Humanitäre Praxis und ethischer Humanismus

Barmherzigkeit

Ohne prak­ti­zier­te Huma­ni­tät wird Huma­nis­mus kei­ne Kul­tur. Er redu­ziert sich dann auf Behaup­tun­gen über Men­schen­rech­te und Men­schen­wür­de oder Glück. Huma­nis­mus bedarf der Huma­ni­tät, um sei­ne Ansprü­che bezüg­lich Gleich­heit, Gerech­tig­keit und Men­schen­lie­be bele­gen zu kön­nen. Zwar sind huma­ni­tä­res Den­ken und Han­deln ohne Beru­fung auf huma­nis­ti­sche Aus­sa­gen und Prin­zi­pi­en mög­lich, etwa von reli­giö­sen Posi­tio­nen aus­ge­hend, aber es bedurf­te erst huma­ni­tä­rer Ide­en, um Reli­gio­nen dahin zu rich­ten.

Oft ver­engt sich in Dis­kur­sen über Huma­nis­mus der Blick, erhebt sich förm­lich über Huma­ni­tät. Sie wie­der­um bleibt ohne Pra­xis fol­gen­lo­ses Bekun­den. Erst huma­ni­tä­res Han­deln über­setzt Sor­ge in kon­kre­te Leis­tun­gen, in denen sich Soli­da­ri­tät beweist und Huma­ni­ta­ris­mus aus­drückt.

Die Wör­ter Huma­nis­mus und Huma­ni­tät haben in huma­ni­tas einen gemein­sa­men latei­ni­schen Wortur­sprung, der die enge Bin­dung bei­der Aus­prä­gun­gen von Beginn an in sich trägt, auch wenn es in der Geschich­te des Huma­nis­mus zu kon­zep­tio­nel­len Ablö­sun­gen von der Huma­ni­tät kam, etwa durch Ver­ein­sei­ti­gun­gen von Bil­dung, zeit­li­che Beschrän­kung auf die Anti­ke oder direk­ten Anti­hu­ma­nis­mus im Natio­nal­so­zia­lis­mus unter dem Man­tel der Pfle­ge grie­chi­scher und römi­scher Kul­tur [Jun­gin­ger 2012].

Huma­ni­tas bedeu­tet: „die Mensch­heit (das Men­schen­ge­schlecht: genus huma­num), Ent­ro­hung (e‑ruditio, Bil­dung) und Barm­her­zig­keit. Das gute deut­sche Wort ‘Barm­her­zig­keit’ ist eben­falls ein Lehn­wort, näm­lich die genaue Über­set­zung von mise­ri-cor­dia“ [Can­cik 2011, S. 17]. In die­sem prak­ti­schen Ver­ständ­nis täti­gen Bei­stands, nicht als phi­lo­so­phi­sche Kate­go­rie, son­dern „im Sin­ne von ‘ver­zei­hen­der Lie­be’ (cle­men­tia), ‘Barm­her­zig­keit’ (miser­i­cor­dia)“, erscheint huma­ni­tas um 80 v. u. Z. in der Schrift “Rhe­to­ri­ca ad Heren­ni­um“ eines unbe­kann­ten Autors [Küh­nert 1972, S. 82, 876].

Barm­her­zig­keit ist der Leit­be­griff jeder prak­ti­schen Huma­ni­tät. Er bedeu­tet Anteil­nah­me, Gna­de, Mil­de, Mit­ge­fühl, Nach­sicht und Wohl­tä­tig­keit. Das Wort galt lan­ge und gilt im öffent­li­chen Bewusst­sein bis heu­te als eine ori­gi­nä­re christ­li­che Kate­go­rie, wie auch das Wort Seel­sor­ge land­läu­fig in die­ser Tra­di­ti­on ver­stan­den wird.

Ähn­li­ches gilt für „Spi­ri­tua­li­tät“ [Kahl 2000], etwa bei der huma­ni­tä­ren Sor­ge um Kran­ke, beson­ders bei der Ster­be­be­glei­tung [Neu­mann 2011]. Aber nicht nur in Extrem­si­tua­tio­nen, son­dern in nahe­zu jeder Lage, in denen ein Mensch Hil­fe und Ver­bun­den­heit benö­tigt, sei es bei der Kata­stro­phen­hil­fe oder im Alten­heim, sei es durch Kör­per­pfle­ge oder Mobi­li­täts­hil­fe – berührt huma­ni­tä­re Pra­xis das inne­re Emp­fin­den eines Men­schen, sei­nen „Geist“, sei­ne Wün­sche, Wert­vor­stel­lun­gen und Welt­an­schau­ung. Barm­her­zig­keit, Seel­sor­ge und Spi­ri­tua­li­tät sind Ele­men­te huma­ni­tä­rer Pra­xis.

Umfangsbestimmung

Dass die Geburt der huma­ni­tas-Idee im anti­ken Rom „ver­ges­sen“ wur­de, liegt im Mono­pol reli­giö­ser Ein­rich­tun­gen in der Geschich­te sozi­al­kul­tu­rel­ler Arbeit. Pro­fes­sio­nel­le Hil­fe­leis­tun­gen im 19. Jahr­hun­dert ent­stan­den als kirch­li­che Auf­ga­ben, spe­zi­ell infol­ge des „Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schlus­ses“ von 1803 und der dar­aus abge­lei­te­ten christ­li­chen Begrün­dung öffent­li­cher „Wohl­fahrts­pfle­ge“ [Neu­mann 2003].

Die­se Domi­nanz ging mit der fort­schrei­ten­den Aus­bil­dung eines Sozi­al­staa­tes und Sys­tems von Sozi­al­ar­beit [Sach­ße 1991; Sachße/Tennstedt 1988] suk­zes­si­ve zurück, die beglei­tet wer­den von einer Plu­ra­li­sie­rung der Poli­tik, der Säku­la­ri­sie­rungder Gesell­schaft, einer grö­ße­ren Zahl von Welt­an­schau­un­gen und dem Vor­marsch eines kapi­ta­lis­ti­schen Mark­tes auch in den Hilfs- und Sor­ge­be­rei­chen ab dem 20. Jahr­hun­dert.

Damit schwin­det gene­rell der Ein­fluss von Kir­chen und Theo­lo­gie auf das gesell­schaft­li­che Leben, die Kul­tur­po­li­tik und die Ange­bo­te der huma­ni­tä­ren Pra­xis. Das Ergeb­nis die­ser Ent­wick­lun­gen sind seit der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts deut­li­che Fort­schrit­te in der Huma­ni­sie­rung durch Aus­prä­gung von Sys­tem­struk­tu­ren gegen­sei­ti­ger Hil­fe, die auf per­so­na­ler Soli­da­ri­tät, aber auch Markt­be­zie­hun­gen beru­hen. Die Fra­ge, wel­che Ange­bo­te allen zugu­te­kom­men sol­len und wel­che Las­ten per­sön­lich zu tra­gen sind („Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip“), beglei­tet die­se Geschich­te und die huma­nis­ti­schen Ant­wor­ten auf die „sozia­le Fra­ge“ [Gro­schopp 2009a; 2009 b].

Eine Umfangs­be­stim­mung des­sen, was zur huma­ni­tä­ren Pra­xis gehört, ist schwie­rig. Bereits eini­ge Wör­ter unse­rer Umgangs­spra­che ver­deut­li­chen die Dimen­sio­nen: Arzt, Asyl­ge­wäh­rung, Apo­the­ke, Almo­sen, Bewäh­rungs­stra­fe, Bar­rie­re­frei­heit, Bil­dung, Dro­gen­ent­zug, Erzie­hung, Flücht­lings­hil­fe, Hartz IV, Heb­am­me, Hos­piz, Kul­tur­haus, Lebens­hil­fe, Mit­leid, Pan­nen­hil­fe, Pfle­ge­ver­si­che­rung, Rechts­schutz, Reha-Sport, Ren­te, Rol­la­tor, Schu­le, Sexu­al­be­ra­tung, Spen­den­auf­ruf, Sti­pen­di­um, Sym­pa­thie, Trau­er­be­glei­tung, Wickel­raum, Ver­si­che­rung … Radi­kal gespro­chen kann jedes hel­fen­de Ein­grei­fen in das Leben eines ande­ren Men­schen huma­ni­tä­re Pra­xis genannt wer­den.

Noch vor eini­gen Jah­ren hät­te man gesagt, es hand­le sich bei der huma­ni­tä­ren Pra­xis um orga­ni­sier­te sozia­le Dienst­leis­tun­gen der Kul­tur- und Sozi­al­ar­beit, die bedürf­ti­gen Men­schen zwi­schen ihrer Wie­ge und Bah­re in Not­fäl­len oder schwie­ri­gen Situa­tio­nen Bera­tung und Unter­stüt­zung geben, sei es in Ehe und Fami­lie oder im gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang. Die Span­ne war über­schau­bar und eini­ger­ma­ßen klar mit den Tätig­kei­ten umris­sen, die Trä­ger der Frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge, Kran­ken­häu­ser, Kin­der­gär­ten oder Alten­hei­me anbie­ten.

Doch haben sich nicht nur die Vor­stel­lun­gen von Bedürf­tig­keit und dem dif­fe­ren­ziert, was als Zwangs­la­ge gilt. Es sind nicht nur zahl­rei­che vor­ge­burt­li­che Ein­fluss­nah­men (etwa künst­li­che Befruch­tung oder Schwan­geren­gym­nas­tik) und Anfor­de­run­gen an die Ster­be­hil­fe (etwa Organ­spen­de oder Wün­sche nach Sui­zid­be­glei­tung; Neu­mann 2012] hin­zu­ge­kom­men. Mit den wach­sen­den Mög­lich­kei­ten der Medi­zin, des Bildungs‑, Betreuungs‑, Gesund­heits- und Ver­si­che­rungs­we­sens, der Wer­bung, der Rat­ge­ber­li­te­ra­tur, der Medi­en und des Inter­nets hat sich gene­rell der infra­ge kom­men­de Bereich erwei­tert, haben sich die kom­mer­zi­el­len wie gemein­nüt­zi­gen Offer­ten in der huma­ni­tä­ren Pra­xis ver­grö­ßert.

Damit ein­her geht eine gro­ße Dyna­mik in dem, was im mora­li­schen Ver­hal­ten und in der Ethik als „human“ gilt. Es ist heu­te strit­tig und unter­liegt stän­di­gem Zwei­fel, was zu einer huma­ni­tä­ren Pra­xis zu gehö­ren hat, um die man sich in Kom­mu­nen und Staat, Gesell­schaft und Ver­bän­den besorgt, schon wegen des hohen Ein­sat­zes öffent­li­cher Mit­tel. Zugleich dro­hen die vie­len Teil­ethi­ken für jeden Son­der­be­reich (Medi­zi­nethik, Jour­na­lis­ten­ethik, Pfle­ge­ethik) ihren Bezug auf den „gan­zen Men­schen“ und den gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt zu ver­lie­ren. Hin­zu kommt, dass ein erwei­tert ver­stan­de­ner Umwelt- und Tier­schutz immer kräf­ti­ger nach einer moder­nen huma­ni­tä­ren Pra­xis ver­langt bei gleich­zei­tig welt­wei­tem extre­mem Reich­tum und bit­ters­ter Armut.

Da Reli­gio­nen wesent­lich ihre Gemein­schaf­ten anspre­chen, auch wenn sie für sich selbst einen mensch­heit­li­chen Mis­si­ons­auf­trag sehen, wird künf­tig eine stär­ke­re Besin­nung auf Huma­nis­mus als ein „offe­nes Sys­tem“ [Can­ci­k/Can­cik-Lin­de­mai­er 2014] der Men­schen­lie­be unum­gäng­lich. Dabei geht es vor allem um Bewer­tungs­kri­te­ri­en. Die Anti­ke und die Anti­ke-Rezep­ti­on geben hier eben­so Fin­ger­zei­ge wie die Ent­de­ckung der huma­ni­tä­ren Pra­xis durch „Huma­nis­ten­ge­mein­den“ an der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert.

Ethischer Humanismus

Bis in die zwei­te Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ver­wei­ger­ten sich bil­dungs­bür­ger­li­che Eli­ten mas­siv der „sozia­len Fra­ge“. Erst eine kirch­lich inspi­rier­te huma­ni­tä­re Pra­xis führ­te hier zu Ände­run­gen. Der Pro­tes­tant Johann Hin­rich Wichern mit der “Inne­ren Mis­si­on“ (wor­aus die ‚Dia­ko­nie“ her­vor­ging) und der „Arbei­ter­bi­schof“ Wil­helm Emma­nu­el Frei­herr von Ket­te­ler mit der „Katho­li­schen Sozi­al­leh­re“ (wor­aus die „Cari­tas“ erwuchs) lei­te­ten hier Ände­run­gen ein, auch wenn sie nicht zuletzt die sozia­lis­ti­sche Arbei­ter­be­we­gung und deren „Sama­ri­ter“ [Gro­schopp 1985, S. 58 ff.] brem­sen und staats­treue Arbei­ter an sich und ihre Reli­gi­on bin­den woll­ten.

Anfän­ge einer moder­nen Sozi­al­ar­beit lie­gen in dem um 1833 von Wichern in Ham­burg-Horn gegrün­de­ten „Rau­hen Haus“, einem Heim für obdach­lo­se Kin­der. Auf katho­li­scher Sei­te ent­stand um 1846 das ers­te der Kol­ping­wer­ke. Als frü­he huma­ni­tä­re Selbst­hil­fe­wer­ke der Arbei­ter kön­nen ab Mit­te des 19. Jahr­hun­derts deren Hilfs‑, Soli­da­ri­täts- und Unter­stüt­zungs­kas­sen gel­ten [Fug­ger 1947; Bal­ser 1962], die oft aus Gesel­len­la­den her­vor­gin­gen und Vor­stu­fen von Gewerk­schaf­ten waren.

Die „Deut­sche Gesell­schaft für Ethi­sche Kul­tur“ such­te ab 1892 nach einem Mit­tel­weg zwi­schen staats­na­hen kirch­li­chen Bestre­bun­gen und der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­be­we­gung. Der Sozio­lo­ge Fer­di­nand Tön­nies, der Kul­tur­ge­sell­schaft eng ver­bun­den, schrieb rück­bli­ckend, man habe ver­sucht, auf die sozia­le Fra­ge ethisch zu ant­wor­ten: Es sei dies die „Fra­ge des fried­li­chen Zusam­men­le­bens und Zusam­men­wir­kens der in ihren Lebens­ge­wohn­hei­ten und Lebens­an­schau­un­gen weit von­ein­an­der ent­fern­ten Schich­ten, Stän­de, Klas­sen eines Vol­kes“ [Tön­nies 1926, S. 7].

Drei huma­ni­tä­re Pra­xis­fel­der wur­den von die­sen huma­nis­ti­schen Ide­en inspi­riert [Gro­schopp 2008]. Ers­tens beför­der­ten ethisch enga­gier­te Fabri­kan­ten wie Ernst Abbe in Jena ein Pro­gramm der „Volks­kul­tur“ und der Betriebs­ge­mein­schaft: Betriebs­aus­flü­ge (etwa zu Kunst- und Gewer­be­aus­stel­lun­gen), Urlau­be, Arbei­ter­gär­ten, Feri­en­hei­me des Betrie­bes, Volks­bi­blio­the­ken, Lese­hal­len, Volks­thea­ter, Volks­un­ter­hal­tungs­aben­de, Volks- und Jugend­hei­me sowie Kin­der­gär­ten [Böh­mert 1892].

Ein zwei­tes Pro­gramm woll­te städ­ti­sche sozia­le Not­la­gen erken­nen und ändern. Es mün­de­te in „Gemein­we­sen­ar­beit“. Vor­bil­der waren eng­li­sche Sett­le­ments und nord­ame­ri­ka­ni­sche Nach­bar­schaf­ten, die von dem Huma­nis­ten Stan­ton Coit nach Deutsch­land in die ethi­schen Gesell­schaf­ten ein­ge­führt und mit der hie­si­gen Ver­eins­idee ver­bun­den wur­den [Coit 1885, 1893; Schrei­ber 1904].

Vor­bild war die 1884 als Heim­stät­te in einem Lon­do­ner Miets­haus errich­te­te „Toyn­bee-Hall“, eine Art Bas­ti­on phil­antro­pi­scher, aben­teu­er­freu­di­ger, reform­wil­li­ger und stu­die­ren­der jun­ger Män­ner inmit­ten unwirt­li­cher Arbei­ter­quar­tie­re. Die über­grei­fen­de Idee der „Uni­ver­si­täts-Aus­deh­nung“ mit­tels „Sett­le­ments“ folg­te zunächst noch einem prak­ti­schen evan­ge­li­schen Chris­ten­tum, öff­ne­te sich aber sehr bald und not­ge­drun­gen all­ge­mei­ne­ren ethi­schen Zie­len, weil vie­le der Adres­sa­ten zuge­wan­der­te Ost­ju­den und katho­li­sche Iren waren [Picht 1913, S. 1].

Eine drit­te Initia­ti­ve war wis­sen­schaft­li­cher und gesell­schafts­po­li­ti­scher Art. Sie ziel­te auf „Men­schen­öko­no­mie“ [Gold­scheid 1911]. Der öster­rei­chi­sche Monist Rudolf Gold­scheid trug damit wesent­lich zur „Erfin­dung“ der Demo­gra­phie bei. Als Pazi­fist gehör­te er dem Vor­stand der „Deut­schen Liga für Men­schen­rech­te“ an. Gold­scheid woll­te eine huma­nis­tisch gelei­te­te Gesell­schafts­öko­no­mie, in der der „Mensch als Wert­quel­le zum Angel­punk­te der wirt­schaft­li­chen Betä­ti­gung wird“, um „den Schlei­er von den orga­ni­schen Bewe­gungs­ge­set­zen der Kul­tur­ge­sell­schaft zu lüf­ten, über die Wech­sel­be­zie­hun­gen zwi­schen tech­ni­scher Pro­duk­ti­on und orga­ni­scher Repro­duk­ti­on Licht“ zu ver­brei­ten [Gold­scheid 1913, S. 13; Fleisch­ha­cker 1996]. Nichts sei „teue­rer […] als sozia­les Elend“. Wir kön­nen uns den Luxus des Elends nicht mehr leis­ten, nötig sei die För­de­rung von „Kul­tur­ka­pi­tal“ [Gold­scheid 1912, S. 22–24].

Alle drei Pro­gram­me füg­te Arthur Pfungst zu einem Kon­zept huma­ni­tä­rer Pra­xis zusam­men [Gro­schopp 2011, S. 35–41]. Er war an der Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert eine Schlüs­sel­fi­gur des ethi­schen Huma­nis­mus, Fabri­kant, Frei­den­ker, Ver­fech­ter der welt­li­chen Schu­le, der Frei­en (huma­nis­ti­schen) Aka­de­mie, Ver­le­ger, Her­aus­ge­ber meh­re­rer Zeit­schrif­ten, Erfin­der, pro­mo­vier­ter Natur­wis­sen­schaft­ler, Publi­zist, Spon­sor von Frei­bi­blio­the­ken, Lese­hal­len und Volks­häu­sern und Über­set­zer bud­dhis­ti­scher Schrif­ten.

Der von Pfungst gezeig­te Aus­weg gegen anti­hu­ma­ni­tä­re Ide­en und Aktio­nen bestand in kul­tu­rel­ler Bil­dung. Nur sie kön­ne Gewalt­an­grif­fe ver­hin­dern, denn (er nimmt die­ses Bei­spiel) ein „Hoo­li­gan“ sei ein nicht genü­gend gebil­de­ter Mensch. Des­halb for­der­te er 1906 freie Bil­dungs­ar­beit und sozia­le Für­sor­ge in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft [Pfungst 1926, S. 14].

Allgemeine humanitäre Kulturarbeit

Das Zivil­stands­ge­setz von 1874 war Teil eines gro­ßen Pake­tes von Sozi­al­re­for­men in der Kai­ser­zeit. Es griff erst­mals in gro­ßem Stil die Sank­ti­ons­kraft der Kir­chen gegen­über ihren Mit­glie­dern an. Bis dahin waren die Pfar­rer oder Pries­ter obrig­keit­li­che Per­so­nen. Sie konn­ten den Men­schen Vor­schrif­ten machen, regel­ten die öffent­li­che Fest­kul­tur eben­so wie pri­va­te Fami­li­en­er­eig­nis­se, nahe­zu die gesam­te per­sön­li­che Lebens­füh­rung. Sie besa­ßen die Auf­sicht über die Volks­schu­len und hat­ten auch sonst einen beam­ten­ähn­li­chen Sta­tus [Lüdtke 1991, S.73]. Sie unter­hiel­ten zudem nahe­zu alle Ein­rich­tun­gen der huma­ni­tä­ren Pra­xis, deren Betrieb weit­ge­hend öffent­li­che Mit­tel sicher­stell­ten.

In der alten Frei­den­ker­be­we­gung wur­de die begin­nen­de Ablö­sung die­ser Son­der­stel­lung von Theo­lo­gen noch als mög­li­che Schaf­fung eines neu­en ‚welt­li­chen“ Beru­fes gese­hen [Horn­ef­fer 1912], etwa dahin gehend, dass sich lai­en­haf­te ‚ethisch-ästhe­ti­sche Pre­di­ger“ oder ganz neue Funk­ti­ons­trä­ger aus­bil­den, fern der Pries­ter­schaft [Pen­zig 1907, S. 241]. Per­so­nal nach kirch­li­chem Mus­ter oder Moral­pre­di­ger lehn­ten frei­den­ke­ri­sche Huma­nis­ten rigo­ros ab. Rudolph Pen­zig, eine bes­tens „ver­netz­te“ Per­son, sah, dass im Indi­vi­dua­lis­mus bei Glau­bens­fra­gen die Zukunft lag, denn das sei „aller­per­sön­lichs­te Her­zens- und Gewis­sens­sa­che“. Er pro­gnos­ti­zier­te: „Soviel Indi­vi­du­en – soviel Reli­gio­nen!“ [Pen­zig 1915, S. 6 f.].

Die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung 1919 und das Grund­ge­setz sowie die DDR-Ver­fas­sung von 1949 haben die Vor­macht der „Kir­chen­die­ner“ wei­ter rela­ti­viert. Moder­ne For­men der huma­ni­tä­ren Pra­xis ent­fal­te­ten sich, beschleu­nig­ten die his­to­ri­sche Ablö­sung der Pries­ter­schaft. Deren Auf­ga­ben sind heu­te ein­ge­ord­net in die moder­nen Sys­te­me gesell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­ti­on durch Markt­be­zie­hun­gen. Nie­mand käme heu­te auf die Idee, Pfar­rern und Pries­tern all die Tätig­kei­ten rück­über­tra­gen zu wol­len, die sie in der jün­ge­ren Geschich­te ver­lo­ren haben. Sie sind „Kul­tur­ar­bei­ter“ gewor­den wie ande­re Beru­fe auch, und haben Frei­zeit, wie jeder Arbei­ter.

Moder­ne Gesell­schaf­ten aner­ken­nen ganz selbst­ver­ständ­lich das Funk­tio­nie­ren huma­ni­tä­rer Pra­xis in arbeits­tei­li­gen Sys­te­men der Kultur‑, Sozial‑, Bildungs‑, Betreu­ungs- und Bera­tungs­ar­beit. Alle Men­schen haben prin­zi­pi­ell Zugang zu moder­nen Lebens‑, Schuld­ner- oder Ehe­be­ra­tun­gen. Sie erwar­ten Pro­fes­sio­na­li­tät, etwa bei der Media­ti­on, und schät­zen orga­ni­sa­to­ri­sche Neu­schöp­fun­gen in der Nach­bar­schafts- und Lebens­hil­fe, der Selbst­sor­ge, Selbst­hil­fe und Hil­fe zur Selbst­hil­fe. Huma­nis­ti­sche Bera­tungs­for­men haben inzwi­schen selbst das Mili­tär erreicht, etwa in der Huma­nis­ti­schen Sol­da­ten­be­ra­tung in Bel­gi­en und Hol­land. Es wird ver­stärkt über huma­nis­ti­sche Spi­ri­tua­li­tät (spi­ri­tu­al care) und pra­xis­ori­en­tier­te Huma­nis­mus­stu­di­en­gän­ge nach­ge­dacht.

Die gesell­schaft­li­chen Anwen­dun­gen von Huma­ni­tät und die aus­ge­bil­de­ten huma­ni­tä­ren Hil­fe­for­men haben sozia­le und ethi­sche Pra­xen erzeugt, die zwar die kul­tu­rell vor­herr­schen­de Pries­ter­schaft nicht gänz­lich ablös­ten. Den­noch domi­niert selbst in kirch­li­chen Ein­rich­tun­gen heu­te eine sehr welt­li­che, prag­ma­ti­sche, an den Bedürf­nis­sen der weni­ger gewor­de­nen Gläu­bi­gen und ihren Lei­den ori­en­tier­te Seel­sor­ge. Dass die­se christ­li­che Seel­sor­ge, soweit sie reli­giö­se Bot­schaf­ten berührt, sich wei­ter „auf­weicht“, „lai­siert“, weil sie in der Pra­xis auch ungläu­bi­gen und anders­gläu­bi­gen „Kun­den“ nüt­zen soll, belegt die­se Kul­tur­wen­de [Gro­schopp 2013].

Die huma­ni­tä­re Pra­xis ist in der Gegen­wart sowohl eine sehr all­ge­mei­ne Tätig­keit, die allen Mit­glie­dern der Gesell­schaft obliegt. Zugleich ist sie ein sehr spe­zia­li­sier­ter Dienst, den man arbeits­tei­lig orga­ni­sie­ren oder kau­fen muss, die Aneig­nung von sol­chen Kennt­nis­sen ein­ge­schlos­sen, die Selbst­sor­ge qua­li­fi­zie­ren. Huma­nis­ti­sche Pra­xis geht dabei über die huma­ni­tä­re hin­aus, in dem sie die­se legi­ti­miert und alle Ansät­ze erwei­tern möch­te, die der Huma­ni­sie­rung nüt­zen und die Daseins­vor­sor­ge garan­tie­ren.

Literatur

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Quel­le Text:
Horst Gro­schopp: Huma­ni­tä­re Pra­xis. In: Hubert Can­cik­Horst Groschopp/Frieder Otto Wolf (Hrsg.): Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe. Berlin/Boston 2016, S. 225–232

Quel­le Bild:
Detail­stu­die Gior­da­no-Bru­no-Denk­mal Ber­lin, U‑Bahnhof Pots­da­mer Platz, Ein­wei­hung 2. März 2008, Gabrie­le Gro­schopp