Rezension Stefan Schröder Freigeistige Organisationen

Das Buch ist die Druck­fas­sung der 2017 erfolg­reich ver­tei­dig­ten Dis­ser­ta­ti­on. Der Autor begrün­det, war­um die Erfor­schung dezi­diert nicht­re­li­giö­ser Orga­ni­sa­tio­nen („kol­lek­ti­ve Akteu­re“, S. 2, 31 u.a.) Gegen­stand einer reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­chen Arbeit ist, die sich als „Groun­ded Theo­ry“ ver­steht (vgl. S. 83–98). So sehr die Argu­men­ta­ti­on ein­leuch­tet, dies gesche­he wegen „ihrer häu­fig aus­ge­präg­ten Reli­gi­ons­be­zo­gen­heit“ (S. 5), wor­aus sich auch das Adjek­tiv „frei­geis­tig“ ablei­tet, ist den­noch gleich ein­gangs zwei­er­lei zu kon­sta­tie­ren.

Zum einen han­delt es sich um eine kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chung, die auch in einem ande­ren Fach­be­reich hät­te geschrie­ben wer­den kön­nen, etwa der Eth­no­lo­gie, der frü­he­ren „Volks­kun­de“, doch, zum ande­ren, es gibt woan­ders am Gegen­stand zu wenig Inter­es­se und die „Sze­ne“ selbst hat kei­ne eige­nen aka­de­mi­schen Ein­rich­tun­gen, wie sie etwa die Theo­lo­gen besit­zen. So kann die Unter­schei­dung von reli­giö­sen und nicht­re­li­giö­sen Fel­dern (Johan­nes Quack im Anschluss an Pierre Bour­dieu, vgl. S. 23) durch­aus Erkennt­nis­ge­win­ne brin­gen, wobei der Autor aber selbst warnt, dar­aus nun mal gleich ein eige­nes For­schungs­ge­biet zu kre­ieren (vgl. S. 26).

Die­sen Schluss pro­vo­ziert der Autor zunächst selbst. Es gäbe eine „noch recht jun­ge Nicht­re­li­gi­ons­for­schung“. (S. 21) Die­se Aus­sa­ge mag von der Wis­sen­schaft aus gese­hen ein neu­er Gegen­stand und von „Sze­ne“ her ein erfreu­li­ches Fak­tum zu sein, weil man sich für für ihre Phä­no­me­ne inter­es­siert. Die­ses Her­an­ge­hen über­höht aber Kon­fes­si­ons­lo­sig­keit zu einer säku­la­ri­sa­ti­ons­theo­re­ti­schen Beson­der­heit, als müss­ten die Ange­hö­ri­gen die­ser Groß­grup­pe erst noch inte­griert wer­den. Dabei sind die „Kon­fes­si­ons­frei­en“ doch inzwi­schen hier­zu­lan­de die „Nor­ma­li­tät“ und die Reli­giö­sen bil­den eine Beson­der­heit.

Zuge­stan­den sei aber, dass es ein „Über­gangs­feld“ zwi­schen frei in der Reli­gi­on und frei von Reli­gi­on gibt, und dass die „Sze­ne“ weit­ge­hend dar­in und davon lebt, und dass man durch­aus ein­mal einen Ver­gleich von isla­mi­schen Migran­ten- mit reli­gi­ös-welt­an­schau­li­chen Min­der­hei­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen anstel­len soll­te (vgl. S. 250).

Wie der Unter­ti­tel aus­drückt, kon­sta­tiert der Bay­reu­ther Autor, nach­dem er die Struk­tu­ren und Geschich­te des „säku­la­ren Spek­trums“ aus sei­ner Sicht dar­ge­stellt hat, eine Wen­de der welt­an­schau­li­chen Posi­tio­nen hin zum Huma­nis­mus seit den spä­ten 1980er Jah­ren (vgl. S. 52–81). Er spricht sogar von einer „huma­nis­ti­schen Wen­de“ und meint damit, dass „der Begriff ‘Huma­nis­mus’ dem Vor­bild nord­eu­ro­päi­scher frei­geis­ti­ger Ver­bän­de fol­gend zuneh­mend als Selbst­be­zeich­nung“ genom­men wur­de (S. 7). Auch der Ein­fluss des „neu­en Athe­is­mus“ sei gebro­chen wor­den durch die unter­schied­li­che Reich­wei­te des Huma­nis­mus­ver­ständ­nis­ses in die­sen Krei­sen (vgl. S. 26 ff.).

Es ist ein Vor­zug des vor­lie­gen­den Wer­kes, dass der Autor in sei­nen Beschrei­bun­gen nicht an der Ober­flä­che bleibt, son­dern in die Ver­äs­te­lun­gen ein­dringt. Die Prot­ago­nis­ten kom­men meist selbst zu Wort und so sehr ich mich selbst als einen Ken­ner der „Sze­ne“ sehen wür­de und auch mehr­fach so vor­ge­stellt wer­de, Schrö­der ver­blüfft immer wie­der durch tref­fen­de Befun­de und gefun­de­ne Äuße­run­gen, bei denen man sich fragt, wie hat er denn das ent­deckt?

Zu die­sen Über­ra­schun­gen gehö­ren auch immer mal wie­der vom Autor ein­ge­streu­te Cha­rak­te­ri­sie­run­gen füh­ren­der han­deln­der Per­so­nen, so etwa, wenn er über Micha­el Bau­er, den Baye­ri­schen Vor­stand des HVD schreibt, er sei „ein Polit­stra­te­ge mit betriebs­wirt­schaft­li­chem Know-how“ (S. 67) oder wenn er Hel­mut Fink, den ehe­ma­li­gen Prä­si­den­ten des­sel­ben Ver­ban­des, einen „Grenz­gän­ger zwi­schen HVD und GBS“ nennt (S. 73, Fn 46). Da mag der Rezen­sent ein Schmun­zeln nicht unter­drü­cken.

Das Urteil, es habe eine Wen­de zum Huma­nis­mus gege­ben, bin­det Schrö­der in eine Ana­ly­se der vor­find­li­chen theo­re­ti­schen Hori­zon­te und den For­schungs­stand zur „Sze­ne“ ein. Die­se „Wen­de“ habe zu diver­sen Wider­sprü­chen im Den­ken und Tun der Ver­bän­de und Ver­ei­ne geführt. Die ent­spre­chen­den Ent­wick­lun­gen, Streit­fra­gen und Ansich­ten wer­den mit gro­ßem Detail­reich­tum vor­ge­stellt. Die Quel­len für Schrö­ders gera­de­zu eth­no­gra­phi­sche Unter­su­chun­gen sind Doku­men­te in Archi­ven, Publi­ka­tio­nen, teil­neh­men­de Beob­ach­tun­gen und Inter­views. Ent­spre­chen­de Ver­zeich­nis­se am Ende des Buches legen die Quel­len offen und der Rezen­sent bedankt sich hier­mit aus­drück­lich für die loben­de Erwäh­nung sei­nes Pri­vat­ar­chivs. Jeden­falls ist die Wie­der­ga­be der Äuße­run­gen in den Quel­len eine beson­de­re Fund­gru­be für alle Insi­der, vor allem, wenn der Autor die Selbst­dar­stel­lun­gen kri­tisch hin­ter­fragt.

Ein gutes Bei­pi­el dafür ist die Dar­stel­lung der HVD-Debat­ten dar­über, ob das eige­ne Han­deln mit dem einer „Kon­fes­si­on“, etwa den christ­li­chen Kir­chen, ver­glich­bar ist (vgl. S. 3, Fn 5, S. 146 ff. u.a.). Als Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­ler hat er mit die­ser Ana­lo­gie kei­ne sol­chen „Bauch­schmer­zen“, wie wohl die meis­ten Mit­glie­der und Text­pro­du­zen­ten die­ses Ver­ban­des, die im Huma­nis­mus eher eine stark den Wis­sen­schaf­ten und der Auf­klä­rung ver­pflich­te­te Welt­an­schau­ung sehen, weni­ger die Kul­tur­vor­stel­lun­gen einer „Bekennt­nis­ge­mein­schaft“.

Für Schrö­der ist das Phä­no­men „Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaft“ eine sozi­al­kul­tu­rel­le Tat­sa­che und mit Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten kom­pa­ti­bel. Des­halb spricht er auch kon­se­quent von der „Huma­nis­ti­schen Lebens­kun­de“, die der HVD in Ber­lin-Bran­den­bur­ger Schu­len für fast 60.000 Kin­der anbie­tet, als einem „kon­fes­sio­nel­len Huma­nis­mus­un­ter­richt“ (S. 64) bzw. einem „kon­fes­sio­nell-huma­nis­ti­schen Unter­richt“ (S. 1).

Der Ver­fas­ser wid­met sich vor­wie­gend den kon­trä­ren Hal­tun­gen und Inten­tio­nen deut­scher Orga­ni­sa­tio­nen (zu deren Geschich­te vgl. S. 37 ff.), beson­ders des Huma­nis­ti­schen Ver­ban­des (HVD), im „Albert‘schen Sprach­ge­brauch“ eine „säku­la­re Reli­gi­on“, und der Gior­da­no-Bru­no-Stif­tung (GBS), einer „Alter­na­ti­ve zu Reli­gi­on“ (vgl. S. 34).

Bei­de Orga­ni­sa­tio­nen wer­den als Haupt­ak­teu­re im Pan­ora­ma frei­geis­ti­ger Inter­es­sen und dar­über hin­aus aus­führ­lich vor­ge­stellt. Der HVD ist nicht nur Haupt­ak­teur in der „Wen­de“, son­dern bei­de sind nach der „Wen­de“ die gesell­schaft­lich ein­fluss­reichs­ten über die „Sze­ne“ hin­aus, bei­de argu­men­tie­ren huma­nis­tisch.

Der Ver­fas­ser unter­schei­det, was GBS und HVD betrifft, ein welt­an­schau­lich-ago­na­les Orga­ni­sa­ti­ons­sys­tem (GBS) und ein sozi­al-prak­ti­sches (HVD). Dem­entspre­chend sind die Vor­stel­lun­gen von Huma­nis­mus geprägt, aber auch von Poli­tik und sons­ti­ger Pra­xis. Bei­de haben ihren jewei­li­gen „Teil­hu­ma­nis­mus“ (mein Begriff), der vom Anspruch her als gan­zer vor­ge­tra­gen wird.

Der wich­tigs­te Bei­trag von Schrö­ders Stu­die für die „Sze­ne“ ist die Schil­de­rung einer „stra­te­gisch gespal­te­nen frei­geis­ti­gen Orga­ni­sa­ti­ons­land­schaft in Deutsch­land“ (S. 2O), ein The­ma, über das zwi­schen den Akteu­ren selbst weit­ge­hen­de Sprach­lo­sig­keit besteht, was die Fol­gen betrifft. Jeden­falls sind gemein­sa­me Unter­neh­mun­gen, auf die auch der Autor ein­geht, wie der Huma­nis­ti­sche Pres­se­dienst (hpd) oder die For­schungs­grup­pe Welt­an­schau­un­gen in Deutsch­land (fowid) als ver­ei­nig­te Pro­jek­te geschei­tert bzw. wie der KORSO weit­ge­hend hand­lungs­un­fä­hig. Das besagt aber gera­de nicht, dass sie als Pro­jek­te der GBS allein nicht gut funk­tio­nie­ren wür­den. Bei­de stra­te­gi­sche Ori­en­tie­run­gen haben ihre eige­nen kul­tu­rell-media­len Aus­drü­cke, deren lang­fris­ti­ger Erfolg abzu­war­ten ist, ein­ge­schlos­sen die kon­zep­tio­nel­le Wei­ter­ent­wick­lung des jewei­li­gen Huma­nis­mus.

Jeden­falls kommt der Autor zu dem Schluss, dass nicht mehr von einer irgend­wie ein­heit­li­chen frei­geis­ti­gen oder huma­nis­ti­schen Bewe­gung gespro­chen wer­den kann. Es ist nicht sein Metier, dar­aus Fol­ge­run­gen zu zie­hen. Ob man nun die­ser Haupt­the­se Schrö­ders zustimmt oder nicht, was ja auch davon abhängt, auf wel­cher Ver­all­ge­mei­ne­rungs­ebe­ne mög­li­che Gemein­sam­kei­ten bzw. Diver­gen­zen fest­ge­macht wer­den: Es gilt fest­zu­hal­ten, dass die­je­ni­gen, die sich aktiv, vor allem kon­zep­tio­nell in die­ser „Sze­ne“ bewe­gen, an die­sem Buch nicht vor­bei­kön­nen.

Schrö­der gibt eine Ist-Stu­die der Zeit um 2015/2017, dar­in eine Beschrei­bung eines weit­ge­hend geschlos­se­nen Sys­tems HVD. Umso kla­rer wer­den künf­ti­ge neue Struk­tu­ren kennt­lich, die zum Ende des zwei­ten Jahr­zehnts des 21. Jahr­hun­derts (gera­de jetzt) ein­ge­lei­tet wer­den: Dezen­tra­li­sie­rung und För­dera­li­sie­rung mit unbe­kann­ten Fol­gen.

Viel­leicht ist es so, dass Fort­ent­wick­lun­gen der Pra­xis und Huma­nis­mus­theo­rie weni­ger von natio­na­len Ein­rich­tun­gen der „Sze­ne“ abhän­gig sind als von inter­na­tio­na­len. Schrö­der stellt auch dazu Bezü­ge her, die auf­zu­ar­bei­ten wären: „Ins­ge­samt kann mit aller Vor­sicht und dem Ver­weis auf exis­tie­ren­de kul­tur­his­to­ri­sche Pfad­ab­hän­gig­kei­ten die Hypo­the­se auf­ge­stellt wer­den, dass die am deut­schen Kon­text ent­wi­ckel­te Typo­lo­gie frei­geis­ti­ger Orga­ni­sa­tio­nen auch in ande­ren natio­na­len Zusam­men­hän­gen funk­tio­niert.“ (S. 242)

Was aber fol­gert dar­aus für eine Ver­tie­fung der „huma­nis­ti­schen Wen­de“ im deut­schen Innern?