Wie erst jetzt die DDR entsteht

Ein Gespräch zwi­schen Horst Gro­schopp, Kul­tur­wis­sen­schaft­ler an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin, und Jörg Lau über: Die Ein­sam­keit des Kulturwissenschaftlers.

In: Der All­tag, Ber­lin 1996, H. 72, S. 163–172.

Herr Groschopp, der Titel dieses Heftes ist „Wie erst jetzt die DDR entsteht“. Was sagt der Kulturwissenschaftler dazu?

Im Wort­sin­ne genom­men, ist das natür­lich Unfug. Da aber sicher von der DDR Iden­ti­tät und damit von einem kul­tu­rel­len Pro­blem die Rede ist, wäre danach zu fra­gen, inwie­fern eine rele­van­te Grup­pe von Men­schen sich jetzt erst mit der DDR zu iden­ti­fi­zie­ren beginnt bezie­hungs­wei­se an einer sol­chen Iden­ti­fi­ka­ti­on fest­hält und wovon sie sich sondert.

In Vor­be­rei­tung auf das Gespräch habe ich mir neue­re sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Befun­de ange­se­hen. Es gibt eine Unter­su­chung „Sozi­al­re­port“ (I. Quar­tal ’96), unter­stützt von der Hans-Böck­ler-Stif­tung, da geht es um den „Iden­ti­täts­wan­del in den neu­en Bun­des­län­dern“. Die For­scher kom­men zu ganz erstaun­li­chen Ergeb­nis­sen, näm­lich ein­mal, und inso­fern könn­te die The­se, daß die DDR jetzt erst ent­steht, stim­men, daß das ost­deut­sche Wir-Befin­den eine län­ger­fris­ti­ge Bewußt­s­eins­la­ge ist, etwas, was sich seit 1990 als rela­tiv sta­bil erwie­sen hat.

Die Sozio­lo­gen um Gun­nar Wink­ler bestä­ti­gen damit ein Resul­tat des Allens­ba­cher Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts vom Juli 1991. Die Stu­die „Kul­tu­rel­les Inter­es­se und Kul­tur­po­li­tik“ ver­blüff­te zu einer Zeit, da die The­se von der „Kul­tur­na­ti­on“ im Ein­heits­tau­mel noch weit­ge­hend domi­nier­te, mit der Aus­sa­ge, daß die Ex-DDR-Bür­ger sich in ihrer über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit nicht pri­mär als Deut­sche, son­dern als Ost­deut­sche emp­fin­den. Das hat sich jetzt her­um­ge­spro­chen und wei­te­re Umfra­gen erhär­ten das.

Die wich­tigs­te Mit­tei­lung aus der neu­en Unter­su­chung ist, daß das Gefühl, Bür­ger der Bun­des­re­pu­blik zu sein, nach wie vor ledig­lich bei einer Min­der­heit, näm­lich nur bei 18%, aus­ge­bil­det ist. Das ist schon erstaun­lich, über 80% füh­len sich nicht als Bür­ger der Bun­des­re­pu­blik, son­dern in einem dif­fu­sen Zwi­schen­sta­di­um oder kön­nen sich gar nicht ver­or­ten; und daß mit­ge­teilt wird, von 55% zu Pro­to­koll gege­ben, von den wesent­li­chen gesell­schaft­li­chen Ent­schei­dun­gen und Pro­zes­sen bei der Gestal­tung der deut­schen Ein­heit aus­ge­schlos­sen zu sein. Die­se Emp­fin­dun­gen bil­den sich vor­ran­gig anhand von unmit­tel­ba­ren All­tags­ein­drü­cken, nicht aus irgend­wel­chen über­grei­fen­den Bewußt­s­eins­la­gen, frü­he­ren Infil­tra­tio­nen oder aktu­el­len agi­ta­to­ri­schen Unter­neh­mun­gen von Par­tei­en   so die Forscher.

Also: die große Politik rollt über uns hinweg?

Ja, nicht nur die gro­ße Poli­tik; das Pro­ble­ma­ti­sche an dem Ergeb­nis ist, daß nur 16% ihre Mit­wir­kungs­mög­lich­kei­ten gegen­über frü­her als ver­bes­sert anse­hen. Über 80% glau­ben, daß sich ihre poli­ti­sche Lage nicht grund­sätz­lich ver­än­dert hat. Und wenn man dann noch den Arbeits­platz­ver­lust und die Pra­xis der Beset­zung der wich­tigs­ten Posi­tio­nen durch Nicht-Ost­deut­sche dazu nimmt, dann kann man sich erklä­ren, war­um sol­che ost­deut­sche Iden­ti­täts­bil­dun­gen sich hal­ten kön­nen bzw. erst aus­bil­den – bei aller Dif­fe­ren­ziert­heit, denn den Ein­heits-Ossi gibt es nicht.

Sie glauben also nicht, daß heute etwas Neues im Rückblick auf die untergegangene Welt der DDR entsteht, sie sehen da eher eine Kontinuität des Wir-Gefühls? Die Vorstellung, daß „erst jetzt die DDR entsteht“, könnte man ja auch so deuten, daß die Bestände des alltäglichen Lebens, die seinerzeit in festen Zusammenhängen standen, jetzt frei werden für ganz andere Besetzungen.

Okay, man kann sagen, vie­les wird inzwi­schen rück­bli­ckend etwas anders gese­hen als noch 90/91, man­ches wie­der posi­ti­ver, die sozia­le Sicher­heit etwa oder die Wohn­be­din­gun­gen. Ins­ge­samt ist ein sach­li­che­rer Rück­be­zug auf die DDR feststellbar.

Was aber ein­deu­tig aus den Unter­su­chun­gen her­vor­geht, ist, daß mit der DDR als Staat fast nie­mand mehr was am Hut hat. Das ist nur eine ganz ver­schwin­dend klei­ne Min­der­heit von 7%, das sind wahr­schein­lich ganz alte Funk­tio­nä­re, die etwas ver­lo­ren haben und zudem durchs Ren­ten­recht noch abge­straft wur­den, und ihr DDR-Bild bewah­ren, um nicht psy­chisch abzu­drif­ten. Zurück will eigent­lich niemand.

Das Pro­ble­ma­ti­sche ist nur, daß sich für das Neue so recht auch nie­mand enga­gie­ren will. In die­ser Über­gangs­si­tua­ti­on wird eigent­lich zu viel Poten­ti­al ver­schenkt. Der Wider­spruch wird nicht aus­ge­tra­gen. Zum Bei­spiel hier in Ber­lin: Die West­ber­li­ner ver­lie­ren ja noch viel dra­ma­ti­scher ihre Iden­ti­tät. Das ist für mich ein gra­vie­ren­der Vorgang.

Warum glauben Sie, daß es für die Westberliner schlimmer ist?

Na ja, es hat­te sich da ein bestimm­ter Stan­dard aus­ge­bil­det, auf­grund der Son­der­stel­lung – eine Insel im Meer der DDR, oder wie immer man das nen­nen mag –, und nun …

… werden die von dem Wasser überspült …

…ja, die haben immer noch Schwie­rig­kei­ten zu begrei­fen, daß sie jetzt zum Osten gehö­ren und immer mehr auch so behan­delt wer­den. Wenn man mit vie­len von ihnen heu­te spricht, dann ist die Kla­ge zu hören, dies fällt weg und das fällt weg. Dann den­ke und sage ich, das ist bei uns schon lan­ge weg. Wir haben da immer hin­ge­wollt, zu die­sem Stan­dard, und jetzt sieht man, daß das nicht zu hal­ten ist.

Was man beobachten kann, ist doch, daß ein bestimmtes Warendesign, bestimmte Markenprodukte, die nicht mehr produziert werden, jetzt historisiert werden. Und manche Dinge, die man immer noch bekommen kann, Waren, die den Wettbewerb überlebt haben, wie die bewährte Zahnpasta, haben sogar eine richtige Aura bekommen.

Ja, da gibt es die­se Freu­de des Wie­der­erken­nens, der alte Geschmack der fet­ten Wurst. Aber Ost­pro-Märk­te hat­ten und haben es schwer, denn wer fährt schon paar Kilo­me­ter wegen altem Chlo­rodont. Viel­leicht ist dann in der Zahn­pas­ta-Tube schon gar nicht mehr das alte Putz­mit­tel drin und das Gan­ze nur ein Mar­ke­ting-Trick … das Ossi ist da sehr miß­trau­isch gewor­den. Beim Bier weiß man’s ja inzwi­schen, daß bei man­chen hei­mi­schen Sor­ten nur noch die Eti­ket­ten über­ein­stim­men, wäh­rend das Bier vom Wes­ten her­an­ge­lie­fert wird. Jeden­falls geht das Gerücht um. Man weiß ja nie, was da stimmt … und das prägt die Stimmung.

Man weiß überhaupt nicht mehr, was noch stimmt. Als Kulturwissenschaftler sind sie ja schon beruflich mit solchen Phänomen wie Mentalitätswandel beschäftigt. Jetzt kommt hinzu, daß sie selbst durch den Untergang der DDR einem solchen Wandel unterliegen. Sie müssen also jetzt aus beruflichen Gründen auch sich selbst beobachten, sie werden ihr eigenes Versuchsobjekt.

Ja, das ist ein dop­pel­ter Vor­gang, zum einen beob­ach­tet man, und zum ande­ren ist man selbst Objekt, es geschieht etwas mit einem. Mei­ne Ent­las­sung, die jetzt wie­der bevor­steht, ist ja ein sol­cher Vor­gang des Ausgegrenzt-Werdens.

Sie sind schon einmal entlassen und dann wieder eingestellt worden. Wie kam es dazu?

Es war so, daß nach der Wen­de die Hoch­schul­leh­rer­stel­len neu kon­zi­piert und aus­ge­schrie­ben wur­den, und von denen, die da waren, kam von uns kei­ner drauf. Man war qua­si über­flüs­sig, bekam aber stän­dig erzählt, man sol­le die „Mau­er in den Köp­fen“ über­win­den und sich einbringen.

Die Beschreibung ihrer Stelle wurde geändert?

Das ist eine Sache, die vor Gericht ent­schie­den wer­den muß. Die fach­li­chen Din­ge sind Aus­le­gungs­sa­che. Dar­um geht es auch gar nicht vor Gericht. Vor Gericht geht es dar­um, ob die Qua­li­fi­ka­ti­ons­kri­te­ri­en hin­rei­chend sind, ob die Bedin­gun­gen, die für eine Ent­las­sung zutref­fen, gül­tig sind, und den Ver­wal­tungs­be­hör­den der Uni­ver­si­tät geht’s dar­um, daß sie Geld spa­ren müs­sen. Die hat­ten auf ein­mal dop­pel­tes Per­so­nal, boten den Neu­en exklu­si­ve Bedin­gun­gen und ver­su­chen das finan­zi­el­le Desas­ter nun zu berei­ni­gen. Aber das trifft ja die meis­ten stu­dier­ten Ossis, daß ihre Abschlüs­se ent­wer­tet oder gemin­dert wur­den. Also: Raus­ge­flo­gen, wie­der ein­ge­klagt, jetzt wie­der rausgeflogen.

Mit der gleichen Begründung?

Das wird das Gericht fest­stel­len müs­sen. Ich mei­ne ja, nur dies­mal nicht mit Beru­fung auf den Eini­gungs­ver­trag, son­dern als betriebs­be­ding­te Kündigung.

Haben Sie das Gefühl, daß Sie sich verteidigen können bei Ihrem Streit mit der Uni um die Stelle?

Nein. Das geht sei­nen Gang, Gerich­te brem­sen nur.

Das klingt bitter. Man hat Sie doch einmal bereits wieder einstellen müssen. Wie kam das?

Der Rich­ter war erstaunt über die Kün­di­gungs­grün­de, weil die auf mich nicht zutra­fen. Er teil­te mit, Sie kön­nen den Men­schen eva­lu­ie­ren, wie Sie wol­len, über die Qua­li­fi­ka­ti­on wird mit der Ein­stel­lung ent­schie­den. Alle for­ma­len Qua­li­täts­kri­te­ri­en – Dok­tor, Habi­li­ta­ti­on (in der DDR „Dr. sc.“, was im Wes­ten irgend­wie rus­sisch klingt), facul­tas docen­di, also Lehr­be­fä­hi­gung – sind vor­han­den. Und Sie kön­nen jeden Arbeit­neh­mer so oder so bewer­ten, Bes­se­re gibt es alle­mal, aber raus­schmei­ßen kön­nen Sie ihn nach dem Arbeits­recht dar­um doch nicht gleich. Sie hät­ten ihn eben nicht ein­stel­len dürfen.

Das Pro­blem war also, daß Kom­mis­sio­nen an der Uni­ver­si­tät eine Revo­lu­ti­on machen soll­ten, aber das recht­li­che Instru­men­ta­ri­um dazu nicht an die Hand beka­men. Jetzt müs­sen sie dem­zu­fol­ge nach Grün­den fahn­den, die eine Kün­di­gung recht­fer­ti­gen. Aber ein Arbeits­rich­ter kann nicht ent­schei­den, wel­che Auf­fas­sun­gen von Kul­tur­wis­sen­schaft Gel­tung haben sollen.

Hin­zu kommt, daß sich die Rich­ter nicht für den „Abwick­lungs­dienst“ ein­span­nen las­sen wol­len. Das Gan­ze kann noch lus­tig wer­den, zumal inzwi­schen ein Gericht bezwei­felt, ob es an der HUB rich­tig war, allen Hoch­schul­leh­rern, die nicht in Kom­mis­sio­nen beru­fen wur­den, das Mit­spra­che­recht zu ent­zie­hen. Dann gibt es ein Urteil, das erklärt es für nicht rech­tens, wenn Kom­mis­si­ons­mit­glie­der selbst zu Pro­fes­so­ren „neu­en Rechts“ beru­fen wur­den, auch wenn sie bei der eige­nen Ent­schei­dung vor die Tür gin­gen, der Rest sei dadurch befan­gen. Nun sind aber fast alle Ost-Mit­glie­der in die­sen und ande­ren Kom­mis­sio­nen auf fes­te Stel­len gekom­men. Es sind schon For­scher­teams unter­wegs, die­se Vor­gän­ge zu ana­ly­sie­ren. Man kann gespannt sein.

Es ist für die Ost-Iden­ti­tät nicht so wesent­lich, daß Tau­sen­de ent­wur­zel­te Intel­lek­tu­el­le „pro­le­ta­ri­sche“ Erfah­run­gen machen, son­dern daß sie, nun frei­er im Den­ken, in „frei­er“ Lebens­la­ge, aber stän­dig auf der Suche nach Lohn und Brot, sich in ihrer Mehr­zahl nur an die wen­den kön­nen, die ihre Spra­che ver­ste­hen – das sind die Ossis.

Vielleicht sollten Sie Rechtsberater werden, wenn Sie eines Tages doch noch endgültig gekündigt werden sollten?

Es geht mir heu­te schon so, daß ich von Bekann­ten befragt wer­de, weil ich mich mitt­ler­wei­le etwas aus­ken­ne und die Lite­ra­tur ver­fol­ge – aber eben als juris­ti­scher Laie, auf der Suche nach den kul­tu­rel­len Fra­gen darin.

Wenn ich mir ihre Lage vorstelle: Man versucht mich rauszuwerfen   das würde ich natürlich als Unrecht empfinden. Dann haben Sie von einer anderen Instanz des gleichen Systems, das sie bedroht, Recht bekommen. Verwirrend?

Recht ist Gewinn – solan­ge man es bezah­len kann. Das ande­re ist die kal­te Sach­lich­keit des Rechts. Ich bin vor Gericht explo­diert, und mein Anwalt muß­te mich beru­hi­gen und sagen, um Ehre geht es doch jetzt gar nicht. Ich hat­te erst gar nicht ver­stan­den, mit wel­cher juris­ti­schen Argu­men­ta­ti­on er mich ver­tei­di­gen wollte.

Sie wollten vor Gericht ihre wissenschaftliche Ehre verteidigen?

Ja, und ich woll­te mich mora­lisch recht­fer­ti­gen, und dabei war die Fra­ge des Rich­ters gar kein Angriff auf mich gewe­sen, son­dern eine freund­li­che Nach­fra­ge nach mei­nem Befinden.

Sie hatten erhofft, es wird festgestellt, Herr Groschopp ist ein ehrenwerter Mann und muß deshalb wieder eingestellt werden?

Ja, so ähn­lich. Der Rich­ter hat aber ein­fach nur mit­ge­teilt, daß die Grün­de, die zur Ent­las­sung ange­führt wur­den, kei­ne Ent­las­sung recht­fer­ti­gen. Dann habe ich mich wie­der bei mei­nem Arbeit­ge­ber gemel­det: Ich kann Ihnen erfreut mit­tei­len, daß ich wie­der da bin, und daß ich wie­der unter­rich­ten will. Man ließ mich aber nicht unter­rich­ten. Denn Lehr­be­fä­hi­gung ist nicht gleich Lehr­be­rech­ti­gung. Und es wäre ja noch schö­ner, wenn sich die Arbeits­rich­ter in die Sachen der Ordi­na­ri­en einmischen.

Dar­auf hat mein Anwalt einen freund­li­chen Brief geschrie­ben und dar­auf bestan­den, daß mein bestehen­der Arbeits­ver­trag vor­sieht, daß ich arbei­te, und daß man mir also die Mög­lich­keit dazu geben müs­se. Es wur­de also wie­der auf einer streng juris­ti­schen Ebe­ne ver­han­delt, die mora­li­sche Impli­ka­tio­nen eben­so völ­lig außer Acht ließ wie juris­ti­sche, z. B. wer mir wann und mit wel­chem Recht mei­ne Lehr­be­rech­ti­gung ent­zo­gen hat. Man ließ mich schließ­lich unter­rich­ten, nur Schei­ne darf ich nicht ver­ge­ben, was für die Stu­den­ten nach­tei­lig ist, die mein Stoff interessiert.

Diese Art zu prozessieren ist etwas, das mit den neuen Verhältnissen kam?

Ja. Ein ehe­ma­li­gen Kol­le­ge, ein Kul­tur­so­zio­lo­ge und zuletzt Pro­fes­sor für Kul­tur­theo­rie, ist jetzt sogar Rechts­an­walt. Die­ser Boom ist auch The­ma für sich. In der DDR wur­den allein 1988 fast 65 Pro­zent der Rechts­fäl­le („Baga­tel­len“ wie Laden­dieb­stäh­le, Arbeits­strei­tig­kei­ten, Schul­pflicht­ver­let­zun­gen, Belei­di­gun­gen usw.) von den 255.000 betrieb­li­chen Kon­flikt­kom­mis­sio­nen (etwa 70.000 Rechts­fäl­le) und den 56000 ört­li­chen Schieds­kom­mis­sio­nen (12.000 Rechts­fäl­le) erle­digt. Sie und die Jus­ti­tia­re der Arbeits­stel­len erteil­ten kos­ten­lo­se Rechtsauskunft.

So gab es in der DDR zum Zeit­punkt der „Wen­de“ nur etwa 600 Rechts­an­wäl­te, die meist von Schei­dungs­sa­chen, nota­ri­el­len Beglau­bi­gun­gen oder eben poli­ti­schen Fäl­len leb­ten, in denen heu­te oft nach­ge­tre­ten wird. Gehen Sie nur ein­mal hier ums Kar­ree – so an zwan­zig Rechts­an­wäl­te nur hier. Eini­ge aus mei­nem Bekann­ten­kreis sind Steu­er­be­ra­ter gewor­den, ande­re „machen in Immo­bi­li­en“. Mit Rechts‑, Geld- und Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­hei­ten kann man eine Men­ge Geld häu­feln und zugleich nütz­lich sein.

War Ihre Begegnung mit dem Rechtsstaat, um mal ein Modewort aus den siebziger Jahren zu benutzen, eine Erfahrung der Entfremdung – daß man solche Umwege gehen muß, um sein Ziel zu erreichen, daß man seine persönlichen Integrität nicht direkt verteidigen kann?

In unse­rer Wis­sen­schaft spiel­te der Begriff der Ent­frem­dung eine gro­ße Rol­le, gera­de nach 68 haben wir uns inten­siv mit den Früh­schrif­ten von Marx beschäf­tigt und Mar­cu­se gele­sen. Aber ich wür­de das nicht so oder wie Kaf­ka beschrei­ben. Es gibt da ratio­nal zu erfas­sen­de Vor­gän­ge, Inter­es­sen­kol­lis­sio­nen, Neid, Vor­teils­nah­me, sozia­le Zwän­ge, sol­che der Haus­halts­la­ge, Beru­fungs­zu­sa­gen, alte Rech­nun­gen, neu geschrie­be­ne Biografien …

Um noch ein­mal auf die Iden­ti­täts­fra­ge zurück­zu­kom­men, auf die der Titel des Hefts ja zielt: Es kann kei­ne gemein­sa­me Iden­ti­tät geben, wenn eine kul­tu­rel­le Hege­mo­nie so aus­ge­übt wird. Auch die Arbei­ter­be­we­gung hat sich ja nicht nur wegen einer gemein­sa­men Lage gebil­det, son­dern, schau­en Sie auf die Bio­gra­fien ihrer dama­li­gen Eli­ten, aus ver­letz­ter Ehre und aus Hoff­nun­gen, ein Ein- und Aus­kom­men zu fin­den, akzep­tiert zu wer­den usw. Man kann das auch Iden­ti­tät nen­nen, mit gemein­sa­men Sym­bo­len, bis hin zu einer Kunst, die nur in die­sem „Lager“ ver­stan­den wurde.

Wahr­schein­lich ist es mit der Ost-Iden­ti­tät ähn­lich. Die einen dik­tie­ren den ande­ren nicht nur die Spiel­re­geln, son­dern sie haben auch noch die Schieds­rich­ter mit­ge­bracht, die über ihre Ein­hal­tung wachen sol­len. – Womit ich nicht sagen will, daß ich mich zu den Ver­lie­rern rech­ne. Es ist eher eine unein­deu­ti­ge Situa­ti­on, ich bin Gewin­ner und Ver­lie­rer zugleich.

Wo haben Sie gewonnen?

Aus einem bestimm­ten Streß poli­ti­scher Art bin ich raus. Ich habe auch mate­ri­ell gewon­nen, habe mehr Zugang zu Infor­ma­tio­nen, gute Tech­nik … An der Uni­ver­si­tät küm­mert sich nie­mand um mein Pri­vat­le­ben, wenn ich mei­ne Arbeit mache. Die DDR-Gesell­schaft hat den Men­schen als Gan­zes wich­tig genom­men und dem­entspre­chend kon­trol­liert, ob da auch alles ordent­lich zugeht.

Wie erleben sie ihre Situation?

Ach, psy­chisch ein­fach ist es nicht. Vor allem kommt man als öffent­li­cher Mensch wie ich, man merkt das an Ein­la­dun­gen, unmerk­lich auf ein­mal in die Rol­le des Anders­den­ken­den, des Dis­si­den­ten, und hat­te gar nicht geahnt, daß man dazu taugt.

Viel­leicht taugt man dazu auch nicht. Eine komi­sche Ver­le­gen­heit. Für mich ist das Ent­schei­den­de, bezo­gen auf die Uni­ver­si­tät, daß man hier am wohl größ­ten kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut der Welt ver­schie­de­ne Auf­fas­sun­gen nicht gegen­ein­an­der antre­ten läßt, was unter Umstän­den außer­or­dent­lich ich pro­duk­tiv wer­den könn­te, oder sagt, macht ihr eures, wir machen uns­res, son­dern die Sache arbeits­recht­lich löst, indem man eine Denk­rich­tung, die vor­her da war, aus­grenzt – ohne Rück­sicht auf den eige­nen Ruf, der mit der Zeit Scha­den neh­men könn­te. Nur über die Stu­den­ten stellt sich ein Aus­tausch her, denn die gehen ja über­all hin, um sich ihre eige­ne Mei­nung zu bilden.

Die­se Sprach­lo­sig­kei­ten beob­ach­te ich in vie­len Fel­dern, da sie Ossis wie Wes­sis zwingt, sozu­sa­gen „unter sich“ zu blei­ben oder, wenn man zusam­men ist, bestimm­te „pein­li­che“ The­men aus­zu­spa­ren. Das setz­te 1991 ein, als die Lösung des west­deut­schen „Beför­de­rungs­staus“ durch Besitz­nah­me im Osten begann. Das voll­zog sich aber nicht nur in intel­lek­tu­el­len Berei­chen oder in Ver­wal­tun­gen, auch in den Betrie­ben, bei den ABM-Pro­jek­ten, bei der Auf­lö­sung der Ver­la­ge … bis zu Salz­berg­wer­ken und Schiffs­werf­ten. Nun sta­bi­li­sie­ren sich die Zustän­de. Das neue Oben wird sicht­bar wie das, was jetzt unten ist. So man­cher schaut gar unter den Tep­pich. Man sitzt sich gegen­über, wor­über soll man reden?

Mich erin­nert die Situa­ti­on an die Erzäh­lun­gen mei­nes Soh­nes. Der hat Dre­her gelernt und war nach 1991 drei­ein­halb Jah­re lang zwangs­wei­se mit west­ber­li­ner Mit-Azu­bis in der Berufs­schu­le, über die Jah­re hin­weg jeden Monat eine Woche. Es hat sich kein Kon­takt erge­ben. Null Kom­mu­ni­ka­ti­on Ossi-Wes­si. Und dabei waren das jun­ge Leu­te. Das kann doch nicht nur an den, wenn auch in die­sem Alter aller­dings schon erheb­li­chen, Unter­schie­den im Monats­geld gele­gen haben?

Wie erklären Sie sich das? Warum gibt es kein Interesse an der eigentlich doch exotischen anderen Seite?

Die Men­schen sind sehr anders und wer will schon für den ande­ren der Exot sein, wobei nach der öffent­li­chen Mei­nung dies eben das Ossi zu sein hat? Noch gibt es zu wenig gemein­sa­me Erfah­run­gen. Soll der eine ver­ra­ten, wie geschickt er es bewerk­stel­lig­te, des andern Stel­le zu bekom­men? Soll der ande­re den Bri­ga­de­abend loben, den er so gern besucht hat? Schub­kas­ten auf – Bes­ser­wes­si und Jam­me­ros­si rein – Schub­de­ckel zu: Ruhe.

Erstaun­li­cher­wei­se sind die Jugend­li­chen, die jetzt so 16–18 sind, die nicht durch täti­ge Teil­nah­me am Sys­tem „vor­be­las­tet“ sind und die in dem gan­zen Schla­mas­sel der letz­ten sechs Jah­re sozia­li­siert wur­den, noch viel mehr auf Ost­deutsch­land ori­en­tiert, als bis­her wahr­ge­nom­men wird. Das hat etwas mit geschlos­se­nen sozia­len Räu­men zu tun, hat aber auch fami­liä­re Ursa­chen, daß Eltern zu Hau­se aus ihrem Her­zen kei­ne Mör­der­gru­be machen, wenn sie berich­ten, was ihnen tags­über so wider­fah­ren ist.

In mei­ner Fami­lie konn­te ich auch beob­ach­ten, daß der Streit mit den Ver­wand­ten im Wes­ten erst los­ging, als die Mau­er gefal­len war. Vor­her hat es wun­der­bar funk­tio­niert, jeden­falls soweit die Gren­ze es zuließ. Dann fuh­ren die Ost­deut­schen in grö­ße­ren Men­gen, mit neu­en PS-Schlit­ten und säch­si­schem Gemüt bis nach Her­ne. Sie fie­len ein in die hei­mi­schen Hüt­ten und quas­sel­ten über die „Gesell­schaft“.

Das pro­vo­zier­te die ers­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen dar­über, wer bes­ser weiß, wie man’s hät­te machen sol­len und tun müs­sen – im Osten. Dann hieß es plötz­lich, ihr müßt ja erst mal rich­tig arbei­ten ler­nen. Eine Explo­si­on war unver­meid­lich. Ein Todes­fall hat dann alle wie­der zusam­men­ge­führt und die Erkennt­nis brach durch, das Leben ist end­lich – und jeder hat frü­her sein’s gemacht, so gut es ging und so soll’s wei­ter gehen: ihr stört uns nicht, wir nicht euch.

Das heißt, auf einmal spielt die Ehre eine Rolle. Wenn einer so etwas zu einem sagt, das geht doch tief, man fühlt sich in seiner Ehre verletzt.

Ja, es gibt eine schö­ne Defi­ni­ti­on von Fer­di­nand Tön­nies, was Ehre ist: Ehre ist das, was den Herrn vom Knecht unter­schei­det. Und man ver­langt von zu vie­len Ossis, die Unter­ord­nung anzu­er­ken­nen, z. B. wenn einem gesagt wird, du mußt noch etwas ler­nen oder: Das haben wir schon immer so gemacht. Das sagt ja, ihr habt es falsch gemacht und ihr müßt unse­re Höhe erst erklim­men. Vie­le Ost­deut­sche haben ja immer wie­der vor­ge­schrie­ben bekom­men: noch die­ser Kurs, noch jener Kurs; und prak­tisch in den letz­ten Jah­ren erlebt: die­se Degra­die­rung, jene ver­däch­ti­gen­de Nach­fra­ge. So etwas wirkt.

Ich sel­ber habe zwi­schen­zeit­lich übri­gens Ost- und Westberliner/ ‑innen (Stu­di­en­ab­bre­cher, Arbeits­lo­se …) in Umschu­lungs­kur­sen unter­rich­tet. Dabei stell­te ich einen inter­es­san­ten Ein­stel­lungs­un­ter­schied fest: Wäh­rend die Ost­ler glau­ben, es gehe dar­um, daß sie sich qua­li­fi­zie­ren, um noch ein­mal Arbeit zu bekom­men und sich ent­spre­chend anstren­gen, leben die West­ler mit dem Bewußt­sein, daß es nur dar­um geht, mal wie­der eine Ein­kom­mens­pha­se zu haben.

Auch die Wei­se, in der man sein Schick­sal inter­pre­tiert, ist ganz unter­schied­lich: Wäh­rend der Ost­deut­sche glaubt, er unter­lie­ge einem kol­lek­ti­ven Schick­sal, betrach­tet der West­deut­sche sei­ne Lage als etwas (in Gren­zen) frei gewähl­tes, für das man allei­ne ver­ant­wort­lich ist. Die Ost­deut­schen pfle­gen dabei eine mora­li­sche Hal­tung zur Gesell­schaft. Die­se hat ja die „Wen­de“ beglei­tet und beför­dert: Sich auf die offi­zi­el­le Idee der Gleich­heit und Gemein­schaft­lich­keit beru­fend, haben sie sich über die Wand­litz-Vil­len und Pri­vi­le­gi­en der Füh­rungs­schicht auf­ge­regt und sind dage­gen auf die Stra­ße gegan­gen. Dabei waren das Stan­dards, die einem heu­te schon läp­pisch vor­kom­men, zumal Anlei­tun­gen zu kau­fen sind, wie man Mil­lio­nen an der Steu­er vorbeischafft.

Warum regt sich keiner mehr auf? Sind die Leute resigniert, weil sie noch viel größere Ungleichheiten hinnehmen müssen?

Die sozio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen zei­gen, daß es den aller­meis­ten Leu­ten mate­ri­ell bes­ser geht, gemes­sen am frü­her Mög­li­chen. Man­che hat­ten sich viel­leicht noch mehr erhofft, aber die Ver­bes­se­run­gen sind unab­weis­bar. Die Lang­zeit­ar­beits­lo­sen kön­nen erst auf höchs­tens zwei bis vier Jah­re kom­men, denn vor­her waren sie ja in Lohn und Brot. Ähn­li­ches gilt für Sozi­al­fäl­le. Die Pro­ble­me rei­fen erst und zwar regio­nal sehr ver­schie­den, teil­wei­se wie­der als kol­lek­ti­ves Schick­sal. Hin­zu kommt das Gefühl, das die „Aus­ge­schlos­se­nen“ mit vie­len Arbei­ten­den tei­len: nicht dazu­zu­ge­hö­ren, nicht ernst genom­men zu wer­den, quer durch die poli­ti­schen Lager.

Ich habe mir mal über­legt, was denn wirk­lich die Unter­schie­de waren zwi­schen DDR und Bun­des­re­pu­blik, und wo die Men­schen sich in einer rela­tiv kur­zen Zeit umstel­len muß­ten. Da ist zuerst das Geld. Das Geld spiel­te in der DDR nicht so eine Rol­le. Zwar war jeder dahin­ter her, aber mit Geld konn­te nichts erzwun­gen wer­den. Mit Tausch konn­te etwas bewirkt wer­den. Jetzt spielt Geld die wich­tigs­te Rol­le, und sozia­le Bezie­hun­gen tre­ten dem­ge­gen­über zurück.

Es ist eine inter­es­san­te Reak­ti­on und Beob­ach­tung, daß sich vie­le „Kol­lek­ti­ve“ wie­der zu tref­fen begin­nen, per­so­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­on über die Fami­lie hin­aus suchen, sei es im Ver­ein oder der ehe­ma­li­gen „Bri­ga­de“. Da ist man unter sich, hält „Wes­sis“ und „Wen­de­häl­se“ fern, ver­ar­bei­tet die Situa­ti­on und lacht über die alten Wit­ze und neu­en Blind­gän­ger. Jetzt ist eine Gleich­heit auf einer ande­ren Ebe­ne da, weil man die Men­schen ganz sach­lich als Geld­be­sit­zer behan­delt und nicht nach Gesin­nun­gen fragt, aber es sind auch alte Bezie­hun­gen kaputtgegangen.

Warum sind die Beziehungen kaputt?

Na, wenn mein Tra­bant kaputt war, dann wuß­te ich, an wen ich mich wen­den muß­te, um das Ersatz­teil zu bekom­men. Als Intel­lek­tu­el­ler hat­te ich dabei aller­dings immer ein Problem …

… Sie hatten nichts zum Tauschen?

Ja, jemand, der etwa Elek­tri­ker war, hat­te es da leich­ter. Ich konn­te nur bezah­len, oder aber die pro­le­ta­ri­sche Ver­wandt­schaft bemühen.

Und jetzt ist das funktional mehr nötig, und dann fallen solche Beziehungen weg.

Ja, jetzt haben sich sol­che Bezie­hun­gen erle­digt, obwohl natür­lich ohne Vit­amin B, gute Bezie­hun­gen, immer noch nie­mand vor­an­kommt. – Neben­bei: Der Begriff „Seil­schaft“ meint etwas ande­res und ist ein West-Import.

Aber war das nicht einfach nur Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft aus purer Not, die jetzt im Rückblick romantisiert wird zu einer Art selbstloser Nachbarschaftshilfe?

Na ja, die­se Schwarz­ar­beit war mög­lich, weil in man­chen Berei­chen die Arbeit nicht so straff orga­ni­siert war und weil der Staat dies letzt­lich geför­dert hat, z. B. durch Nicht­be­steue­rung die­ser Arbeit. Da war es schon mög­lich, sich auf man­cher Arbeits­stel­le von Mon­tag bis Frei­tag ein biß­chen von der har­ten Wochen­end­ar­beit zu erholen.

Unter mei­nen Bekann­ten, die ich in der Sau­na tref­fe, sind eini­ge Hand­werks­meis­ter. Denen geht’s jetzt zwar bes­ser, obwohl sie auch in der DDR nicht schlecht leb­ten. Sie kla­gen aber dar­über, daß sie nie wie­der so viel Frei­zeit haben wer­den, wie sie hat­ten, denn sie waren ein­fach kon­kur­renz­los, trotz der Schwarz­ar­bei­ter, teils mit ihnen ver­bün­det, sie teils selbst nutzend.

Heu­te ren­nen sie der Arbeit nach, von einem Ange­bot zum andern, und tre­ten gegen­ein­an­der an. Manch­mal knis­tert es ganz schön, wenn die bei­den Elek­tri­ker sich begeg­nen und sich aus­zu­fra­gen ver­su­chen, wie hoch der and­re mit sei­nem Ange­bot auf die Aus­schrei­bung pokert. Sie haben mate­ri­ell gewon­nen, aber an Lebens­qua­li­tät ver­lo­ren, sagen sie selbst.

Auf einen wei­te­ren Unter­schied möch­te ich ver­wei­sen. Das Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem ist anders orga­ni­siert, nicht mehr so von der Wie­ge bis zur Bah­re absi­chernd. Das ver­ur­sacht gro­ße Ängs­te, weil es ja auf­fängt, wenn man fällt. Sozia­le Sicher­heit in der DDR war außer­halb der Ersatz­kas­sen und Sozi­al­hil­fe defi­niert. Sie folg­te dem Modell beauf­sich­tig­ter Pflicht­ar­beit in einer Nicht-Markt-Gesell­schaft, mit all den Fol­gen die­ser Aufsicht.

Nicht dar­auf will ich insis­tie­ren, son­dern auf zwei kul­tu­rel­le Momen­te ver­wei­sen. Ers­tens war, ver­ein­facht aus­ge­drückt, das Arbeits­amt bloß für die Schwer­ver­mit­tel­ba­ren und die Knast­brü­der da. Heu­te muß man da als nor­ma­ler Arbeits­lo­ser hin. So eine Schan­de, den­ken vie­le. Dafür gibt es auf dem Woh­nungs­amt kei­ne Woh­nun­gen, son­dern nur Berech­ti­gungs­schei­ne. Zwei­tens galt man ja prak­tisch als unkünd­bar, wenn man kei­ne sil­ber­nen Löf­fel klau­te oder aus­rei­sen woll­te. Sonst war es sehr schwie­rig, jeman­den von einer Arbeits­stel­le wegzukriegen.

Was hat man denn dann mit denjenigen gemacht, die man gerne losgeworden wäre?

Wie heu­te im öffent­li­chen Dienst: Beför­dert. Man­che konn­te man nur raus­krie­gen, indem man sie weg­be­för­der­te, hoch­lob­te. Das mag bei den Arbei­tern anders gewe­sen sein, weil Arbei­ter immer gefrag­te Leu­te waren. Es sind ja bis zum Mau­er­bau vie­le qua­li­fi­zier­te Leu­te, und gera­de jun­ge Leu­te, weg­ge­gan­gen, so daß ein Man­gel herrsch­te. Und auch am Ende, vor dem Mauer­ein­riß, waren es ja Arbei­ter, nicht in ers­ter Linie die intel­lek­tu­el­len Dis­si­den­ten, die das Sys­tem zum Zusam­men­bruch gebracht haben, indem sie weggingen.

Sie sind gegangen, weil über die Absicherung hinaus in diesem Staat für sie zu wenig zu holen war, wegen mangelnder Karrierechancen. Der Preis für die Sicherheit war eine ziemliche Bescheidenheit. Nur sehr wenige konnten eine Karriere mit Dissidenz, mit abweichender Meinung und anderen Lebensentwürfen machen. Finden Sie nicht, daß das in dem vereinigten Deutschland leichter ist?

Mit der Dis­si­denz ist es heu­te etwas schwie­rig, schon wegen des Plu­ra­lis­mus und der welt­an­schau­li­chen Belie­big­keit. Dis­si­den­ten zeich­nen sich ja in der deut­schen Geschich­te durch Anti­kon­fes­sio­na­li­tät aus. Man muß­te nach dem 30jährigen Krieg einer der bei­den gro­ßen Kon­fes­sio­nen zuge­hö­ren oder Jude sein, und wer das nicht war, der war Dis­si­dent. Daher kommt das Wort.

Und da der Sozia­lis­mus so eine Art Staats­re­li­gi­on war, ist der Begriff für sol­che Sys­te­me wie das in der DDR oder heu­te in Chi­na prak­ti­ka­bel. Und man kann sich vor­stel­len, daß mit dem Unter­gang des Sozia­lis­mus gera­de für die Dis­si­den­ten, die Bür­ger­recht­ler, etwas Wich­ti­ges ver­lo­ren­ge­gan­gen ist, ein „Kul­tur­staat“, des­sen Kul­tur man in Zwei­fel zieht und dafür belangt wird.

Man sieht ja, wie schlecht gera­de sie sich zurecht­fin­den, wenn sie nicht in den gro­ßen Par­tei­en Kar­rie­re machen konn­ten. Mit dem Weg­fall der DDR ist der Geg­ner ver­schwun­den, mit dem man in kul­tur­po­li­ti­scher Feh­de lag. Die Reiz­schwel­le der damals Mäch­ti­gen lag nied­rig. Heu­te liegt sie zwi­schen Kin­der­por­no und Stra­ßen­kra­wall nach Wal­pur­gis. Selbst wegen Blas­phe­mie ist man nur schwer dran­zu­krie­gen, aber leicht bei falsch parken.

Haben Sie das Gefühl, daß Sie manchmal besser als die Westdeutschen verstehen, wie der Laden läuft?

Sicher, es fal­len einem ja vie­le Din­ge auf, die für die Alt­bun­des­bür­ger Rou­ti­ne sind. Hin­zu kommt, ich war zwi­schen 1990 und 1992/93 in einer Art Scout-Funk­ti­on. In mei­nen Umschu­lungs­kur­sen und in Pro­jek­ten muß­te ich West­lern die DDR und Ex-DDRlern die Bun­des­re­pu­blik erklä­ren. Und ich den­ke, das Erleb­nis eines ech­ten Wer­te­wan­dels ist ein Vor­sprung der Ost­ler vor den Westlern.

Frü­her war das auch für mich nur so eine Voka­bel oder die Sze­ne in Brechts „Flücht­lings­ge­sprä­chen“ über die Gras fres­sen­den Sau­ri­er, die man noch grüßt, obwohl die bes­se­ren Tie­re schon Fleisch essen. Aber dann habe ich selbst erfah­ren, daß die Sachen, für die man eben noch gelobt wur­de, jetzt gegen einen ver­wen­det wer­den kön­nen. Das ist für einen Kul­tur­wis­sen­schaft­ler eine ziem­lich ein­ma­li­ge Chan­ce, an sich sel­ber zu beob­ach­ten, wie Wer­te­wan­del abläuft, zu sehen, wie Men­schen von einem auf den ande­ren Tag ihre Ein­stel­lung ändern und doch immer im Brust­ton der Über­zeu­gung sprechen.

Ich ver­mu­te, der Wer­te­wan­del ist noch im Gan­ge und erfaßt gera­de die Gegend am Rhein, obwohl die, um im Brecht-Bild zu blei­ben, noch Gras fres­sen. Auch in den Zei­tun­gen sind plötz­lich The­men wich­tig, die man erle­digt geglaubt hat­te und die auf ver­zwei­fel­te Wer­te-Suche hin­deu­ten. Den­ken Sie nur an die Dis­kus­si­on um den Reli­gi­ons­un­ter­richt bezie­hungs­wei­se „LER“ in Bran­den­burg; oder an die Sym­bol­welt, die sich um die Ren­ten­dis­kus­si­on rankt oder um die Lohn­fort­zah­lung im Krankheitsfall.

Selbst­re­dend gab es in der DDR gekürz­te Bezü­ge, wenn man krank zu Hau­se blieb, und die ärzt­li­che Bestä­ti­gung war schon für den ers­ten Tag nötig … Wenn wir schon dabei sind: Gegen­über der BRD muß­ten Beschäf­tig­te in Indus­trie, Hand­werk und Ver­wal­tung in der DDR täg­lich 45 min län­ger arbei­ten. Sie hat­ten, das sozia­lis­ti­sche Bay­ern bleibt mal außen vor, vier Fei­er­ta­ge und zehn Urlaubs­ta­ge weni­ger. Frau­en gin­gen zwei und Män­ner drei Jah­re spä­ter in Ren­te. Dafür hat­ten Frau­en mit einem eige­nen Haus­halt monat­lich einen Haus­halts­tag – das fällt ja nun weg. Was wan­delt sich wohin? Wer über­nimmt was von wem?

Der Wan­del schärft aber auch den Blick auf das, was hier Iden­ti­tät stif­tet und wo man sich wei­gert, die Umstel­lung bis in die klei­nen Momen­te des All­tags vor­drin­gen zu las­sen: Das Ost­deut­sche grüßt sich wei­ter per Hand­schlag, ein alter Unter­schich­ten­brauch. Im Wes­ten fin­det man das ein wenig absto­ßend, also reckt das Ossi pro­vo­zie­rend die Hand vor. Regel­rech­te Dra­men der „Ehre“ kön­nen sie hier inzwi­schen beob­ach­ten. Als ich nach mei­nem gewon­ne­nen Pro­zeß an die Uni zurück­kam und einem wich­ti­gen West­men­schen begeg­nen soll­te, rie­ten mir Kol­le­gen: Gib ihm nicht die Hand, das mag er nicht! Distanz halten!

Oder die Schwie­rig­keit, in neu­en Zusam­men­hän­gen mit dem Wort „Genos­se“ ange­re­det zu wer­den und die­se Anre­de zu ver­wei­gern oder damit zu spie­len. Ich bin Mit­glied bei den Frei­den­kern, einer SPD-nahen huma­nis­ti­schen Ver­ei­ni­gung. Eini­gen Ost-Mit­glie­dern wird ganz komisch, wenn sie dort wie­der „Genos­se“ genannt wer­den. Und dann gibt es auch das Pro­blem, daß Ost- und West­deut­sche nicht über das Glei­che lachen kön­nen. Man wirft sich dann wech­sel­sei­tig vor, die ande­ren hät­ten kei­nen Humor.

Oder – um wie­der zum Pro­blem der Iden­ti­tät zu fin­den – der jewei­li­ge Begriff von Gesell­schaft: Das Durch­schnitts-Ossi kann sich nicht mit dem Gedan­ken einer Gesell­schaft von Indi­vi­du­en anfreun­den. Man stellt sich immer noch die Gesell­schaft als rie­si­ges Sub­jekt vor: Die Gesell­schaft müß­te da doch etwas tun! Als ob die Gesell­schaft nicht aus Inter­es­sen­grup­pen und Ein­zel­nen bestün­de, die sich im Kon­kur­renz­kampf befinden.

Man spricht von Gesell­schaft, meint aber gemein­schaft­li­che Wer­te, auf die man sich bezieht und die sich alle aneig­nen soll­ten. In der DDR war man sozu­sa­gen Mit­glied der „Gesell­schaft“, und man konn­te davon nur zurück­tre­ten, indem man den Staat ver­ließ. Es gab ja zum Bei­spiel über­all die­se Kampf­grup­pen, auch an der Uni­ver­si­tät. Eines Tages hat­te ein Mit­glied das Land in Rich­tung Wes­ten ver­las­sen. Das war noch im Früh­jahr 1989. Es wur­de ein Appell abge­hal­ten und der Betref­fen­de wur­de in sei­ner Abwe­sen­heit in Uneh­ren aus der Kampf­grup­pe ent­las­sen. Das war eine komi­sche Situa­ti­on, weil irgend­wer wohl mein­te, der Typ ärgert sich darüber.

Klingt ein bißchen wie Voodoo Zauber.

Ja genau, sol­che Per­so­nen wur­den über­all nach­träg­lich aus­ge­schlos­sen. Wenn sie im Schre­ber­gar­ten­ver­ein waren, wur­den sie auch dort noch aus­ge­schlos­sen. Der DDR-Aus­weis war ein Mitgliedsbuch.

Doch zurück zum kul­tu­rel­len Pro­blem im Brecht-Bild über die Sau­ri­er. Auch im Wes­ten wird ja heu­te unter dem Ein­druck des Zer­falls der Gesell­schaft ger­ne von Wer­ten gere­det, vor allem in einer kri­sen­haf­ten Lage wie der jet­zi­gen, wo die Öko­no­mie den Zusam­men­halt nicht mehr garan­tie­ren kann und Mar­gi­na­li­sie­rung durch Arbeits­lo­sig­keit ein ver­brei­te­tes Schick­sal ist. Da wird auf ein­mal ver­sucht, das Chris­ten­tum in dem Glau­ben zu reak­ti­vie­ren, tra­di­tio­nel­le Wer­te wür­den es schon rich­ten, wie es sich in dem Kru­zi­fix Streit und dem Streit um den Reli­gi­ons­un­ter­richt in Bran­den­burg ausdrückt.

Was halten Sie von dieser Strategie?

Das wird im Osten kei­nen gro­ßen Erfolg haben. Über­haupt ist ja das neue Deutsch­land durch die Ver­ei­ni­gung nicht nur preu­ßi­scher und pro­tes­tan­ti­scher, son­dern auch athe­is­ti­scher gewor­den. Die Kir­chen­fer­ne ist wohl der Unter­schied zwi­schen Ost und West. 55% im Wes­ten, aber nur 30% im Osten beken­nen sich als reli­giö­se Men­schen, dage­gen nur 5% im Wes­ten, aber 20% im Osten als über­zeug­te Athe­is­ten. Wie will man die­se säku­la­ri­sier­te Bevöl­ke­rung re-christianisieren?

Was halten Sie von dem Begriff „Ostalgie“?

Er drückt genau die­se Hilf­lo­sig­keit aus und schiebt erst mal alles auf die alte kran­ke DDR und die alten fal­schen Ein­flüs­se, so wie Diep­gen nach der Abstim­mungs­nie­der­la­ge zur Fusi­on in Bran­den­burg meint, das sei der wei­ter­wir­ken­de Vor­be­halt gegen die DDR-Hauptstadt.

Ost­al­gie“ soll wohl für den Wes­ten die Ver­wun­de­rung und den Ärger erklä­ren, daß man sich neu­er­lich mit Wider­spens­ti­gem in der ost­deut­schen Men­ta­li­tät her­um­pla­gen muß. Der Bau­er senkt nicht den Blick, wenn der Rit­ter zu Pfer­de naht. Die­se sich äußern­de Undank­bar­keit, ja Belei­di­gung, ver­sucht man zu über­spie­len, indem der Vor­gang ein biß­chen ins Unerns­te gerückt und sach­te mit dem Ent­zug der Soli­dar­zu­schlä­ge gedroht wird. Das feuil­le­to­nis­ti­sche Pala­ver über „Ost­al­gie“ trös­tet zugleich noch ein Stück Zeit dar­über hin­weg, daß einem selbst eine Wen­de bevor­steht, ein gro­ßer Trans­for­ma­ti­ons­pro­zeß, der die alten Gewiß­hei­ten erschüt­tern wird.

Man könnte also unseren Ausgangssatz umkehren und sagen, daß erst jetzt die BRD entsteht, weil dieses neue Deutschland nicht einfach eine riesige Bundesrepublik nach altem Muster ist?

Man hat das durch eine offi­zi­el­le Sprach­re­ge­lung kaschie­ren wol­len. Es gab da eine Anwei­sung im Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Inne­ren, daß man nicht „ehe­ma­li­ge Bun­des­re­pu­blik“ sagen soll, weil die­se ja noch mit sich iden­tisch sei. Das ist wohl das Pro­blem. Wir wer­den sehen, wie die Mit­bun­des­bür­ger und Mit­bun­des­bür­ge­rin­nen im Wes­ten die bevor­ste­hen­den struk­tu­rel­len Umbrü­che ver­ar­bei­ten und ob dann nach öst­li­chen Erfah­run­gen gefragt wird, allein des­halb, weil hier der Igel schon am Ende der Fur­che steht und den Hasen nach sei­ner Iden­ti­tät fragt.

Jetzt haben wir viel von Identität und Differenzen geredet. Glauben Sie, daß Identität überhaupt eine sinnvolle politische Kategorie ist. Wenn man das in dem Sinne versteht: den Deutschen wird’s dann besser gehen, wann sie eine gemeinsame Identität haben?

Die Ver­su­che, so etwas in der deut­schen Geschich­te her­zu­stel­len, sind nicht sehr ermu­ti­gend, weil sie in zwei Welt­krie­gen ende­ten, also in einer erzwun­ge­nen Iden­ti­tät nach innen durch ein äuße­res Feind­bild. Ich kann mit einem Zustand leben, wo ost- und west­deut­sche Iden­ti­tä­ten kon­kur­rie­ren, gemein­sam mit denen unse­rer aus­län­di­schen Mit­bür­ger. Das ist doch pro­duk­tiv. Im Wes­ten soll­te man sich mal klar­ma­chen, wie unend­lich gedul­dig bis­her die Ost­deut­schen alle Zumu­tun­gen der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re hin­ge­nom­men und zum Teil ver­ar­bei­tet haben. Da ist es doch nur logisch, daß sie sich end­lich ver­ge­wis­sern, wo sie her­kom­men und viel­leicht hinwollen.

In die­sem Sin­ne kann man sagen, daß „erst jetzt die DDR ent­steht“ – und hier­in liegt die poli­ti­sche Bri­sanz des The­mas. Jetzt wird das Bild von der DDR geprägt, das dann wahr­schein­lich wei­ter­ge­ge­ben wird.

Die DDR ist heu­te Objekt eines blü­hen­den For­schungs­zweigs. Die Lite­ra­tur über die DDR ist gegen­wär­tig schon so zahl­reich wie wahr­schein­lich sonst über kei­ne Gesell­schaft, schon gar nicht über die „alte BRD“. Und es ist doch selbst­ver­ständ­lich, daß die Ossis an die­ser Debat­te selbst­be­wußt teil­ha­ben wol­len, wie sie auch immer vor­her zur DDR und ihrer Kul­tur stan­den. – Und viel­leicht ist die­se Debat­te die Rea­li­tät, die das Pro­blem der Ost-Iden­ti­tät erzeugt. Um so mehr wäre die­ser Streit aus­zu­tra­gen und in die Wirk­lich­keit zu schau­en. Auf zum nächs­ten Heft: „Wie die alte Bun­des­re­pu­blik ihre Iden­ti­tät ver­liert?“ Oder hat­te sie gar keine?