Humanismusunterricht und Lebenskunde – Grundsätzliches

Definition und Umfangsbestimmung

Huma­nis­mus­un­ter­richt ist die Infor­ma­ti­on und Unter­wei­sung von Kin­dern und Erwach­se­nen in Prin­zi­pi­en und Wis­sens­be­stän­de, Theo­rie und Geschich­te des Huma­nis­mus. Dabei sind ver­schie­de­ne Diskussions‑, Hand­lungs- und Ergeb­nis­ebe­nen zu unter­schei­den. Beson­ders das per­sön­li­che Erle­ben gesell­schaft­li­cher und staat­li­cher Insti­tu­tio­nen wirkt unter­rich­tend. Fol­gen die Wert­ge­fü­ge, Nor­men, Geset­ze, Ein­rich­tun­gen, Regeln, Ritua­le (Feier/Fest) huma­nis­ti­schen Stan­dards, kön­nen sie eine sozia­li­sie­ren­de Funk­ti­on in Rich­tung Huma­ni­sie­rung haben.

Men­schen wer­den in ers­ter Linie durch ihre Lebens­be­din­gun­gen „geschult“. Beför­den die­se Umstän­de Ver­fah­rens­wei­sen des Argu­men­tie­rens und der Media­ti­on, das Ver­trau­en in Freund­schaft, Lie­be oder Zwei­fel, bewuss­tes Gesund­heits­ver­hal­ten sowie die Aner­ken­nung der Men­schen­rech­te und Men­schen­wür­de, inklu­si­ve der unter­schied­li­chen eth­ni­schen oder sexu­el­len Prä­gun­gen, kön­nen sol­che Lern­vor­gän­ge als huma­nis­ti­sche Bil­dung wir­ken.

Huma­nis­mus­un­ter­richt ist Kern­be­stand des Bil­dungs­we­sens. So hat Huma­nis­mus als Leit­idee vom „gan­zen Men­schen“ im 19. Jahr­hun­dert zur Ent­ste­hung eines Schul­we­sens [Hum­boldt 1948] bei­getra­gen. Die­ses erstreck­te sich schließ­lich auch auf Kin­der in den Unter­schich­ten und führ­te zur weit­ge­hen­den Alpha­be­ti­sie­rung der Bevöl­ke­rung. Huma­nis­mus (Anti­ke-Rezep­ti­on) hat zudem vie­le Ein­rich­tun­gen initi­iert (Muse­en, Biblio­the­ken, Volks­hoch­schu­len), die direkt oder indi­rekt huma­nis­ti­sche Unter­wei­sun­gen betrei­ben durch Aus­stel­lun­gen, Bücher oder Kur­se. „Huma­nis­ti­sche Gym­na­si­en“ hat­ten und haben in die­sem Kon­text eine her­aus­ge­ho­be­ne, aber his­to­risch abneh­men­de Stel­lung. Auch die moder­nen Medi­en wie Radio, Film, Fern­se­hen, Tele­fo­nie und Inter­net kön­nen huma­ni­sie­rend wir­ken.

Ide­en und Zeug­nis­se des Huma­nis­mus sind zudem Gegen­stän­de bestimm­ter Schul­fä­cher (etwa im Geschichts‑, Musik- und Lite­ra­tur­un­ter­richt). Refor­men des Reli­gi­ons­un­ter­richts, Ein­füh­rung von Moral- und (spä­ter) Ethik­un­ter­richt, Reform­päd­ago­gik [Keim/Schwerdt 2013] und moder­ne Metho­den der Bil­dung (Koedu­ka­ti­on und alters­ge­mä­ße Didak­tik oder neue Fächer wie Sexu­al­kun­de) haben den Huma­nis­mus beför­dert und die Vor­stel­lun­gen von dem, was er ist, erwei­tert.

Es hat im 20. Jahr­hun­dert diver­se Ansät­ze gege­ben, einen „Huma­nis­ti­schen Unter­richt“ als beson­de­res Fach, als Ori­en­tie­rung für ande­re Fächer und als dis­kur­si­ve Metho­de an Schu­len ein­zu­füh­ren. Teils gin­gen die­se Plä­ne aus päd­ago­gi­schen Bestre­bun­gen her­vor, Men­schen zur Huma­ni­tät zu erzie­hen und sie von früh auf mit huma­nis­ti­schem Bil­dungs­gut aus­zu­stat­ten, vor allem, um eine huma­nis­ti­sche Ethik zu ent­fal­ten.

Resul­tat einer dar­auf gerich­te­ten Kul­tur­po­li­tik war in den 1920er Jah­ren das Schul­fach „Lebens­kun­de“. 1957 kam es in West­ber­lin zur Wie­der­zu­las­sung [Groschopp/Schmidt 1995; Warn­ke 1897]. Trä­ger wur­de der dor­ti­ge Frei­den­ker­ver­band (Frei­den­ker­be­we­gung). Die grund­sätz­li­che staat­li­che Ent­schei­dung bestand dar­in, dass „Lebens­kun­de“ kein neu­tra­ler Sach­un­ter­richt sein durf­te im Sin­ne einer reli­gi­ons­kund­li­chen bzw. ethi­schen Unter­wei­sung, son­dern eine Welt­an­schau­ung zu ver­mit­teln hat­te, ver­gleich­bar dem Religionsunterricht.[Fn 1] Das Fach blieb jedoch im Kal­ten Krieg bis zu sei­ner Wie­der­ein­füh­rung 1984 erfolg­los.

Heu­te ist „Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de“ in den Bun­des­län­dern Ber­lin und Bran­den­burg eine Alter­na­ti­ve zum Reli­gi­ons­un­ter­richt. Das Fach wird von der Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft „Huma­nis­ti­scher Ver­band Deutsch­lands“ (HVD), der 1993 aus der Frei­den­ker­be­we­gung her­vor­ging, in allen Schul­stu­fen ange­bo­ten. Oft gibt es Ver­wechs­lun­gen mit dem „Ersatz­fach“ Ethik, das in ande­ren Bun­des­län­dern gelehrt wird und in Ber­lin ein pflich­ti­ges Fach für Schü­le­rin­nen und Schü­ler ab der 6. Klas­se ist. In Nürn­berg (Bay­ern) wird die­ses Fach an einer dor­ti­gen huma­nis­ti­schen Pri­vat­schu­le vom HVD unter­rich­tet.

Ein ande­rer his­to­ri­scher Strang führ­te 1996 zum Bran­den­bur­ger Schul­fach „Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde“. Die­ses hat den Sta­tus, der in den 1950er Jah­ren für Ber­lin abge­lehnt wur­de – aller­dings nur „halb“, weil eine Abwahl­mög­lich­keit für Kin­der besteht, die den Reli­gi­ons­un­ter­richt besu­chen. Zudem ist der Anteil von Huma­nis­mus an den Lehr­stof­fen nicht beson­ders groß.

Gene­rell besteht im deut­schen Schul­sys­tem das Pro­blem, wel­cher Unter­richt als Ersatz für oder Alter­na­ti­ve zu Reli­gi­on für „Kon­fes­si­ons­freie“ staat­li­cher­seits ange­bo­ten bzw. „frei­en Trä­gern“ an öffent­li­chen Schu­len erlaubt wird [Fauth 1999; Muel­ler 2002].[Fn 2]

Von den soeben beschrie­be­nen Ange­bo­ten gänz­lich unter­schie­den ist der „Lebens­kund­li­che Unter­richt“ in der Bun­des­wehr. Unter dem Begriff „Lebens­kun­de“ fin­den sich dar­über hin­aus Gesund­heits­leh­ren, Volks­kun­de­stu­di­en und Rat­schlag­li­te­ra­tur.

Elementare Voraussetzungen

Im 18. Jahr­hun­dert gab es in eini­gen deut­schen Län­dern Ver­pflich­tun­gen zum Besuch der Volks­schu­le, die gegen Ende des 18. Jahr­hun­derts aus­ge­wei­tet wur­den. Mit einem enor­men Anschub wäh­rend der Preu­ßi­schen Refor­men zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts wur­de die Schul­pflicht üblich und ver­län­gert. Nach­dem 1871 die all­ge­mei­ne Schul­pflicht für ganz Deutsch­land ein­ge­führt war, ent­stand ein staat­li­cher Sek­tor zur Unter­rich­tung und Erzie­hung der nach­wach­sen­den Genera­ti­on [Hubatsch 1977].

Im staat­li­chen Bil­dungs­sys­tem ver­mit­tel­te die Volks­schu­le ein Mini­mum an intel­lek­tu­el­ler Bil­dung für alle. Ihr Betrieb wur­de zwi­schen Staat, Städ­ten und Gemein­den auf­ge­teilt. Die Volks­schul­leh­rer gal­ten als „Gemein­de­die­ner“. Ihre Aus­bil­dung wie die Schul­auf­sicht war noch bis zum Ers­ten Welt­krieg wesent­lich eine Auf­ga­be der christ­li­chen Kir­chen. Die Siche­rung des Schul­zwangs oblag dem Gen­dar­men. Staats­sa­che wie­der­um war es, die inhalt­li­che und poli­ti­sche Aus­rich­tung des Schul­we­sens vor­zu­ge­ben und den Teil der Finan­zen zu beglei­chen, der die Kraft der Gemein­den über­stieg [Lundgreen 1980].

Das Bil­dungs­we­sen eman­zi­pier­te sich seit Anfang des 19. Jahr­hun­derts schritt­wei­se von der Kir­che, nach­dem in eini­gen bür­ger­li­chen Ober­schich­ten­grup­pen die Pflicht zur christ­li­chen Erzie­hung zwei­fel­haft und Reli­gi­ons­frei­heit bzw. Tole­ranz ein­ge­for­dert wur­de. Das Ver­brei­ten nütz­li­cher Kennt­nis­se im Schrei­ben, Lesen, Rech­nen und Zeich­nen über­flü­gel­te mit der Zeit das Ange­bot zur Glau­bens­ver­mitt­lung. Neue Schul­for­men und Fächer wid­me­ten sich den „Rea­li­en“. Resul­tat war die all­mäh­li­che Pro­fes­sio­na­li­sie­rung und Säku­la­ri­sie­rung des Leh­rer­be­rufs [Böl­ling 1983]. Reli­gi­ons­un­ter­richt wur­de ein Fach neben ande­ren.

Die wei­te­re staat­li­che Anbin­dung der Bil­dung wur­de sei­tens der Schul­re­for­mer unter­stützt und mit der For­de­rung ver­knüpft, die Päd­ago­gik frei­zu­ge­ben. Begrün­det wur­de dies vor allem mit den Ide­en Pes­ta­loz­zis, die das Pri­mat von Bil­dung und Erzie­hung nicht in der Nütz­lich­keit der Unter­ta­nen für den Staat sahen, son­dern in der Ent­fal­tung des Men­schen in der bür­ger­li­chen Gesell­schaft. Die Päd­ago­gik konn­te sich in der Fol­ge tat­säch­lich rela­tiv unbe­hin­dert ent­fal­ten – in ihrer Metho­dik und Sys­te­ma­tik, nicht in ihrem Auf­trag und ihren Inhal­ten.

Nach weit­ge­hen­der Siche­rung einer Ele­men­tar­bil­dung, die vor allem der Indus­tria­li­sie­rung dien­te, kam es Ende des 19. Jahr­hun­derts in eini­gen bür­ger­li­chen Grup­pen zu einer Rück­be­sin­nung auf den Huma­nis­mus und den Wahl­spruch der Auf­klä­rung – „Habe Mut, dich dei­nes eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen.“ Er steht in der 1783 erschie­ne­nen Schrift von Imma­nu­el Kant „Beant­wor­tung der Fra­ge: Was ist Auf­klä­rung?“

Als Start­si­gnal für alle künf­ti­gen Bemü­hun­gen, einen Huma­nis­mus­un­ter­richt zu eta­blie­ren, kann eine Schrift des Phil­an­thro­pen Johann Bern­hard Base­dow gese­hen wer­den, der 1770 ein Buch ver­öf­fent­lich­te „Metho­di­scher Unter­richt der Jugend in der Reli­gi­on und Sit­ten­leh­re der Ver­nunft nach dem in der Phil­al­ethie ange­ge­be­nen Pla­ne“. Unter dem Titel ist eine Zeich­nung zu sehen, auf der eine die Ver­nunft dar­stel­len­de Frau mit erho­be­nem Arm zwei Kin­der belehrt. Unter der Zeich­nung ist das Motto plat­ziert: „Den­ket selbst.“ Damit wur­de ein jahr­tau­sen­de­al­tes Leit­mo­tiv sokra­ti­schen Den­kens einem Bil­dungs­plan und seit­dem ver­schie­de­nen Schul­in­itia­ti­ven zugrun­de gelegt.

Das geis­ti­ge Bin­de­glied zwi­schen den „Klas­si­kern“ der Auf­klä­rung und den Ansät­zen zu einer huma­nis­ti­schen Päd­ago­gik fin­det sich in den Wer­ken des Bil­dungs­re­for­mers und ‑his­to­ri­kers Fried­rich Paul­sen [Paul­sen 1885; Paul­sen 1906; Stütt­gen 1993]. Er beriet die ethi­sche Kul­tur­be­we­gung unmit­tel­bar, in der die Ide­en zu einem Ethik- und Huma­nis­mus­un­ter­richt und einem Fach „Lebens­kun­de“ nach 1892 ent­stan­den. Der Begriff „Neu­hu­ma­nis­mus“ war Paul­sens Krea­ti­on. Der ers­te Band sei­ner „Geschich­te des gelehr­ten Unter­richts“ trägt den Unter­ti­tel „Der gelehr­te Unter­richt im Zei­chen des alten Huma­nis­mus 1450–1740“.

Die Debat­te über einen Huma­nis­mus­un­ter­richt bekam mit der Grün­dung des der Frei­den­ker­be­we­gung nahe­ste­hen­den und aus der „Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur“ (1892) her­vor­ge­gan­ge­nen „Deut­schen Bun­des für welt­li­che Schu­le und Moral­un­ter­richt“ 1906 eine neue Dimen­si­on [Gro­schopp 2011, S. 149–165, 243–264]. Sie ver­band sich mit Fra­gen nach der Zukunft des Faches Reli­gi­on und des­sen mög­li­cher Erset­zung durch einen lebens­kund­lich ori­en­tier­ten Unter­richt. Die­se Debat­ten sind wesent­lich ver­bun­den mit dem poli­ti­schen und theo­re­ti­schen Wir­ken des in meh­re­ren frei­den­ke­ri­schen und huma­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen füh­rend täti­gen Päd­ago­gen für „Schwer­erzieh­ba­re“ Rudolph Pen­zig (1855–1931) [Gro­schopp 2001].

Die Dis­kus­si­on erstreck­te sich nach 1890 über ver­schie­de­ne Gegen­stän­de [Eggers 2001]. Es äußer­ten sich Leh­rer, Phi­lo­so­phen und Theo­lo­gen [Wermke 2010], etwa zur Reform des Reli­gi­ons­un­ter­richts. Dar­un­ter fin­den sich Absich­ten eini­ger christ­lich-refor­me­ri­scher Min­der­heits­grup­pen, die­ses Fach zu ent­staat­li­chen und außer­halb der staat­li­chen Schu­len auf frei­wil­li­ger Basis anzu­bie­ten bis hin zu einer „Evan­ge­li­schen Lebens­kun­de“ (Reli­gi­ons- als Lebens­un­ter­wei­sungs­un­ter­richt auf der Basis eines erneu­er­ten Chris­ten­tums). „Lebens­kun­de“ als Schul­fach wie als Lehr­me­tho­de wur­de um 1900, beson­ders aber in der Wei­ma­rer Repu­blik, Teil des reform­päd­ago­gi­schen Erneue­rungs­dis­kur­ses über das Schul­we­sen und die Schaf­fung reform­päd­ago­gi­scher Son­der­schu­len (Gemeinschafts‑, aber auch Lebens­ge­mein­schafts­schu­len).

Lebenskunde

Definition, Begriffsherkunft, Unterscheidungen

Lebens­kun­de ist Huma­nis­mus­un­ter­richt, seit 1984 frei­wil­li­ges Schul­fach in Ber­lin (2014: 55.664 Schü­ler/-innen; 344 Lehr­kräf­te, davon 224 HVD-Ver­bands­an­ge­stell­te) und seit 2007 in Bran­den­burg (2014: 1.990 Schü­ler/-innen; 33 Lehr­kräf­te, davon drei staat­lich ange­stellt). Das Fach wird in Ber­lin zu 90 % der Per­so­nal­kos­ten öffent­lich bezu­schusst. Das waren 2014 etwa 15 Mil­lio­nen Euro.[3]

Zugleich ist Lebens­kun­de eine Streit­ka­te­go­rie in Bezug auf Moral‑, Welt­an­schau­ungs- und Reli­gi­ons­un­ter­richt und ein schil­lern­der Begriff mit unter­schied­li­chen Ver­wen­dun­gen. Par­al­le­len fin­den sich vor allem in Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den.

Der Begriff geht zurück auf den Reform­päd­ago­gen Fried­rich Wil­helm Foers­ter [Foers­ter 1904] und die Bestre­bun­gen der ethi­schen Kul­tur­ge­sell­schaf­ten („Huma­nis­ten­ge­mein­den“) um staat­li­che Akzep­tanz einer kon­fes­si­ons­frei­en Jugend­er­zie­hung [Gro­schopp 2014]. In die­sem his­to­ri­schen Kon­text wur­de Lebens­kun­de nach 1892 [Adler 1892], beson­ders nach 1901 („Liga für Moral­un­ter­richt“) zum Leit­wort im Streit für ethi­sche Erzie­hung, huma­nis­ti­sche Bil­dung und „welt­li­che“ Wer­te­ver­mitt­lung in der Schu­le. Sie wur­de zuerst 1920 in Ber­lin ein Schul­fach, dann in ande­ren preu­ßi­schen Städ­ten in „Sam­mel­schu­len“, in denen Kin­der unter­rich­tet wur­den, deren Eltern Reli­gi­ons­un­ter­richt ablehn­ten. Die­se im Volks­mund „welt­li­chen Schu­len“ stan­den im stän­di­gen Kon­flikt mit den Behör­den und den christ­li­chen Simul­tan- bzw. den katho­li­schen und evan­ge­li­schen Bekennt­nis­schu­len.

Diskursgeschichte

Zwi­schen 1890 und 1919 wur­den mit dem Begriff Lebens­kun­de im Umfeld des „Deut­schen Bun­des für welt­li­che Schu­le und Moral­un­ter­richt“ [Bör­ner 1909] meh­re­re Schul­pro­ble­me dis­ku­tiert: Befrei­ung der ‚Dis­si­den­ten­kin­der“ vom Reli­gi­ons­un­ter­richt [Voel­kel 1894]; Vor­be­rei­tungs­un­ter­richt auf die Jugend­wei­he [Krapp 1977]; Ersatz­fach ‚Lebens- und Reli­gi­ons­kun­de“ anstel­le Reli­gi­ons­un­ter­richt [Pen­zig 1917] sowie sitt­li­che und staats­bür­ger­li­che Unter­wei­sun­gen [Unold 1912]. Prak­ti­sche Bestre­bun­gen gab es in der Wei­ma­rer Repu­blik in nahe­zu allen Län­dern, stark ent­wi­ckelt in Preu­ßen und Sach­sen. Auch ging es um ein Fach „Bür­ger­kun­de“, sei es als Staats­bür­ger- oder als Sozi­al­kun­de (seit den 1960er Jah­ren: Sozi­al­kun­de, Poli­ti­sche Bil­dung oder Gemein­schafts­kun­de in der Bun­des­re­pu­blik).

Mit der Frei­den­ker­be­we­gung und deren Rezep­ti­on der Natur‑, Sozi­al- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten sowie des Mar­xis­mus kamen zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts For­de­run­gen nach einem wis­sen­schaft­li­chen Welt­an­schau­ungs­un­ter­richt auf, die auch die 1920er Jah­re präg­ten und in den 1950er Jah­ren in Tei­le des Kon­zepts der DDR-Staats­bür­ger­kun­de ein­gin­gen. Eine Ver­an­ke­rung von Lebens­kun­de in der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung miss­lang. Da auch das ver­spro­che­ne „Reichs­schul­ge­setz“ aus­blieb [Gro­schopp 2006; Schmidt 2009], wand­te sich Lebens­kun­de kämp­fe­risch gegen Reli­gi­ons­un­ter­richt.

Als reform­päd­ago­gi­sches Prin­zip soll­te Lebens­kun­de auch ande­ren Unter­richt an den „welt­li­chen Schu­len“ lei­ten und wur­de nun oft gedacht als kul­tur­kund­li­che Bil­dung und ‚Lebens­an­schau­ungs­un­ter­richt“ [Piltz 1923], der welt­an­schau­li­ches Nach­den­ken anre­gen und die Selbst­ent­schei­dung der Kin­der för­dern [Hädi­cke 1929], aber bei vie­len Lin­ken als ‚prak­tisch ange­wand­te Sozio­lo­gie“ auch Sozia­lis­mus vor­an­brin­gen soll­te [Siem­sen 1932, S. 238].

Teil der Bemü­hun­gen um die Staat-Kir­che-Tren­nung im Bil­dungs­we­sen in der Wei­ma­rer Repu­blik war die Ein­rich­tung ‚welt­li­cher Schulen“.[Fn 4] Das war der umgangs­sprach­li­che Aus­druck für „Sam­mel­schu­len“, an denen die­je­ni­gen „Dis­si­den­ten­kin­der“ kon­zen­triert unter­rich­tet wur­den, deren Eltern Reli­gi­ons­un­ter­richt ablehn­ten. Die deutsch­land­wei­te Geschich­te die­ses Schul­typs ist, wie der gesam­te Huma­nis­mus­un­ter­richt, wenig erforscht. Die ers­te die­ser Schu­len ent­stand 1920 in Ber­lin-Adlers­hof. Lebens­kun­de als Fach ist im glei­chen Jahr für Ber­lin-Lich­ten­berg erst­mals belegt. Bei­de Neue­run­gen kamen erst nach har­ten poli­ti­schen Kämp­fen (z. B. Streik­ak­tio­nen) zustan­de [Gro­schopp 2006]. Orga­ni­sa­tor war im Wesent­li­chen die frei­den­ke­ri­sche „Frei­re­li­giö­se Gemein­de Ber­lin“ um Adolph Hoff­mann [Schmidt 1998; Schmidt 2009].

Ende der 1920er Jah­re gab es in Preu­ßen etwa 240 welt­li­che Schu­len mit 96.000 Schü­lern (das war 1 % aller im Reichs­ge­biet), in weni­gen Groß­städ­ten kon­zen­triert. Ber­lin zähl­te allein 52 Schu­len. 1933 wur­den die­se sofort geschlos­sen, die Leh­rer vor den Schü­lern gede­mü­tigt und in der Regel ent­las­sen. Der „Bund Deut­scher Evan­ge­li­scher Leh­rer und Leh­re­rin­nen“ begrüß­te am 13. März 1933 in einem Brief an das Preu­ßi­sche Kul­tus­mi­nis­te­ri­um die­se Maß­nah­me, und jubel­te: „Das Ende des Huma­nis­mus ist da! Schluss mit dem Indi­vi­dua­lis­mus!“ [Schmidt 2001, S. 47]

Ab Juni 1933 wur­de Lebens­kun­de im Sin­ne des Anti­hu­ma­nis­mus ras­sis­tisch defi­niert [Mül­ler 2001] und zum welt­an­schau­li­chen Teil des Faches Bio­lo­gie, vor allem in der Mit­tel­stu­fe [Herrmann/Köhn 1940]. Es geschah dies in Anleh­nung an völ­ki­sche Vor­stel­lun­gen [Unold 1924; Lehr­plan 1932] und sol­che der „Luden­dorff-Bewe­gung“, „Bund für Deut­sche Gotterkennt­nis“, vor­mals „Deutsch­volk“ und „Tan­nen­berg­bund“ (1933–1937 ver­bo­ten). Bis Ende der 1990er Jah­re unter­hielt die­ser rechts­ex­tre­me Ver­ein einen „Arbeits­kreis für Lebens­kun­de“ und orga­ni­sier­te einen „Lebens­kun­de-Unter­richt“, Jugend­ver­an­stal­tun­gen, Feri­en­la­ger und Wan­de­run­gen.

Grö­ße­re aka­de­mi­sche For­schun­gen zur Lebens­kun­de feh­len nahe­zu gänz­lich, und zwar hin­sicht­lich mög­li­cher Tra­di­tio­nen im Huma­nis­mus, zur schu­li­schen Pra­xis, zu wich­ti­gen Per­so­nen, zur Geschich­te in den deut­schen Län­dern und zum Ver­gleich mit ver­wand­ten Fächern: Ethik, Prak­ti­sche Phi­lo­so­phie, Nor­men und Wer­te.

Humanismusverständnis in der Lebenskunde

Das Huma­nis­mus­ver­ständ­nis in der Lebens­kun­de geht davon aus, dass es kei­nen vor­ge­ge­be­nen Sinn des Lebens gibt, aber Men­schen ihrem Leben einen Sinn zu geben ver­mö­gen [Schulz-Hage­l­eit 1999; Osuch 2012]. Dabei sind die Wis­sen­schaf­ten Hilfs­mit­tel, mora­li­sches Han­deln zu ver­ste­hen und eige­ne Posi­tio­nen im All­tag wie in exis­ten­zi­el­len Situa­tio­nen aus­zu­bil­den. Im Mit­tel­punkt des Huma­nis­mus­un­ter­richts ste­hen die Wür­de jedes ein­zel­nen Men­schen und ihre Wün­sche, gut zu leben. Lebens­kun­de ver­sucht, bei den Kin­dern Kraft für Tole­ranz und Soli­da­ri­tät aus­zu­prä­gen und ihnen zu hel­fen, jedem Dog­ma­tis­mus und reli­giö­sem Fana­tis­mus zu wider­ste­hen.

Didaktik der Humanistischen Lebenskunde

Die Didak­tik der Lebens­kun­de ist in einem öffent­lich ver­füg­ba­ren „Rah­men­lehr­plan“ fixiert. Sie soll hel­fen, alters­ge­recht den Glau­ben Ande­rer ver­ste­hen und ver­stan­des­mä­ßig erfas­sen zu ler­nen sowie eige­ne Hal­tun­gen aus­zu­bil­den. Sie ori­en­tiert sich [Schulz-Hage­l­eit 1995; Adloff 2010] an Tra­di­tio­nen der Reform­päd­ago­gik: sinn­li­ches Begrei­fen, Pro­jekt­ar­beit, offe­ner Unter­richt, Dia­lek­tik von Ergeb­nis und Pro­zess, Wech­sel der Akti­ons- und Erar­bei­tungs­for­men, das Aner­ken­nen „unbe­wuss­ter“ Dimen­sio­nen in der Lehr-Lern-Dyna­mik sowie sen­si­bler Umgang mit Ängs­ten, Gefüh­len, Wün­schen und Hoff­nun­gen.

Lern­zie­le sol­len nach dem Spi­ral­prin­zip erreicht wer­den. Sie grup­pie­ren sich um fol­gen­de Lern­fel­der: Indi­vi­du­um im sozia­len Umfeld (Wer­te und Nor­men anhand fami­liä­rer Erfah­run­gen und eige­ner Freund­schaf­ten, Inter­es­sen­kon­flik­te und mora­li­sche Dilem­ma­ta); Ver­ant­wor­tung der Men­schen für Natur und Gesell­schaft (Ent­wick­lung und Zukunft des Lebens, die eige­ne Ver­ant­wor­tung, öko­lo­gi­sche Pro­ble­me, sozia­le Gerech­tig­keit); Welt­deu­tun­gen und Men­schen­bil­der; Huma­ni­tät.

Gegen­stän­de der Lebens­kun­de sind anhand jeweils kon­kre­ter Bei­spie­le Lebens­freu­de und Glück, Phan­ta­sie und Rea­li­tät, Mythen und Geschich­te, Umwelt und Umwelt­schutz, Got­tes­vor­stel­lun­gen und Kul­te, aus­län­di­scher Nach­bar und mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft, Eifer­sucht und Tren­nungs­schmerz, Lie­be und Sexua­li­tät, das Oben und Unten in der Gesell­schaft, Gewalt und Men­schen­rech­te. Die Erfah­run­gen der Kin­der wer­den dis­ku­tiert.

Angeführte Literatur

Adler, Felix (1892): „Rede, gehal­ten in einer Ver­samm­lung im Vic­to­ria-Lyce­um zu Ber­lin am 7. Mai 1892.“ In: Die ethi­sche Bewe­gung in Deutsch­land. Vor­be­rei­ten­de Mit­tei­lun­gen eines Krei­ses gleich­ge­sinn­ter Män­ner und Frau­en zu Ber­lin. 2., ver­mehr­te Auf­la­ge. Ber­lin.
Adloff, Peter (2010): Nach Sinn fra­gen. Eine fach­di­dak­ti­sche Stu­die für die Huma­nis­ti­sche Lebens­kun­de und den Ethik­un­ter­richt. Ber­lin.
Bode, Fritz (1993): Der Bran­den­bur­gi­sche Modell­ver­such Lebensgestaltung/Ethik/Religion. Ver­such einer kri­ti­schen Betrach­tung. In: Berich­te und Stand­punk­te 2. Pin­ne­berg, S. 10–22.
Böl­ling, Rai­ner (1983): Sozi­al­ge­schich­te der deut­schen Leh­rer. Ein Über­blick von 1800 bis zur Gegen­wart. Göt­tin­gen.
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Fußnoten

[1] Zu die­sem Zeit­punkt hat­ten die deut­schen Frei­den­ker den Huma­nis­mus noch nicht „ent­deckt“, es ging viel­mehr noch um eine „frei­den­ke­ri­sche Welt­an­schau­ung“, die sich als wis­sen­schaft­lich fun­diert ver­stand in star­ker Anleh­nung an die ver­bandst­ra­dier­te Reli­gi­ons­kri­tik und die dabei gewon­ne­nen Posi­tio­nen seit den 1920er Jah­ren.
[2] Ein kur­zer Über­blick hin­sicht­lich der „Ersatz­fä­cher“ in Deutsch­land für Anfang der 1990er Jah­re, bis­her wenig ver­än­dert, fin­det sich bei Bode 1993, S. 11–13.
[3] Ab Herbst 2015 ist der Zuschuss für alle Anbie­ter auf­ge­stockt wor­den. Damit sand­te der Ber­li­ner Senat ein poli­ti­sches Signal der Gleich­be­hand­lung von Reli­gi­on und Welt­an­schau­ung in den Schu­len.
[4] Wahr­schein­lich waren sie die Ide­en­ge­ber für die im Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik Arti­kel 7,3 von den Ver­fas­sern vor­ge­se­he­nen „bekennt­nis­frei­en Schu­len“ ohne Reli­gi­ons­un­ter­richt, für die es in der Rea­li­tät aber kei­ne Ent­spre­chun­gen gibt.

Quel­le:

Horst Gro­schopp: Humanismusunterricht/Lebenskunde. In: Hubert Cancik/Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf (Hrsg.): Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe. Berlin/Boston 2016, S. 215–225.

Zum Titel­bild:

Der Phil­an­throp Johann Bern­hard Base­dow (1724–1790) hat 1764 ein Buch mit fol­gen­dem Titel her­aus­ge­ge­ben: Metho­di­scher Unter­richt der Jugend in der Reli­gi­on und Sit­ten­leh­re der Ver­nunft nach dem in der Phil­al­ethie ange­ge­be­nen Pla­ne. Unter die­sem Titel ist eine Zeich­nung zu sehen, auf der eine die Ver­nunft dar­stel­len­de Frau mit erho­be­nem Arm zwei Kin­der belehrt. Unter der Zeich­nung ist das Motto plat­ziert: Den­ket selbst. Die­se Auf­for­de­rung gab dann im Jahr 2000 einer Aus­stel­lung aus Anlass von 80 Jah­re Lebens­kun­de in Ber­lin-Johan­nis­thal den Titel.

Bild 1: Ber­li­ner Schul­de­mons­tra­ti­on Anfang der 1920er Jah­re für welt­li­che Schu­len. Hin­ter­grund: Im Jah­re 1920 und 1921 for­der­ten Eltern wie Kin­der die welt­li­chen Schu­len. Vor allem um die Ein­set­zung des Dis­si­den­ten und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Schul­re­for­mers Kurt Löwen­stein (1885–1939) als Stadt­schul­rat von Neu­kölln war eine lan­ge und hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung ent­brannt. Der Eltern­bei­rat des Staat­li­chen Gym­na­si­ums bezog gegen ihn Stel­lung: »Er ist Athe­ist, und dadurch, wie auch durch sei­ne jüdi­sche Abstam­mung für den Pos­ten des Ober­schul­rats an haupt­säch­lich christ­li­chen Schu­len voll­kom­men unge­eig­net.« (Neu­köll­ner Tage­blatt vom 23. Sep­tem­ber 1920). Löwen­stein wur­de am 14. Febru­ar 1921 von den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Bezirks­ver­ord­ne­ten der Neu­köll­ner Bezirks­ver­samm­lung auf zwölf Jah­re zum besol­de­ten Stadt­rat gewählt.

Quel­le Bild: Kul­tur­his­to­ri­sches Archiv des HVD BB
Quel­le “Hin­ter­grund”: Doku­men­ta­ti­on der Aus­stel­lung

Bild 2: Ein­schu­lung an der welt­li­chen Schu­le Hal­le [Saale]-Nord zwei­te Hälf­te 1920er Jah­re

Quel­le: Kul­tur­his­to­ri­sches Archiv des HVD BB