Tönnies als humanistischer Soziologe

Die vor­lie­gen­de Bro­schü­re über Fer­di­nand Tön­nies (1855–1936) als Sozio­lo­gen und Ethi­ker ist der neun­te Band der bei Königs­hau­sen & Neu­mann erschei­nen­den Rei­he „Huma­nis­ti­sche Por­träts“. Der Autor Alex­an­der Wier­zock ist kul­tur­wis­sen­schaft­lich täti­ger Sozio­lo­ge. Er arbei­tet der­zeit an einem DFG-Pro­jekt zur digi­ta­len Edi­ti­on von Tön­nies-Brie­fen und an sei­ner Pro­mo­ti­on. 2015 und 2017 erschie­nen von ihm für die For­schung wich­ti­ge Tex­te, ein­mal über Tön­nies als Repu­bli­ka­ner und dann über sei­ne Hal­tung zur Sozi­al­de­mo­kra­tie, der er 1930 demons­tra­tiv bei­trat, was ihm die Natio­nal­so­zia­lis­ten nicht verziehen.

Das Erschei­nen das Bänd­chens in der oben genann­ten Rei­he nahm der Autor zum Anlass, das Huma­nis­ti­sche in Werk und Per­son von Fer­di­nand Tön­nies zu benen­nen (vgl. den tabel­la­ri­schen Lebens­lauf, S. 9 f.; die Lite­ra­tur­lis­te, in der lei­der Uwe Cars­tens fehlt; das Fuß­no­ten­ver­zeich­nis belegt 279 Zita­te bzw. Hin­wei­se). Wier­zock kommt immer wie­der auf die Rol­le und das Wir­ken von Tön­nies in der „Deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur“ zurück. Auf die­ser Bezie­hung soll auch der Schwer­punkt der Rezen­si­on lie­gen, die eini­ge Ergän­zun­gen ver­sucht. Doch zunächst ein Überblick.

Der Autor nähert sich ein­gangs der Per­son und des­sen Werk. In der Bro­schü­re kom­men vie­le Freun­de und Wider­sa­cher vor und auch ein­mal wird eine Kri­tik von ihm an sei­ner Frau zitiert. Ansons­ten schei­nen Bio­gra­phien über Wis­sen­schaft­ler lei­der immer ohne deren ande­ren Ehe­teil und die gemein­sa­men Kin­der aus­zu­kom­men, auch hier. Bei einer huma­nis­ti­schen Bio­gra­phie soll­te der „gan­ze Mensch“ in den Blick gera­ten, zumal bei einem Sozio­lo­gen, der über die Per­spek­ti­ve der Fami­lie publiziert.

Aber Fami­lie kommt vor, beson­ders die Her­kunft von „fei­nen Leu­ten“, von der sich Tön­nies geis­tig abna­belt, „abtrün­nig“ wird (vgl. S. 27 ff.), aber den­noch wohl Zeit sei­nes Lebens vom mate­ri­el­len Erbe abhän­gig bleibt, er Wohl­stand vor­zu­zei­gen ver­mag, trotz sei­nes Sta­tus­ses als (fast) ewi­ger Privatdozent.

Der Abschnitt 1.2 schil­dert Tön­nies als Huma­nis­ten ohne sys­te­ma­ti­schen Huma­nis­mus­be­griff, der Zeit sei­nes Lebens als prak­ti­scher Huma­nist auf­trat und sich in sei­nen sozi­al­ethi­schen wie sozi­al­re­for­me­ri­schen Schrif­ten ent­spre­chend deut­lich äußer­te. Im drit­ten Band (erst pos­tum ver­öf­fent­licht) sei­ner Stu­die „Geist der Neu­zeit“ sieht Tön­nies im Huma­nis­mus den Vor­gang der Huma­ni­sie­rung, wie sich die Mensch­heit aus einem Zustand der Roh­heit und Wild­heit erho­ben und in einer sozio­kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on zu einer frei­en und hohen Den­kungs­art gefun­den hat. (vgl. S. 12) Als Beleg lie­fert Wier­zock Tön­nies‘ Ana­ly­se des Hafen­ar­bei­ter­streiks 1896/1897. „Sei­ne Sozio­lo­gie trägt … das Geprä­ge einer koope­ra­tiv begrün­de­ten Sozi­al­theo­rie.“ (S. 19)

Inter­es­sant ist hier sowohl die kri­ti­sche Aneig­nung des Den­kens von Karl Marx und Fried­rich Engels (vgl. S. 22 ff.) als auch die Offen­heit gegen­über den „Kathe­der­so­zia­lis­ten“, wobei Tön­nies beson­ders Wer­ner Som­bart schätzt.

In die­sem Zusam­men­hang schil­dert Wier­zock Tön­nies als jeman­den, der Gesell­schaft als sich pola­ri­sie­rend sieht und der die Haupt­geg­ner­schaft in der Plu­to­kra­tie (Reich­tums­herr­schaft) ver­or­tet. Hier wäre der Begriff, wie ihn Tön­nies benutzt, deut­lich abzu­he­ben gewe­sen von des­sen natio­nal­so­zia­lis­ti­schem spä­te­ren Gebrauch.

Tön­nies, so Wier­zock in sei­nem Resü­mee (vgl. S. 61 ff.), habe Sozio­lo­gie als ethi­sche Kul­tur betrie­ben. Das führt er auf des­sen Wir­ken in der DGEK zurück, von der Grün­dung am 18. Okto­ber 1892 (nicht am 19.10. wie S. 49) bis zu sei­nem Aus­tritt am 20. Mai 1900. Das Aus­tritts­schrei­ben wird doku­men­tiert (S. 62–67). Das ist mög­lich, weil in Tön­nies‘ Nach­lass, der sich in der Lan­des­bi­blio­thek Schles­wig-Hol­stein befin­det, zugäng­lich ist und mit dem gear­bei­tet wird. In ihm befin­den sich nahe­zu alle wesent­li­chen frü­hen Papie­re der DGEK, ein­schließ­lich der ers­ten Mit­glie­der­lis­te und der höchst sel­te­nen „Mit­tei­lun­gen der deut­schen Gesell­schaft für ethi­sche Kul­tur“, die von 1892 bis 1896 für die Mit­glie­der erschienen.

Zur Cha­rak­te­ris­tik der ethi­schen Kul­tur­ge­sell­schaft gehört es unbe­dingt (und ist bis­her unge­nü­gend auf­ge­ar­bei­tet), dass min­des­tens ein Drit­tel der Grün­dungs­mit­glie­der jüdi­scher Her­kunft waren, aber von ihrem Glau­ben her vie­le eher „säku­la­re“ Ein­stel­lun­gen besa­ßen, aber die Ritua­le pflegten.

Ohne etwa die Füh­rungs­rol­le des Gehei­men Sani­täts-Rats Dr. Kris­tel­ler, der in der Ber­li­ner Jüdi­schen Gemein­de eine her­aus­ra­gen­de Posi­ti­on hat­te und der nahe­zu alle Vor­ver­samm­lun­gen lei­te­te, hät­te es die DGEK wohl nie gege­ben – und ohne die Gel­der jüdi­scher Fabri­kan­ten und Ban­kiers sowie der prak­ti­schen Sozi­al­ar­beit eini­ger ihrer Töch­ter auch nicht. Das Ziel der in der DGEK ver­sam­mel­ten Juden, dar­un­ter nicht weni­ge Frau­en (wie über­haupt der Frau­en­an­teil rela­tiv hoch war), bestand dar­in, eine Orga­ni­sa­ti­on zu haben, die sich für ihre Nor­mal­stel­lung in der Gesell­schaft ein­setz­te, aber reli­gi­ös neu­tral war. Tön­nies galt hier als einer der Garan­ten, woll­te er doch die Ethik selbst zur Reli­gi­on machen.

Die Zeit­schrift „Ethi­sche Kul­tur“, ab 1893 bis 1936 her­aus­ge­ge­ben (zunächst qua­si pri­vat von Georg von Gizy­cki, aber im Ver­bund mit der DGEK), war erst ab 1897 auch ein Orga­ni­sa­ti­ons­blatt, zuvor als eine Theo­rie­zeit­schrift gedacht, so dass dar­in ledig­lich kür­ze­re Infor­ma­tio­nen „Aus der ethi­schen Bewe­gung“ erschie­nen. Aller­dings sind die gro­ßen Rich­tungs­strei­te 1895 und 1899 der DGEK dort in den jewei­li­gen Posi­tio­nen nach­les­bar, so auch Tex­te von Tön­nies. Wier­zock hat fünf­zig gezählt, immer­hin drei­ßig davon nach Tön­nies Ausscheiden.

Im Rich­tungs­streit 1895 ging es um die Her­aus­ge­ber­schaft der „Ethi­schen Kul­tur“ und um die sozi­al­po­li­ti­sche Ori­en­tie­rung der DGEK nach dem Tod von Georg von Gizy­cki im März 1895, der stark sozia­lis­tisch dach­te, was sei­ne Frau Lily von Gizy­cki (spä­te­re Braun) durch­zu­set­zen ver­such­te und am Wider­stand beson­ders von Fried­rich Jodl schei­ter­te. Das Ergeb­nis bestand, ver­kürzt gesagt, im Aus­tritt beider.

Dass, wie Wier­zock belegt (S. 60), der Grün­dungs­vor­sit­zen­de Wil­helm Foers­ter 1896 im Vor­feld des Gesell­schafts­ta­ges, der im Mai 1896 statt­fand, ver­such­te, Jodl und Tön­nies gemein­sam an die Spit­ze zu brin­gen, war sicher eine Illu­si­on, denn Tön­nies gehör­te zu der Grup­pe im Vor­stand, die Jodls Zugriff ver­hin­der­te und Lily von Gizy­cki stütz­te, die sich aber dann doch wenig spä­ter aus der DGEK in die Sozi­al­de­mo­kra­tie zurück­zog. Foers­ter selbst, und dies war sicher ein Motiv sei­ner Idee, war als Direk­tor der Ber­li­ner Stern­war­te und wegen inter­na­tio­na­ler Ver­hand­lun­gen, etwa über die Ein­füh­rung des Meter-Grund­ma­ßes, über­las­tet. Er erklär­te Anfang Dezem­ber 1896 sei­nen zeit­wei­sen Rück­tritt als Vor­sit­zen­der (bis 1903).

Tön­nies Aus­tritt aus der DGEK ging der Rich­tungs­streit 1899 vor­aus, zehn Jah­re vor Grün­dung der „Deut­schen Gesell­schaft für Sozio­lo­gie“, deren ers­ter Vor­sit­zen­der er wur­de. Aus­gangs­punkt war die ers­te gro­ße Kri­se der DGEK, sicht­bar am Rück­gang der Mit­glie­der­zah­len. Tön­nies schätz­te ein: Ers­tens feh­le es dem eige­nen öffent­li­chen Auf­tre­ten an Frei­mut und Radi­ka­lis­mus; zwei­tens kön­ne man sich nicht auf „bestimm­te sozi­al-wert­vol­le Zwe­cke, Wohl­fahrts­be­stre­bun­gen dgl.“ beschrän­ken. Wo blei­be dann der gro­ße Anspruch?

Die­se Kala­mi­tät sei für ihn Anlass gewe­sen, einen Sat­zungs­än­de­rungs­an­trag zu stel­len, um den Namen in „Ver­ein für Sozi­al­ethik“ zu ändern. Wenn die DGEK wei­ter Sozi­al­ar­beit betrei­be und Lese­hal­len unter­hal­te, dann müs­se sie ihren Anspruch, einen Zustand der ethi­schen Kul­tur zu errei­chen, redu­zie­ren oder ganz auf­ge­ben und sich völ­lig der prak­ti­schen „Sozi­al­ethik“ wid­men. Dann kön­ne sie koope­rie­ren mit allen, die mehr Huma­ni­tät wol­len, wel­chen Glau­ben sie auch haben; sie kön­ne auch öffent­li­che Mit­tel bean­tra­gen beim Staat, ohne sich ver­bie­gen zu müs­sen. Oder sie bleibt bei ihrem gro­ßen Ziel, eine Ethik durch­zu­set­zen, die der Reli­gi­on nicht bedarf. Dann kann sie bei ihrem Namen und Pro­gramm blei­ben, muss aber radi­ka­ler wer­den und, so fügt er pes­si­mis­tisch hin­zu, wird wohl Schiff­bruch erleiden.

Es ist hier nicht der Ort, die­sen kon­zep­tio­nel­len Grund­satz­streit über prak­ti­schen Huma­nis­mus in all sei­nen Argu­men­ten, Nuan­cen und Teil­ha­ber­schaf­ten zu erzäh­len, aber: Indem Tön­nies die Abstim­mung auf dem fünf­ten Gesell­schafts­tag im Okto­ber 1899 kra­chend ver­lor, sich aber noch ein­mal in den Haupt­vor­stand wäh­len ließ, schien für die DGEK alles in But­ter zu sein, bis ein hal­bes Jahr spä­ter das Rück­tritts­schrei­ben eintraf.

Tön­nies Aus­tritt 1900 ist grund­sätz­li­cher als Wier­zock schil­dert, was jedoch der bis­her ver­öf­fent­lich­ten For­schungs­la­ge ent­spricht. Gegen­wär­tig ist die DGEK wesent­lich hin­sicht­lich ihrer Bil­dungs­po­li­tik unter­sucht wor­den („welt­li­che Schu­le“, „Lebens­kun­de“ usw.), ohne Wür­di­gung ihrer prak­ti­schen Sozi­al­ar­beit. Der eigent­li­che Streit 1899 geht dar­um, und der ist sehr aktu­ell, ob die ethi­sche Bewe­gung einer sozia­len Pra­xis bedarf, was Tön­nies ver­neint. Er meint, sie sol­le es las­sen oder sich umbenennen.

Gizy­ckis „Sozia­le Ethik“, von sei­ner Frau pos­tum noch im Todes­jahr 1895 her­aus­ge­ge­ben und in der „Ethi­schen Kul­tur“ bewor­ben, beför­der­te den Zukunst­s­streit 1896. Auch Gizy­cki lehn­te die Sozi­al­pra­xis Pra­xis ab. Er hoff­te auf den Sozia­lis­mus, der kei­ner Sozi­al­ar­beit bedarf. Auch Tön­nies setz­te auf den gro­ßen Wan­del. Das Ergeb­nis für die DGEK und eine mög­li­che Theo­rie des prak­ti­schen Huma­nis­mus war – nach­träg­lich betrach­tet – ver­hee­rend. Es gab eine für die dama­li­ge Zeit pro­gres­si­ve sozia­le Pra­xis der DGEK, ange­lehnt an die jüdi­sche Zeda­ka-Kul­tur bis hin zu Vor­stel­lun­gen und Anfän­gen einer eige­nen Seel­sor­ge. Es gelang aber nicht, die­se Pra­xis theo­re­tisch zu ver­ar­bei­ten, auf moder­nen Huma­nis­mus zu beziehen.

Das Ergeb­nis war 1933, dass die­se Pra­xis in christ­li­che Hän­de fiel, unter NS-Auf­sicht geriet, die jüdi­schen Frau­en ver­trie­ben wur­den (auch wenn sie, wie Ali­ce Salo­mon, zum Chris­ten­tum kon­ver­tiert waren) und das, was dann ent­stand, 1945 im Wes­ten wie­der­be­lebt wur­de, als hät­te es die ethi­sche Kul­tur­be­we­gung nie gege­ben. Der Sozia­lis­mus in der DDR brauch­te nach eige­ner Ansicht kei­ne Sozi­al­ar­beit, weil der Kapi­ta­lis­mus als abge­schafft und die sozia­le Fra­ge als gelöst galt. Gizy­cki, obwohl ver­ges­sen, stand die­ser Ansicht Pate.

Mei­ne Ein­wür­fe lau­fen dar­auf hin­aus, wie es auch Wier­zock posi­tiv vor­führt, die ethi­sche Kul­tur­be­we­gung erns­ter zu neh­men hin­sicht­lich einer Rei­he sehr aktu­el­ler Fra­ge­stel­lun­gen, sowohl eini­ge Per­so­nen betref­fend, hier Tön­nies, aber auch wegen wesent­li­cher Fra­gen des Huma­nis­mus, sehr aktu­ell die Debat­ten in der DGEK über Pazifismus.

Wir haben hier eine sehr gute, sehr gebil­de­te Lek­tü­re vor­lie­gen, in der ein Autor nicht Abfol­gen refe­riert, son­dern mit der ange­nom­me­nen Leser­schaft dis­ku­tiert, was wie­der­um eini­ges Wis­sen vor­aus­setzt. Das Ergeb­nis ist eine vor allem anschau­li­che und gut les­ba­re Bro­schü­re über einen poli­tisch links enga­gier­ten Gelehr­ten als Intel­lek­tu­el­len in einer sozi­al­kul­tu­rel­len Bewe­gung. Man darf auf die Dis­ser­ta­ti­on gespannt sein.

 

Alex­an­der Wier­zock: Fer­di­nand Tön­nies (1855–1936). Sozio­lo­ge und Ethi­ker. Würz­burg: Königs­hau­sen und Neu­mann 2022, 94 S., 7 Abb., 1 Tabel­le (Huma­nis­ti­sche Por­träts, Band 9). ISBN 978–3‑8260–7573‑5, 9,80 €