost­deut­schen als Avant­gar­de“ (2004) und zu Hans May­ers „Der Turm von Babel“ (1991): Die West­deut­schen „könn­ten frei­lich die ‘Ost­deut­schen als Avant­gar­de’ auch fürch­ten, denn die­se haben ihnen die Erfah­rung des Schei­terns vor­aus. Indem Ost­deutsch­land zu einem gro­ßen Expe­ri­men­tier­feld gewor­den ist [was es 1945–1990 schon war, HG], wäre womög­lich von den Ost­deut­schen zu ler­nen, neue For­men des gesell­schaft­li­chen und per­sön­li­chen Lebens zu fin­den.“ (III, S. 2.356)

Wenn man, dies in Rech­nung stel­lend, nach dem Ertrag der DDR-Kul­tur­ge­schich­te sucht, so besteht eine Metho­de in sozio­lo­gi­schen Ana­ly­sen, die sich der­zeit häu­fen. Eine ande­re Metho­de ist, in der Welt und „Frem­de“ zu fra­gen, was Nicht­deut­schen an Ost­deutsch­land auf­fällt, was aus der DDR her­stam­men könn­te. Die Ant­wor­ten sind ziem­lich iden­tisch und auch Gerd Diet­rich geht dar­auf ein.

Er nennt den „Volks­athe­is­mus“ (vgl. III, S. 1.963 ff.), der mit einem „Volks­hu­ma­nis­mus“ kor­re­spon­diert (vgl. III, S. 1.968). Es han­delt sich hier nicht um ein bloß erkennt­nis­mä­ßi­ges Ereig­nis der Abkehr vom Got­tes­glau­ben, son­dern um eine beson­de­re Lebens­form, Resul­tat auch der kon­se­quen­ten Tren­nung von Staat und Kir­che (vgl. I, S. 336 ff; II, S. 984 ff., 1.248 ff., 1.482 ff.; III, 1.720 ff.) und der Hin­wen­dung zur moder­nen Mas­sen­kul­tur, die „für den west­li­chen Men­schen in der DDR durch­aus prä­gend“ war (III, S. 1.969).

Das Bei­spiel wird hier gege­ben, um anzu­re­gen, der Stu­die Diet­richs die Geschich­te ein­zel­ner Kul­tur­be­rei­che irgend­wann fol­gen zu las­sen, etwa (wegen des „Volks­hu­ma­nis­mus“) die Geschich­te des Bestat­tungs­we­sens und der dar­an gebun­de­nen Fest­kul­tur, die aktu­ell zu einem deut­li­chen Nord­ost-Süd­west-Gefäl­le in Deutsch­land bei der Feu­er­be­stat­tung geführt hat, wie Jane Red­lin 2009 sie in ihrer Stu­die über selbst­ver­ständ­li­che „Säku­la­re Toten­ri­tua­le“ in der DDR beschrieb und die fort­zu­set­zen wäre. Das „Kul­tur­pro­blem“ ist hier, den Säku­la­ri­sie­rungs­vor­sprung Ost­deutsch­lands als Fort­schritt anzu­er­ken­nen oder zu ver­su­chen, weil die­se Ent­christ­li­chung vor­ran­gig als Pro­dukt der Dik­ta­tur und Ver­lust des „Abend­lan­des“ gilt, die­se Pro­zes­se rück­gän­gig zu machen – wofür die „neu­en Län­der“ und die Kir­chen ab 1991 ja hohe Sum­men ver­geb­lich in die „Remis­sio­nie­rung“ inves­tie­ren.

Die jewei­li­gen Ein­lei­tun­gen in die drei Bän­de, die Pro­lo­ge zu den ein­zel­nen Kapi­teln sowie die zwei Schluss­ab­schnit­te und der abschlie­ßen­de Aus­klang sind die stärks­ten des Gesamt­wer­kes und könn­ten auch für sich ste­hen. Das hät­te viel­leicht ein leser­freund­li­che­res und kos­ten­güns­ti­ge­res ein­bän­di­ges Werk von etwa 300 Sei­ten erge­ben. Die Fol­ge­run­gen in die­ser Ver­dich­tung stün­den dann aller­dings ohne ihre Bele­ge da und das Ergeb­nis wäre kei­ne Kul­tur­ge­schich­te, son­dern eine Art erwei­ter­te Pro­le­go­mi­na zu einer sol­chen, eine wei­te­re theo­re­ti­sche Erör­te­rung über die DDR, kei­ne umfas­sen­de empi­ri­sche Stu­die.

Der Rezen­sent ist ein Anhän­ger der Papier­for­men für Samm­lun­gen in eige­nen Rega­len und biblio­the­ka­ri­schen Doku­men­ta­ti­ons­zen­tren. Er hat zu viel Gesam­mel­tes durch Soft­ware-Sys­tem­wech­sel und Strom­aus­fäl­le ver­lo­ren, um der digi­ta­len Spei­cher­me­tho­de voll zu ver­trau­en. Wie auch immer Gerd Diet­rich den sicher hor­ren­den Druck­kos­ten­zu­schuss auf­ge­trie­ben oder durch „Kon­sum­ver­zicht“ selbst bei­gesteu­ert haben mag, das schwer­wie­gen­de Ergeb­nis ist nun unwi­der­ruf­lich in der Welt, trotz der ehren­wer­ten Rela­ti­vie­run­gen durch den Autor selbst, wenn er schreibt: Es sei „um Nach­sicht für die Para­do­xie und Ver­we­gen­heit gebe­ten, Erklä­run­gen über die Kul­tur­ge­schich­te der DDR abge­ben zu wol­len, wo doch alle um deren Kom­ple­xi­tät und Wider­sprüch­lich­kei­ten wis­sen. Immer­hin hat sich der Autor fast vier Jahr­zehn­te lang damit in For­schung und Leh­re aus­ein­an­der­ge­setzt. Nun hat er das Nach­schla­ge­werk geschrie­ben, das ihm dabei immer gefehlt hat.“ (I, S. XLI) Jetzt liegt es erfreu­li­cher­wei­se vor.

Gerd Diet­rich
Kul­tur­ge­schich­te der DDR 3 Bän­de
Band I: Kul­tur in der Über­gangs­ge­sell­schaft 1945–1957
Band II: Kul­tur in der Bil­dungs­ge­sell­schaft 1957–1976
Band III: Kul­tur in der Kon­sum­ge­sell­schaft 1977–1990
Göt­tin­gen: Van­den­hoeck & Ruprecht Ver­la­ge 2018, 2.429 S.
ISBN 978–3-525–30192-0
120 €