Eine andere Sicht

Vor­be­mer­kung

Aus Anlass von 20 Jah­re „Huma­nis­ti­scher Pres­se­dienst“ (hpd) über­sand­te mir die Redak­ti­on der HVD-online-Zeit­schrift „dies­seits“ eini­ge Fra­gen für ein Inter­view aus die­sem Anlass. Es bestand aus zwei Tei­len. Teil 1 wur­de am 20. Okto­ber ver­öf­fent­licht, dem Jah­res­tag der Grün­dung des hpd (hier der gedruck­te Text und hier der­sel­be für mei­ne eige­ne Doku­men­ta­ti­on). Die Publi­ka­ti­on von Teil 2 soll­te danach erfol­gen. Jedoch erhielt ich am 29. Okto­ber eine Absa­ge, weil der Inhalt, wie es hieß, den Erwar­tun­gen nicht ent­spro­chen habe.

Es ist das Recht jeder Redak­ti­on, über Ver­öf­fent­li­chun­gen in ihrem Medi­um zu ent­schei­den. Bei einer Ableh­nung ist es dann aber auch das Recht eines Autors, den Text nach sei­nem Gus­to zu publi­zie­ren. Das geschieht hier­mit. Im Wort­laut wird deut­lich, was die Grün­de der Redak­ti­on gewe­sen sein könn­ten. Ich hal­te eine Dis­kus­si­on über die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen, wenn über Huma­nis­mus und Demo­kra­tie gere­det wird, für nicht unterdrückbar.

Teil 2 War­um braucht es eige­ne huma­nis­ti­sche Medien?

War­um brau­chen Huma­nis­ten aus Dei­ner Sicht eige­ne Medien? 

Da begin­ne ich mit einer Exege­se. In der von der Redak­ti­on ursprüng­lich for­mu­lier­ten Fra­ge, die ich eigen­mäch­tig ver­än­dert habe, hieß es: „war­um brau­chen Humanist*innen“. Dazu wird mei­ne Sicht erbe­ten, obwohl ein Teil der Ant­wort schon vor­ge­ben ist in Form eines Stern­chens, was den Weg­fall ande­rer Satz­zei­chen, hier Sinn­ge­bun­gen bedeu­tet, also „*“, statt „I“, „:“ oder „_“.

Eine Welt­an­schau­ungs­ver­ei­ni­gung hat sich etwas dabei gedacht, eine Zuord­nung zu einer bestim­men Kli­en­tel von Huma­nis­ten oder einer Leser­schaft durch Sub­jekt­ord­nun­gen vor­zu­neh­men, die sich durch Stern­chen­ver­wen­dung aus­zeich­net; oder, wie ich jetzt häu­fi­ger in Aka­de­mie­sa­chen lese, per Dop­pel­punkt zu sor­tie­ren. Da fal­le ich raus.

Ver­ständ­nis, so gefragt zu wer­den, wird vor­aus­ge­setzt. Es erfolgt aber eine Zuord­nung zu den Stern­chen­menschen, nicht zu denen mit dem gro­ßen I, dem Unter­strich oder was es sonst noch gibt, plus zu denen, die in die­ser Ver­hun­zung der deut­schen Schrift­spra­che Distanz­set­zun­gen zum Huma­nis­mus sehen. Auf die­se Zumu­tung und Deu­tung gehe ich spä­ter noch ein.

Nun zur von mir über­setz­ten Fra­ge: Die Zahl der „Huma­nis­ten“ in unse­rer Gesell­schaft kön­nen wir unge­fähr bestim­men anhand von sozio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen, etwa Ant­wor­ten auf Fra­gen nach der „Huma­nis­ten­quo­te“, 2004 und 2007. Hier geht es um Quan­ti­fi­zie­run­gen bestimm­ter Wert­ein­stel­lun­gen, die von uns und ande­ren als huma­nis­tisch ein­ge­stuft wer­den, was aber auch vom Huma­nis­mus-Ver­ständ­nis abhängt.

Ich ver­mu­te aber, das ist gar nicht gemeint, son­dern es geht „nur“ um die eige­ne Orga­ni­sa­ti­on, deren Druckerzeug­nis­se, Home­pages, Rund­brie­fe, Pod­casts, Auf­trit­te bei You­tube und ande­ren „sozia­len Medi­en“. Betrei­ber sind beauf­trag­te Per­so­nen, die arbeits­tei­lig tätig sind. Wozu sie die „eige­nen Medi­en“ benö­ti­gen, das haben sie selbst defi­niert, meist nicht auf öffent­li­chen Platt­for­men, son­dern in Beschlüs­sen, die nun, so inter­pre­tie­re ich die Fra­ge, einer Revi­si­on unter­zo­gen werden.

Wel­che Rol­le hat das Maga­zin dies­seits in der Geschich­te des orga­ni­sier­ten Huma­nis­mus gespielt?

Im „orga­ni­sier­ten Huma­nis­mus“? Das ist mir zu gewal­tig. Der HVD ist ein klei­ner Teil davon und der ist mir gro­ßer Gegen­stand genug.

Wie­so Maga­zin? Ein Maga­zin wur­de das Blatt erst­mals mit der Nr. 101/2012. Das Bild zu die­sem Text zeigt die Titel­sei­te. Eine inne­re Medi­en­kri­tik an die­sem Vor­gang und sei­nen Ergeb­nis­sen ken­ne ich nicht. Ich den­ke, „dies­seits“ möch­te ein bes­se­res Online-Maga­zin wer­den, sich auf dem ent­spre­chen­den Markt bewäh­ren, sich in offe­ne Kon­kur­renz bege­ben und kein „Ver­bands­or­gan“ mehr sein. Das war aber schon seit die­ser Nr. 101 der Anspruch.

Zunächst war die „dies­seits“ ab 1987 das Organ des „Deut­schen Frei­den­ker-Ver­ban­des, Lan­des­ver­band Ber­lin“ und ab Nr. 23/1993 ein Ver­bands­or­gan auf Bun­des­kos­ten. Ohne die „dies­seits“ als Druckerzeug­nis gäbe es den HVD als Bun­des­or­ga­ni­sa­ti­on wahr­schein­lich gar nicht mehr und die Abspal­tung von Bay­ern ging hier­von eben­so aus wie mein Rück­tritt als „Bun­des­häupt­ling“ Neu­jahr 2010.

Die „dies­seits“ war eine der weni­gen gemein­sa­men kon­kre­ten Auf­ga­ben des Bun­des. Die immer wie­der zu regeln­den Strei­tig­kei­ten um die Auf­la­ge, die Kon­tin­gen­te, die Schrift­grö­ße, die Finan­zie­rung, die Stel­lung der Redak­ti­on und das Ver­hält­nis zu den eigen­stän­di­gen Mit­tei­lun­gen der Lan­des­ver­bän­de hat den Ver­band und beson­ders die Geschäfts­füh­rer immer wie­der zu Kom­pro­mis­sen gezwun­gen. Hin­zu kamen paar „auf­re­gen­de“ Artikel.

Heu­te ist die „dies­seits“ in der miss­lichs­ten Lage ihrer Geschich­te, denn sie erscheint nicht mehr im Druck, kann nicht ver­teilt, also mate­ri­ell wei­ter­ge­ge­ben wer­den, um sie abends auf dem Sofa zu lesen oder um sie einem Inter­es­sen­ten in die Hand zu drü­cken. Wel­chen Grund soll­ten Poli­ti­ker, Funk­tio­nä­re, Mit­glie­der oder gar „frem­de Men­schen“ haben, um den PC anzu­schmei­ßen und dort nach „diesseits.de“ zu suchen? Eine attrak­ti­ve „App“ fürs Han­dy gibt es nicht.

Das war doch aber schon immer so, dass das Schrift­tum des HVD am Man­gel lese­freu­di­ger Mit­glie­der litt. Ich sehe noch die Ber­ge nicht aus­ge­lie­fer­ter Hef­te vor mir in der zwei­ten Eta­ge der Wall­stra­ße … bis der oder die Brand­schutz­ver­ant­wort­li­che einschritt.

Die Ursa­chen für die­se Über­schüs­se, ver­bun­den mit einer gerin­gen Schreib­be­reit­schaft, lie­gen in einem Typen­un­ter­schied in der Anhän­ger­schaft, etwa im Ver­hält­nis zum hpd: Eine Kita lei­ten und Pres­se­ar­beit machen geht schlecht zusam­men. Deren Ver­wal­tung ver­trägt kei­ne Kam­pa­gnen. Funk­tio­nä­re kön­nen in der Dienst­zeit mal den Link öff­nen, für Ange­stell­te ist es eine Frei­zeit­tä­tig­keit und setzt ein Lese­be­dürf­nis vor­aus. Mit­glied­schaft ist mög­lich ohne Studienzwang.

So bestehen immer zwei Gefah­ren, zum einen in der Wohl­fahrts­ar­beit die Welt­an­schau­ungs­pfle­ge zu ver­nach­läs­si­gen; zum ande­ren, dass schreib­fä­hi­ge Ver­tre­tun­gen von Son­der­in­ter­es­sen durch flei­ßi­ges Schrei­ben eine Mehr­heit im Ver­band sug­ge­rie­ren und damit des­sen Huma­nis­mus nach außen defi­nie­ren. Dar­auf kom­me ich noch ein­mal zurück.

Wel­che Auf­ga­ben soll­te ein huma­nis­ti­sches Maga­zin heu­te übernehmen?

Ers­tens: Was meint hier Maga­zin? Das hät­te ich gern defi­niert, bezo­gen auf den Ver­band. Was soll maga­zi­niert wer­den, also wel­che Ein­fäl­le, Daten, Vor­gän­ge, Ereig­nis­se, Tex­te, Bil­der in sinn­fäl­li­ger Ord­nung und unter­halt­sam prä­sen­tiert (das auch noch).

Zwei­tens: Die Publi­ka­ti­on erfüllt die Auf­ga­ben, die der Her­aus­ge­ber vor­gibt und bezahlt und in einer Höhe hono­riert, die den Auf­trag über­haupt lös­bar macht. Er muss Vor­ga­ben geben.

Drit­tens: Wer soll der Adres­sat oder die Adres­sa­tin sein? Haben bei­de die glei­chen Inter­es­sen? Hin­ter dem Streit um Schrift­grö­ßen stand immer das zuneh­men­de Alter der Mitglieder.

Vier­tens: Wie sind Autorin­nen und Autoren zu gewin­nen? Was haben die­se davon, wenn sie etwas schreiben.

Fünf­tens: Wie ist das Ver­hält­nis zur Hoch­schu­le oder zur Aka­de­mie? Sind dort Autorin­nen und Autoren zu gewinnen?

Das lie­ße sich fort­set­zen. Idea­ler­wei­se ist „dies­seits“ das Tor zum Ver­band und führt hin zu den Ver­bands­mit­tei­lun­gen; aber auch die Pfor­te des Ver­ban­des in die Gesell­schaft. All das bedeu­tet, Wir­kung durch das Medi­um selbst ent­fal­ten, so wie jeder moder­ne Mensch heu­te sein Han­dy ein­schal­tet, der oder die etwas wis­sen möch­te und nach­schau­en will, was der Laden dazu denkt, z.B. aha, der HVD befür­wor­tet die Zuckersteuer.

Was kön­nen huma­nis­ti­sche Medi­en leis­ten, was all­ge­mei­ne Medi­en oft nicht leisten?

Der zwei­te Teil der Fra­ge ist leicht zu beant­wor­ten und ori­en­tiert den ers­ten, denn in der öffent­li­chen Debat­te kommt Huma­nis­mus gar nicht vor, wenn, dann meist ver­ball­hornt oder unter ande­ren Begrif­fen. „Gar nicht“ stimmt nicht, jeden­falls wenig die öffent­li­che Mei­nung bil­dend. Aber auch: Wer sucht, der fin­det. Aber war­um soll­te jemand den HVD auf­su­chen wollen?

Wel­che The­men und Per­spek­ti­ven kom­men in der öffent­li­chen Debat­te über Huma­nis­mus Dei­ner Mei­nung nach zu kurz?

Da ich kei­ne öffent­li­che Debat­te über Huma­nis­mus sehe, jeden­falls nicht, wo das Wort vor­kommt, kommt nahe­zu alles von ihm zu kurz und es wäre Auf­ga­be, danach zu suchen, hin­ter wel­chen Bezeich­nun­gen man/frau etwas Huma­nis­ti­sches zu sehen in der Lage ist. Da die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung meist eine Regie­rungs­ver­kün­di­gung ist, zu denen „Exper­ten“ befragt wer­den, die der ÖRR selbst zu sol­chen erklärt, gibt es hier einen gro­ßen Spiel­raum, aber es fehlt eine Exper­ten­lis­te; wenn denn zu Sach­ver­hal­ten Exper­ti­sen über­haupt gesucht wer­den, die nicht dem Main­stream ent­spre­chen. Wol­len die HVD-Medi­en zum Main­stream gehören?

So habe ich nicht ver­stan­den, als der Juli­an Nida-Rüme­lin, der qua­li­fi­zier­tes­te Autor, den der HVD hat und Rek­tor sei­ner Hoch­schu­le ist [heu­ti­ge Hin­zu­fü­gung: war], in einem län­ge­ren Auf­satz nicht nur sei­nen Huma­nis­mus und sein Demo­kra­tie­kon­zept vor­stell­te und auf die Feh­ler der Lin­ken (nicht die­ser Par­tei) kri­ti­sier­te, die Men­schen erzie­hen zu wol­len, scharf anging – und der HVD schwieg. War er auch gemeint? Ich den­ke, ja. (Sie­he JNR: „Kul­tur­kämp­fe von links wer­den immer ver­lo­ren“, OAZ, 12.–18. Juni 2026) Jeden­falls eine ver­pass­te Chan­ce etwas Huma­nis­ti­sches zu senden.

Wie kann es gelin­gen, Huma­nis­mus als posi­ti­ve gesell­schaft­li­che Kraft sicht­bar zu machen? 

Da sehe ich zuerst die Selbst­be­schei­dung und eine rea­lis­ti­sche Fest­stel­lung nötig, wie groß die­se Kraft der­zeit ist und in wel­chem Ver­hält­nis sie zu den Gegen­kräf­ten steht und wer die­se sind. Erst dann wer­den sich Ein­fluss­mög­lich­kei­ten fest­stel­len lassen.

Ich gehe aber nicht davon aus, so leid mir die Mit­tei­lung tut, dass die Medi­en des HVD auf abseh­ba­re Zeit und beson­ders in der aktu­el­len Lage der sozia­len, poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Wider­sprü­che und Kämp­fe, in der Lage sein wer­den, eine eigen­stän­di­ge publi­zis­ti­sche Funk­ti­on zu spie­len, außer auf sei­ne Exis­tenz hin­zu­wei­sen, was schon viel wäre. Huma­nis­mus ist nicht im Vormarsch.

Wor­auf soll­te eine Redak­ti­on wie die von diesseits.de bei ihrer Arbeit beson­ders achten? 

Dass erst ein­mal klar ist, wor­in ihre Auf­ga­be besteht und wie die­se erfüllt wer­den kann.

Ich rate zu Rea­li­täts­sinn, gesun­dem Men­schen­ver­stand und zur Empa­thie mit den „ein­fa­chen Leu­ten“ im Ver­band und im Volk, hier vor allem, was die kon­ser­va­ti­ve Wen­de vor­an­treibt und was davon von uns unfrei­wil­lig befeu­ert wird. Und noch etwas: New York ist nicht Ame­ri­ka und Ber­lin nicht Deutsch­land. Huma­nis­mus ist zwar eine kos­mo­po­li­ti­sche Ange­le­gen­heit, aber wir leben in Deutsch­land. Was ist deutsch (wenn nicht gar ost- bzw. west­deutsch) an unse­rem Humanismus?

Hier will ich zwei Sachen anspre­chen, die den Ver­band in der „Zei­ten­wen­de“ pla­gen wer­den, obwohl ich weiß, dass dies den Glau­ben derer, die das anders sehen, ver­letzt. Aber umge­kehrt ver­letzt es mich auch, beson­ders mei­ne huma­nis­ti­sche Hal­tung zur deut­schen Schrift­spra­che und mei­ne Ernährungsweise.

Zum einen, wenn man eine eige­ne Leh­rer­schaft hat und Schü­le­rin­nen und Schü­ler oder wenn, ich sage das mal so, man „ein­fa­che Leu­te“ anspre­chen möch­te, dann soll­te der HVD mehr Wert auf Sprach­hy­gie­ne legen, beson­ders nicht die lin­ke Sprach­po­li­zei bedie­nen, die Men­schen, die Stern­chen oder ähn­li­chen Zau­ber ableh­nen, für außer­halb ihrer Kul­tur erklä­ren, hier: außer­halb ihres Humanismus.

Ich hal­te es mit Andre­as Rebers: „Ich bin ja ein abso­lu­ter Geg­ner von Gen­der­spra­che – denn auch das ist nur eine Ablen­kung. Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit bekommst du nicht über eine Bubu-Spra­che, son­dern über glei­ches Geld für glei­che Arbeit. Ich fin­de das fast porn­ös, denn es hat nichts mit dem zu tun, was es eigent­lich ist.“

Zum ande­ren, seit­dem ich wie­der regel­mä­ßig die „dies­seits“ lese, sehe ich mei­ne Erfah­rung bestä­tigt, dass, wenn es an Autorin­nen und Autoren man­gelt, aber von Enthu­si­as­mus gepräg­te Tex­te zahl­reich ein­tref­fen, die­se ver­öf­fent­licht wer­den, auch wenn die­se in ihrer Häu­fung den Ein­druck ent­ste­hen las­sen, Huma­nis­ten sei­en Anhän­ger die­ser Spezialität.

Nun sagen mir aber mei­ne Stu­di­en zur Kul­tur­ge­schich­te, dass es in nahe­zu allen Regio­nen, Reli­gio­nen und Zeit­epo­chen kämp­fe­ri­sche Ver­tre­tun­gen von Spe­zi­al­in­ter­es­sen gab und gibt, etwa in den 1920ern der Kunst­spra­che Espe­ran­to, den Eifer der Abs­ti­nen­ten und den Kau­ge­set­zen der „Flet­scher“– und, wie der­zeit in „dies­seits“, des Vegetarismus.

Da möch­te ich doch an drei Sachen erin­nern, ers­tens, dass sich Huma­nis­mus (des­halb heißt er so) auf Men­schen bezieht, die zu Tie­ren Ver­hält­nis­se haben, die nur Men­schen haben kön­nen (nicht umge­kehrt) und die sich in der Mensch­wer­dung und in der Geschich­te des Huma­nis­mus her­aus­ge­bil­det haben, beim Huma­nis­mus z.B. die „Ent-tie­rung“.

Doch nicht nur, zwei­tens, das Ver­hält­nis zum Huma­nis­mus bedarf der stän­di­gen Erklä­rung, son­dern min­des­tens ein­mal der Hin­weis, dass in Deutsch­land Adolf Hit­ler und Juli­us Strei­cher einen ganz beson­de­ren Vege­ta­ris­mus pfleg­ten und dafür „volks­be­kannt“ waren.

Drit­tens soll­te man mei­ne und ande­rer Leu­te Lie­be zur Brat­wurst ernst neh­men, wie im 19. Jahr­hun­dert die fran­zö­si­sche Arbei­ter­pa­ro­le, „am Wochen­en­de ein Huhn im Topf“ haben zu wol­len, was viel­leicht aktu­ell wie­der popu­lär wird, wenn ich auf Wahl­pla­ka­te schaue oder in Tafeln für arme Leute.

Vor andert­halb Jahr­zehn­ten hat mich ein­mal eine Absol­ven­tin der Fort­bil­dung für Lebens­kun­de zu einer Ant­wort her­aus­ge­for­dert zum Zusam­men­hang von Schwein und Huma­nis­mus.

Was rätst Du uns als Redak­ti­on und unse­ren ehren­amt­li­chen Autorin­nen und Autoren, die heu­te über Huma­nis­mus schrei­ben möchten?

Schrei­ben über Huma­nis­mus ist mir zu unkon­kret for­mu­liert. Huma­nis­mus ist umfäng­lich und im Hand­buch „Huma­nis­mus: Grund­be­grif­fe“ wie folgt ein­ge­führt: „‚Huma­nis­mus‘ ist eine kul­tu­rel­le Bewe­gung, ein Bil­dungs­pro­gramm, eine Epo­che (Renais­sance), eine Tra­di­ti­on (‚klas­si­sches Erbe‘), eine Welt­an­schau­ung, eine Form von prak­ti­scher Phi­lo­so­phie, eine poli­ti­sche Grund­hal­tung, wel­che für die Durch­set­zung der Men­schen­rech­te, ein Kon­zept von Barm­her­zig­keit, das für huma­ni­tä­re Pra­xis ein­tritt.“ Das kön­nen die Betrei­ber eines Jour­nals nicht abde­cken, soll­ten es aber im Kopf haben.

Im Bild von den „ehren­amt­li­chen Autorin­nen und Autoren“ sehe ich eine trü­ge­ri­sche Hoff­nung. Die „dies­seits“ hat mei­nes Wis­sens nur einen haupt­amt­li­chen Autor, den Chef­re­dak­teur; hin­zu kommt eine Per­son, die sich im Neben­amt um das Por­tal küm­mert und einen Web­mas­ter, der nicht nur „dies­seits“ ver­ant­wor­tet. Haupt­amt­li­che im HVD sind als Autoren in aller Regel ehren­amt­lich tätig. Autoren wie Joan­nes Schwill oder ich sind nicht haupt­amt­lich. Es wäre schön, wenn die Redak­ti­on mehr Haupt­amt­li­che hät­te, lebt aber von „Volks­kor­re­spon­den­ten“.

Die Fra­ge inten­diert also die in die­sem Inter­view schon mehr­fach ange­spro­che­ne: Wie kann der Kreis der Schrei­ben­den erwei­tert wer­den. Das Motiv ist bei jedem und jeder anders, muss aber von innen kom­men, wozu auch Eitel­keit gehört, der Wunsch, gele­sen zu wer­den, und ein gewis­ser „Schreib­zwang“, den eini­ge Psy­cho­lo­gen sogar als Krank­heit sehen. Am Anfang kos­tet die­ses Tas­ten­drü­cken Über­win­dung und nimmt Zeit von ande­rem Tun. Erst mit der Zeit legt sich das durch Übung. Da Schreib­auf­trä­ge wenig brin­gen, hel­fen nur Glück, Auf­mun­te­rung und Schreib­hil­fen. Doch hat die Redak­ti­on dafür Zeit?

Ich kann­te einen „diesseits“-Chefredakteur, der hat­te so viel Sprach­ge­schick, dass er unter wech­seln­den Namen lie­ber selbst etwas schrieb. Das spar­te ihm viel Zeit und Nerven.