Humanistische Zwischenrufe

Inter­view mit hpd

Huma­nis­ti­sche Zwi­schen­ru­fe

Im „Ali­bri Ver­lag“ erschien gera­de in der von Horst Gro­schopp her­aus­ge­ge­be­nen Rei­he „Huma­nis­mus­per­spek­ti­ven“ (Band 6) ein Sam­mel­band mit Tex­ten von Ursu­la Neu­mann „Täti­ger Huma­nis­mus“. Dar­in befin­det sich auch ein Nach­wort der Autorin mit der bezeich­nen­den Über­schrift „Kom­pri­mier­te Bilanz“. Wir spra­chen mit dem Her­aus­ge­ber. Die Fra­gen für den hpd stell­te Mar­tin Bau­er.

hpd: Ursu­la Neu­mann gehört zu den bekann­tes­ten Per­so­nen der „säku­la­ren Sze­ne“. Sie ist Mit­glied im IBKA und in der „Huma­nis­ti­schen Uni­on“, hat die Debat­ten in der „Frei­en Aka­de­mie“ berei­chert und in „Auf­klä­rung & Kri­tik“ publi­ziert. Nun erscheint end­lich ein Sam­mel­band, der die ver­streu­ten Tex­te für ein inter­es­sier­tes Publi­kum bün­delt. Wor­um geht es in dem Buch?

Horst Gro­schopp: Wie der Titel „Täti­ger Huma­nis­mus“ ver­mu­ten lässt, will der Sam­mel­band anhand aus­ge­wähl­ter Publi­ka­tio­nen, mit denen sich die Autorin in prak­ti­sche Vor­gän­ge kom­men­tie­rend ein­mischt. Es sind kei­ne ela­bo­rier­ten theo­re­ti­sie­ren­den Äuße­run­gen zu erwar­ten, son­dern anspruchs­vol­le Mei­nungs­äu­ße­run­gen, die ein Bild davon ent­ste­hen las­sen, was „täti­ger Huma­nis­mus“ sein kann.

hpd: Kön­nen Sie dazu ein Bei­spiel geben?

Horst Gro­schopp: Zunächst möch­te ich die The­men­brei­te beto­nen, schon kennt­lich an den „Kapi­tel­über­schrif­ten“, denen die Tex­te zuge­ord­net sind: Bio­gra­phi­sches, Gewiss­hei­ten, Reli­gi­ons- und Kir­chen­kri­tik, Reli­gi­ons- und Ethik­un­ter­richt, weib­li­che Selbst­be­stim­mung, Umgang mit Geflüch­te­ten, Kul­tur­kri­tik. Dann ist auf­fäl­lig, gera­de in den Tex­ten, die län­ger zurück­lie­gen – etwa zum Schwan­ger­schafts­ab­bruch oder zum Umgang mit Asyl­su­chen­den –, dass sich nicht nur Ori­gi­na­li­tät zeigt, son­dern auch Kennt­nis der Wirk­lich­keit, gepaart mit Witz und Aktua­li­tät. Es ver­blüfft gera­de­zu, wie wenig oft ein Fort­schritt zu heu­te fest­stell­bar ist.

hpd: Kön­nen Sie das noch prä­zi­sie­ren?

Horst Gro­schopp: Neh­men wir zwei, Älte­ren in der Sze­ne irgend­wie ans Herz gewach­se­ne Tex­te, so den „Brief an den Herrn Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt“ zum Schwan­ger­schafts­ab­bruch von 1993 und die Pole­mik von 1998 „Sind Chris­ten doch die bes­se­ren Men­schen?“ über das „Mär­chen von der Bedeu­tung christ­li­cher Wer­te­ver­mitt­lung“. Wenn man heu­te die aktu­el­len Debat­ten ver­folgt und mit denen von damals ver­gleicht, ent­steht zum einen der Ein­druck, die Zeit sei still­ge­blie­ben, aber zum ande­ren zugleich: Die Posi­ti­on von Ursu­la Neu­mann ist heu­te kei­ne mehr einer klei­nen Min­der­heit.

hpd: Ist das auch bei den Tex­ten zur Kir­chen­kri­tik der Fall?

Horst Gro­schopp: Ja, aber hier möch­te ich etwas wei­ter aus­ho­len und zunächst auf den Zusam­men­hang die­ses Ban­des mit Band 5 der Rei­he ver­wei­sen, Johan­nes Neu­mann „Huma­nis­mus und Kir­chen­kri­tik. Bei­trä­ge zur Auf­klä­rung“. Eini­ge gemein­sa­me Tex­te von Johan­nes und Ursu­la Neu­mann zum The­ma fin­den wir in dem neu­en Buch, aber auch eine Mehr­zahl von Aus­ar­bei­tun­gen, wo sie die Allein­au­torin ist. Von den Letz­te­ren möch­te ich die­je­ni­gen her­vor­he­ben, die sich mit der Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en in der katho­li­schen Kir­che beschäf­ti­gen, etwa „Christ­li­che Gleich­be­rech­ti­gung“ von 1994 und „Behan­delt man so sei­ne treu­es­te Stüt­ze? Das Ver­hält­nis Frau und Kir­che“ von 1998.

hpd: Hier möch­te ich unbe­dingt ein­wer­fen, dass es ja nicht vie­le huma­nis­ti­sche Bücher gibt mit Frau­en als Autorin­nen, aber dass man dies dem gan­zen Band anmerkt.

Horst Gro­schopp: Ich bin mir fast sicher, dass Ursu­la Neu­mann dar­aus kei­nen gro­ßen Zau­ber ablei­ten wür­de.

hpd: Zurück zur Fra­ge nach der Kir­chen­kri­tik …

Horst Gro­schopp: Ganz anders gela­gert als die soeben genann­ten The­men ist der gemein­sa­me Text von 1990 „Theo­lo­gie als Glau­bens­ge­hor­sam. Anmer­kun­gen zu einem bemer­kens­wer­ten Doku­ment der römi­schen Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re“. Hier wird uns noch ein­mal in Erin­ne­rung geru­fen, dass Johan­nes und Ursu­la Neu­mann nicht ein­fach Katho­li­ken waren, son­dern sich nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil um Refor­men bemüh­ten, wie wir wis­sen ver­geb­lich. Hier nun ana­ly­sie­ren sie einen Text, aus dem klar her­vor­geht, dass Glau­be über Wis­sen­schaft ste­hen soll, dass sich nichts geän­dert hat. Der­zeit gibt es wie­der ein­mal Reform­de­bat­ten … sie wer­den den eiser­nen Ring von Zen­sur und Unter­ord­nung unter die Dog­men nicht spren­gen kön­nen.

hpd: Ent­hält der Band Erst­pu­bli­ka­tio­nen?

Horst Gro­schopp: Es gibt eine „Edi­to­ri­sche Notiz“, die die Her­kunft aller Tex­te nach­weist und bei Erst­ver­öf­fent­li­chun­gen dar­auf hin­weist – auch dar­auf, dass zwei Tex­te dar­un­ter sind, die der hpd nicht dru­cken woll­te.

hpd: Der Unter­ti­tel des Buches lau­tet „His­to­ri­sche Bei­trä­ge zu aktu­el­len Debat­ten“. Wel­cher ist für Sie beson­ders aktu­ell?

Horst Gro­schopp: Zu die­sen neu­en Ver­öf­fent­li­chun­gen gehört die unge­mein zeit­ge­mä­ße Zusam­men­fas­sung von bei­den Neu­manns der Posi­tio­nen von 1998 im Streit um das „‘Ersatz­fach’ Ethik. Infor­ma­tio­nen zum Revi­si­ons­ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt am 17. Juni 1998“. Aus aktu­el­len Berich­ten über ähn­li­che Gerichts­ver­fah­ren im glei­chen Bun­des­land Baden-Würt­tem­berg ent­neh­me ich, dass die­se Erfah­run­gen wahr­schein­lich unbe­kannt geblie­ben oder ver­ges­sen wor­den sind. Des­halb die Publi­ka­ti­on.

hpd: Das The­ma ist ja auch ein Pro­blem der Ver­bän­de­po­li­tik?

Horst Gro­schopp: Ja, unbe­dingt, schon dar­über, ob es sich hier über­haupt um ein „Ersatz­fach“ han­delt. Tho­mas Hein­richs ist im zwei­ten Band der Rei­he ande­rer Ansicht. Ursu­la Neu­mann legt gro­ßen Wert dar­auf, mit ihren Posi­tio­nen etwas zur Debat­te bei­zu­tra­gen, sich aber nicht direkt ein­zu­mi­schen, schon gar nicht für einen bestimm­ten Ver­ein. In mei­nen Augen ist zudem wie­der ein­mal unkla­rer gewor­den, wel­ches Ver­band­kon­zept eigent­lich das der Lage ange­mes­sends­te ist, seit­dem der HVD auch kein ein­heit­li­ches Kon­zept bezüg­lich Lebens­kun­de mehr hat, was ein­mal sei­ne Grün­dung 1993 aus­zeich­ne­te.

hpd: In ihrem Vor­wort gehen Sie auf die aktu­el­le Debat­te zum Ethik­un­ter­richt ein, war­um?

Horst Gro­schopp: Das ist eine Replik auf den his­to­ri­schen Text zum „Ersatz­fach Ethik“. Wir wer­den im kom­men­den Jahr 2020 das hun­derts­te Jubi­lä­um der ers­ten deut­schen „welt­li­chen Schu­le“ in Ber­lin-Johan­nis­thal bege­hen, übri­gens mit dem Schul­fach Lebens­kun­de statt Reli­gi­ons­un­ter­richt. Ich befürch­te, wir wer­den unan­ge­mes­sen unvor­be­rei­tet in die Debat­te dar­über gehen, falls es eine gibt, denn es gab fast über­all in Deutsch­land bis 1933 sol­che „Sam­mel­schu­len“ für Dis­si­den­ten­kin­der, vor allem in Preu­ßen und Sach­sen.

Und neh­men wir an, es gäbe eine sol­che Dis­kus­si­on (oder erst ein­mal neue­re For­schun­gen), dann ver­mu­te ich, wer­den die „welt­li­chen Schu­len“ vor allem im Wes­ten gesucht wer­den, aber sie wur­den bereits im Mai/Juni 1945 für die gesam­te sowje­tisch besetz­te Zone inklu­si­ve Ber­lin ein­ge­führt per Befehl und dies für alle Kin­der. Auch dazu wird sich die Sze­ne ver­hal­ten müs­sen.

hpd: Wir dan­ken Ihnen für das Gespräch.

Ursu­la Neu­mann: Täti­ger Huma­nis­mus. His­to­ri­sche Bei­trä­ge zu aktu­el­len Debat­ten. Her­aus­ge­ge­ben und mit einem Vor­wort von Horst Gro­schopp (Rei­he Huma­nis­mus­per­spek­ti­ven, Band 6). Aschaf­fen­burg: Ali­bri Ver­lag 2019, 276 S., ISBN 978–3‑86569–301‑3, 22.- Euro