Loge des Humanismus

Die Über­schrift zu die­ser Rezen­si­on ist der Titel einer Bro­schü­re des von Hel­mut Rei­nal­ter por­trä­tier­ten Arnold Ruge (1802–1880) aus dem Jah­re 1852. Zum Zeit­punkt der Publi­ka­ti­on, nach inten­si­vem Ein­grei­fen Ruges in den Ver­lauf der Revo­lu­ti­on von 1848/1849, befand sich die­ser bereits im eng­li­schen Exil. Er ver­fass­te dort ein Mani­fest, einen Auf­ruf an die Euro­pä­er, beson­ders die Deut­schen, trotz der Nie­der­la­ge Insti­tu­tio­nen zu schaf­fen, die das huma­nis­ti­sche Ide­al bewah­ren, denn die Sache „der Huma­ni­tät wird von den Völ­kern wie­der auf­ge­nom­men wer­den“. (Loge, S. 9)

Unse­re Sache ist es nun, mit­ten in der Tyran­nei die Loge des Huma­nis­mus zu stif­ten, die unsicht­ba­re Kir­che des Men­schent­h­ums, eine unge­bun­de­ne Frei­maue­rei für unse­re Princi­pi­en, eine offe­ne Ver­schwö­rung für die Ret­tung aller Erobe­run­gen des deut­schen Geis­tes, und leben­dig zu erhal­ten den Glau­ben an die Ein­heit und Frei­heit unse­rer Nati­on, der Ret­te­rin aller andern.“ (Loge, S. 9)

Rei­nal­ter (Jg. 1943) geht in sei­ner Bio­gra­phie immer wie­der auf die­se pro­gram­ma­ti­sche Schrift ein (z.B. 135 ff., 166 ff.), weil sie zum einen eine Art prä­gnan­tes Ver­mächt­nis von Ruges Ideen dar­stellt. Zum ande­ren ist die­se Schrift auch eine Art Trotz­re­ak­ti­on, die auf Karl Marx zielt, mit dem er sich wäh­rend der Edi­ti­on der „Deutsch-Fran­zö­si­schen Jahr­bü­cher“ (1843–1845) unwi­der­ruf­lich ent­zwei­te, unter ande­rem wegen sei­nes eige­nen Fest­hal­tens an einem bür­ger­li­chen Huma­nis­mus, im Gegen­satz zu jenen, die sich sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Ideen zuwand­ten. Ruge beharrt, auch in die­ser Schrift, auf den Phi­lo­so­phien Kants, Fich­tes und Hegels als noch zu ver­wirk­li­chen­des frei­heit­li­ches Den­ken. Auf dem The­ma Huma­nis­mus in sei­nem Zusam­men­hang mit der frü­hen Frei­den­k­er­ge­schich­te soll im Fol­gen­den der Schwer­punkt die­ser Bespre­chung liegen.

Die von Rei­nal­ter vor­ge­leg­te, dem bio­gra­phi­schen Lebens­lauf chro­no­lo­gisch fol­gen­de Stu­die über Ruges Akti­vi­tä­ten und Werk ist wie die ande­ren vom Autor, einem aus­ge­wie­se­nem öster­rei­chi­schen Ideen­his­to­ri­ker, vor­lie­gen­den Geschichts­dar­stel­lun­gen zugleich eine sehr gut les­ba­re kul­tur- und gesell­schafts­his­to­ri­sche Betrach­tung der Zeit­um­stän­de, poli­ti­schen Ver­hält­nis­se und phi­lo­so­phi­schen Debatten.

Rei­nal­ter führt die Leser­schaft aus­führ­lich in die drei „Berei­che“ ein, die im Unter­ti­tel her­vor­ge­ho­ben wer­den. Er betrach­tet Ruge als Jung­he­ge­lia­ner, poli­ti­schen Phi­lo­so­phen und bür­ger­li­chen Demo­kra­ten. Das Buch ent­hält zudem hilf­rei­che Regis­ter und wei­ter­füh­ren­de Lite­ra­tur- und Quel­len­an­ga­ben. Die Fuß­no­ten sind prä­zi­se aus­ge­wählt, gera­ten aber am Schluss der Stu­die, die Ruges fer­ne­re Wir­kung und die Ruge-For­schung beschreibt, sehr opu­lent. Sie geben aber eng­ge­druckt wich­ti­ge wei­te­re Lite­ra­tur­hin­wei­se. Am Ende des Buches fin­den sich (im Anhang als Fak­si­mi­le gedruckt, vgl. S. 209–233) die Erin­ne­run­gen der Ehe­frau Agnes W. Ruge von 1881 über ihr Leben in Brighton, der neu­en Heimat.

Das Buch ist in 14 Kapi­tel geglie­dert, die jeweils Schaf­fens­etap­pen erfas­sen und dar­stel­len. Sie zei­gen Ruges Wer­de­gang als Phi­lo­soph, Jour­na­list, Redak­teur, Her­aus­ge­ber von Jahr­bü­chern und Zei­tun­gen, Hegel- und Reli­gi­ons­kri­ti­ker, demo­kra­ti­schen Par­la­men­ta­ri­er in der Pauls­kir­chen­ver­samm­lung, Auf­klä­rer und Huma­nist. Rei­nal­ter erläu­tert Ruges poli­ti­sche Vor­stel­lun­gen und beschreibt Koope­ra­tio­nen (etwa mit Juli­us Frö­bel); das alles mit einer Beto­nung auf der Zeit, die Ruge in die Geschichts­bü­cher brach­te (1837–1850).

Rei­nal­ter wür­digt des­sen zahl­rei­che Ver­öf­fent­li­chun­gen. Er spart auch nicht des­sen zeit­wei­li­ge Illu­sio­nen über Bis­marck aus, inklu­si­ve Ruges durch­aus pein­li­chen Brie­fe an die­sen mit Rat­schlä­gen, die die­ser aus­schlug; wie der Kanz­ler der Reichs­ei­ni­gung über­haupt kei­ne Ver­wen­dung für die­sen Demo­kra­ten hat­te, aber ihm ab 1877 einen jähr­li­chen „Ehren­sold“ von 3000 Mark und die Erlaub­nis gewähr­te, wie­der nach Preu­ßen ein­rei­sen zu dür­fen (vgl. S. 189 f.).

Rei­nal­ters Dar­le­gun­gen füh­ren immer wie­der auf Ruges Huma­nis­mus zurück, detail­liert in Kapi­tel sie­ben. Er zeigt des­sen poli­ti­sche Phi­lo­so­phie und setzt sie in Bezug zur Reli­gi­ons­kri­tik Ruges (vgl. S. 87–96), die sich letzt­lich ab 1840 – nach anfäng­li­cher Agi­ta­ti­on in die­se Rich­tung – vom Pro­tes­tan­tis­mus und schließ­lich vom Chris­ten­tum gänz­lich abwen­det. Dage­gen setzt er Huma­nis­mus als neue Phi­lo­so­phie und Religion.

Dabei zitiert Rei­nal­ter auch ande­re Autoren aus­führ­lich, so mehr­fach Mar­ga­re­te Pohl­manns Schrift über den „Huma­nis­mus im 19. Jahr­hun­dert“ von 1979. Der Titel ihres sehr infor­ma­ti­ven Buches (eine in ihrem Kern theo­lo­gi­sche Stu­die) über­stra­pa­ziert aller­dings den enge­ren Gegen­stand enorm. Sie behan­delt wesent­lich „Arnold Ruges Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Chris­ten­tum“ als eine Fra­ge, ob es sich dabei um eine „neue Reli­gi­on“ hand­le. Ein Blick auf den Huma­nis­mus im 19. Jahr­hun­dert steht noch aus.

Rei­nal­ter führt aus, dass sich Ruges neue Phi­lo­so­phie des Huma­nis­mus sowohl an Hegel (des­sen Vor­stel­lun­gen von Geist, Frei­heit und Ver­nunft) als auch an Feu­er­bach anlehnt und Huma­ni­tät betont. Sie soll­te zugleich eine Reli­gi­on sein (was Pohl­mann in ihrem Urteil bestä­tigt; wei­ter unten in die­ser Rezen­si­on wird aller­dings das Reli­gi­ons­ver­ständ­nis problematisiert).

Ruges Ideen mün­den in ein demo­kra­ti­sches Pro­gramm, sozu­sa­gen in einen poli­ti­schen Huma­nis­mus. Er habe davon aller­dings kei­ne sys­te­ma­ti­sche und umfas­sen­de, eher eine vage Dar­stel­lung gege­ben. Auch der Begriff selbst sei nicht defi­niert. „Sein Huma­nis­mus war vor allem von der Idee der Frei­heit bestimmt, wobei die­se huma­nis­ti­sche Frei­heits­idee in der Auf­klä­rung und in ihrem all­ge­mei­nen Mensch­heits­ide­al wur­zel­te.“ (S. 96) Pohl­mann benennt die wahr­schein­li­che Ursa­che von Ruges Unbe­stimmt­heit (vgl. Diess., S. 123). Sie lie­ge in sei­ner beson­de­ren „beruf­li­chen“ Rol­le. Er habe unab­läs­sig publi­ziert. Vor allem sei er Jour­na­list gewe­sen und in stän­di­ger Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nen Kontrahenten.

Rei­nal­ter über­nimmt von Pohl­mann deren sechs Cha­rak­te­ris­ti­ka von Ruges Huma­nis­mus­ver­ständ­nis (S. 93 f., bei Pohl­mann S. 125 ff.). Dar­aus und aus der Mit­tei­lung der Unver­ein­bar­keit von Huma­nis­mus mit Kom­mu­nis­mus ergab sich die grund­le­gen­de Distanz zu Marx; aus der Ent­ge­gen­set­zung des Huma­nis­mus zum Mate­ria­lis­mus resul­tier­te der Abstand, den die spä­te­re Frei­den­ker­be­we­gung zu Ruge und des­sen Huma­nis­mus hielt, bis ans Ende des 20. Jahr­hun­derts, genau­ge­nom­men bis heute.

Im Kon­trast zu Marx, lös­te Ruge Huma­nis­mus nicht im Kom­mu­nis­mus auf, son­dern sah in ihm auch ein Pro­gramm des Sozia­lis­mus als „demo­kra­ti­scher bür­ger­li­cher Gesell­schaft“ (vgl. Loge, S. 40 ff.), ver­bun­den mit Aus­füh­run­gen über freie Gemein­den und demo­kra­ti­sche Repu­blik, Eigen­tum und Arbeit, Dienst und Lohn­ar­beit (die er bei­de abschaf­fen woll­te). Letzt­lich ent­fal­te­te Ruge ein kul­tur­po­li­ti­sches Kon­zept zu einer Zeit, als die­se selbst erst im Ent­ste­hen war. „Die Anwen­dung des Princips der bewuß­ten Selbst­be­stim­mung auf gesel­li­ge Insti­tu­tio­nen für reli­gi­on, Kunst und Phi­lo­so­phie führt zur Grün­dung der Gemein­den, Schu­len und Aca­de­mien des Huma­nis­mus.“ (Loge, S. 30)

Nach­dem „Huma­nis­mus“ als deut­sche Wort­schöp­fung 1808 durch Fried­rich Imma­nu­el Nietham­mer als bil­dungs­po­li­ti­scher Begriff ein­ge­führt und ent­spre­chend dis­ku­tiert wur­de, war es kei­nes­falls selbst­ver­ständ­lich, die­se Kate­go­rie durch das neu­hu­ma­nis­ti­sche Ver­ständ­nis von „Huma­ni­tät“ (Her­der) zu erwei­tern, dar­auf sogar den Schwer­punkt zu legen, wie es Ruge unter­nimmt. In spä­te­ren, nach­re­vo­lu­tio­nä­ren Debat­ten über Huma­nis­mus bis in die 1920er Jah­re ver­schwand die­ser Aspekt, min­des­tens ging er deut­lich zurück in Rich­tung Anti­ken­ver­eh­rung und „Huma­nis­ti­sches Gym­na­si­um“. „Huma­nis­mus“ wur­de entpolitisiert.

In die­sem Kon­text soll­te das Zer­würf­nis mit Marx eine neue Les­art bekom­men. Ruge hielt am gefun­de­nen Ide­al der all­ge­mei­nen Mensch­lich­keit fest, das er aus Hegel und Feu­er­bach ablei­te­te und mit der For­de­rung nach Demo­kra­tie ver­knüpf­te. Nicht hier­in liegt die Dis­kre­panz zu Marx; auch nicht in der Ableh­nung des zeit­ge­nös­si­schen Kom­mu­nis­mus, die er mit Marx teil­te. Ruge ver­stand sei­nen Huma­nis­mus durch­aus als Sozia­lis­mus (Bele­ge dazu bei Pohl­mann S. 278, Hin­wei­se in Fn. 86; vgl. das Zitat im vor­letz­ten Absatz die­ser Rezen­si­on). Das Schis­ma ergab sich, weil Ruge sich wei­ger­te, sein Pro­gramm der „sozia­len Fra­ge“ tat­säch­lich zu öff­nen, statt nur eini­ge gesell­schafts­kri­ti­sche The­sen von ande­ren zu übernehmen.

Huma­nis­mus als eine neue Reli­gi­on zu sehen folg­te zeit­ge­nös­si­schem Den­ken. Nach Ansicht des Rezen­sen­ten ver­nach­läs­si­gen Pohl­mann und Rei­nal­ter eini­ge Hin­wei­se auf den Hin­ter­grund, aus dem Ruges Kon­zept einer neu­en Reli­gi­on prak­ti­sche Hoff­nun­gen schöpfte.

Marx warf Ruge vor, sei­ne Unent­schie­den­heit hin­ter dem „Huma­nis­mus, jene[r] Phra­se, womit alle Kon­fu­sio­na­ri­er in Deutsch­land von Reuch­lin bis Her­der ihre Ver­le­gen­heit bemän­telt haben“, zu ver­ste­cken, als nicht nur die phi­lo­so­phi­schen Ver­hält­nis­se zu tan­zen begon­nen hät­ten. Karl Marx und Fried­rich Engels schrie­ben dies 1852 – zum nahe­zu glei­chen Zeit­punkt wie Ruge die „Loge des Huma­nis­mus“ (vgl. MEW, Bd. 8, Ber­lin 1960, S. 235–335, hier S. 278 [kur­siv auch im Original]).

Marx ver­wen­de­te hier „Huma­nis­mus“ in der Les­art, die er bereits vor der Revo­lu­ti­on in der Schrift „Die hei­li­ge Fami­lie ver­warf und die Losung aus­gab, „Huma­nis­mus = Kom­mu­nis­mus“. Nicht den Huma­nis­mus Nietham­mers ließ er in den Kom­mu­nis­mus sich auf­lö­sen, son­dern eine erwei­ter­te, bür­ger­recht­li­che Neu­fas­sung, gewon­nen an Moses Heß, Max Stir­ner und wohl auch Arnold Ruge. In der 1845 publi­zier­ten Schrift „Die hei­li­ge Fami­lie“ heißt es: „Die wis­sen­schaft­li­che­ren fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ten, Déza­my, Gay etc., ent­wi­ckeln wie Owen, die Leh­re des Mate­ria­lis­mus als die Leh­re des rea­len Huma­nis­mus und als die logi­sche Basis des Kom­mu­nis­mus.“ (MEW, S. 139)

Die sati­ri­sche Schrift von Marx und Engels „Die gro­ßen Män­ner des Exils erschien erst lan­ge nach dem Zwei­ten Welt­krieg deutsch­spra­chig, nach­dem sie zuvor 1930 auf Rus­sisch in Mos­kau erschie­nen war. Bekannt war sie aller­dings der preu­ßi­schen poli­ti­schen Poli­zei, wo sie ein Spi­on ablie­fer­te, statt sie zum Dru­cker zu bringen.

Für eine Inter­pre­ta­ti­on der Geschich­te der Frei­den­ke­rei und ihrer „huma­nis­ti­schen Wen­de“ in den spä­ten 1980er Jah­ren, über­haupt ihrer his­to­ri­schen Hal­tun­gen zum Huma­nis­mus, ist Marx‘ Hin­weis auf Ruge wich­tig. Nahe­zu zeit­gleich zum Streit mit Marx, Mit­te der 1840er Jah­re, ent­stan­den die Gemein­den der Frei­re­li­giö­sen, die evan­ge­li­schen Licht­freun­de und die Deutsch­ka­tho­li­ken (bei­de wur­den spä­ter weit­ge­hend freidenkerisch).

Es ist dies ein Fin­ger­zeig dar­auf, was Ruge unter „neu­er Reli­gi­on“ ver­stan­den haben kann, näm­lich die „freie Reli­gi­on“ der abtrün­ni­gi­gen Gemein­den. Ihre Ver­tre­ter stan­den zudem in der vor­ders­ten Linie der Demo­kra­tie­be­we­gung. Rei­nal­ter ver­weist auf Wigard (vgl. S. 158).

Marx urteil­te bit­ter über die­se Annä­he­rung: Ruge habe begon­nen, „nur noch bei den rohe­ren Ele­men­ten der deut­schen Bewe­gung als Phi­lo­soph par excel­lence auf­zu­tre­ten, ein Schick­sal, das ihn immer tie­fer führ­te, bis er schließ­lich nur noch bei licht­freund­li­chen Pfar­rern ([Rudolph] Dulon), bei deutsch­ka­tho­li­schen Pas­to­ren [Johan­nes] Ron­ge) und bei Fan­ny Lewald [Schrift­stel­le­rin; Grup­pe Jun­ges Deutsch­land, HG] als Phi­lo­soph galt.“ (Die gro­ßen Män­ner, S. 277)

Ob und was man in den Gemein­den über Ruges Huma­nis­mus erfah­ren konn­te und wel­che Vor­stel­lun­gen Ruge 1843 mit der Idee ver­band, die „Kir­che in die Schu­le zu ver­wan­deln“, mit dem Mili­tär­we­sen zu ver­schmel­zen, um das gebil­de­te und orga­ni­sier­te Volk zur Selbst­re­gie­rung zu brin­gen (vgl. Pohl­mann, S. 136, Fn. 135), die­ses Wis­sen wür­de kla­rer auf­zei­gen kön­nen, was Ruge mein­te, als er Huma­nis­mus zu einer „neu­en Reli­gi­on“ machen woll­te; auch das Sub­jekt wür­de kla­rer sichtbar.

Zu beach­ten ist aller­dings: Einen moder­nen Reli­gi­ons­be­griff gab es noch nicht, dafür aber galt Reli­gi­on als Inbe­griff von Kul­tur. Noch stan­den „Kul­tur“ oder „Welt­an­schau­ung“ begriff­lich nicht zur Ver­fü­gung, Ruges Inten­tio­nen aus­zu­drü­cken. Es blieb nur ein Reli­gi­ons­be­griff, der nicht nur „Geist“ ein­schließt, son­dern auch Ritua­le und Ver­hal­tens­wei­sen mit­zu­den­ken versucht.

Dies beden­kend, gewinnt Ruges huma­nis­ti­sches Pro­gramm Kon­tu­ren: „Die jet­zi­ge bür­ger­li­che gesell­schaft, wel­che der blin­de Noth­stand ist, ent­spricht ganz dem Des­po­tis­mus, wel­cher der Zwangs­staat, und der Reli­gi­on, wel­che der blin­de Glau­be an die Auto­ri­tät ist. Der Socia­lis­mus, wel­cher die Idea­li­sie­rung der gan­zen Verl­kehrs­welt, die Sitt­lich­keit des Ver­kehrs selbst ist, ent­spricht der demo­kra­ti­schen Repu­blik und der Reli­gi­on des Huma­nis­mus.“ (S. 45 f.)

Bleibt zum Schluss, noch eine Ver­wun­de­rung anzu­mer­ken. Rei­nal­ter hat meh­re­re Bücher publi­ziert zum The­ma Frei­mau­rer. War­um hat er den Titel von Ruges Buch „Loge der Huma­nis­mus“ nicht in die­ser Rich­tung pro­ble­ma­ti­siert? Der Fra­ge nach der „Loge“ ist unbe­dingt nach­zu­ge­hen, haben doch eini­ge Frei­mau­rer an der Wie­ge zur ethi­schen Kul­tur­be­we­gung – einem orga­ni­sier­ten prak­ti­schen Huma­nis­mus – nach 1887 und auch bei der Grün­dung spä­te­rer „Huma­nis­ten­ge­mein­den“ Pate gestan­den (vgl. Gus­tav Mai­er: „Welt­li­che Frei­mau­re­rei“, ein „Bei­trag zur huma­nis­ti­schen Bewe­gung“, 1888).

Hier geht es zur Bestel­lung:

Hel­mut Reinalter

Arnold Ruge (1802–1880)

Jung­he­ge­lia­ner, poli­ti­scher Phi­lo­soph und bür­ger­li­cher Demokrat

Würz­burg: Ver­lag Königs­hau­sen & Neu­mann 2020, 267 S.

ISBN 978–3‑8260–7120‑1, 49,80 €