Ein Bericht über die DDR als Kulturstaat

Ab Herbst 1962 fan­den in Zwi­ckau mei­ne Vor­be­rei­tungs­kur­se auf die Jugend­wei­he statt, die im März 1963 fei­er­lich erfolg­te als Kul­tur­pro­gramm mit einem bestimm­ten „welt­li­chen“ Ritus. Zu dem vor­he­ri­gen Lehr­gang mit zehn The­men gehör­te eine Besich­ti­gung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Buchen­wald, die Teil­nah­me an einer Gerichts­ver­hand­lung (es ging um einen Dieb­stahl) und ein Thea­ter­be­such, der ers­te in mei­nem noch jun­gen Leben. Wie ich, so gehör­ten auch die ande­ren in mei­ner Klas­se mehr­heit­lich zu den Adres­sa­ten der „viel­fäl­ti­gen Maß­nah­men der DDR-Kul­tur­ar­beit“, die „aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve auf eher ‘kunst­fer­ne’ Grup­pen ziel­ten“. (S. 12)

Auch ande­re Schu­len absol­vier­ten die­se Ord­nung lan­des­weit, je nach Orts­ge­ge­ben­hei­ten. Das Pro­gramm erfass­te also tau­sen­de Jugend­li­che je Jahr­gang an der Schwel­le zum Erwach­se­nen­sta­tus wäh­rend des 8. Schul­jah­res. Folgt man dem vor­lie­gen­den Buch, wür­de der „Zen­tra­le Aus­schuss für Jugend­wei­he“ zu den gro­ßen „Kul­tur­er­mög­li­chern“ gehö­ren. Es stellt sich die Fra­ge, war­um er „ver­ges­sen“ wur­de, wenn sonst nahe­zu nichts und nie­mand ver­ges­sen wird. Vom Zen­tral­ko­mi­tee der SED wer­den abwärts nahe­zu alle Insti­tu­tio­nen vor­ge­stellt (vgl. S. 24–32). Aber viel­leicht wur­de er bei „gesell­schaft­li­chen Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen“ mit­ge­dacht oder galt als schu­li­sche Ein­rich­tung. Jeden­falls wer­den auch die Pio­nier­häu­ser gewür­digt (vgl. S. 48).

Das Buch ist in fünf Kapi­tel geglie­dert. Auf eine Beschrei­bung der Kul­tur­po­li­tik und ihrer Insti­tu­tio­nen erfolgt eine Dis­kus­si­on der The­se „Kul­tur für alle und von allen“ als Aus­wer­tung von 32 Inter­views. Dann kommt eine Ana­ly­se von acht­zig Inter­views zu per­sön­li­chen Erleb­nis­sen im Sys­tem der Kul­tur­ar­beit. Schließ­lich wird die „Kul­tur­ver­mitt­lungs­ar­beit“ drei­er her­aus­ra­gen­der Ein­rich­tun­gen vor­ge­stellt. Am Schluss ste­hen die „Erkennt­nis­se und Impul­se für aktu­el­le Dis­kur­se einer teil­ha­be­ori­en­tier­ten Kul­tur­po­li­tik und Kul­tur­ver­mitt­lung‘‘. Alle Kapi­tel besit­zen am Ende eine Zusam­men­fas­sung, das letz­te Kapi­tel ein Schluss­wort. Ein zwei­ter Anhang gibt ein Lite­ra­tur- und Quellenverzeichnis.

Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, dass sich einem Gesamt­blick auf die „kul­tu­rel­le Teil­ha­be und Kul­tur­ver­mitt­lung in der DDR“ wid­met und dabei „West­be­grif­fe“ auf Ost­ge­schich­te anwen­det, um sie aktu­ell zu erklä­ren, lie­gen sowohl eine nach­träg­li­che Legi­ma­tio­nen der DDR-Kul­tur­ar­beit als auch Irr­tü­mer nahe, die aus ande­rem Wort­schatz fol­gen. Es wer­den zum einen immer wie­der Bele­ge aus offi­zi­el­len Tex­ten zitiert, etwa dem „Kul­tur­po­li­ti­schen Wör­ter­buch“, wobei lei­der nicht auf die Unter­schie­de der ein­zel­nen Auf­la­gen ein­ge­gan­gen wird, die auf kon­zep­tio­nel­le Brü­che verweisen.Tatsächlich drängt sich Sei­te für Sei­te der Ein­druck des posi­ti­ven Erstau­nens der Autorin­nen auf, ein Bild, dass sie aller­dings unbe­dingt ver­mei­den wol­len und des­halb immer wie­der ent­spre­chen­de rela­ti­vie­ren­de Ein­schüb­sel vornehmen.

Bir­git Man­del und Bir­git Wolf fol­gen in ihrem kon­zep­tio­nel­len Her­an­ge­hen weit­ge­hend Gerd Diet­richs drei­bän­di­ger Stu­die zur Kul­tur­ge­schich­te der DDR aus dem Jah­re 2018. Auch sie sehen die DDR als „ambi­va­len­tes“ Sys­tem. Die ange­ru­fe­nen zahl­rei­chen Fach­leu­te (vgl. Anhang mit zahl­rei­chen Exper­ten­ur­tei­len und Zeit­zeu­gen, die nach ihren Beru­fen aus­ge­sucht sind, vgl. S. 215–291) beto­nen ihre spe­zi­el­le Sicht und brin­gen die Erleb­nis­se ihrer je per­sön­li­chen teil­neh­men­den Beob­ach­tun­gen ein.

Es wur­de hier ein beacht­li­cher Auf­wand getrie­ben, wahr­schein­lich ein Archiv gegrün­det. Das Ergeb­nis ist ein sach­li­cher Bericht über ein außer­or­dent­li­ches Gesche­hen: Ein klei­ner Staat streng­te sich an, sein Volk über drei Genera­tio­nen auf die „Höhen der Kul­tur“ zu füh­ren. Doch die­se drei Wor­te haben es in sich: Da weiß jemand, was in der Kul­tur oben ist; „der“ sagt, es gäbe nur die­se eine Kul­tur­hö­he zu erstür­men; und „Kul­tur“ ist klar bestimmt als „Hoch­kul­tur“.

Dabei zeigt doch gera­de die DDR-Kul­tur­ge­schich­te das Gegen­teil: Die „Höhen“ waren sub­jek­tiv defi­niert und his­to­risch tra­diert. Nach dem Ende der DDR wur­den dort noch ganz ande­re Kul­tur­be­rei­che ent­deckt, die Gruß‑, Nackt‑, „Trabant“-Kultur und ande­re. Ein Buch, dass die­se beschrieb, hieß „Befremd­lich anders“. Wie­der ande­re heben noch ganz ande­re Kul­tur­be­rei­che her­vor. So habe der Athe­is­mus in der DDR den höchs­ten Rang in der Welt erklom­men und sei kul­tur­be­stim­mend gewor­den. Das hat­te sehr viel mit der DDR-Kul­tur­ar­beit zu tun.

Da sich die bei­den Autorin­nen scheu­en, den ihrer Arbeit zugrun­de­lie­gen­den Kul­tur­be­griff qua­li­ta­tiv zu bezeich­nen, kann auch nicht die „Kul­tur­ar­beit“ hin­rei­chend bestimmt, vor allem nicht ein­ge­hegt wer­den. Erklä­run­gen erfol­gen in immer wei­te­ren Anwen­dun­gen der For­mel von der „Kul­tur­er­mög­li­chung“, wor­auf zurück­zu­kom­men ist. Man­del und Wolf sind das gan­ze Buch über sicht­bar fas­zi­niert von den gesell­schaft­li­chen Dimen­sio­nen der DDR-Kul­tur­ar­beit. Wie in die Detai­lerzäh­lun­gen die „Dik­ta­tur“ in der DDR ein­zu­ord­nen ist, berei­tet immer wie­der Pro­ble­me, wohl auch, weil sie von den Akteu­ren der Kul­tur­ar­beit als „Schwie­rig­kei­ten“ erlebt und beschrie­ben wer­den, deren Über­win­dung aber Erfolgs­er­leb­nis­se beschert. So ent­steht dann fol­gen­des Gesamturteil:

Posi­tiv wird von vie­len Befrag­ten ein chan­cen­ge­rech­ter, nied­rig­schwel­li­ger und kos­ten­güns­ti­ger Zugang zu Kunst und Kul­tur erwähnt, der allen die glei­chen Grund­la­gen ermög­lich­te. Nega­tiv wird bewer­tet, dass damit auch ein gewis­ser Zwang und ein poli­ti­scher Zweck ein­her ging. Vor allem von Zeit­zeu­g­in­nen und Zeit­zeu­gen der Intel­li­genz, also mit aka­de­mi­schem Hin­ter­grund, wer­den rück­bli­ckend der weit­ge­hend bar­rie­re­freie Zugang zu Kunst und Kul­tur sowie die För­de­rung als posi­tiv betrach­tet. Sie sehen in der Finan­zie­rung von Künst­lern und Kul­tur­schaf­fen­den durch den Staat einen gro­ßen Vor­zug des DDR-Kul­tur­sys­tems.“ (S. 174; ähn­lich S. 143, 146 u.a.)

Ähn­lich fällt auch das Schluss­wort aus (vgl. S. 212 f.). Doch wird in ihm nun fest­ge­hal­ten, dass das ambi­tio­nier­te Pro­gramm „trotz viel­fäl­ti­ger und flä­chen­de­cken­der, nied­rig­schwel­li­ger Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen nicht gelang“, weil „kul­tu­rel­le Inter­es­sen durch sozia­le Lebens­la­gen unter­schied­lich aus­ge­prägt wer­den“ (S. 212). In die­ser Erkennt­nis spie­gelt sich die Tra­gik des Unter­neh­mens DDR und ihres Sys­tems der Kul­tur­ar­beit. Das auf­wän­di­ge Pro­gramm ging am Leben der meis­ten Leu­te vor­bei, je älter die DDR wur­de, des­to mehr. Immer domi­nie­ren­der sei­en moder­ne Medi­en und Unter­hal­tungs­sen­dun­gen und ‑pro­gram­me in den Vor­der­grund gerückt.

Das ambi­tio­nier­te Kon­zept, das folgt dar­aus, war trotz immer grö­ße­rer Inves­ti­tio­nen geschei­tert, noch zehn Kul­tur­häu­ser mehr hät­ten es nicht geret­tet, hät­te jun­ge Arbei­ter, die scha­ren­wei­se in den Wes­ten aus­rei­sen woll­ten, nicht in der DDR gehal­ten. Die ange­streb­te „all­sei­ti­ge Per­sön­lich­keit“ und die Her­an­füh­rung eines jeden an die „Hoch­kul­tur“ soll­te in der Frei­zeit kör­per­li­che Belas­tun­gen in der Arbeit durch geis­ti­ge Akti­vi­tä­ten aus­glei­chen. Obwohl für Arbei­ter geschaf­fen und im Namen ihrer Klas­se üppig bezu­schusst, nutz­ten vor allem Ange­hö­ri­ge der Intel­li­genz die­se Ange­bo­te. Sie stör­ten sich aber an den damit ver­bun­de­nen ideo­lo­gi­schen Vorgaben.

Im neu­en Deutsch­land nach 1990 fie­len die­se Ein­schrän­kun­gen weg und die Insti­tu­tio­nen der „Hoch­kul­tur“ der DDR leb­ten weit­ge­hend fort, wäh­rend die brei­ten- und sozio­kul­tu­rel­len Ein­rich­tun­gen weg­fie­len. So kann man, wie von den Autorin­nen vor­ge­führt, die DDR zwar als ein gro­ßes Expe­ri­men­tier­feld („Modell­pro­jekt“) der Her­an­füh­rung an Kul­tur sehen, das aber – wie Man­del und Wolf das Schei­tern begrün­den – kei­ne „Kul­tur für alle“ schaf­fen konn­te, zum einen, so die Autorin­nen, weil das Sys­tem staat­lich orga­ni­siert war; und zum ande­ren, weil die­se Kul­tur nicht „im Sin­ne eines frei­heit­li­chen Kunst- und Kul­tur­le­bens“ funk­tio­nier­te (vgl. S. 213).

In die­ser Begrün­dung lebt eine Illu­si­on fort, die der „Kul­tur­er­mög­li­chung“. Wenn die­se Argu­men­ta­ti­on wei­ter­ge­dacht wird, dann könn­te eine Kul­tur­ar­beit „im Sin­ne eines frei­heit­li­chen Kunst- und Kul­tur­le­bens“, so ähn­lich breit orga­ni­siert wie in der DDR, in der Bun­des­re­pu­blik erfolg­reich sein? Mit­nich­ten, denn Frei­heit bedeu­tet auch weit­ge­hen­de Abwe­sen­heit einer Kul­tur­vor­ga­be, die eine Erzie­hungs­richt­li­nie ist.

Die DDR-Kul­tur­ar­beit leb­te weit­ge­hend in und vom in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts auf­kom­men­den bür­ger­li­chen Kul­tur­er­zie­her-Bild, über­setzt: dem „Kul­tur­er­mög­li­chungs­pri­mat“. Prak­tisch hat­te die Umset­zung vie­le Pro­gram­me und reich­te vom Kampf gegen die Schund­li­te­ra­tur bis zur Losung „Die Kunst dem Vol­ke“. Weil dies ein heh­res Ziel war, über­nahm es die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Arbei­ter­bil­dungs­be­we­gung weitgehend.

Das DDR-Pro­blem dabei war nicht nur, dass weni­ger die Kul­tur­ar­beit der Arbei­ter­be­we­gung der 1920er Jah­re tra­di­ti­ons­bil­dend war (vgl. S. 23) und weni­ger das kom­mu­nis­ti­sche Erbe, wie Wolf­gang Thier­se meint (vgl. S. 216), son­dern ein als fort­schritt­lich erkann­tes und nun staat­lich in gro­ßer Brei­te geför­der­tes bür­ger­li­ches Erzie­hungs­pro­gramm, wie es von „Volks-“ und „Arbei­ter­wohl“ ent­wi­ckelt und von Ernst Abbe in Jena und ande­ren woan­ders umge­setzt wurde.

Allein schon die Struk­tur war vor­ent­wi­ckelt, deren Umset­zung in den volks­ei­ge­nen Betrie­ben suk­zes­si­ve erfolg­te (vgl. S. 37 f.); ganz abge­se­hen davon, dass die „Kul­tur­di­rek­to­ren“ der spä­ten 1940er Jah­re mit die­sem Vehi­kel die SED-Macht in den Betrie­ben herstellte.

Vic­tor Böh­mert, maß­geb­li­cher Theo­re­ti­ker von „Arbei­ter­wohl“ fol­ger­te 1911: „Jeder Unter­neh­mer soll­te … nicht nur das mate­ri­el­le, son­dern auch das geis­ti­ge und sitt­li­che Wohl, sowie eine edle Gesel­lig­keit und gesun­de Lebens­freu­de unter sei­nen Arbei­tern zu för­dern suchen.“ In sei­nen prak­ti­schen Vor­schlä­gen in der Zeit­schrift „Arbei­ter­wohl“ hat­te er schon 1892 all das vor­ge­se­hen, was die DDR-Kul­tur­ar­beit präg­te: Fabrik­fes­te bei aller­lei Jubi­lä­en und Pro­duk­ti­ons­er­fol­gen, Weih­nachts­fes­te und Fes­te anläss­lich der Erstat­tung der Jah­res­rech­nun­gen von Kran­ken- und Hilfs­kas­sen (in der DDR dann Jah­res­prä­mi­en etwa zum Tag des Berg­manns), Vor­trags- und Unter­hal­tungs­aben­de, Betriebs­aus­flü­ge (etwa zu Kunst- und Gewer­be­aus­stel­lun­gen), Urlau­be, Arbei­ter­gär­ten, Feri­en­hei­me des Betrie­bes, Volks­bi­blio­the­ken, Lese­hal­len, Volks­thea­ter, Volks­un­ter­hal­tungs­aben­de – und eben (betrieb­li­che oder durch Betrie­be geför­der­te kom­mu­na­le) Volks­hei­me, sprich Kultureinrichtungen.

Die DDR ent­stand nicht auf selbst­ge­schaf­fe­nen Vor­aus­set­zun­gen. Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Dik­ta­tur hat­te eben­falls ein Sys­tem zur För­de­rung der „Betriebs­ge­mein­schaf­ten“ gera­de im Krieg bis an sei­ne Gren­zen stra­pa­ziert und vor­her „Kraft durch Freu­de“ ent­wi­ckelt. Der gro­ße Irr­tum der DDR-Kul­tur­ar­beit und der Grund­kon­zep­ti­on die­ses Buches ist die Annah­me, „Kul­tur für alle“ brin­ge Men­schen Kultur.

Jeder Mensch hat schon vor­her Kul­tur per indi­du­el­ler und gesell­schaft­li­cher Sozia­li­sa­ti­on, er und sie und es leben in min­des­tens einer Kul­tur. Dies und die Vor­herr­schaft des Mark­tes auch in den Kul­tur­be­rei­chen anzu­er­ken­nen, präg­te die Kul­tur­po­li­tik in West­deutsch­land. Betrie­be ent­le­dig­ten sich die­ser Ange­bo­te und die rela­tiv selb­stän­di­gen Kom­mu­nen ermög­lich­ten ihrer Bür­ger­schaft die Kul­tur, die sie sich leis­ten konn­ten, denn der Staat fiel als För­de­rer weit­ge­hend aus, der Bun­des­staat sowieso.

Kul­tur für alle“ war in den 1970ern eine Art Auf­fla­ckern des alten Pro­gramms, auch mit Blick auf die DDR. Es war eine zeit­be­ding­te, sozi­al gemein­te For­mu­lie­rung von Hil­mar Hoff­mann, bevor sich auch in West­deutsch­land der Kul­tur­be­griff zu wan­deln begann. Die Kon­zep­ti­on erleb­te als „Sozio­kul­tur“ eine Hoch­zeit, beson­ders in NRW, und es wur­de 1990 ff. ver­sucht, die DDR-Kul­tur­ar­beit als „Sozio­kul­tur“ zu beschrei­ben, um eini­gen Ein­rich­tun­gen das Über­le­ben zu sichern, meis­tens vergeblich.

Das Kul­tur­er­zie­hungs­pro­gramm hat­te sich his­to­risch erle­digt. Es erleb­te in der DDR noch ein­mal Höhen­flü­ge, bis es auch hier schei­ter­te, nicht nur am Unter­gang des Staa­tes DDR. Das vor­lie­gen­de Buch beschreibt ein­drucks­voll die ein­ge­setz­ten per­so­nel­len und finan­zi­el­len Res­sor­cen, die von den Betrie­ben zu erwirt­schaf­ten waren. Manch­mal setz­ten sich die­se kurz­zei­tig durch, so vor dem berühm­ten 11. Ple­num 1965, als Ulb­richts Jugend­pro­gramm den Aus­bau eige­ner „Gitar­ren­mu­sik“ mit elek­tri­scher Ver­stär­kung und Laut­spre­cher­an­la­gen als Teil des „kul­tu­rel­len Volks­schaf­fens“ in Jugend­klubs vor­sah. Die Instru­men­te und das Zube­hör hät­ten impor­tiert wer­den müs­sen. Restrik­tio­nen und Ver­bo­te im gan­zen Kul­tur­be­reich waren die Fol­ge und lenk­ten von der Wirt­schafts­kri­se ab.

Heu­te wür­de wohl nie­mand mehr „Kul­tur für alle“ for­mu­lie­ren, denn „Kul­tur zu ermög­li­chen“ setzt vor­aus, dass da jemand kei­ne hat oder ihm oder ihr eine bestimm­te, eine ande­re Kul­tur fehlt und es nötig ist und staat­li­ches Pro­gramm sein soll­te, dass Kul­tur­brin­ger in hel­fen­der Mis­si­on unter­wegs sind. Die­se Kon­zep­ti­on hat in der Kolo­ni­al­po­li­tik eben­so eine Rol­le gespielt wie die The­se von der „Leit­kul­tur“ in der Flücht­lings­po­li­tik. Für eine Geschich­te der DDR-Kul­tur­ar­beit folgt aus all dem eine radi­ka­le­re Ana­ly­se als sie mit dem Buch vorliegt.

Die Grün­de des Schei­terns noch ein­mal rück­bli­ckend beden­kend, soll­te abschlie­ßend in die­ser Rezen­si­on aber auch deut­lich gesagt wer­den, dass die Lek­tü­re des Ban­des allen wärms­tens zu emp­feh­len ist, die sich mit Kul­tur in der DDR fach­lich oder erin­nernd beschäf­ti­gen; zugleich ist erneut fest­zu­stel­len, dass ähn­li­che Stu­di­en nach glei­chen Kri­te­ri­en für die alte Bun­des­re­pu­blik noch immer feh­len, ein deutsch-deut­scher Kul­tu­ren­ver­gleich dem­zu­fol­ge noch aus­steht und damit auch eine his­to­ri­sche Ein­ord­nung der DDR-Kul­tur­ar­beit in die deut­sche Kulturgeschichte.

Das gilt auch für die Anwen­dung bestimm­ter Begrif­fe, z.B. den des „Kul­tur­ar­bei­ters“. Die­ser war in der DDR durch­aus nicht üblich (anders vgl. S. 12). Mein dama­li­ger Kol­le­ge Klaus Spie­ler und ich haben ihn erst 1983 auf einer Kon­fe­renz ein­ge­führt (vgl. „Mit­tei­lun­gen aus der kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen For­schung 12/13) und 1987 ff. bei der Kon­zi­pie­rung eines ent­spre­chen­den Teil­stu­di­en­gan­ges der Kul­tur­wis­sen­schaft an der HUB ange­wandt. Dar­aus wur­de 1990 ein ordent­li­ches Neben­fach „Kul­tu­rel­le Arbeit/Kulturpolitik“, aller­dings im Som­mer 1992 per Beschluss der Uni­ver­si­täts­lei­tung wie­der abge­schafft (vgl. Pri­vat­ar­chiv HG NL 1 K 1). „Kul­tur­ar­bei­ter“ drück­te Gemein­sam­keit in der Viel­falt bestimm­ter Kul­tur­be­ru­fe aus. Der Begriff mein­te mehr als „Kul­tur­ar­beit“ im „kul­tu­rel­len Bereich“, wie auch die Absol­ven­ten unse­rer Fach­rich­tung außer­halb davon „Kul­tur­ar­beit“ ver­rich­te­ten; er schloss Künst­ler und Päd­ago­gen ein.

Der Erfolg die­ses Begrif­fes war erstaun­lich, aber kurz­le­big. Er wur­de in der „Wende“-Zeit auf­ge­grif­fen vom „Ver­band der Kul­tur­ar­bei­te­rIn­nen“, der dem Denk­feh­ler zum Opfer fiel, die DDR wür­de nicht in Län­der mit ihren „Kul­tur­ho­hei­ten“ zer­legt wer­den. Der Adres­sat ihrer For­de­run­gen ver­schwand und eine Über­lei­tung der Kul­tur­häu­ser, Klubs usw. erfolg­te nicht, schon gar nicht der betrieb­li­chen. Par­al­lel zu die­sen Debat­ten erleb­te der „Kul­tur­ar­bei­ter“ 1989/1990 einen ers­ten Erfolg im Wes­ten, bei einer Stel­len­aus­schrei­bung des Kul­tur­am­tes Kreuzberg.

Bir­git Man­del / Bir­git Wolf: Staats­auf­trag: „Kul­tur für alle“. Zie­le, Pro­gram­me und Wir­kun­gen kul­tu­rel­ler Teil­ha­be und Kul­tur­ver­mitt­lung in der DDR. Bie­le­feld: tran­script Ver­lag 2020, 306 S. (Schrif­ten zum Kul­tur- und Muse­ums­ma­nage­ment) ISBN 978–3‑8376–5426‑4  – 25.- €

Hier ist das Buch bestell­bar.